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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1956
Freitag, -en 3. Juli
Nummer 50
Oie Fahrt nach öer Ahnfrau
Erzählung von Paul Fechter
Copyright 1935 by Deutsche Verlags.Anstalt Stuttgart
6. Fortsetzung.
Der Professor meinte, die Bibel zähle so etwas noch durchaus. Aber Ieine Frau wollte das nicht gelten lassen: erstens sei das höchstens aus >em alten Testament, und zweitens hätte sie ein Gefühl, als ob das überhaupt nicht in der Bibel, sondern im Katechismus stünde.
Der Doktor, in seiner Welt befangen, überhörte die Anmerkung und stellte als praktischer Arzt die Frage, wie es für die Schwester am bequemsten sei, ihm Kunde von seiner Urahne zukommen zu lassen. Er hätte leider seine Kirchenbuchauszüge nicht bei sich, und sie trüge ja wohl auch Stammbaum und Ahnentagebücher nicht ständig mit sich herum.
Sie bestätigte seine Vermutung. Der Professor schlug sofort einen zweiten Besuch des Doktor Ebener in Insterburg vor. Schwester Regina aber machte Einwände. Er wüßte doch, daß' sie schon am Dienstag sortmüsse, bis Montag seien sie hier, und es sei doch sehr fraglich, ob der Herr Doktor bis zu ihrer Rückkehr in Königsberg bleiben wollte. Es würde doch wohl auf ein beiderseitiges Schreiben hinauslaufen müssen.
Als Meinungsäußerung bedeutete dies eine Enttäuschung für den Doktor; er sollte nicht nach Insterburg. Als Mitteilung erfreute es ihn; was sollte er schon in dem langweiligen Nest, wenn sie nicht da war. Seine Phantasie aber zeigte ihm eine Gemeinsamkeit der Ahnensuche, die angenehm gegen die bisherigen rein männlichen Phasen seines Unternehmens von Malletke bis Juschkat abstach, und so hatte er gegen die Vorstellung einer schriftlichen Erledigung einiges einzuwenden.
Ueber diesen Erwägungen aber überhörte er nicht die halblaute Bemerkung des Professors, der nickend die Richtigkeit der schwesterlichen Einwände bestätigte: „Stimmt — Sie fahren ja nach Nidden zu Frau Endrulat. Da geht es allerdings nicht."
Er ahnte nicht, daß im gleichen Augenblick dem Doktor Ebener völlig klar wurde, wie es doch ging. Er sagte nichts, aber er erhob sein Glas mit aufrichtigem Dank gegen seinen Gastgeber und stellte fest, daß es nun aber für ihn die höchste Zeit sei, nach Königsberg zurückzukehren.
Der Professor widersprach mit der erforderlichen Liebenswürdigkeit; aber zugleich zog er seine Uhr und stellte seinerseits fest, daß der Gast, falls er nicht bis morgen bleiben wollte, in der Tat nicht viel Zeit zu verlieren hätte In einer Viertelstunde ginge der letzte Zug.
Der Abschied des Doktor Ebener war kurz aber herzlich. Die Schwester Regina kam zuletzt an die Reihe: er sagte ihr nicht nur Lebewohl, sondern dankte ihr für die Aussicht auf eine endliche Lösung seiner Aufgabe, die sie ihm eröffnet hätte. Er würde ihr von Königsberg aus sofort die Daten schreiben und wäre ihr sehr verbunden, wenn sie feststellen könnte, ob er mit ihr verwandt sei oder nicht.
Daß er dabei ihre Hand bei jedem Abschnitt seiner Rede von neuem leicht drückte, versteht sich von selbst. Ebenso aber, daß er mit keiner Silbe verriet, wie fest entschlossen er war, von Dienstag ab jeden Morgen, wenn es sein mußte, ebenfalls nach Nidden zu fahren.
Sonntage auf Reisen in einer fremden Stadt sind etwas Greuliches, insonderheit, wenn es regnet. Wenn der Mensch könnte, würde er in der triften Verlassenheit solch eines Tages zwischen geschlossenen Läden, mißmutigen Menschen, Kinos mit dem Dust nasser" Mäntel und Eases und Restaurants voll von Gästen, die auch nicht wissen, was sie da wollen, zu heulen beginnen wie ein Schäferhund unter dem Vollmond. Arbeit ist gewiß nicht schön: an Regensonntagen auf Reifen begreift man, daß es Nationen' gibt, die sie beinahe heilig gesprochen haben.
Der Doktor Ebener freilich begriff es nicht. Ihm war trotz des Regens und der nassen Straßen und der nassen Bäume durchaus behaglich zumute. Er hatte seinen Regenmantel angezogen und bummelte durch die mißvergnügte Stadt; er pfiff vor sich hin, manchmal summte er sogar eine Melodie, so gut fein wenig musikalisches Herz sie hergab. Er sah vor sich ein sonniges großes Wasser, und auf dem Wasser einen hübschen Dampfer, und auf dem Dampfer ein hübsches Mädchen — und er hatte festgestellt, daß nach Nidden überhaupt nur ein Dampfer morgens um neun von Cranzbeek möglich war. Es mußte also glücken. Und diese Aussicht ließ ihn mit Fassung und Gleichmut das nasse Wetter und die nasse Stadt ertragen. Er verflieg sich sogar ins Museum, kletterte im Schloß die Treppen hinaus, besah sich die alten Schränke und die alten Bilder,
blickte lange aus den Fenstern über die regenglänzenden Dächer hinüber zum Pregel und zum Haff, bummelte wieder die menschenleere Langgasse hinab, aß bei Jüncke zu Mittag, freute sich, daß die Speisekarte immer noch eine Schiefertafel war, auf die die jeweils neuen Delikatessen ausgeschrieben wurden, und daß immer noch die netten, freundlichen blauen Küfer bedienten. Am Nachmittag schrieb er mit Lust und Ausdauer seine Ahnennachweise und Aufzeichnungen über Regina Katharina Müller für Regina Müller ab und sandte sie ihr mit einem sehr sorgfältig und mit viel Genuß stilisierten Bries nach Insterburg. Dann schlief er ausgiebig, ging trotzdem früh zu Bett, freute sich am Montag, daß es wieder regnete; da war die Aussicht auf Besserung am Dienstag um so größer und die Versuchung, schon einen Tag früher nach Nidden zu fahren, um dann zufällig dort bei Ankunft des Dienstagdampfers am Hafen zu stehen, um so kleiner.
Am Abend saß der Doktor eine Weile im Parkhotel, das ihm für Königsberg viel zu groß vorkam, sah zu, wie die Leute zwischen den Tischen tanzten, und fragte sich, ob er wohl mit der Schwester Regina, wenn sie da wäre, auch gern tanzen würde. Er schüttelte unwillkürlich den Kopf; er empfand keinerlei Neigung dazu. Dies war ihm fremd geblieben an der neuen Welt nach dem Kriege, und es schien ihm hier doppelt so fremd, daß er bald heimging und in der Stille feines Hospizes noch einen letzten Schlaftrunk zu sich nahm.
Als er sich früher als sonst, aber doch ungeweckt, am Dienstag erhob und neugierig die Vorhänge öffnete, sah er in einen grauen aber trockenen Tag. Die Bäume wehten in leichtem Wind, der Himmel zeigte helle Streifen; es bestand die Möglichkeit, daß das Wetter sich besserte. Und wenn, nicht — auf dem Dampfer gab es ja Kajüten: da war es auch gleichgültig.
Der Zug war nicht eben voll, und die meisten fuhren nach Cranz. Der Dampfer lag klein und unansehnlich in der grünen, regenfrifdjen Landschaft: fein Qualm wurde vom Winde rasch zerteilt und zum Wald hinübergeweht; über die sumpfige Wiese daneben wanderte langsam, gravitätisch nickend, ein Storch.
Der Doktor ging mit den andern Fahrgästen in jenem beschleunigten Tempo zum Dampfer, das die Vorstellung von ersehnten und gerade eben von andern besetzten Plätzen in Reisenden und Ausflüglern automatisch zu erzeugen pflegt. Er suchte unter den Mitwandemden eine ersehnte Gestalt — aber vergeblich. Wahrscheinlich war sie bereits auf dem Schiff.
Er löste seine Karte, kletterte auf den kleienen Dampfer, der ziemlich hoch aus dem breiten, flußähnlichen Wasser aufragte, in dem er lag; er wanderte nach vorne, wanderte nach hinten, stieg hinaus, stieg hinab und sand niemanden. Die besten Plätze auf dem kleinen Oberdeck dicht beim Kapitän waren längst vergeben; der Doktor Ebener zog ruhelos durch die Gänge, kontrollierte die Ankommenden — mit negativem Ergebnis. Das Herz feiner Hoffnung sank in Regionen, in denen es schon beinahe nicht mehr tiefer fallen konnte.
Der Dampfer sandte, nach mehreren vergeblichen Ansätzen, einen mißtönenden Schrei in den grauen Morgen: er kündete auch der Ferne seine bevorstehende Abfahrt an. Dem Doktor Ebener schnitt der Ton in die Seele: er sah dem Schicksal, dem er seit Rauschen blind vertraut hatte, auf einmal in die höhnisch unbarmherzigen Augen.
Ein Klingelzeichen — allerhand verdächtige Hantierungen der Mannschaft am Ausgang und an den zum Schutz der Schönheit des Dampfers ausgehängten Holzrollen und Prellballen. Der Doktor atmete tief und resignierte. Er mußte eben wieder mit der Natur vorliebnehmen und für die fröhliche Hoffnung feiner Regentage büßen.
Er stieg auf das Oberdeck, fand nicht weit vom Schornstein einen Platz und starrte, sich innerlich gegen die andern Fahrgäste und ihren vergnügten Dialekt verbittert isolierend, in das leicht blendende Licht über der Landschaft, die ihm jetzt viel grauer und farbloser vorkam als beim Aufstehen am Morgen die Stadt unter seinem Fenster.
Aus der Tiefe kam das Stampfen der Maschine und das Rauschen des Wassers: der Dampfer hatte losgemacht und glitt langsam durch flaches, grünes Land, das bald dunkler Wald begrenzte, auf viel gekrümmten Wegen dahin. Einsame, niedrige Häuser am Ufer, Rohr, lange Netze, die zum Trocknen aufgehängt waren neben schmalen Kornfeldstreifen: das Leben ging langsam vom Land zum Wasser über. Der Doktor notierte alles teilnahmlos, menschenfeindlich in feinen Mantel und seine Einsamkeit gehüllt — bis er auf einmal alle Menschenfeindlichkeit vergaß und mit stierem Blick ein junges Mädchen in grauem Mantel anstarrte, das langsam und unbefangen, in der beschatteten Stirn zwei leicht angebeutete Falten, die Treppe zum Oberdeck hinaufgestiegen kam. Es war kein Zweifel: während er hier saß und mit Gott und der Welt zerfallen grollte, war das Ziel seiner Sehnsucht unbemerkt doch auf das Schiff gestiegen und war jetzt ebenso erstaunt beim Anblick de- Doktor Ebener wie der bei dem ihrigen.


