sind alle mißtrauisch: es ist eine Krankheit: wir belauern e ner den anderen. Wie durste ich diesen Mann für einen Mörder halten!
Sie sah ihn an, er saß jetzt schweigend da; seme Gesichtszuge arbeiteten; er dachte angestrengt über den Fall nach. Da wuchs ihre Be- schamung. er-,^ begann sie, und wahrscheinlich wußte sie genau genommen noch nicht, welches Geständnis folgen sollte, „ich muß Ihnen etwas sagen. Ich hatte einen ganz bestimmten Verdacht — und sie brach ab; es war wohl noch nicht möglich, hier die ganze Wahrheit zu *a92(6er Steuer schien schon von ihren Anfangsworten befriedigt. Er sah ihr groß in die Augen, eine Angelegenheit, deren Häufigkeit mit der berückenden Bläue des fremden Augenpaares im Zusammenhang stand und dann sagte er: . . . „
„Ich kann es mir denken; mir selbst ging es nicht viel anders
Das war ja nun ein verblüffender Satz, und Frau von Blmkburg hob sogleich den eben erst gesenkten Blick aufs neu«. Sie wollte schon den Kopf schütteln. Sie irren sich, mein Verdacht richtete sich gegen Sie selber — aber sie sprach die Worte nicht aus. Sie kam nicht dazu.
Steyer redete wieder.
, Als ich den Pfenningshof verließ, ging mir das alles wirr durch den Kopf. Ich schritt über die Heide allein mit meinen Gedanken. Wer hatte ein Interesse, unfern Geschäftsführer zu beseitigen? Während es anfangs so ausgesehen hatte, als könnten etwaige Feinde Alwiens nur aus seiner Vergangenheit aufstehen, erwies sich jetzt, daß er auch hier schon Gegner hatte. Der Professor war ihm zumindest nicht gewogen. Der Professor erwähnte einen Mord, obgleich alle Welt nur von einem Unglücksfall wußte. Und dann war da der Pächter auf dem Rügen Hoff, jener Glahn, den ich schon kennengelernt hatte. Er mochte Alwien gehaßt haben, denn Alwien stand ihm im Wege. Er war es gewesen, der den Toten aufgefunden hatte. Unser erstes Zusammentreffen war derart verlaufen, daß Glahn mir einen Schreck eingejagt hatte. Ich war des Gefühls nicht frei geworden: ein gesährlicher Mensch. Nicht so, daß er mir als ausgesprochener Raufbold und Schlagetot erschienen wäre, aber Sie wissen, man stößt zuweilen aus Menschen, und ein unbestimmtes Etwas im Blut warnt uns sofort. So war es mir mit Glahn ergangen.
Ich hatte Gelegenheit, dies Gefühl zu überprüfen. Es hielt nicht stand. Der Pächter Glahn erwies sich als ein recht freundlicher und vertrauenerweckender Mensch. Nun geriet meine Meinung wieder ins Wanken.
In solchen Gedanken versunken schritt ich querfeldein, aber ich achtete immer darauf, daß der Weg in Sicht blieb, denn ich wollte nicht allzu weit aus der Richtung kommen. Sehr weit war ich vom Gutshof noch nicht entfernt. Meine Hand in der Tasche hielt den Stein, mit dem der Mord ausgesührt worden war, umspannt. Er lag kühl zwischen meinen Fingern. Kühle tut not. Ruhe. Gedankenklarheit.
Ich hatte schon vor einiger Zeit gemerkt, daß schräg vom Wäldchen her sich ein Mann näherte, aber dem weiter keine Beachtung geschenkt —"
„Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche, Herr Steyer. Sie sagten. Sie trugen den Stein, mit dem aller Wahrscheinlichkeit der Mord geschah, in der Tasche?"
Steyer nickte.
„Gewiß", bestätigte er, und sah sich sichernd um, legte dann den faustgroßen Stein auf den Tisch vor Frau v. Blinkburg hin. „Dies ist er. Ich trage ihn stets bei mir. Ein wichtiges Beweisstück, das mir nicht abhanden kommen darf. — Die Blutspur ist unauslöschlich in das Gestein eingesogen. Sehen Sie?"
Frau v. Blinkburg schob schaudernd den Stein zurück.
„Entsetzlich. Damit schlug man den Unglückseligen nieder?" Steyer nahm dann den Stein wieder an sich.
„Dieser Stein in einer Faust schlug ihn nieder; ich habe sogorr seit kurzem eine ganz bestimmte Meinung, wer die Faust um diesen Mordstein ballte und sie hob und niederfallen ließ."
„Wer?"
Frau v. Blinkburg sah vorgebeugt. Ihre Augen glänzten.
„Jener Mann, der vom Walde herüberkam", antwortete Steyer. „Jener Mann, der in meine Gedanken hineingestapft kam als sei er gerufen, als wisse er, daß er in diesem Augenblick, wo ich sinnend durch die Heide schritt und noch suchte, eine Erklärung, eine Pointe bedeute/'
„Wer war der Mann? Eine neue unbekannte Person?"
„Im Gegenteil, ein alter Bekannter, Glahn kam vom Walde her auf mich zu! — Ich erkannte ihn bald ^md wartete. Das schien ihm angenehm, denn er beschleunigte seine Schritte noch mehr. Als er vor mir stand, lüftete er den grünlichen verschwitzten Filzhut.
Waren Sie bei dem Professor?
Ja, antwortete ich, wir haben uns eine Weile unterhalten.
So, er redet sonst nicht viel, der Alte.
Weil er niemanden hat, zu dem er sprechen kann; wir haben ein Thema gefunden, über das es sehr viel zu sagen gab.
So? Seine Mondrakete?
Nein. Der Mord an dem Geschäftsführer Alwien!
Glahn blieb stehen. Entweder war er ein sehr geschickter Schauspieler oder sein Schreck war groß und ehrlich. Sie reden von einem Mord? Die Behörde hat doch Unfall festgestellt!
Trotzdem bleibt es ein Mord!
Aber wie denn, ich meine, wie kamen Sie auf die Idee?
Es ist keine Idee mehr, es ist ein Wissen. Ich stand vor ihm; er war ein Stück größer als ich; trotzdem, als ich die Hand hob und mich reckte, als ich in der geballten Faust den Stein hochhob, als wollte ich zuschlagen, prallte er zurück. Was wollen Sie, Herr?
Nichts, als Ihnen demonstrieren, wie der Mord geschah.
Glahn war erblaßt. Er hatte sich wohl heftig erschrocken. Sie glauben, daß — Sie glauben an so etwas?
Ich nickte. Denken Sie sich, sagte ich, jemand trifft einen Nebenbuhler, den er schon längst beseitigt wissen möchte, in der Dunkelheit allein auf der Heide. Cs ist weit und breit kein Mensch sonst. Sie kommen ins
Gespräch. Der erste Mann versucht es noch einmal km Guten, er fordert den andern auf, das Mädchen fteizugeben. Er droht ihm, er ereifert sich. Der andere lacht ihn aus. Glauben Sie nicht, daß da dieser erste im überschäumenden Zorn, in der roten Wut einen Stein, diesen Stein hier, aufnimmt und zuschlägt... Ich kann mir das recht gut vorstellen.
Weiter sagte ich nichts, es war auch hohe Zeit, daß ich aushörte. Glahn reckte sich. Die Gelenke seines mächtigen Körpers knackten. Der Zustand, den ich eben beschrieben hatte, schien bei ihm einzutreten. Er sah Rot vor Augen, sein Atem kam stoßweise und fauchend, Herr!, rief er und faßte sich an die Kehle, als bekomme er keine Luft, Herr!: was reden Sie da! Ich habe den toten Mann gesunden! Ihre Worte — also das ist eine Insinuation!
Ich begriff, es war nicht klug gewesen, so rasch vorzugehen. Ich verstand auch — bitte spotten Sie nicht, Frau v. Blinkburg — daß es gefährlich wurde, jetzt mit Glahn allein über die Heide zu gehen. Und so blies sch eiligst zum Rückzug. Natürlich ist das Unsinn, rief ich, warum erregen Sie sich? Alwien ist gestürzt, das wissen wir alle.
Glahn sah mich lauernd an. Wir schritten weiter. Lange Zeit fiel kein Wort. Dann meinte er:
Wenn Sie diese Mordgeschichte herumerzählen, richten Sie Unheil an. Sind Sie sich darüber klar?
Ich werde diese Geschichte selbstredend niemanden erzählen; nur zu Ihnen habe ich davon gesprochen.
Sie sollten sie Herrn Psrundt erzählen!
Sein Blick streifte mich tückisch und zugleich mißtrauisch. Aber mein Gesicht schien ihn zu beruhigen.
Ich werde mich hüten, antwortete ich; es würde Ihre Person in ein schlechtes Licht bringen; man kann nicht vorsichttg genug sein; etwas bleibt immer hängen.
So ist es, sagte er. Und dann vorsichtig vortastend: Sie haben also die Dinge noch zu niemanden geäußert?
Zu niemanden!
Ich log, aber das war nötig.
Das Heidekraut wurde dünner. Nun hatte ich doch den Weg aus den Augen verloren. Aber Glahn war ja bei mir. Ganz in der Ferne sah ich auch noch den Pfenningshof, eckig, wie aus Bauklötzen getürmt, lag das Herrenhaus.
Ich wollte in das Hotel, sagte ich, und es war zugleich eine Frage nach dem Weg. Glahn nickte. Hinter dem Wald liegt es; wir kommen hier von der anderen Seite heran; es ist nicht mehr weit.
Dann redeten wir nichts mehr.
Der Boden war naß, er sog die Stiefel an sich und gab sie mit einem schmatzenden Ton wieder frei. Es ging sich nicht gut; es war auch mühselig. Ich wollte das zu dem Pächter äußern, ihm sagen, daß ich auf Wanderungen solcher Art nicht eingerichtet sei, aber da nahm er das Wort.
Gehen Sie links um den Busch dort herum, sagte er, da ist der Boden trockener.
Natürlich tat ich, wie er gesagt hatte. Der Busch war ein Erlen» strauch. Erlen wachsen am Wasser; zumindest brauchen sie viel Feuchtigkeit. Ich weiß nicht, weshalb ich das denken mußte. Vielleicht warnte mich eine Ahnung.
Ich trat vorsichtiger, trotzdem sanken meine Füße tiefer in den Morast ein als vorher. Von besserem Boden konnte gar keine Rede sein. Ich blieb stehen, blickte mich nach Glahn um. Und da sah ich ihn stillstehen, er war nicht weitergegangen. Sein Gesicht wies etwas Lauerndes, Gespanntes auf. Als er sah, daß ich mich umblickte, schritt er weiter.
Wir sind in den Sumpf geraten, rief er, bleiben Sie nicht auf der Stelle stehen, sonst sinken Sie zu tief ein. Rasch ausschreiten! Die Moorfläche kann hier nicht breit sein.
Ein schöner Trost! Bis zu den Knöcheln stand ich bereits im Schlamm. Ich zog mühsam den rechten Fuß heraus und wollte mich rückwärts wenden, da sank der linke um so tiefer ein. Gleichzeitig verlor ich das Gleichgewicht und fiel vornüber. Wollte ich nicht der Länge lang in den Morast fallen, mußte ich den rechten Fuß wieder vorsetzen. Ich tat es instinktiv, sank ein, glitt aus, kniete und fiel dann nach vorn. Im mußte an eine recht abschüssige Stelle des Morastes geraten sein. Die zwei Schritte, die mich mein Sturz nach vorn gebracht hatten, waren genug gewesen, mich bis zu den Hüsten einsinken zu lassen. Und auf solche Art stehend in dem kalten fiebrigen Schlamm, spürend, wie ich bei jeder Bewegung tiefer einsank, schrie ich gellend. Von allem Stolz verlassen, klägliche Kreatur in Not, rief ich den einzigen Menschen an, der helfen konnte.
Herr Glahn! Hilfe!! Glahn!!
Mein Blick reichte nicht weit. Büsche verdeckten die Sicht. Wo war denn Glahn. Er mußte doch meine Stimme hören. Kam er nicht sofort?
Stille. Wind rauschte im Gebüsch. Ein kleines Tier glitt platschend in sein Element. Stille. — Kein Menschenschritt.
Ein unbequemer Mitwisser wurde ausgelöscht, wurde rücksichtslos ersäuft wie eine junge Katze.
Noch einmal schrie ich: Glahn!
Keine Antwort. Aber die Ansttengungen, die diese Schreie erforderten, waren mit ungewollten Bewegungen verknüpft gewesen. Der Morast kroch höher an mir hoch. Ein Glucksen quoll auf; es war, als lache jemand dies ohnmächtige Menschenwesen aus."
Frau v. Blinkburg hielt die Hände gefaltet; so preßte sie die Finger, daß alles Blut daraus entwich.
„Guter Gott, wenn Sie nicht leibhaftig hier vor mir säßen", und sie starrte ihn tief erschreckt an.
„Dann würden Sie die Geschichte niemals zu hören bekommen haben. Das ist ganz gewiß."
Adalbert Steyer vermochte ein bißchen zu lächeln.
„Wie gelang es Ihnen aber, sich zu befreien? Oder kam am Ende doch noch unerwartet fremde Hilfe?"
Steyer schüttelte den Kopf.
lFortsetzung folgt.)


