Vorfrühling.
Von Paul Heyse.
Stürme brausten über Nacht, Und die kahlen Wipfel troffen.
Frühe war mein Herz erwacht, Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.
Horch, ein traut geschwätz'ger Ton Dringt zu mir vom Wald hernieder.
Nisten in den Zweigen schon Die geliebten Amseln wieder?
Dort am Weg der weiße Streif — Zweifelnd frag' ich mein Gemüte: Ist's ein später Winterreif, Oder erste Schlehenblüte?
Don Carlos.
Von Eugen Siebert.
Die Härte, mit der der „allerkatholischste König" von Spanien, Philipp H„ seinen Sohn, den Jnfanten Don Carlos, in den Tod trieb ist ihm selbst von jenen Geschichtsschreibern verdacht worden, die dem König immerhin die „historische Mission" zuerkannten als Vollender und zugleich Gescheiterter des Absolutismus, der spanischen Unwersal- monarchie, zu gelten. Schiller hat Don Carlos zum Helden eines Stückes gemacht, das gänzlich unhistorisch Don Carlos als Mann der Aufklärung des ausgehenden 18. Jahrhunderts hinstellt und ihm bürgerlich-sentimentale Regungen andichtet, die wohl zur Schillerzeit tyeater- wirksam waren, aber heute lediglich der durch Rousseau bewirkten falschen Gesühlsmäßigkeit jener Zeit zuzuschreiben sind und uns unerträglich dünken Die Legende vom Kronprinzenlibsralismus eines Don Carlos wurde an Hand von Aktenstücken der Diplomatie zunächst durch Ranke angegriffen. Gegenüber der öffentlichen Anklage Wilhelms von Oranien, Philipp von Spanien habe zuerst seinen Sohn Don Carlos, dann die Königin Elisabeth von Valois ermordet, um Erzherzogin Anna, Tochter des Habsburgers Maximilian II., die Verlobte des Don Carlos, heiraten zu können, stützten sich diese Geschichtsschreiber auf die Diplomatenberichte und die amtliche spanische Version, Don Carlos sei iM Gefängnis infolge feiner Ausschweifungen und Unmäßigkeit gestorben. Die Schüler Rankes haben dann Don Carlos als schwachsinnig und gänzlich imbecil hmgestellt, vor allem W. Maurenbrecher, Philippson und Marcks, m neuerer Zeit der Wiener Historiker Büdinger. Ein Psychiater wie Theodor Meynert sprach von angeborenem pathologischen Schwachsinn, und die Härte des Vaters gegenüber dem Sohne wurde mit staatspolitischen Notwendigkeiten entschuldigt. Dennoch hätte diese Aktenforscher die Tatsache stutzig machen sollen, daß einmal Ranke dem Infanten ehrenwerte Züge zuschrieb und daß der Jnsant in Spanien nicht nur eine starke Partei im Volke hatte, sondern die mit den Geheimnissen des spanischen Hofes Vertrautesten die Partei des Prinzen nahmen, daß die Königin Elisabeth über seine Inhaftierung bitterlich weinte, fein Erzieher, der gelehrte und wackere Bischof Honorato Juan, ihn zu seinem Testamentsvollstrecker ernannte und selbst der spanische Hofgeschichtsschreiber Luis Cabrera de Cordova, der natürlich die Hofmeldung, der Jnfant sei eines natürlichen Todes gestorben, wiedergeben mußte, doch das spanische Volk beim Tode des Thronfolgers klagen läßt: „Leider seien Fürsten oft gegen ihre Nachfolger eifersüchtig, besonders, wenn sie Geist und Seelengröße besäßen". Daß der Infant geistreich war, wird oft bestätigt, und Don Carlos hat seinen Vater, der jede körperliche Anstrengung scheute, sehr bigott war und geradezu menschenscheu, der niemals reiste und dem Umgang mit seinen Dienern den mit Narren vorzog, sowie den Weibern sehr zugetan war, höchst witzig verspottet. Er ließ ein Buch voll weißer Blätter anfertiqen unter dem Titel: „Die großen Reisen des Königs Don Philipp . Das Buch enthielt aber nur: „Die Reise von Madrid nach dem Prado — vom Prado nach des Escorial — vom Escorial nach Aranjuez" und so fort; eine Satire, die den sich immer um seine Achse und nur um Madrid bewegenden König um so härter treffen muhte, als er immer wieder seine Reise in die aufrührerischen Niederlande ankündigte, alle Höfe dadurch in Bewegung brachte und sie doch niemals unternahm.
Der Gegensatz Philipps II. zu seinem Sohn war aber nicht nur der zweier Temperamente, sondern auch der zweier Anschauungen. Philipp II. hat die Kräite seines Landes verschwendet in ergebnislosem Kampf gegen den Protestantismus, vor allem gegen die Niederlande. Er wollte lieber über einen Friedhof, denn über die Niederlande voller Ketzer herrschen, er rüstete die große Armada gegen die protestantische Elisabeth von England aus, und der schweigsame, menschenverachtende, grausame Philipp II. war gegen Ende seiner Regierung sogar in Spanien, wo er die Inquisition den absolutistischen Zwecken dienstbar machte, so verhaßt, daß ein Altkastilianer wie der Jesuit Padre Antonio Crespo zum Statthalter der Niederlande Grasen Fuenzes sagen konnte, der Verfall des spanischen Volksgeistes und der spanischen Wohlfahrt sei dem despotischen Regierungs- system des Königs zuzuschreiben, das alle tüchtigen Männer mit Argwohn betrachtet und entmutigt hätte. Don Juan d ' A u st r i a , der Held von Lepanka. ein Halbbruder Philipps aus der Verbindung seines Vaters Karls V. mit der Barbara Blomberg aus Regensburg, hat sich über das "rnnkhaUe Mißtrauen des eigenbrötlerischen und finsteren Bruders in 'inen Briefen an feine Halbschwester Margarethe von Parma
der Jnsant gar nicht, „ron Gegenteil „sehr scharfsinnig'
ständig beklagt. Der König verfocht die Interessen des katholischen Glaubens und des absoluten spanischen Königtums mst einer Harte, bte über feine nächsten Angehörigen hinwegschntt, und ihr fiel auch sein Sohn zum Opfer.
Don Carlos wurde am 8. Juli 1545 dem König °°n seiner Gemahlin Maria von Portugal geboren. Die Königin starb >m> Wochenbett, und mit unziemlicher Hast heiratete der König dieiugendichE l i s ° b e t h von Valois, die sich im Escorial sehr unglücklich fühlte. Der Prinz erhielt eine gute Erziehung und mit 15 Jahren die Huldigung der Cortes als Thronfolger, eine Handlung, die der König gewiß nicht vorgenommen hätte, wenn der Prinz von Kindesbeinen an schwachsinnig gewesen wäre. Der Prinz war zwar leichtlebig, aber die Skandalgeschichten, die sich >n den Berichten der Diplomaten finden, werden fast von jebetn Hof berichtet, und König Philipp selbst trieb die Ausschweifungen nur mit größerer äußerer Würde. Im Alter von 22 Jahren war der Prinz schließlich so weit, daß er den König bitter haßte, denn dieser hatte chm nicht nur Die versprochene Statthalte'rschaft in den Niederlanden nicht gegeben sondern auch seine Heirat mit der Prinzessin Anna, der Tochter des deutschen Kaisers Maximilian II., erst hinausgezogert und dann vereitelt. Der Gegensatz des Prinzen entlud sich in heftigen Worten. Darauf lieh Der König den Prinzen in Gewahrsam nehmen, und nach kurzer Zeit kam die Kunde, daß er infolge Unmähigkeit am 24. Juli 1568, durch einen katholischen Priester absolviert, gestorben sei. Er soll nicht nur gewaltige Mengen von Eis verschluckt, sondern einen halben Ochsen auf einmal aufgegeffen haben. Die spanische Oefsentlichkeit munkelte von Mord die Gegner des Königs klagten ihn offen an. Die Königin Elisabeth starb im Oktober 1568, Philipp II. heiratete Anna — die Braut [eines Sohnes! Alles das spricht gegen den angeblichen Schwachsinn, ebenso Die Tatsache, daß sich bei Hose eine große Partei kluger Männer für den Prinzen gesammelt hatte.
Der Historiker an der Universität Wien, Professor Dr. Viktor Bi bl, hat bereits 1918 in seinem Werke „Der Tod des Don Carlos die Legende vom pathologischen angeborenen Schwachsinn des Don Carlos mit zureichenden Gründen bezweifelt. Er verweist darauf, daß em Schwachsinniger nach den Lehren der katholischen Kirche nicht die Sterbesakramente empfangen durfte. Weiter führt er an, daß wohlbeglaubigte Zeugnis e da ür varliegen, daß der Prinz im Vollbesitz ferner geistigen Kräfte war und daß nicht Ranke, aber seine Schüler bas Problem des Don Carlos buchstäblich auf ben Kopf gestellt hätten. Aus feinen eigenen Forschungen zum Carlos-Problem veröffentlicht er aber folgendes Material- Kaiser Maximilian, bessen Lieblingstochter ben spanischen Jnfanten heiraten sollte, sagte einem venezianischen Gesandten mehrere Male- „Verrückt ist er nicht!", benn er habe Mittel und Wege gesunden, ihn sehr genau beobachten zu lassen. Sein Gesandter Adam von D i e t r i ch st e i n stellte in Madrid fest, daß der Jnfant gar nicht, „wie man vorgegeben", schwachsinnig, sondern im Gegenteil „sehr scharssinmg ei. Weiter wird ein Schreiben des sehr gelehrten Freundes von Don Carlos, des Dr. Hernan Suarez, vom März 1567 angeführt, in dem es heißt: „Was wird die Welt dazu sagen, wenn sie erfährt, baß Eure Hoheit gar nicht beichtet unb sich noch anderer schrecklicher Dinge schuldig macht, die bei jedem anderen Anlaß geben würde zu einer Untersuchung von feiten des Heiligen Offiziums (der Inquisition), ob Du ein Christ seiest oder nicht."
Professor Bibl bezeugt aus seiner Kenntnis der einschlägigen Akten, daß in aller Welt, auch am Kaiserhofe in Wien, davon gesprochen wurde, Don Carlos sei im Auftrag der Inquisition als Ketzer verhaftet worden. Er führt die Annalen des Bischofs Franz F o r g a ch an, der als Kanzler in Wien eine hohe Stellung bekleidete. Auch dieser behauptet, der Jnfant sei als Ketzer auf Veranlassung der Inquisition gerichtet worden. „Das bestätigt , setzt er hinzu, „die Ursache des Todes, bau er ketzerische Bücher las unb mit ben französischen Protestanten und den Niederländern in Verbindung stand. Wir sind in der Zeit der Gefangenschaft des Jnfanten in Genua dem spanischen Oberkommissär des Benediktinerordens begegnet, der aus Rom nach Spanien zurückreiste. Wir haben viel miteinander gesprochen, und er behauptete, vom Papste (Pius V.) den Auftrag erhalten zu haben, dem König zu sagen, er dürfe Don Carlos nie frei lassen, denn wenn er es täte, wäre es um die römische Kirche geschehen. Dieser gelehrte und hochangesehene Mönch versicherte mich eidlich, daß der Jnsant nie mehr frei wird, denn da er eine geheime Mission vom Papste erhielt, Zerfuhr er von ihm, wie ' der König seinem Sohn gegenüber gesinnt ist."
Und schließlich fand der französische Diplomat Graf M i o t de M e l i t o im Juli 1812 bei Besichtigung des Sarkophages des Jnfanten, daß der Kopf vom Körper abgetrennt, wie er ausdrücklich sagt: „abgeschnitten" sei. Das bestätigt Die Aussage des Herzogs von Saint Simon, der im Jahre 1721 in diplomatischer Mission in Spanien weilte, er habe mit einem Mönch einen Wortwechsel über Don Carlos gehabt unb barauf hingewiesen, er (ei enthauptet worben, wie er von Herrn de Louville als Augenzeugen erfahren habe. Darauf habe ber Mönch gereizt erwidert, der Jnfant habe dieses Ende wohl verdient und übrigens hätte der Bater die Ermächtigung zur Hinrichtung vom Papste erhalten.
Der Geheimnisse des Escorial, jenes Riesenschlosses, sind zahlreiche.
Aber die Tragödie des Don Carlos ist vielleicht die furchtbarste, weil der kalten Staatsräson des Herrschers der Sohn geopfert wurde. Wenn damals keine der Hafparkeien an den Wahnsinn des Kronprinzen glaubte, der nachher erst konstruiert und von den Historikern für authentischer gehalten wurde als die Zeugnisse der Mitlebenden, dann gibt es nur eine Erklärung: daß der Thronfolger die Politik nicht nur seines Vaters, sondern auch der Kirche zu durchkreuzen geneigt war. Und das war „Ketzerei" im weitesten Sinne, auf die nur eine Strafe stand.
erantwortlich: vr. Hans Thyrivt. — Druck und Der lag: Drühl'fche UniversttätS-Buch» und Eteindr ackeret. R. Lange, Gießen.


