„Wie anders das hier ist als das Frische Haff", sagte der Doktor, hinüberstarrend in die einsame Welt des Sandes.
Die Schwester Regina bekannte, nie über das andere Haff gesayren zu (ein. Georg Ebener aber erzählte, daß ihm das Frische Haff am Fuß der Berge zwischen Höhe und Nehrung viel freundlicher, südlicher erschienen sei, auch in den Farben. Hier gäb's als Halt eigentlich nur die Nehrung; vom Land drüben sähe man nichts" mehr, und die Neh- rung sei Sand, Sand und wieder Sand.
Das Bild der Landschaft, auf das sie blickten, gab ihm recht. Das Haff lag dunkel, leicht bewegt im Morgenwind, über den feucht-blauen Himmel glitten da und dort noch leichte Wolkenfetzen — der schmale Landstreis der Nehrung leuchtete in seinen ungewohnten Farbtonen, Wasser und Himmel strenge scheidend, eine Welt für sich, die das Auge nicht fassen und in die gewohnten Bilder der Landschaft einfügen konnte.
Der Doktor fragte, wie hoch wohl die Dünen wären. Die Schwester konnte es nicht sagen. Die Hohe Düne bei Nidden [ei, soviel sie wüßte, etwa hundert Meter hoch. Von diesen hier wüßten sie nicht. Er nickte; das wäre so merkwürdig auch an den Nordseedünen, etwa bei Hartem, daß sie eigentlich ganz niedrig wären, und wenn man drin stünde, hätte man ein Gefühl beinahe wie im Hochgebirge.
Möwen flogen über dem Schiff. Weiße und dunkle, mit ihrem schwebenden, plötzlich falle -den Flug und der seltsam sischähnlichen Form ihrer kurzen Körper. Drüben am Geländer des Oberdecks hatte sich eine Reihe junger Mädchen links und rechts neben einem etwas gesetzten Herrn aufgebaut. Sie hatten alle Operngläser in den Händen und verfolgten hingegeben mit emporgebogenen Häuptern den Flug der schwebenden Vögel
„Ein Lachmöwenweibchen, Herr Professor", rief mit hoher Stimme die eine; daneben flöge gerade ein älteres Exemplar van — versicherte unter Gebrauch eines unverständlichen lateinischen Namens mit tiefer Stimme eine zweite. Eine dritte faßte im Eifer des Gefechts den Professor unter und wies, mit dem Zeißglas fuchtelnd, eifrig redend immer wieder in das dichte, weiße Segel hinein, das, lautlos gleitend,, gelassenem Wogen und nur dann und wann einem kurzen Flügelschlag den Weg des Dampfers geleitete.
Der Professor nickte und sagte gar nichts: er hatte offenbar schon viele Möwen aller Sorten und ebensoviele junge Mädchen im Eifer ihres Jungseins erlebt. m „
.Die fahren nach Rossitten", sagte die Schwester, „zur Vogelwarte.
Der Doktor entsann sich dunkel, von dieser Einrichtung gehört zu haben, und fragte, ob das ein großes Institut fei.
Sie lachte: „I wo — das ist nur das Haus, wo Thienemann wohnte. Der hat doch alles da selber eingerichtet. Da sind ein paar Käfige mit Vögeln und eine Sammlung von ausgestopften Möwen und Krähen und Kormoranen, und draußen vor der Tür sitzt ein Adler an der Kette. Den photographieren sie alle, und er setzt sich schon immer artig hm, wenn sie kommen, und macht das gewünschte majestätische Gesicht. Was soll da groß [ein?" , , r.
Dann aber wurde sie ernst: groß sei die Gegend und der Herbst, wenn die Vögel ziehen — das müsse er einmal erleben: oder noch besser im Frühjahr, wenn sie zurückkommen. „Jede Nacht geht's über die Nehrung hin und am Tag auch, und dann hört man trotz des Windes immer das Rauschen und das Rufen da oben — stundenlang. Manchmal im Dunkeln, da hört man sie bloß: aber wenn Vollmond ist, steht man sie auch vorüberziehen, und manchmal schreien ganz hoch oben die Wildgänse. Dann weiß man, daß Frühling ist, wenn auch nach Schnee liegt und Eis an der See —" , r ,
Ihre Augen gingen weit über die weißdeblusten Rucken der iungen Mädchen an den Möwen vorüber in die Ferne, wo goldig gelb und kalt die Nehrung dahinglitt. „So was gibt es nur hier", setzte sie nach einem Weilchen hinzu; „der Thienemann weih, warum er nicht weggeht. Da vorne ist schon Rossitten."
Ein dunkler Fleck unterbrach weit voraus die Helle Kette der Dunen; dahinter aber begann wieder der schmale, leuchtende Streif und glitt im hellen Licht des Vormittags weiter und weiter in die Ferne, bis er in der Tiefe des Raums mit Wasser und Himmel und dem Blenden des Lichts in eins verschwebte.
Der Doktor Georg Ebener war in einer wunderlichen Verfassung. Er saß, im Rücken behaglich von der Sonne gewärmt, auf dem Dampfer .Eranz"; vor ihm standen, wenn sie ihm auch den Rücken drehten, ebenso gelehrte wie offenbar hübsche Mädchen, die sich begeistert für Möwen interessierten. Drüben zog fern besonnt die Kurische Nehrung dahin; um ihn rauschte milder Wind und das weite, kühle Wasser des Haffs, und neben ihm faß im hellen Sommerkleid — den MantA hatte sie längst abgelegt — das Mädchen, hinter dem her er eigentlich diese ganze Fahrt durch den Osten unternommen und die er hier zum erstenmal richtig erreicht hatte. Die tote Regina Katharina war ja wohl auch wichtig — gewiß; aber viel wichtiger war es doch, hier neben der lebendigen Regina zu sitzen, aus wachsendem Gefühl heraus Träume in die Zukunft zu spinnen und leise und vorsichtig an den Brucken zu bauen, die, tragsähiger als die schon halb sagenhafte Verbindung ans dem Blut, über die weiten Gewässer des Lebens hinweg zum andern hinüberführen konnten m
Bei dem Bild von den Gewässern kam dem Doktor zum Bewußtsein, daß er noch nie so viel auf Schiffen gefahren war wie in den letzten Tagen. Von Swinemünde nach Danzig, nach Königsberg, letzt nach Nidden: es war, als ob hier die ganze Welt aus dem Master lebte. Seine Nachbarin stimmte zu, das wäre ja eben das Wunderbare am Osten, daß überall Wasser, Strom, Seen ober See wäre. Er wäre ja nur sozusagen an der Küste entlanggefahren: er könnte dasselbe bnnnen im Land auf den Seen und Flüssen und Kanälen erleben.
Der Doktor nickte und fragte, ob sie Masuren kenne. Sie wchke: gewiß, sie [ei oft bagemefen, in Lötzen und Angerburg und auf ben I Seen. Aber viel schöner sei das Oberland, viel offener, freier. Buchen, nicht bloß Tannen. Da müsse er hin.
1 (Fortsetzung folgt.)
Dieses offenkundige Erstaunen des Doktors aber hatte fein Gutes; i die Schwester Regina muhte über [ein entsetztes Gesicht lachen; so kam sie gar nicht auf die Idee, daß der Mann da, der sie fanungslos über ihr plötzliches Austauchen begrüßte, am Ende ihretwegen diese Fahrt nach Nidden machte. Sie war völlig unbefangen, schüttelte ihm lachend die Hand, rief ihm selbst wieder die Tatsache ins Gedächtnis, daß sie doch erzählt hätte, sie würde am Dienstag beruflich nach Nidden fahren, und setzte sich dann wie [elbstverständsich zu ihm, obwohl eine ganze Reihe schräger Blicke von den Ecktischen geflogen kamen.
Der Doktor hatte da- Gefühl, als müsse er sich vor dem Schicksal schämen. Ungeduldig, töricht, undankbar kam er sich vor und zugleich wie ein plötzlich beschenkter Junge, wie er hier so neben ihr [aß: ihr helles Prosil stand hell bald gegen bas Wasser, und ihre Stimme klang ruhig und klar durch das Wehen des Windes, der von der Seeseite kam und einen Dust von Wasser und Wiesen und getrocknetem Schilf mit sich brachte. _ , ...
Georg Ebener war heilfroh, daß sie ihn nicht beim Suchen getroffen hatte; erst jetzt, da das Schicksal wieder einmal gnädig richtig gemacht, was er falsch angefangen hatte, sah er, was für ein knabenhafter Anfänger er noch ober wieder war. Eine Last glitt von ihm: jetzt war sie zu ihm als dem Ahnungslosen gekommen; alles war richtig, und vor ihm lag ein Dag so lang, eine Fahrt so ohne Ende, wie er sich's noch gar nicht ausgemalt hatte.
Auf die Landschaft hatte er in feines Herzens Erlösung gar nicht mehr geachtet, so bah er überrascht aufsah, als auf einmal sein Blick statt auf grünes Schilf und Wiesenland und Bäume, die nah vorüberglitten, auf eine plötzlich sich groß und hell ausweitende Wassersläche traf, die blendend unter dem lichtgrauen Wolkenhimmel lag. Die Beek war zu Ende, das Kurische Haff erreicht, und der Doktor Ebener hatte eigentlich immer nur ein Prosil und eine Stirn mit zwei leichten Falten über der Nase gesehen.
Schließlich, um nicht immer nur zuzuhoren und zu betrachten, fragte er, was sie denn in Nidden zu tun habe.
Sie berichtete, daß sie eine junge Frau, eben Frau Endrulat, aussuchen und sich nach ihrem Ergehen erkundigen müsse. Die wäre letzte Woche nach einer sehr komplizierten und schweren Entbindung aus der Klinik entlassen worden, eine sehr nette Frau mit drei kleinen Kindern, und da der Professor auch viel Anteil an ihr genommen hätte, so hätte er ihr aufgetragen, einmal hinzufahren und nach ihr zu sehen, eventuell auch festzustellen, ob noch etwas geschehen müsse. Davor hätte sie sogar ein bißchen Angst; denn wenn sie in der Klinik auch allerhand mitgemacht und gelernt hätte: ein Arzt sei sie eben doch nicht.
Der Doktor warf rasch und unbemerkt dem Schicksal einen Dankblick zu und schämte sich noch mehr feines anfänglichen Unglaubens. Er lächelte beglückt: dem könne leicht abgeholfen werden. Er wolle mit Vergnügen die Geleaenheit ergreifen, seinen Dank für ihre Hilfe bei der Urgroßmutter auf diese Weise wenigstens etwas abftatten zu können.
Das Stichwort Urgroßmutter gab dem Gespräch eine andere Wendung. Die Schwester Regina hatte den Brief des Doktors in Insterburg vorgefunden; sie hatte in aller Geschwindigkeit in ihren Aufzeichnungen nachgesehen — und die Daten stimmten in der Tat überein. Regina Katharina Müller, die Urgroßmutter des Doktor Ebener, war danach in der Tat die jüngste Schwester des Ururgroßvaters von Regina Muller, Nur einen Haken hätte die Sache: Regina Katharina Müller, die Ururgroßtante, könnte eigentlich nicht aus Insterburg stammen, sondern, wie ihre Geschwister, nur aus Neidenburg; von Regina Katharina Müller aber hieße es doch ausdrücklich im Kirchenbuch „aus Insterburg".
Blendendes Licht glitt unvermutet über die beiden hin: die Sonne brach zum erstenmal durch die Wolken. Leuchtend zog der Lichtstreif über das graue Haff weiter, das, leicht vom Wind bewegt, dem Dampfer nur eine sanft wiegende Bewegung mitgab.
Der Doktor sah die Schwester nachdenklich an: da sei allerdings schwer ein Reim daraus zu finden. Sie aber neigte den Kopf: vielleicht ginge es doch. Sie hätte ja keine Zeit gehabt nachzulesen; aber wenn sie sich recht erinnere, stünde in dem Tagebuch, von dem sie schon erzählt hätte, daß die Tante Regina — eben jene Regina Katharina Müller — doch etwas mit Insterburg zu tun gehabt hätte. Das müsse sie aber erst feststellen — da müsse er noch Geduld haben.
Der Doktor Ebener war jetzt zu jeder Geduld bereit, vorausgesetzt, daß die Schwester Regina ihm beim Warten hals. Er war wieder völlig mit der Welt und dem Schicksal zufrieden und empfand es als durchaus richtig, daß der steigende Tag mit überraschender Schnelle das Wetter- grau des Morgens löste und über dem endlosen Wasser einen immer höheren Himmel und immer strahlenderes blaues Licht aufwachsen ließ. Zur Linken tag noch waldgrün die Nehrung aus Gartau zu; aber weiter voraus leuchteten schon hellgoldig-unwirklich die ersten Dünen herüber. Nach Süden zu verschwebten Wasser, Luft und der kaum faßbare Landstreifen der Niederung in eines; man ahnte kaum die Grenzen und bekam im Fahren ein Gefühl unsicheren Schwebens in einer gelösten Welt ohne Ende und Anfang.
Der Runde älterer Damen, die bisher den Ecktisch drüben aus der Landseite innegehabt hatte, wurde es zu sonnig; sie erhob sich und taumle in schwarzem, rundlichem Zug Das Feld. Der Doktor sah die Schwester, die Schwester den Doktor an: sie erhoben sich stumm, schritten hinüber und saßen nun mit dem Rücken gegen das Licht frei im Fahrtwind, ungeblendet, und hatten vor sich das Haff und die Nehrung, die langsam immer mehr das gewohnte Landbild von sich abtat und fremd, unwirklich, eine ungewohnte, unfaßbare Welt abseits vom Lebendigen wurde. Eine helle, gelbliche, farblose Wand stand da drüben schmal über dem Wasser; an ihrem Fuß da und dort ein kleiner, kurzer Streifen Dunkel, Vegetationsreste, wie es schien — über sich unvermittelt, scharf und linear aufsetzend, den lichtblauen Seehimmel. Die Schatten der letzten Wolken glitten zuweilen eilig über die Sandwelt; dann wurde die Wand plötzlich bläulich-grau, nahm Formen an, bekam Plastik und Raum — um gleich darauf wieder weißlich-goldige Wand, Grenz- maU des Lebens, Mauer zwischen zwei einander fremden Wassern tot ind teilnahmslos auszuleuchten.


