Sint-Ian; nur dieses Haus gehört ßmraius und Grain b’Dr, wenn sie heiraten, außerdem ein Vermächtnis, wovou sie jährlich die Zinsen erhalten werden, denn wenn ich ihnen die ganze Summe zukommen ließe, wären sie vielleicht imstande, sie an einem Kirmestag zu verjubeln. Einige Möbel, Kleider und sänfzig Paar Schuhe erhält Van de Rast. Für unsere Delphine habe ich ebenfalls eine Summe bestimmt, damit weiterhin Feste gefeiert werden können zu meinem Andenken.
Meine Bücher soll Kuckuck haben Für Anna-Marie habe ich noch ein Medaillon mit ihrem Miniaturbild, das sie. wiederbekonimt. Es tut mir sehr leid, daß sie nicht hier ist, aber ich werde ihr schreiben.
Und ihr möchtet wohl gerne wissen, warum ich sterbe? Das geht euch gar nichts an! .
Ich sag« euch allen nur: Lebt wohl! Und jeßt verschwinde ich m die Erde, unter einen flachen blauen Stein, auf dem nur der eine Satz stehen wird: ,Jch habe es so gewollt/
Sei deswegen nicht traurig, Schwan! Sind wir nicht Delphine und Philosophen? Wir wollen fröhlich sein und tun, was uns gefällt, dann werden wir nicht verrückt.
Mit diesem Trunk also, meine lieben Freunde, will ich mich von euch verabschieden und sage: Lebt wohl!"
Alle, außer dem weißhaarigen Michel Schwan, erhoben das Glas und sangen: „Lang so er leben, lang soll er leben in der Pslaumenzeit!" und dann wieder alle, außer Schwan, der truurig mit dem Kopfe schüttelte: „Pirruhn ist nun begraben, Pirruhn ist nun kaputt; er liegt nun in der Erde, und morgen ist er Schutt!"
Als die Abschiedsflascbe leer war, sagte Pirruhn: „Liebe Freunde, nun macht euch hinaus, die Uhr wird gleich sechs schlagen! Du auch, Grain b’Dr, komm!" Er gab ihr einen zärtlichen Kuß unb küßte auch bis Männer. Alle nahmen es als Scherz auf, nur Schwan umarmte innig und gerührt seinen Freund. „Tu es nicht, Siinon, Freund, tu es nicht!
Pirruhn entwand sich ihm und sagte: „Es ist schon geschehen!"
Schwan folgte den anderen auf den Ouatemberplatz. Sie lachten ihn aus, weil er auf den Scherz, den Pirruhn sich erlaubt hatte, herein- gefallen war. „Komm", forderte Corenhemel ihn auf, „wir gehen zum Delphin!"
„Ich gehe nicht mit", antwortete Schwan, schlug einen anderen Weg ein und eilte zu Adelaide von Sint-Ian, um ihr seine düstere Ahnung mitzuteilcn ...
Als alle weg waren, rief Pirruhn die Magd.
Mit den mageren Händen auf dem flachen Bauch trat sie in die Türöffnung.
„Geh spazieren, Kato!"
„Herr Notar, ich bin gerade beim Geschirrspülen."
„Geh spazieren, sage ich!"
„Soll ich alles stehen und liegen lassen?"
„Wenn du nicht bald weg bist, enterb ich dich ..rief Pirruhn rot wie ein Krebs.
Als auch Kato weggegangen war, schrieb er den Abschiedsbrief für Anna-Marie.
Der Abschied.
Da ließ Pirruhn die Fenstervorhänge herunter, zog die Gardinen zu und zündete aus den silbernen Armleuchtern des Kamins die Kerzen an.
Dann pfiff er Putiphar heran; der stolze Vogel trat in die Stube und pickte nach Pirruhns dicken Händen.
Pirruhn setzte sich auf einen Stuhl, und der Pfau legte den kleinen Kops auf seine Knie. Er streichelte mit den Händen über das seidene Gold seines Halses. „Bester Junge", sagte Pirruhn in ernstem, ruhigem Ton wie zu einem Menschen: „Jetzt werde ich dich verlassen. Für mich bleibt nun nichts weiter übrig, als In aller Frühe, ohne Sang und Klang aus den Friedhof geschafft zu werden. Weißt du, warum? Ja, du weiht es. Siehst du, Putiphar, ich hatte gedacht, daß ich in diesem Jahr heiraten würde. Sie hatte mir sa so viel Hoffnung gemacht, und dann hättest du aus ihrer kleinen, zarten Hand Körner fressen können; und ich bin überzeugt, daß du sie bald genau so liebgewonnen hättest wie mich. Aber das ist nun nicht so, Putiphar, sie will dir keine Körner geben, sie will meinen Namen nicht tragen, und deshalb werde ich sterben.
Wer nicht haben kann, was er will, der soll nur sterben. Ich habe viel an dich gedacht, du bist mein kleiner Kamerad, nicht wahr? Was soll nun aus dir werden? Wirst du nicht traurig sein, wenn du mich nun nicht mehr siehst, wenn ich dich nie und nimmermehr streichle? Sieh mal an ..er versteht mich! ... er zwinkert mit seinen kleinen Kulleraugen! Aber du brauchst deshalb nicht zu sterben, Putiphar, deine Federn sind noch viel zu schön, aber ich habe meine Federn verloren. Kato wird dich pflegen und gut für dich sorgen. Nein, sei nicht traurig, lebe du nur weiter! Ich sterbe. Komm, geh spazieren ... du darfst das nicht sehen ... du würdest zu sehr erschrecken. Picke mir noch einmal in die Backen und geh dann! Ach, ich sehe dich so gerne durch den Garten gehen, du hast einen so stolzen Gang, als schrittest du hinter einer Musikkapelle."
Pirruhn ließ den Pfau gehen. Der stellte sich schräg in die offene Tür, in die Sonne; den Kops Pirruhn zugewendet, entfaltete er seinen herrlichen Schwanz, dessen sämtliche Federn zitterten, beladen mit Farbe und rauschendem, glänzendem Gold.
„Schön, Putiphar", lachte Pirruhn. „Ich verstehe deine Streiche. Sieh mal her, meinst du, wie schön ich bin, und doch willst du mich verlassen. Aber es muß fein, Putiphar, oder möchtest du, daß ich nun abmagern sollte, so daß nur noch Haut und Knochen übrig bleiben? Komm, komm, geh jetzt in den Garten!"
Pirruhn schloß die Tür und zog die Gardinen zu. Nun herrschte ein honigweiches Licht in der Stube, worin die Kerzen ganz feierlich wirkten.
Im ganzen Hause war es mäuschenstill.
Aus einem geheimen Schubfach seines Schreibtisches, wo auch fein Tagebuch lag, holte Pirruhn eine schwere Pistole zum Vorschein, die »r heute morgen geladen hatte.
(Fortsetzung folgt)
Zug der Sommegefallenen.
Von Rudolf Kreutzer*.
Im Erntemond am Barthelstag Da geistert es um Busch und Hag.
Die Toten gehn im Sommetal
Von Maurepas, von Longqueval.
Sucht jeder sich den Nebenmann Und schließt sich stumm dem Zuge an.
Der Nebel steigt, der Mond kommt weiß, Die leeren Aermel flattern leis.
Sie schau'n einander ins Gesicht Und lächeln still und keiner spricht.
Und keiner fehlt, sind alle da Don Longqueval, von Maurepas.
Sie sehn, wo einst der Graben war, Jetzt Felder stehn schon Jahr um Jahr.
Und Garben, hochgetürmt und dicht. Die schimmern reif im Mondenlicht.
Und da, wo einstens floß ihr Blut, Weht purpurrot des Mohnes Glut.
Sie sitzen stumm in Halm und Dorn, Im Winde weht der Dust vom Korn.
Die Aehren wägend in der Hand
Denkt jeder an das Vaterland:
„Jetzt bringen sie die Ernte ein, Die Toten segnen Brot und Wein."
Peter, der Sohn.
Don Karl Heinrich Waggerl.
Laßt ein wenig Zeit verstreichen. Laßt auch den kleinen Peter die ersten Hosen zerreißen, sie sind aus rotem Flanell und nicht für die Ewigkeit gemacht. Peter geht auf wie ein Krapfen, besonders aber in die Breite, rund und braun ist er und immer gut aufgelegt.
Simon arbeitet unten auf der Halde, da kommt etwas durch das Weizenfeld gerollt, ein Kürbis, ein roter Käse. Simon fängt es auf, das ist Peter. Er klettert oben auf den Zaun und rollt durch den ganzen Weizen, das macht ihm gar nichts.
Der kleine Peter geht umher und schaut sich alles an. Er ist schon jetzt, auf Kindesbeinen, so genau und gründlich wie sein Dater. Einmal kommt er grün bemalt in die Stube — da war es Kuhmist, was er untersuchte. Regina hat keine ruhige Stunde mehr, aber Peter ist Immer unterwegs unb fürchtet nichts. Es gibt fpitze und stumpfe Dinge, kalte und warme, solche, die sich rühren unb bie zwicken, wie Käfer unb Ameisen, unb anbere, bie gut anzugreifen finb, wie Hühnereier unb Kuhfchwänze. Er reicht mit den Händen schon auf den Tisch, ehe er ein paar Worte reden lernt; so klug und geschickt ist er nicht wie der Bruder, der wenig älter war, als er schon zählen und bas Herrngebet sprechen konnte. Nein, er ist wohl ein bißchen vernagelt, bumm, um es gerabe heraus zu sagen. „Ich weiß nicht", meint Regina, „wem er nun eigentlich nachgerät." Unb bas Ist wirklich nicht so leicht zu entscheiben. Er hat bunkelblonbe Haare wie Simon, ehe sie grau würben, unb eine kleine runbe Nase gleich seiner Mutter, nur baß sie bei ihm stänbig feucht ist unb glänzt wie bie eines Jagbhunbes.
Was nun den Derstanb betrifft, barüber will Regina nichts weiter sagen, aber (ebenfalls ist es merkwürbig, daß Peter eines Tages auf allen Bieren über die Wiese kroch unb im Begriff war, Gras zu fressen. Ja, er ftanb lange bort, Stern war es, bie er so eingehend betrachtete. Sie schob das Maul über den Boden hin und verschlang ganze Büschel von dem saftigen Futter, es war offenbar, daß es ihr schmeckte. Nun, unb bann versuchte es Peter eben auch, er fand vielleicht noch keinen so großen Unterschied zwischen einer Kuh und einem Menschen, was das Futter anbelangt. Aber darüber ist nun sogar Simon ein wenig betroffen — seht ihr wohl, ein Kind, das Gras ftißt! Uebrigens macht sich Peter das nicht zur Gewohnheit, er tut es einmal, und bann weih er, was bavon zu halten ist. Das ist sein Grunbsatz. Er zerlegt auch einen Regenwurm, unb bann jagt er bie Hühner, um zu sehen, wie hoch sie fliegen können — Gut unb Böse unterscheibet er noch nicht in seiner grausamen Unschulb. Trotzbem liebt Peter bie Tiere, er hat selbst einen Stall auf bem Anger, sechs Tannenzapfenkühe unb einen Zirbenstier. Er pflegt sein Vieh unb füttert es zur rechten Zeit, ber Stier ist sehr wilb. Oh, er läuft hinter bas Haus, auf bie Tenne unb schleppt eine Sense heraus, um Futter zu mähen. Das kostet eine Zehe unb sehr viel Blut, bie (Erfahrung, wie scharf unb gefährlich eine Sense ist. Ader er bekommt einen großen Verband an seinen Fuß, es tut bitter weh, sich daran zu stoßen, unb biefer Verband, dieser yanze geheimnisvolle Borgang an seiner heilenden Zehe entschädigt ihn wieder.
Es sind köstliche Tage für Peter. Er wacht am Morgen auf, unb sogleich findet er etwas im Brunnen, einen Wasferkäser. Peter taucht seinen Aermel bis zur Schulter hinein, aber den Käser kann er doch nicht fangen. Dann
* Dieses Gedicht entnehmen wir mit Erlaubnis des Berlages Albert LangewGeorg Müller in München dem Okkoberhest der Zeitschrift „Das Inner« T*"


