Retterglück.

Don Dorothea Hollatz.

Wenn über den Sand der Dünen der Morgen geht. Und wenn der Wind über die slachen Wellen weht. Wenn über blauen Hügeln die Sonne leuchtet Und mir der Tau der Frühe die Wimpern feuchtet: Dann, liebster Freund, laß deine Hufe traben, Laß uns die schönste aller Stunden haben.

Und wenn der Mittag steil und zitternd glüht Und neben Mohn und Raps die Ackerwinde blüht, Wenn brauner Weizen sich der Sichel neigt, Aus keifem Korn der Duft des Brotes steigt: Dann, guter Weggeselle, geh im Schritt, Denn deine Flanke bebt vom schnellen Ritt.

Und wenn der steigende Abend den Tag umschlingt, Mit schüchternen Lippen vom Kupfer der Sonne trinkt, Wenn über das fröstelnde Meer die Blinkfeuer gehn, Und es ist nichts als Master und Himmel und Sterne zu sehen: Dann hatten wir des Tages Seligkeiten, Mein Kamerad, laß uns nach Hause reiten!

Logbuch einer kleinen Seefahrt.

Von I. Tripp.

Kieler Hafen.

Spät abends hat es doch noch geklappt. Wir waren dabei, alles aus­zugeben. Auch der Kapitän, Heide Lütjebusch heißt er übrigens, hat erst nicht so recht gewollt, aber er ist ein seiner Kerl, voller Stolz auf fernen alten klapprigen Frachtkutter, und schließlich hat er doch noch einge­willigt. Wir sind mit ihm die Leiter hoch an Bord gestiegen, als waren wir uralte Seebären. Das hat demKapsel" dann auch mächtig Spatz gemacht. , ... . ....

An Bord kurze Begrüßung nach Seemannsart, Hande mit harten Kanten umpressen die unseren, ein paar rasche scharse Bücke: wir sind willkommen. Man haut uns auf die Schulter, schiebt uns Weißbrot, Speck und Butter zu: wir sollen man nur ordentlich reinhauen. Später werfen wir uns zu ihnen zwischen Ankertrosse und teerigem Tauwerk und brummen zufrieden eine Melodie. Das Meer liegt wie ein großer, dunkelblauer Teller vor uns. Von den Wersten drüben schlagen öfter rote und grüne Scheine darüber hin. Und rechts neben uns stampfen zwei dunkle Fischdampfer meereinwärts, gleichsam auf ihrem eigenen Widerschein rollend. Schwärzer als di« Nacht selbst liegen die großen, gespensterhaften Kolosse der ankernden Dampfer neben uns. Irgendwo in der Stadt fangen die Uhren an zu schlagen. Els Uhr.

Ein junger Kerl, zwanzigjährig etwa, der auf dem Kombusendach gelegen hat, sitzt mit einemmal als Silhouette am Rande des Korn- büsenaufbaus, läßt die Beine herunterbaumeln und hat eine Zieh­harmonika im Arm. Einige Triller und Läufe quirlen auf. Dann ein paar tiefe Bässe. Alles fein ineinanderfließend. Einer, der neben uns liegt, schimpft leise:Speel'n beten wat anners, Sööt, (uns könn de Jungs yüt naht ni schlapen von dinem Gedudel!" Sööt, der Junge mit der Ziehharmonika, schiebt feine blaue Schiffermütze ins Genick, daß eine Haarsträhne ihm in die Stirne fällt und meint:Holl bin Muhl, ick qlöro, bat ick noch (peelen kann, wat ich will!" Er sieht etwas versonnen übers Meer. Und spielt. Erst leise, schwer, schleppend, bann bur, jauch- zenb, himmelhochjauchzend, es ist eine uralte Seemannsweste. Diese Melodie wird zu einer schwebenden Trilogie von Erde, Meer und Himmel.

fiurs Insel Fehmarn.

Schlag sechs will dieAntje Boß" in See stechen. Der Kapsel er­scheint unten und brüllt unheimlich laut:Reise, reise! Alle Hands an Deck!" Wir jumpen aus den Kojen und flitzen in die Klamotten. In der Kombüse warten speckbelegteStöber" unb heißer Kaffee auf uns. Die Sonne ist schon längst am Horizont heraufgeglitscht, aber Kiel unb bie Färbe liegen noch wie unter einer Milchglasglocke ba. Möwen schießen schreiend über Deck, umfetzen die Maste, als feien sie von den Tauen losgelöste Signalwimpel. Heide Lütjebusch, derKapsel", wie man ihn nennt, erscheint mit zerzaustem Schnurrbart zwischen zwei Schiebetüren. Er meint:n klinna Droppen am Moin is beter, as n garsten Dag goinir". Dabei zieht er seine Gestalt füllt die ganze Tür aus lächelnd einenBuddel" aus seiner Hosentasche. Dann wird der Anker gehievt, derKäpsel" schnuppert dabei nach Lee und Luv und knurrt: Ich glöo, wi trinn Regen!"

Die Wellen bumsen mit Gebuller an die Bordseite, grau und grün schäumen sie unb machen keinen so freundlichen Eindruck wie gestern. Der Kutter beginnt zu stampfen. Als wir aus dem Landschutz heraus sind, kommt ein feuchter, böiger Wind von vorn herauf, daß der Kutter anfängt zu schlingern. Wenn wir über Deck schlenkern, torkeln wir gegen die Reeling. Und dann fangen wir an, unter den unheimlichsten Worten und Gebärden, demallgütigen großen Neptun" unsere Opfer dar- zubringen.

Helsingör Auf Rückfahrt.

Wir liegen im hohen Gras der Kronburg bei Helsingör und lassen uns bie Sonne in den Bauch scheinen. Tage auf fchwebischen Straßen, Autos unb Seen liegen hinter uns. lieber ben engen Derefunb krabbeln kleine Fischkutter, bauchige Kohlendampfer unb schmale Segler hin und her. Beim Schlendern durch ben Hafen entdecken wir mit einem Male brei blanke beutsche Torpeboboote am Kai. Wir stehen auf einer Mauer unb tauschen Ruf und Gegenruf mit der Mannschaft. Ein Offizier kommt über die Laufplanke zu uns. Wir reden ein bißchen. Er meint, wenn mir Lust unb Zeit hätten, konnten wir mit nach Kiel fahren. Na, und ob wir Lust haben! Wir sagen natürlich sofort:Ja". Wir setzen uns an

Bord auf eine kleine Holzbank und kauen an dem guten, groben, deut» chen Kommißbrot mit dickem Honig.

Und bann steigen wir eine volle Stunde durch das Schiff. In einer Stunde ist alles klar zur Abfahrt. Wir ftiebeln durch die Mannschasts- ' ~ ..... ' in den Heizraum. Die Hitze

Bunkern stehen geduckt die

überblinkt. .

Wir liegen auf dem Bauch am Bug und beobachten, wie unser Schiff aus der See dichten Schaum schlitzt. Dann gleiten Land und Schiffe weitab und Meer und Himmel verwachsen miteinander. Nur ein ver­lorener Segler trödelt gemächlich über den Horizont, bann sehen wir nur noch Meer und Himmel. Wir gehen zu dem Kapitänleutnant auf die Kommandobrücke, er reißt gerade an einem Hebel, baß sofort eine Sirene bie gläserne Stille zerschlägt, unb wirft in hohem Boben eine Boje über Bord. Die Matrosen, bie sich in bie Mannschaftsräume zurückgezogen haben, stürzen aus Luken unb Türen. Die Maschine stoppt. Pfeifen schrillen über Deck, Taue fliegen, Enterhaken stechen über das Geländer. Die Schiffsschraube schlägt rückwärts. Ein Boot drängt sich an die Boje heran, die behustam, als wäre sie ein Mensch, an Bord geholt wird. Mann über Bord!" lacht der Kapitänleutnant und sagt bann hart: Wir brauchen das. Wieviel schon sraß uns die See?" Eine Flagge, die auf den Sirenenruf gehißt wurde, wird eingeholt.

Kurs Kiel, letzter Tag.

Wir sitzen an Deck auf den harten Bänken zwischen den Matrosen. Eine Ziehharmonika dudelt und bei Tabaksqualm und Kuchen spinnt man hartes Seemannsgarn. Sie zeigen uns ihre Utensilienkisten mit Reifeandenken und Münzensammlungen. Wir fingen ein bißchen und sind rechtschaffen müde; denn es hat heuteRein Deck" gegeben, und wir haben mit Schrubbern, Bürsten, Lappen unb vielen Eimern Wassern geholfen. Heute abend sind wir nach rund 40 Stunden Torpedoboot- fahrt wieder in Kiel. *

Das find brei Seiten aus dem dicken Logbuch. Es macht eigentlich keinen besonderen Eindruck mehr, das Logbuch: die beiden weißen roh- leinenen Deckel sind abgegriffen vom vielen Lesen unb die Bastkordel, mit deren Hilfe viele doppelseitige Blätter mit Photos und Zeichnungen darein geheftet sind, ist zerfetzt und mehrfach verknotet. Aber es ist immer wie eine kleine, heimliche Feierstunde, wenn wir im Heim sitzen und darin blättern, derweil die Kameraden aus großer Fahrt sind.

Seit wann gibt es Landkarten?

Bon A. T u r a t.

Karten entstehen aus Vermessungsaufnahmen, Deren Vorbedingung eine verläßliche Kenntnis unserer Erdausmaße ist. Die erste brauchbare Erdmessung machte im dritten Jahrhundert v. Ehr. der athenische Ge­lehrte E r a t h o st h e n e s , der unter dem Aegypterkomg Ptolemaus Gnergetes Vorstand der großen Bibliothek von Alexandrien war. Durch Vergleich der gleichzeitigen Sonnenschattenlängen in Alexandrien und im oberägyptischen Syene berechnete er den Erdumfang auf eine Viertel Million Stadien, was nur mit zehn Prozenten von unfern modernsten Ermittlungen abwich. Daraufhin erfolgte in Aegypten bie erste Landes­vermessung zwecks Feststellung des anbaufähigen Nilgebietes. Das war bie Geburt der Kartenmacherkunst. .

Das erste große Kartenwerk schufen die Römer mit einer Aufnahme aller Meeresstraßen ihres Weltreichs. Sie brauchten dafür fünfzehn Kartentafeln, die im fünfzehnten Jahrhundert in den Besitz des Nürn­berger Bürgers P e u t i n g e r gelangten unb nach ihm benannt wur­den. Die Römer erfanben auch bas Vorbilb unserer Generalstabskarten mit Darstellungen ber Militärstraßen in ben eroberten Provinzen Ihre Kartenbilder waren aber ebenso verzerrt wie die Mappae Mundi (Welt­karten) des Mittelalters, deren Irrtümer auf den Globus übergingen, ben Martin Behaim, ber Westafrikafahrer und Geograph, in Nürn­berg herstellte. . ..

Der große Reformator ber Kartenmacherkunst war ber Deutsche Geicharb Kremer, ber nach bamaliqer Gelehrtenart seinen Namen mit Mercator (Kaufmann) ins Lateinische übersetzte. In ber Mitte des sechzehnten Jahrhunderts gab er ben ersten Weltatlas heraus^ ben er selbst in Kupfer stach. Außerbem war er ber Erfinder ber Mercator- Projektion, auf ber noch immer alle Seekarten beruhen. Gute Karten würben auch von portugiesischen unb italienischen Kartenmachern ge­liefert. Bebeutung erlangten bann burch ihre Atlanten ber Belgier D r t e l i u s unb ber Nürnberger Homann , mit bem zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts die letzten allzu groben Irrtümer aus den Atlanten verschwanden. Alle diese Kartenwerke beruhten aus astrono­mischen Ortsbestimmungen, indem man die Lage und Entfernung der Erdpunkte durch Beobachtung von Gestirnhöhen ermittelte, roie es noch heute zur Bestimmung des Schifssortes auf hoher See geschieht.

Die modernen Kartenwerke werden dagegen nur durch topographische Ortsbestimmungen hergestellt, indem man Lage und Entfernungen der Erdpunkte durch direkte Messung auf ber Erboberfläche bestimmt. Der Begründer dieser Methode war ber italienische Astronom G a f (i n t, ber nach Frankreich berufen würbe, um zu Gnbe bes achtzehnten Jahr­hunderts mit der ersten Großtriangulierung zu beginnen. Sem Werk

>e ist alles klar zur Abfahrt. Wir (tu räume, durch Treppenschächte und gelangen Darin verschlägt uns ben Atem. Vor den ...... , ,

Heizer, mit schnellen Bewegungen und kurzen, sachlichen Worten. Der grelle Schein, der aus den geöffneten Bunkern schlägt, blendet uns jedes­mal die Augen. Durch einen Gang gelangen wir in den Maschinen­raum. Da sind Gräben aus Eisen, auf deren Grund sich stählerne Wellen befinden, lieber Kreisscheiben springen bie Zeiger, Die Den Dampfdruck anfagen. Der Offizier hat Dienst. Er verabschiedet sich von uns, unb wir liebeln weiter. Oben steht bie Mannschaft an Deck. Die Taue werden eingezogen, die Maschinen stampfen, wir läsen uns vom Kai, wo die Menschen stehen unb winken und mit erhobenem Arm grüßen. Der Offi­zier salutiert. Die Mannschast grüßt ebenfalls. Bald laufen wir in gleicher Hohe der Kronburg, die aus einer farbigen Dunstkulisse her-