Daß uns das nächste Jahr wieder beisammen finden möget"

Neben Großmutter sah ich, das jüngste Kind; an meiner Seite mein unglückliches Schwesterlein, das immer mit einem Pech sich aus aller Freude stieß.

Einmal sie war noch klein hatte ihr das Christkindchen eine große Puppe mit gelbem Haar gebracht. Jedoch, die Puppe zerschlug noch am selben Abend; ähnlich erging's später ihrem Tintentöpfchen aus bemalter Fayence.

Mein Schwesterlein hatte sich eine gelbe Mappe gewünscht, und als die Mappe kam, war sie schwarz. Unmöglich, die Tränen zurückzuhalten. Mutter war ärgerlich, und Schwesterlein bekam Schelte.

Am daraussolgenden Weihnachtsfest wollte Schwesterchen recht beschei­den sein und ihre eigenen Sachen nicht eher betrachten, als bis sie die Geschenke der andern bewundert hatte. Und da kamen denn alle die Kinder mit ihren Dingen jubelnd zur Mutter gelaufen; und sie allein blieb stumm.

Man wandte sich an sie und fragte befremdet:Wo bleibt denn nun Lucie? Warum sagt sie nichts? Ach soI Die Gaben sind ihr wohl nicht einmal des Beschauens wert!"

Und Lucie konnte nun nicht mehr danken und weinte in einem Winkel.

*

Man fragte nicht lange, es war selbstverständlich, daß Lucie einsprang an jenem regnerisch-häßlichen Jahresabend, wo der kleine Knabe meiner Schwester im Fieber lag, und sie selber nur weg wollte, wenn eins von uns jüngeren ihre Stelle vertrat.

Es war ausgemacht, daß Lucie vor Mitternacht durch das Dienst­mädchen abgelöst werden sollte; aber das Dienstmädchen versäumte sich, und mein Schwesterchen war nicht zurück, als die Glocken wachgeworden, zu rufen und zu rufen ansingen, mit Stimmen, die jedem etwas anderes zuflüstern.

Sie war nicht unter uns war draußen bei dem Kind geblieben, in dem dunklen Hause, in dem kalten, unfreundlichen Haufe. Festgehalten von der überheißen, kleinen Hand, die an ihr hing, wie ein Gewicht.

Der Knabe entglitt in die Spalte der Ewigkeit, die sich öffnet um Mitternacht und zog mein Schwesterlein bald nach sich.

Und wir saßen, ärmer geworden, am langen Tisch.

Großmutter, in ihrem neunzigsten Jahr, wurde im Stuhl heran- gestoßen und sagte, aus ihren schönen Augen lächelnd:

Warum nicht ich? Hat der liebe Gott mich denn vergessen? Aber dies Jahr, Ihr werdet's ja sehn, ist es das letztemal.

Jedoch, so lange sie nur aufrecht unter uns sitzen blieb bis Mitter­nacht

Die Glocken läuteten, wir hoben die Gläser:Daß das nächste Jahr uns wieder beisammenfinden möge!"

Ja, siehe Großmütterchen war müde geworden und in ihrem hohen Stuhl eingeschlafen, trotz den lauten Stimmen, trotz den hellen Lichtern!

Und wollte nicht aufwachen und anstoßen, um das neue Jahr zu grüßen mit uns. Denn die Seele, die zurück will in ihre Ewigkeit, sondert sich ab.

Im Frühling schlummerte sie hinüber.

*

Nun blieb unser Kreis mehrere Jahre hindurch derselbe, bis jener stille Festabend kam, an dem meine Mutter immer zu lauschen schien, als höre sie irgendwo einen Ton den wir nicht hörten, eine Stimme vielleicht die sie rief, die sie lockte.

Mutter, wo bist du?"

Bin ich nicht bei euch?" lächelte sie ferne zurück.

Plötzlich war sie hinausgegangen, durch die Türe, kaum bemerkt.

Und die Fenster standen offen, und durch die einsame, weiße Straße ging ein einziger, unbekannter Mensch.

Ueber die schneebeladenen Dächer, in ungestümer Herrlichkeit, rausch­ten die Glocken und redeten ihre uralten Worte mit großem Mund.

Wir lauschten in ungebrochenem Schweigen. Und in den Glocken ging etwas mit---ein großer Schritt--ein großer, dumpfer

Schritt, der bange machte.

Plötzlich blickte man sich erschrocken um.

Mutter, wo bist du?" ,

Sie war hinausgegangen, zum erstenmal von uns weg in dieser Stunde, um den Glocken allein zu lauschen, die ihr anders redeten als uns.

---Und ging hinüber in die Ewigkeit, ehe noch die Baume Blätter trugen. , _

Daß uns das nächste Jahr wieder beisammen finden möge!

*

Es war das letztemal im Elternhaus, bevor wir auseinanderbrachen. Und Baler hatte weißes Haar bekommen.

Er ging nicht weg, der Greis, er blieb bei uns, aufrecht, wie er war, der Ueberlieferung pflichttreu. Stieß an mit uns. Aber er war stumm geworden. Er hob wohl fein Glas, aber sprach das Wort nicht mehr aus, nur so ein müdes Summen auf den Lippen.--Und fein Haar war

weiß--und fein Gesicht war weiß.

Daß uns das nächste Jahr---"

Der Wunsch stockte im Herzen.

*

Nun sind wir auseinanbergefaßen, in Gruppen aufgelöst, in neue Familien zufammengefunden.

Und die Hände suchen sich.

Wir fassen uns an, wir stehn vor den Bettchen unterer Kinder, wir beugen uns tief über sie, wenn die schicksalhaft«; Mitternacht kommt, wo die Zeit einen neuen Anfang an ihr altes Ende bindet, und die Glocken rufen und rufen, mit Stimmen, die jedem etwas anderes zuflüstern. ,. .

Wir stammeln.Daß uns das nächste Jahr wieder beisammen finden mögel"

Flötenspiel und Peitschenknallen.

Eine Siloestergeschichte von Robert Seitz.

Die Frauen am Waffertor steckten feit Tagen die Köpfe zusammen. Der kleine Kantor war biefesmol zu den Ferien nicht in feine Heimat gefahren. Eigentlich war er gar nicht fo klein, im Gegenteil,' er über­ragte die meisten Männer aus Erwinsrode, aber da er den Kindern bas Einmaleins und bas Alphabet beibrachte, würbe er kurzweg ber kleine Kantor genannt, im Gegensatz zu seinem Kollegen, der die grö­ßeren Schulkinder betreute.

Ja, die Frauen zerbrachen sich die Köpfe. Den Heiligen Abend hatte der Kantor in ber Nagelschmiede verbracht, nicht etwa so, daß er zwischen Amboß und Esse seinen Christbaum gehabt hätte, nein, vorn in der guten Stube war er bewirtet worden, und die rundliche Meisterin hatte ihm das beste Stück Spickaal auf den Teller gelegt, sehr 3um Verdruß des Meisters, der schon vorher dieses Mittelstück auf feine Güte abgefchötzt hatte. Meister Wilhelm war aber ein ver­träglicher Mensch, und so hatte er für diese Bevorzugung, die feine Frau Luise dem Gaste zukommen ließ, nur einen enttäuschten Blick gehabt. Vielleicht hatte diese Enttäuschung sich auch mehr seines Alt­gesellen Karl wegen geregt, ber mit am Tische saß unb hin und wieder einen zärtlichen Blick versuchte, doch schien sehr zu seinem Leidwesen Emma, des Meisters Tochter, keine Notiz davon zu nehmen.

An diesem Heiligen Abend war noch mehr geschehen. In der Abend­stunde war vor der Nagelschmiede ein Schlitten vorgefahren, und der Besitzer eines Hofes vor Erwinsrode hatte eine Gans abgeladen, die heftig schnatterte und mit den Flügeln schlug, aber doch von Meister Wilhelm in einen Verschlag bugsiert wurde. Das war nun ein reiches Geschenk, und Emma war bis über die Ohren rot geworden.Das können wir doch gar nicht annehmen, Heinrich", sagte Mutter Luise, aber dann schien sie mit dem Braten, der einstweilen noch aus einem Blechnapf eingebrocktes Brot staß, ganz zuftieden zu fein. Es war selbstverständlich, daß Heinrich zu dem Gänfeschmaus eingeladen wurde.

Mutter Luise hatte überlegt, welcher Tag wohl der geeignetste wäre. Schließlich war ber Silvesterabend in Aussicht genommen worden.

Die Frauen zu Erwinsrode aber standen und schwatzten, doch war aus ihren Gesprächen nicht festzustellen, wem sie, gesetzt den Fall, als Freier den Vorzug geben sollten, dem Hofbesitzer, dem kleinen Kantor ober bem Alt­gesellen, der die Schmiede einmal würde übernehmen können. Das Weihnachtsfest war gewissermaßen nur mit kleinen Plänkeleien zwischen den drei Bewerbern hingegangen, doch war anzunehmen, daß jeder von ihnen in Kürze zu dem entscheidenden Schlag ausholen würde. Diese etwas kriegerische Atmosphäre, welche die Liebe oft mit sich bringt, lag wie ein unwirtliches Wetter auf ber Nagelschmiede.

Meister Wilhelm brummte, Mutter Luise zackerierte, unb Emma maulte. Karl, der Altgeselle, stand mißmutig am Herdfeuer, ber kleine Kantor machte ein wehleidiges Gesicht, wenn er morgens vorüber» ging, und nur Heinrich, der Hofbesitzer, war obenauf, denn er war sicher, daß die Gans, die noch immer hinter bem Verschlag schnatterte, ein Liebesbote wäre, beffert Werbung man nicht widerstehen könnte.

Am Silvestermorgen hatte Karl durch den Blasjungen, den jüngsten Lehrbuben, Emma eine große Brezel überreichen lassen, die auf einem Nagelblech lag und mit bunten Bändern geschmückt war. Eigentlich war eine solche Brezel erst auf Gründonnerstag fällig, aber der Geselle ahnte, daß er ber Zeit vorausgreifen mußte, um bas Glück in feinen Hasen zu lotsen.

Emma freute sich über das bunte Backwerk, bas angenehm duftete und ein Meisterwerk des Backers Hofang war, ber gegenüber wohnte. Mutter Luise war wenig einverstanden damit unb vielleicht hätte fte ber Gans eine kleine Gelegenheit geboten, mit biefer unerwünschten Brezel fertig zu werden, wenn das Tier nicht schon, kahl gerupft, auf die Bratpfanne gewartet hätte. Nein, Mutter Luise war über bte Brezel gar nicht erfreut, dagegen saß Meister Wilhelm schmunzelnd vor seinem Gläschen Nordhäuser, mit dem er jeden Morgen die Kehle reinigte.

Der kleine Kantor hatte Emma ein Zuckerschwein gebracht, bas ein Kleeblatt im Maul trug, einen Gelbsack um ben Hals gebunben hatte unb das Glück bringen sollte.

Mutter Luise hatte ihn zum Abend eingeladen. Allerdings nicht mit ber gleichen Herzlichkeit, mit ber vor Tagen bie Einladung zum Heiligen Abend ausgesprochen wurde. Wie konnte ein kleines Zucker­schwein auf den Gedanken kommen, es mit einer duftenden, knusprigen Gans aufnehmen zu können, da doch bie Brezel des Altgesellen es noch an Umsang übertraf. Mutter Luise versuchte ben oanzen Tag, Emmas Herz zu erforschen, aber Emma war ein stilles Mädchen, und man wußte nicht einmal, ob ihr Herz mit solchen Fragen sich über­haupt schon beschäftigt hatte.

Am Abend saß sie zuftieden zwischen ihren Eltern unb plauderte mit Karl, bem Bäckermeister Hosangs Kunstwerk eine große Sicher- beit verliehen hatte. Der kleine Kantor war recht still, unb Meist« Wilhelm wartete ungeduldig auf den letzten Gast, denn bie MeisterM weigerte sich, bie ©ans, beren Duft bas Haus erfüllte, vor der An­kunft ihres Spenders aufzutragen.

Aus einmal wurde draußen vor dem Fenster gewaltig mit der Peitsche geknallt.Gottfeibank", rief Meister Wilhelm.

Heinrich", lächelte bie Meisterin und sprang auf.

Dieser Peitschenknall war aber nur ein Auftakt gewesen, denn es begann ein regelrechtes Ständchen, Mit langer Peitschenschnur knallte Heinrich vor bem Fenster bas vertraute Neujahrslieb:Das alte Jahr vergangen ist, wir banken dir, Herr Jesus Christ, baß du in Not uns unb Gefahr, fo gnäbiglich beschützt dies Jahr," Die anderen waren an bas Fenster getreten unb Mutter Luise summte andackttig leben Ion mit Meister Wilhelm nickte zustimmenb, er wußte gar nicht, baß Heinrich sich io gut auf bas Buntklappen verstand.

2lls setzt auf ber abendlichen Straße in hellen Peitschen inen noch das Liedchen erschallte, das von der Liebe des Heben Heinrichs spricht,