Ausgabe 
30.12.1935
 
Einzelbild herunterladen

der heimlich zur Gartentüre hereinkommt, fühlte der Altgeselle seine Brezel mit jedem Tone älter und trockener werden.

Ja, Heinrich, der Hofbesitzer, hatte mit seinem Peitschenknallen die Türe zu Emmas Herzen aufgeschlagen, denn sie sah mit bewunderndem Blick diesem Freier gegenüber, der die Peitsche ebenso gut hand­haben konnte, wie das Messer, mit dem er jetzt auf den Braten em- säbelte. Wenn Emma sich unter einem Mann auch noch nicht viel vor­stellen konnte, das eine wußte sie, daß er sich den Teller vollpacken mußte wie ihr Pater.

Der kleine Kantor saß bescheidener vor seinem Teller, denn es wird ja leider Gottes den Küstern und Kantoren oft fälschlich nachgesagt, daß sie sich nur in fremden Häusern bei festlicher Gelegenheit satt essen können. Da es ihm aber daran lag, solchen Verdacht bei Emmas Eltern nicht aufkommen zu lassen, hatte er sich mit einer geringen Portion begnügt. Dem Altgesellen aber war der Appetit ganz und gar ver­gangen. Er kaute grimmig an seiner Gänsekeule.

Alle Anzeichen deuten daraus hin, daß Heinrich den Sieg davon­tragen wird, lieber seinem vollen Teller streicht er behaglich die Lob­preisungen seines Buntklappens ein, mit denen Meister Wilhelm nicht spart, denn er hat sich inzwischen überlegt, daß ein Ackerhof vor einer Nagelschmiede schon bestehen kann. Eigentlich ist alles schon in Ord­nung. Aber da hat sich der kleine Kantor erhoben und ist in den

Flur gegangen. Das Gespräch am Tisch ist so laut, daß man di« ersten

Töne nicht hört, die aus dem Hausflur hereindringen. Dann aber sagt

Emma auf einmal:Da pfeift wer." Nun horchen sie hin, und es

wird jetzt deutlich, daß es kein Pfeifen ist, sondern ein leises Flöten­spiel. Ja, der kleine Kantor steht draußen in der Finsternis und spielt quf seiner alten Flöte das Neujahrslied, daß Heinrich vorhin geklappt hat:Das alte Jahr vergangen ist ..."

Emma hat Messer und Gabel beiseite gelegt, ist aufgestanden und öffnet die Tür. Dieses Flötenspiel ist so süß, daß es das Mädchen von der Schwelle fortlockt, hinein in den dunklen Gang. An der Treppe Bi sie nun neben dem flötenden Kantor, so dicht, als fürchtete sie, ein Ton unerhört davonflüchten könnte.

"Die anderen sitzen schweigend am Tisch. Mutter Luise hat Tränen in den Augen, Meister Wilhelm brummt das Lied leise mit. Heinrich hat ein Weilchen mit offenem Munde zugehört. Dann sieht er, daß Emma in den Hausflur verschwunden ist, und weil ihn das ärgert, klappert er laut mit Messer und Gabel und schiebt sich ein Stück Braten in den Mund. Mutter Luise sieht ihn erschrocken an. Der Alt­geselle grinst, denn er fühlt, daß dem Herrn Heinrich die Felle wegzu­schwimmen beginnen.

Emma hat nicht das Klappern gehört. Sie muh sich an den kleinen Kantor lehnen, und während er sie leise an sich zieht, beginnt sie zu spüren, wessen Boten Brezel, Gans und Zuckerschwein eigentlich ge­wesen waren, und sie ist glücklich in dem Gefühl, den Richtigen gewählt zu haben.

Jahreswende.

Von Alfred Huggenberger

Gelassen reicht das alte Jahr Die welke Hand dem neuen dar; Das fühlte in seinem jungen Mut Sich für die Freundschaft fast zu gut.

Es gibt auf Wink und Lehren acht, Indes sein Aug verstohlen lacht: Was hast du Großes denn getan? Das pack' ich alles anders an!"

Von tausend Türmen dröhnt und klingt Das Lied des Ledens. Leise schwingt Die Hoffnung mit in mancher Brust, Die vom Verzicht und Leid gewußt.

Das alte Jahr geht still feldein. Auch mich umfloß der Glorienschein, Heut nimmt es nur der Weise wahr, Daß jeder Tag ein Wunder war." .

Vie heilige Könige.

Erzählung von Josef Martin Bauer.

Ich weiß noch--

Und die Nacht war so tief wie nach dem kaum noch eine Nacht, die Zeiten hatten keine Ruhe und die alten Leute redeten von großen Zeichen, die geschehen sollten der zitterigen Welt zum Schrecken und den Weisen zur Mahnung.

Da ritten in einer heiligen Nacht die heiligen Könige durch das Dorf. Ihre Gewänder waren die Gewänder von Bauern, und ich habe die Gesichter nicht gesehen, denn die großen Hüte warfen die Schatten der 9tad)t noch dunkler über die Gesichter, die manchmal bei der Rast ganz stillgestanden, dann vielleicht, wenn die Könige ausschauten nach dem Stern aus dem Morgenlande.

Der Wind, der siebenmal sieben Stunden geweint hatte, weil er auch die Aengste der Welt trug, war still geworden und die Nacht schwieg. Die Sterne standen starr, und draußen, wo der Wald sich gegen den mächtigen Himmel zeichnete, strich bellend ein Fuchs, irgendwo. Sein heiseres Bellen verlor sich. Dann kam der große Zug die Straße herauf mit den vielen Wagen und Pferden und den großen Männern in den bäuerlichen Gewändern.

Weil sie Könige waren, trugen sie größere Hüte als die anderen Menschen, und die Pferde hatten goldene Beschläge an den Geschirren. Zwei Knaben ich weiß noch traten ängstlich auf den kalten Boden der Schlafkammer. r m

Da drunten gehen Pferde und ein großer Wagenzug. Da drunten reden fremde Menschen immerzu, und sie müssen von weit Herkommen, denn sie reden anders als wir selbst, die Männer haben schwere Stimmen und die Frauen sprechen so, als würden die leichten Glocken geläutet. Du mußt mir auch Platz geben am Fenster. Rück ein klein wenig bloß! Friert dich auch?

Zwei Helle Gesichter schoben sich durch die Fensteröffnung und zwei schmale Körper beugten sich durch die Stangen: wer weih, was diese sonderbare Nacht bringen wird? Es ist so eigenartig da drunten, die fremden Männer schlagen mit den Fäusten an die Tür, sie werden viel­leicht etwas Furchtbares verlangen vom Vater.

Die Haustür ging auf und eine Frage klang schläfrig herauf. Das war der Vater und der Vater fragte sie, wieviel Brot sie haben müßten für die Reife. Er war doch Bäcker. Und die Mutter stand neben ihm, die Mutter war ihrer Lebtage reichlich einen Kopf kleiner als der Vater; die Mutter fragte ein wenig von unten her, ein wenig aus Angst vor dem sehr Großen und sehr Heiligen. Sie fragte, was sie in den Wasser­krug tun müsse. Die Pferde scharrten und zwei Knabenkärper schoben sich ganz weit durch die Fensterstangen, jetzt sahen die verwundert auf­gespannten Augen den Zug in seiner ganzen Größe, endlos war die Schar der Wagen, und hinter den Planwagen gingen in Paaren Kühe und Ochsen und kleine Spannstiere. Neben den Wagen aber liefen Hunde, und diese Hunde hatten das Wunder an sich wie Pferde, sie hatten grüne Augen, die durch die Nacht leuchteten.

Wie weit kommt ihr denn her? Das war der Vater, der fragte. Eben wurde es sehr laut im Zug, Frauen gaben in den Wagen an und die Tiere scharrten, weil vielleicht das kleine Dorf nicht nach ihrem Willen war. Der eine von den großen Männern stand auf der Straße beim Vater und er zeigte, als eben das mächtige Lärmen jede Rede zudeckte, über die Wiesen und Gräben und Zäune hinweg auf den Wald an der Sichtgrenze und auf das Leere dahinter, das vielleicht gleich hinter dem Wald begann und dort fein Ende hatte, wo die Männer und Wagen und Pferde zu Haufe waren.

Nun waren die Knaben ganz still und kein Ellbogen stieß mehr, um sich Platz zu schaffen, denn die Hand des fremden Mannes, der sich bäuerlich trug und doch ein König war. hatte weit gezeigt, in eine endlose Weite hinaus, von der niemand wußte, nur die Bücher vielleicht und der graue Vater, der manchmal davon redete, wie fremde Könige ausgezogen find einem hellen Stern nach. Da draußen war das Land, da draußen war der Stern aufgestiegen und hatte den Weg genommen. Pferde wieherten und Menschen richteten sich laut redend in den Wagen zum Schlafen zurecht, der eine König redete mit dem Vater und der Vater trug in einem großen Brotkorb die ganze Ware hinaus, die noch bagelegen roar. Er ging die Wagenreihe entlang und gab überall Brok hinein. Dann trat die Mutter durch die Tür, die hatte einen Krug mit Wasser, denn die Leute hatten viel Durst, weil sie aus einem heißen Land gekommen waren.

Essig verlangte eine Frau. Essig sollte die Mutter in das Wasser geben, das fei besser gegen den Durst. Die Nacht war kalt, und tue fremden Menschen verlangten zu trinken. Da lehnten zwei Knaben starr an den Fensterstangen und erschraken, weil bald hernach sich der Zug wieder in Bewegung setzte, weil das Große, das Absonderliche dieser Nacht verschwinden wollte. Und der große Mann, der ein König war, obgleich er bäuerliches Gewand und einen weiten Filzhut trug, gab dem Vater ein Stück Geld auf die Hand, ein kleines Licht aus einem Wagen stand eben vor dem Haus, und da leuchtete das Stück Geld, wie eine schwere goldene Münze. Könige zahlen nur mit goldenen Stücken.

Da ging nun der Zug, und er war viermal durchbrochen, viermal kam nach der trabenden Schar von Jährlingen und Rindern ein ganz großer hoher Wagen, und viermal stand darauf ein großer Mann in dem dunklen Gewand mit dem mächtigen Filzhuk. Die Finger der Knaben zählten, und die Köpfe wurden wirr, weil vier heilige Könige gingen in dem riesenhaften Zug, der bei Nacht auf der Reise nach dem Morgenland her ins Dorf gekommen war.

Dann, als eine halbe Stunde verstrichen war feit dem Einrücken der ersten stampfenden Pferde, war die Nacht wieder still. Nur in der Ferne irgendwo stand die Unruhe, und die Unruhe blieb bei den Menschen, die gesehen hatten, was geschehen war in der Nacht. Vier heilige Könige zwei Knaben starrten gegen die niedere Decke der Kammer vier heilige Könige waren gekommen in einem riesenhaften Zug. Brot hatten sie verlangt und Trinkwasser mit Essig darin, eine große goldene Münze hatten sie dafür gegeben aber viere waren ihrer gewesen, nicht dreie wie sonst, wie es im Buch doch stand.

Am Morgen ich weih noch saß der Vater mit allen am Tilch, er hatte ein stilles Greifengesicht, das um das Tiefste weiß und das Wundersamste kennt. Am Morgen redete der Vater mit ein paar Worten etwas an die Mutter hin, von vier vertriebenen Bauernsamilien redete er, von folchen Menschen, die ihr Land für anderen Dienst hatten ber­geben müssen, die nun wieder suchten nach Platz zum Sitzen. So redete er. Vater! schrie ihm ein Knabe dazwischen. Weil in dem Schrei so viel Angst um das Wunder tag, blieb der Vater still. Vater! Das war soviel Angst um einen glashellen Traum, so daß der graue Mann still blieb, daß er dann nach Tagen erzählte er wußte den Traum wie vier Könige gekommen feien in einer Nacht vier große Könige auf hohen Wagen

Das goldene Geldstück freilich zeigte er nie, und das Suchen um die heilige Münze fand nie ein Ende. Solange aber die Münze nicht ge­sunden fein wird, wird der Glaube jener Zeit bleiben: da ritten in einer Nacht die heiligen Könige durch das Dorf und ihre Gewänder waren die Gewänder von Bauern.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und 'Bering: Drühl'sche UnlverfiiätS-'Buch« undSteindrucker ei. R.Lange, Gießen.