GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1956
Zreitag. den 2. Oktober
Nummer 76
FELIX TIMMERMANS
Die Delphine
EINE GESCHICHTE AUS DER GUTEN ALTEN ZEIT
Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens /Insel-Verlag Leipzig
12. Fortsetzung.
Die Magd reichte ihnen die Münzen. Gierig streckten sie alle Zugleich ihre greifenden Hände aus, es gab ein Drängen und Schimpfen wie unter wilden Raubtieren, die gefüttert werden.
Anna-Marie konnte kein Mitleid mit ihnen fühlen. Ihr eigenes Los schien ihr weit schwerer zu sein. Zwar kannten sie leere Magen, das drückende Elend von Kälte und Hunger, aber ihre Seelen waren rauh und abgestumpft, nicht von der Verzweiflung zerrissen, nicht von Sehnsucht und ständigem Gram zermürbt. Sie kannten nicht den Jammer eines quälenden Gewissens. Sie lebten einfach und plump in den Tag hinein, ohne sich Gedanken zu machen, nahmen, was sie kriegen konnten, und schraken nicht vor Gewalt zurück, ohne seelisch darunter zu leiden. Sie freuten sich über ein Stück Brot und einen groben Scherz und hatten keine Ahnung von verbotener Liebe, die das Herz tötet und den Tod herbeisehnen läßt. „Ihnen kann mit Geld geholfen werden", dachte sie, „mir nicht."
Sie sah den Bettlern nach, die sich entfernten, und beneidete sie um die Einfalt und die dumpfe Ruhe ihres Geistes.
Da kam Joo Pastor.
Diese Frau konnte die Zukunft deuten, sie hatte einmal zu Livinus gesagt: „Eine Frau mit schwarzen Haaren wird dem Rad Ihres Lebens eine andere Richtung geben."
„Frau ...", sagte sie zögernd.
„Gnädige Frau?", sagte Joo Pastor, bereit, ihr zuzuhören, während sie mit ihren knochigen Fingern die Münze von der Türschwelle auslas.
„Können Sie die Zukunft voraussagen?"
Da nahm das dürre Weib die Hand Anna-Maries, aber sie ließ sie gleich wieder fallen.
„Sie haben keine", sagte sie trocken.
„Was"
„Eine Zukunft."
Mit elastischen Schritten entfernte sich die hagere Gestalt.
„Gott sei Dank! ich habe es doch gewußt", sagte Anna-Marie, und sie mußte sich an der Türklinke festhalten, um nicht umzufallen.
Eine Todesanzeige.
Ein Totenbitter mit hohem Hut brachte mit gemessener Würde jedem der Delphine, Anna-Marie und Grain d'Or ein eigenhändiges Schreiben Pirruhns.
Pirruhn hatte sich seit fünf Tagen nirgends blicken lassen, und jetzt schrieb er: .
„Ich lade hiermit höflichst ein, morgen nachmittag um 1 Uhr in meinem Hause meiner Totenfeier beiwohnen zu wollen. Musikinstrumente bitte ich mitzubringen. Ende gegen 6 Uhr. Letzte Grüße Pirruhn."
. Der Leichenschmaus.
Alle geladenen Gäste waren erschienen, mit Ausnahme von Anna- Marie, die sich hotte entschuldigen lassen. Die Uhr stand noch immer still auf ein Viertel nach sieben, und über Pirruhns Bild hing ein Handtuch.
Pirruhn saß in der Mitte der Festtafel, in seinem schwarzen Beerdigungsanzug, zum erstenmal in Schwarz seit seiner Erstkommunion.
Die Delphine, und sogar Grain b’Dr, hatten sich dahin verständigt, zum Scherz ebenfalls schwarz zu erscheinen, denn sie waren überzeugt, daß Pirruhn sie zum beste» halten wollte. Die Männer trugen ein weißes Halstuch und hatten einen Trauerflor um ihre Hüte gelegt. Grain d'Or hatte nichts Buntes an sich und putzte sich die Nase in einem weißen Taschentuch mit schwarzen Punkten.
Alle waren der Meinung, daß Pirruhn au? Aberglauben so handelte, in der Hoffnung, daß er. indem er seinen Leichenschmaus jetzt feierte, noch lange leben würde. Aber jeder wunderte sich, daß Adelaide nicht zu den Gästen zählte und für sie auch nicht gedeckt war. Als Corenhemel nach ihr fragte, antwortete Pirruhn: „Wer ist das ..."
Sie konnten nicht klug daraus werden, dachten auch weiter nicht darüber nach, da ja jeder mit seinen eigenen Gedanken vollauf beschäftigt
war; nur Schwan kam die Sache verdächtig vor, und er betrachtete mit ernsten, traurigen Augen seinen Freund Pirruhn, der sich benahm wie immer in seiner kurzen, derben Art, die jedoch eine große Herzensgute verriet. Er forderte seine Gäste auf zu spielen und zu singen, das weiche Kalbfleisch mit Blumenkohl, worüber eine dicke, goldgelbe Eiersauce gegossen war, nicht zu verachten; er pries den zarten braungebackenen Flußfisch aus den Ardennen und den Kopfsalat, sand viele lobende Worte für die kalten Hühner in gelbem Gelee, wozu es geschmorte rote Kirschen gab, bat Kuckuck ein Gedicht zu machen auf den Reis mit eingemachten Aprikosen, die so angenehm durch die Kehle rutschten, und wußte dem roten Wein aus dem sonnigen Frankreich ein so herrliches Loblied zu singen, daß Van de Rast, der König der Schlemmer, befürchtete, seinen Titel ein- zubühen. Dieser Freund des guten Essens hatte beute nicht gefrühstückt, um sich den Appetit nicht zu verderben, und er freute sich, daß die beiden adligen Damen nicht gekommen waren; jetzt fühlte er sich ungestört. Er hatte seinen Kragen und seinen Frack ausgezogen und aß mit vollen Backen. Er hatte keine Zeit zum Reden, ließ die blutroten Fleischscheiben auf seinen Teller rutschen, goß viel Sauce darüber und spülte den Wein wie in ein bodenloses Faß hinunter. Er schwitzte vor angenehmer Auf-, regung und warf zwischendurch forschende Blicke in der Richtung nach der Küche, ob nicht bald neues Essen käme.
Der reichliche Weingenuß brachte auch Livinus in gute Stimmung. Er wurde ganz weich davon und erfaßte Grain d'Ors Hand; das Mädchen freute sich sehr, weil sie glaubte, daß die matt gewordene Liebe neue Kraft gewinne.
Kuckuck nahm zwischen jedem Gericht die Mandoline auf die Knie und sang neue Liebeslieder auf ein junges Mädchen, das [eine Liebe nicht erwiderte, ober er rief scherzend zu Pirruhn: „Iß dir den Bauch noch einmal ordentlich voll und mache viel, viel Essig an deinen Salat, dann bleiben dir die Würmer vom Leibe!"
Corenhemel saß meistens in Gedanken versunken da; Schwan hatte ihn in den letzten Tagen öfters am Aermel zupfen müssen, weil er so niedergeschlagen aussah; ein Seufzer und eine nichtssagende Redensart waren dann seine einzige Antwort. Pirruhn, der ihn saft seit einer Woche nicht mehr gesehen hatte, war angenehm überrascht. „Es freut mich" rief Pirruhn ihm zu, „daß ich dich vor meinem Tode noch einmal mit einer traurigen Miene sehe. Das steht dir ausgezeichnet. Du wirst wieder ein echter Delphin. Willst du mir einen letzten Wunsch erfüllen? Ja! Sinq dann noch einmal das Lied von Katinka!"
,®em!" sagte Corenhemel plötzlich begeistert. Ein schönes Lächeln umspielte feine Lippen. Kuckuck setzte sich ans Spinett, und Corenhemel sang das eintönige wehmütige Lied. Ja, das brauchte er. Das Lied war für ihn, was die Honigblüten den Bienen find. Seine Seele fand Trost darin, und angenehmer als alles, was er in der letzten Zeit erlebt hatte, war die zärtliche Wehmut, mit der ihn dieses Lied erfüllte.
Das kleine russische Mädchen, mit dem weißen Kopftuch um das runde, träumende Gesicht, hatte für ihn wieder ihren ganzen lockenden Zauber. Er empfand von neuem die Macht, den Reiz ihrer wilden, sonnigen, blinden Liebe. Schon lange wühlte sie sehnsüchtig in ihm, durch die Liebe für Anna-Marie hindurch, die nun allmählich verlöschte wie eine Lampe in der Morgendämmerung. Anna-Marie gab ihm nicht das, was er brauchte. Es war eine Betäubung gewesen, und jetzt loderte fein Herz in hellen Flammen wieder auf für die unerreichbare Katinka.
Als der Sang zu Ende war, rief Pirruhn, in die Hände klatschend, äußerst froh und gerührt „Bravo!", weil Corenhemel nun wieder traurig war und stürmisches Temperament zeigte, aber vor allem, weil Anna- Marie nun von einer unschicklichen Liebe befreit und erlöst wurde, die Pirruhn ein stiller Dorn im Herzen gewesen war, seitdem er sie entdeckt hatte.
Er klopfte Corenhemel auf die Schulter: „Du bist wieder em Delphin! Deine Liebe gehört wieder den schönen Schemen. Du bist auferstanden, trinken wir auf deine Ostern! Jetzt kann ich ruhig sterben!"
„Simon! Simon!" mahnte Schwan mit trauriger Stimme, als er Pirruhn so leichtfertig über seinen Tod reden hörte.
Lioinius nahm sich vor, heute abend noch zu Anna-Marie zu gehen und ihr zu erzählen, was Corenhemel gesagt hatte. Er wußte sich vor Freude nicht zu halten, weil er nun die Möglichkeit sah, diese Liebe zu ersticken; im Bewußtsein seines Sieges fing er an zu trinken, ein Glas nach dem anderen.
Glucksend floß der Wein aus den verstaubten Flaschen, die Pirruhn für feine Hochzeit aufgehoben hatte. Das dunkle alte Getränk gab jedem allmählich eine fröhliche Laune. ..
Dann erhob sich Pirruhn, stemmte beide Fäuste auf den Tisch und hielt seine Grabrede: „Uebermorgen werde ich begraben sein, heute sterbe ich. Ich irre mich, ich brauche nicht mehr zu sterben, ich bin schon tot, mausetot. Ich brauche mich nur noch hinzulegen. Merkt euch das gut!
Mein Testament liegt dort in einem Briefumschlag unter dem Goldfischglas. Meine ganzen Besitztümer vermache ich Fräulein Adelaide von


