Koch wird also ins Kaiserliche Gesundheitsamt nach Berlin berufen und bekommt zwei Assistenten zur Seite, die ihn bei seinen Forschungen unterstützen sollen. Hier beginnt für ihn die große Glückszeit. Er braucht sich nicht mehr um eine Praxis zu sorgen, Hilfsmittel stehen ihm unbeschränkt zur Verfügung, er kann forschen und schassen, soviel er mag.
Mit Recht wird die Tuberkulose als eine der schlimmsten Feinde der Menschheit bezeichnet. Der siebente Teil aller Todesfälle war früher auf sie zurückzuführen und sie verschonte keinen. Arm und Reich, jeder Mensch war durch sie gefährdet. Dazu stand man ihrem Wüten fast hilflos gegenüber, da man nichts von ihren Ursachen und ihrer Entstehung wußte. Auch wußte man noch nichts von der Wichtigkeit eines natürlichen Heilfaktors, den die Natur jedem Kranken kostenlos schenkt: von Licht, Luft und Sonne.
So war die Nachricht wirklich dazu angetan, die Welt zu bewegen: einem deutschen Arzt ist es gelungen, den Erreger der Tuberkulose zu entdecken. Wenn man einen Feind erst kennt, kann man auch Mittel finden, ihn zu bekämpfen, ja, vielleicht ihn gar vernichten. Acht Jahre später tritt Robert Koch mit seiner zweiten Großtat auf dem Gebiet der Tuberkuloseforschung vor die Oeffentlichkeit. Es ist ihm gelungen, in langen und schwierigen Experimenten, ein Heilmittel zu finden und damit Giftkeime im Tierkörper" unschädlich zu machen. Eines ist für diesen so vorsichtigen Forscher gewiß, daß ein tuberkulöser Krankheitsprozeß vollkommen zum Stillstand gebracht werden kann. Ist das bei der Tuberkulose möglich, dann müßte man auch bei anderen ansteckenden Krankheiten das gleiche erreichen können. Er nennt sein Heilmittel Tuberkulin.
Daß einem solchen Helfer der Menschheit der Dank ungezählter Millionen gehörte, war selbstverständlich.
Hätten wir Koch nur die Entdeckung des Tuberkelbazillus und die Erfindung dos Tuberkulins zu verdanken, es würde allen Menschengenerationen unmöglich sein, ihm den geschuldeten Dank jemals abzutragen, aber sein schöpferisches Werk ist daneben fast unabsehbar groß. Robert Koch ist auch Entdecker des Erregers der Cholera; in der Bekämpfung des Typhusbazillus, den er gleichfalls als erster sah, hat er Vorbildliches geleistet. Gegen die Pest hat er einen seiner erfolgreichsten Feldzüge geführt. Daß die Pest durch Ratten übertragen und auf Schiffen in fremde Häfen eingeschleppt werden kann, ist Kochs Feststellung. Ob Pest, Lepra oder Malaria, gegen die meisten Infektionskrankheiten hat dieser Meister gekämpft und Heilmittel dagegen gefunden, In der chininlosen Behandlung des Schwarzwassersiebers, einer Krankheit im Gefolge der Malaria, feierte er schließlich einen seiner letzten großen Triumphe.
Sein Lebenswerk ist unvergleichlich
Lleber das rechte Verhältnis zur Aatur.
Von Hans Brandenburg.
Vor dem Krieg lernte ich im bayerischen Alpenvorlande einen jungen Bauern kennen. Er stand vor der Tür seines Hoses, der, auf weitschauender Anhöhe, Berge und Täler beherrschte. „Schön ist es heroben!" jo sprach ich ihn an, um nur ja nicht in städtischem Ueberschwang zu viel zu sagen. Allein schon diese trockene Feststellung brachte ihn zum Lachen: er wisse wirklich nicht, was da viel Schönes sei — ja, Arbeit genug, Tagwerk genug und zwanzig Stück Vieh. Der Zufall wollte es, daß ich ihn im Felde wieder traf. Er war der Tapfersten einer, und den Tod fürchtete er nicht, aber das fremde ebene Land — ja, er schien wie eine Pflanze, die aus ihrem Erdreich gerissen wurde, zu siechen. Er sorgte sich nicht etwa um seinen Hof, der sei gut verwaltet von tüchtigen Geschwistern, aber er war krank vor Heimweh nach seinen Bergen, die jeden Tag feines früheren Lebens so fern und nah vor ihm gestanden hatten und von denen er doch nicht einmal die Namen kannte.
Der Bauer braucht also nicht mit Bewußtsein ein Freund der Natur zu sein, um das rechte Verhältnis zu ihr zu haben, denn er ist weit mehr oder doch etwas anderes: er ist ein Teil von ihr, er ist selbst noch Natur. Fast alle übrigen Menschen müssen erst zu ihr zurückfinden, und diejenigen sind glücklich zu nennen, denen das auf dem kürzesten und sichersten Wege gelingt. Eine Schar Mädchen, eine Schweizer Schulklasse — fo lesen wir — wanderte durch das Berner Oberland und hing begeistert mit lachenden Blicken an ihrem jungen Lehrer, der ausgelassen mit ihnen scherzte. Ein Tourist kam an ihnen vorüber, den auf- geschlagenen Bädeker in der Hand, und machte eine ungehaltene Miene, weil Lehrer und Schülerinnen die weltberühmten Naturschönheiten ringsum nicht zu beachten schienen. Ein Schweizer Dichter jedoch, welcher ebenfalls des Weges zog und uns von solcher Begegnung berichtet, bedauerte diesen Reisenden, der, erhaben über jene fröhliche Jugend, die Natur glaubte einfjeimfen zu können, und beneidete die glückliche Schar, in deren Erinerung sich das schwärmerisch eingesogene Erlebnis für immer mit dem unbewußt eingefogenen Bilde der herrlichen Landschaft verbinden würde. Ein anderer Schweizer Dichter, Gottfried Keller, läßt seinen Grünen Heinrich von den Waffenübungen feiner Jugend in der Umgebung von Zürich erzählen und dazu bemerken: „Obgleich wir noch nichts von landschaftlicher Schönheit zu sagen wußten, und einige vielleicht in ihrem Leben nie dazu kamen, fühlten wir alle doch ganz die Natur, und das um so mehr, als wir mit unserem Freudenzuge eine würdige Staffage der Landschaft bildeten, selbst handelnd darin auftraten und daher der empfindsamen Sehnsucht untätiger Naturbeobachter enthoben waren. Denn ich habe erst später erfahren und eingesehen, daß das müßige und einsame Genießen der gewaltigen Natur das Gemüt verweichlicht und verzehrt, ohne dasselbe zu sättigen, während ihre Kraft und Schönheit es stärkt und nährt, wenn wir selbst auch in unserem äußeren Erscheinen etwas sind und bedeuten, ihr gegenüber."
Ällein dies, was Keller meint, sind und bedeuten wir nicht, ludern wir durch die Natur hinrasen oder wenn wir in ihr gröhlen und
schwitzen und trinken, ober wenn wir über unserem Handeln in der Natur vergessen, die Augen offen zu halten. Anderseits läßt sich die Natur nicht erjagen, und wer in seiner nächsten Nähe keine Wunder entdeckt, der entdeckt auch in der fernsten Fremde keine. Wir kennen die bunt zusammengewürfelten Reisegesellschaften, die in der Natur sogenannte Sehenswürdigkeiten suchen und sie nach einem oorbestimmten Plan „abkloppen", denen immer etwas „geboten" werden muß, so daß sich ihnen nichts mehr von selber anbietet und entgegenkommt. Welcher Teilnehmer wenigstens noch der Ehrlichkeit fähig ist, muß am Ende gestehen, daß er zwar alles gesehen, aber im Grunde nichts gesehen hat. Denn wir können eine uns noch unbekannte Landschaft nicht in wenigen Stunden zusammenraffen wie eine Handvoll Geld, und jene hätten besser daran getan, ihre kurzen Urlaubstage etwa an ein und demselben See wandernd, rudernd, schwimmend und in der Sonne brütend zu verbringen. Ich lebte schon über fünfundzwanzig Jahre in München und seiner Umgebung, als mich der Auftrag einer Zeitung, Schilderungen der bayerischen Landschaft zu schreiben, in große Verlegenheit setzte, denn ich traute mir nicht zu, dies zu können. Aber gerade weil ich die Natur nicht mit der Feder in der Hand erlebt, sondern den Schatz meiner Eindrücke Jahrzehnte keusch gehütet hatte, entstanden mir nun Bilder, die tausenden die Augen für die Heimat öffneten und für die mir ein berühmter Musiker mit den Worten dankte, diese Bilder gäben dem Gefühl wahrhaft einen Körper. Mit dem beliebten Ausruf der Dichter und Nichtdichter: „O Welt, wie bist du schön!" ist es freilich nicht getan. Ich mußte, tätig ausnehmend, Hunderte von Pflanzen und Tieren jetzt erst näher kennenlernen, aber meine zehnjährige Tochter hals mir dabei, und so wurde dies Lernen eine Lust. Doch gern verrate ich, daß ich als weitbekannter Darsteller der bayerischen Landschaft zwar auf vielen Berggipfeln, aber bis heute noch nie auf der Zugspitze gewesen bin. Vielleicht habe ich es noch vor mir, und man muß immer noch etwas vor sich haben, vielleicht soll es mir nicht beschieden sein, bann schadet es auch nichts. Gerade in der Natur kommt es tausendmal mehr darauf an, auf eigenen Wegen zu gehen und zu suchen, als die Allerweltsstraßen zu ziehen.
Das, was wir Naturgefühl nennen, ist eine späte Erscheinung. Die römischen Kaiser ließen sich in ihren Sänften mit verbundenen Augen über die Alpenpässe tragen, um das „schreckliche Engadin" nicht sehen zu müssen, und noch Goethe spricht von den „formlosen Gebirgen". Die Landschaftsmalerei entstand in Europa erst lange nach Beginn der Neuzeit, und die charakteristische Naturschilderung der Dichter ist noch weit jünger: erst der junge Goethe hat in seinen „Briefen aus der Schweiz" das genaue Bildnis einer Landschaft gegeben, und die Dichter ließen jeden Bach nur einfach rauschen, bis etwa ß i l i e n c r o n einen jeden besonders sah, entweder z. B.: „Ein Bächlein kullert kindlich über Kiesel" ober: „Ein Wasser schwatzt sich selig burch Gelänbe". Dabei ist bas Naturgefühl einem steten Wechsel unb ©anbei unterworfen. Vor hunbert Jahren meißelte man in eine Steinbank bes Münchener Englischen Gartens bas Wort: „Hier, wo ihr nun wallet, ba war -fonft Wald nur und Sumpf". Freilich wissen auch wir noch eine schöne Parklandschaft zu schätzen, allein wir sind dennoch geneigt, solche Stätten auszusuchen und vorzuziehen, wo wir jenes Sprüchlein umkehren können, glücklich, endlich einmal nicht mehr „wallen" zu brauchen, weil es hier gottlob noch Wald gibt und Sumpf. Naturschutz ist notwendig geworden, aber auch die Einheit von Natur und Menschenwerk neu zu erobern, also nicht jedes technische Werk innerhalb der Landschaft wehleidig zu bejammern, sondern bas Menschengebilbe roieber in bie Natur miteinzubeziehen, baß es sie nicht nur zerstört, (onbern sich ihr mit- unb um- geftattenb ein- unb unterorbnet.
Man soll bie Natur nicht begaffen, aber man soll sie betrachten. Die rechte Naturbetrachtung ist Anbacht unb, wie jebe Anbacht, auch eine Tätigkeit, nämlich Ernährung unb Ausbau ber Seele. Gewiß muß man es begrüßen, baß viele Stäbter roieber Gärtner unb Siebter werben, aber nicht allen kann bas beschieben sein, unb auch biejenigen, benen es gelingt, gewinnen baburch keineswegs im Schoße ber Natur bie erste Unschulb bes Bauern roieber unb sollen es auch nicht, fonbern müssen eine zweite Unschulb gewinnen. Ein so energisches, technisches, solbatisches unb politisches Volk wie bie Japaner hält boch an seiner alten Natur- frömmigteit fest unb stellt an eigenen Feiertagen blühenbe Kirschzweige auf, um in ihrem Anschauen stunbentang zu versinken. Unb auch uns Deutschen ist Naturliebe ein religiöses Bedürfnis. Unsere norbischen Vorfahren sahen bas Walten ber Elemente als Gottheiten unb versammelten sich zu Beratung, Gericht unb frohem Fest unter Bäumen, benn ben Baum hielten sie heilig. Die frommen Denker unseres Mittelalters suchten Gott in ben Dingen unb meinten mit ben Dingen nicht tote Soeben, fonbern bas Ursprüngliche unb Urbilbliche, bas Leben, bas Wesen. Wir sprechen von ber Natur als ber Schöpfung, weil wir in ihr ben Schöpfer fühlen, anschauen, bewunbern, verehren, ja, wir nennen sie gerabezu bie Gotteswelt.
Alles, was unsere Volkslieber, was unsere Dichter unb Maler von ber Natur oertünbigen, ist uns geblieben, wenn es ber Kraft unseres Herzens gelingt, bie verlorengegangene Einheit mit ber großen Mutter auf bem beglüdenben Umweg bes bewußten Gefühls, ber frommen Hingabe unb Anschauung wieberzusinbsn Eine tätige Frau unb Mutter schreibt mir zu meinem Thema: „Die Naturbetrachtung barf keine Betrachtung bleiben, (onbern muß ein in ihr Eingeschlossensein werben, ein Mitatmen, Mitwachsen, Mitreifen, ein Mitüberguellen unb -überlaufen mit ihr, ein Zerzaustwerben, ein Glühen unb roieber in sich Beschließen, rote es bas Jahr burch alle Tierkreiszeiten burchmacht unb wie man es selbst im Leben so oft burchmachen muß, bis man eins mit ber Schöpfung ist." Unb Goethe, als er in einer Reformationskan^^ dm beutlchen Glauben auszubrücken versuchte, schrieb in seinem fr”* "rf bie Verse:
„Wenn mir in bas Freie schreiten, auf ben Höhen, ba ist Gott!"
Vetant wartlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb 'Betlag: Btühl'fche Univetfitäls-Buch- unb Eteinbruckerei, A. Lange, Gießen.


