Ausgabe 
2.3.1936
 
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Ständchen.

Von Theodor Körner.

Alles wiegt die stille Nacht Tief in fußen Schlummer;

Nur der Liebe Sehnsucht wacht Und der Liebe Kummer.

Mich umschleichen bandensrei Nächtliche Gespenster;

Doch ich harre still und treu Unter deinem Fenster.

Holdes Mädchen,, hörst du mich? Willst du länger säumen?

Oder wiegt der Schlummer dich Schon in süßen Träumen?

Nein, du bist gewiß noch wach;

Hinter Fenstergittern

Seh' ich ja im Schlasgemach Noch das Lämpchen zittern.

Ach, so blicke, süßes Kind, Aus dem Fenster niederl

Leise wie der Abendwind

Flüstern meine Lieder, Doch verständlich sollen sie

Meine Sehnsucht klagen

Und mit sanfter Harmonie Dir:Ich liebe!" sogen.

Was die treue Liebe spricht. Wird die Liebe hören.

Aber länger darf ich nicht Deine Ruhe stören.

Schlummre, bis der Tag erwacht, In dem warmen Stübchen.

Drum, seins Liebchen, gute Nacht, Gute Nacht, seins Liebchen!

Das Lied.

Eine Geschichte von Karl Vurkert.

Unser Dorf lag tief in den Wäldern. Keine Poststraße lief dorthin, an eine Eisenbahnschiene schon gar nicht zu denken. Genau ein Dutzend Bauernhöfe gab es da und etwa ebenso viele Häuschen. Wir hatten eine Schule, eine Kirche. Wir hatten einen Hufschmied, einen Flick­schuster, einen Dorshirien. Sonst war noch ein kleiner Kramladen vor­handen, darinnen es jahrein, jahraus aufdringlich nach Erdöl und Seife roch und wo man, waren diese Dinge nicht gerade ausgegangen, auch Schwefelhölzer und Zichorie, Hutzucker und feuchtes Salz, weiter Tabak, vielleicht sogar Peitschenstecken, einen Kälberstrick bekommen konnte. Alles andere, was der Mensch außerdem brauchte, gab es hier nicht, war erst wieder in der nächsten Landstadt zu haben. Dritthalb Fuß­stunden war diese entfernt.

Ein altes Botenweib war viele Jahre hindurch zwischen Dorf und Stadt hin und her gelaufen; aber als sie sich dann eines Tages zum Sterben hinlegte, fand sich niemand mehr, der den langen Weg um die paar Rappen Verdienst hätte machen mögen. Glücklicherweise war ich damals schon so weit voran, daß man in manchen Stücken auf mich zählen konnte. Nein, da brauchte man keine Sorge zu haben! Was die Schlubcnkäthel mit ihren siebzig Jahren noch gekonnt hatte, das sollte mir doch nicht schwerfallen. Ich würde es vielleicht noch flinker können. Meine Mutter sah das bald ein. So oft sie nun etwas nötig hotte im Haushalt, schrieb sie es auf einen Zettel zusammen, steckte ihn mir in die Hand, und ich machte mich damit auf die Beine. Der Weg zur Stadt führte meist durch Wald. Es war eine rauhe Fahrstraße vorhanden, die einen großen Vogen schlug und von den Fußgängern deshalb ge­mieden wurde. Und es war da ein schmaler Jägerpfad, der lief, einen Büchsenschuß seitwärts davon, ganz verschwiegen im Gehölz; lief, obschon mit manchen sanften Schlängelungen, immerzu stracks seinem Ziel ent­gegen, und für mich war dieser Pfad allzeit voll Poesie. Da duftete im Mai der Atem der jungen Birken, da gleißten im Spätsommer die reifen Brombeeren an ihrem Dorn und wob die blühende Heide ihren pur­purnen Traum. Da schritt man über heiße Sandblößen, darein die graue Vorzeit glatte, glänzende Kiesel gesät hatte. Da schwirrten rot­flügelige Schnarrheuschrecken, verhuschten grünschillernde Eidechsen. Da sah man zierliche Vogeltritte und saubere Wildfährten im frischen Schnee. Da hörte man den Kuckuck aus den Tiefen des Waldes rufen, die Elstern schimpfen, den Häher krätschen. Da hörte man die Drossel schluchzen, so süß, so sehnsuchtsvoll, daß einem ganz weh dabei wurde.

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Psad geschritten bin; aber ich weiß, daß er mir meist nur freundliche Bilder zeigte, nur schöne und frohe Gedanken in mir aufweckte. Aber einmal es war im ersten Früh­ling hat er mich doch sehr erschreckt. Ich hatte diesmal einen be­sonders langen Zettel mitbekommen und es stand auch die Taschenuhr meines Vaters darauf. Der Uhrmacher, als ich sie abholen kam, hatte sie noch nicht fertig.In einer halben Stunde!", sagte er. Also in einer halben Stunde.

So eine halbe Stunde zu Sommerszeiten, das hätte nicht viel zu bedeuten gehabt. Im April ist das wieder anders. Da sind die Tage noch schmal. Eh' man sich umsieht, ist das Licht fort. Und als ich hernach mitten im Wald war, da fing es schon an zu dunkeln.

Nun war es ja nicht das erste Mal, daß ich um diese Zeit meinen Weg ging. Was sollte mir das viel ausmachen? Jeder Busch, jeder Baum war mir vertraut, jede Tierstimme kannte ich, jedes Geräusch wußte ich mir zu deuten. Noch nie war mir etwas Ungerades be­gegnet. Auch sonst war seit Menschengedenken nichts vorgekommen. Wir lagen weit abseits von den großen Straßen, auf denen die Handwerks­burschen zogen und vielleicht verdächtige, gefährliche Leute. Unsere Gegend galt durchaus für sicher. So machte ich mir auch keine über­flüssigen Gedanken. Leichtfüßig wie immer lief ich dahin. Vielleicht noch ein kleines flinker denn sonst, aber sicher nicht getrieben von einer Angst. Einmal blieb ich sogar auf ein paar Augenblicke stehen, hörte auf ein Rotbrüstchen, das, vor einem Stück blaßgrünen Himmels, zuoberst auf einer jungen Fichte faß und, fchon ganz traumumfangen, fein schmelzenden Ströphlein in den Abend versang.

Plötzlich fuhr ich zusammen. Mit einem Male hörte ich ein Knacken und Knastern von Zweigen, hörte ein Poltern wie von vielen Husen, und eh' ich denken konnte, was und wie, jagte ein Sprung Rehwild, dicht vor mir, in hohen Fluchten über den Pfad, rauschte hinein ins Unterholz.

Das kam mir nun sonderbar vor. Ein Fuchs?, fragte ich mich. Nein, das konnte es nicht geben. Von einem Fuchs läßt sich das Altreh, noch dazu ein ganzes Rudel, nicht jagen. Da mußte ein Mensch um den Weg fein. Aber wo sollte da jetzt ein Mensch Herkommen? Holz wurde zur Zeit in dieser Waldlage keines geschlagen, und wer anders hatte noch weniger hier etwas zu suchen.

Eine leise Unruhe befiel mich. Das ist nicht recht geheuer, denk' ich. Aber nur zu! In einem dunklen Gefühl, als wäre ich hier unsicher, fetzte ich meinen Weg fort. Ich äugte dabei, bald nach hüben, bald nach drüben, in die Schläge hinein, spähte ein paarmal hinter mich, doch konnte ich nichts Absonderliches entdecken.

Plötzlich schlug ein Schrecken in mich. Wie gelähmt an allen Gliedern blieb ich halten, starrte mit weiten Augen. Dort, zwischen den Stämmen, mußte sich etwas bewegt haben. Jetzt stand es still, duckte sich, als wollte es sich verbergen. Die Sonne war eben am Niedergehen, durchfunkelte den Wald. Ich erkannte, daß dort ein Mensch war. Er schien mir in einem sonderbar grauen Gewand zu stecken, schien barhäuptig zu gehen. Aber wer konnte das fein? Und weswegen ist er fo heimlig, wollte sich vor mir nicht blicken lassen?

Ich spürte, wie mir kalt wurde. Ein Schauder lief mir über den Rücken. Ich ahnte, ich war in Not. Aber was sollte ich anfangen? Um Hilfe schreien? Wer könnte mich hier hören? Rennen, was ich rennen konnte? Der Mensch dort würde mich gewiß einholen, müde, wie ich schon war! Ein ganz bestimmtes Gefühl sagte mir, daß dieses und jenes verkehrt wäre. Also am besten weitergehen und gar nicht dergleichen tun. Sich geben, als ob man nichts bemerkt hätte. Und nur jetzt keine Furcht gezeigt! Nichts Schlimmeres in diesem Augenblick als Furcht. Ein Lied gepfiffen, holla, schieß los, ein frisches, tapfer klingendes Lied. Aber welches? Wie roärs mit:Der gute Kamerad"? ... Oder nein, vielleicht doch lieber was Frommes. Solch ein starkes Gefangbuchlied. Wenn dir nur gleich das richtige einfiele. Diese Gedanken brodelten mir siedendheiß durch den Kops, indes ich nun wieder dahinschritt. Dabei kroch es mir eiskalt übers Herz. Ich hatte ein Gefühl von menschlicher Verlassenheit in mir, wie noch nie in meinem Leben. Es gespensterte so seltsam um mich, die Büsche, die Bäume bekamen eine so drohende Ge­stalt, der ganze Wald war auf einmal voll böser Geister. Und das Dorf noch so weit, fo weit!Du bist steinallein, sternverlassen!" schrie es in mir. Und ganz umsonst horchte ich auf eine tröstende Antwort. Der Hauch in den Zweigen trug mir keine Menschenstimme her, nicht einmal den Laut eines Hundes.

Ich ging nicht rascher als zuvor, nicht langsamer, aber ich ging mit zitternden Beinen. Wie gänzlich unbekümmert ging ich meines Wegs. Aber dabei hatte ich doch fortwährend meine Augen verstohlen auf allen Seiten. Das Blut schlug mir bis zum Halse. Pfeifen hatte ich vorhin gewollt, pfeifen! Warum tat ich es nicht? Aber dann auf ein­mal hatte ich es auf den Sippen. Anders kam mirs, als ich gewollt hatte: kein Pfeifen, nein, ich fang. Sang mit der weichen, dunklen Knabenstimme, die mir damals gegeben war. Freilich, der Ton wankte mir ein wenig. Immerhin, ich fang:lieb immer Treu' und Redlich­keit ...!" fo schwang es durch den schweigenden Wald.

Alle die Strophen jenes alten treuherzigen Liedes fang ich her­unter, und als ich damit am Ende war, begann ich's wieder von vorne. Mir war, in diesem Liede läge eine zauberhafte Kraft. Wie eine Him­melsmacht fühlte ich es mir zur Seite stehen. Eine Stärke wuchs in mir, als schritte mit mir ein Engel. Gar nicht mehr dachte ich, daß mir etwas geschehen könnte. Und es geschah auch nichts. Ungefährdet, noch vor dem völligen Zudunkeln, erreichte ich den beruhigenden Saum des Dorfes.

Etliche Tage hernach brachten die Zeitungen eine Notiz. Ein schwerer, oft vorbestrafter Verbrecher, hieß es da, vor kurzem aus dem Gefängnis entsprungen, habe sich gestern freiwillig wieder dem Gericht gestellt. Schon im Begriff, wieder eine neue Untat zu begehen, sei er wie er selbst angegeben durch den Zauber eines alten Liedes noch im letzten Augenblick von feinem schändlichen Vorhaben abgezogen worden.

So ähnlich war es damals in der Zeitung zu lesen. Auch von der Gegend, dem Lied mar noch besonders die Rede und von dem jungen Knaben, der durch eine glückliche Fügung einem furchtbaren Schicksal entronnen war.

Es war kein Zweifel, wer mit dem Knaben gemeint war. Erst jetzt wurde mir klar, in welcher Gefahr ich ahnungslos geschwebt hatte und erst jetzt fing mir richtig an zu grauen. Zum Glück wichen diese Schatten bald wieder von meiner Seele. Es blieb auch in der Folgezeit nichts davon in mir hangen. Mein gesunder, tagheller Bubengeist! Er hatte das bald wieder verwunden.