kommt.
(Fortsetzung folgt.)
auch", antwortete die Frau überrascht. Lars, und ein Wirbel geht durch seine
Tochter dient dort nämlich auch wenn sie den kennt?
„Aber da ist ja mein Junge „Er ist da Hausdiener."
rechnen muffen, zumal sie es Immer so auf der Brust hatte ... Alfa, der Krüllschnitt soll es sein, nicht wahr?
Lars hat Mühe, daß er das Geld zum Bezahlen aus der Tasche kriegt. Richtig, da rollen ihm ein paar Zehnpfennigstücke aus der Hand. Nein, keine Sorge, ins Wasser können sie hier ,a mcht fallen Da bei der Mehltonne liegt schon das eine, und das andere wird sich auch wiedersinden. Ach, guck an, zwischen die beiden Margarinekubel lst es gerollt ... Ja, sünfundvierzig Pfennig waren es wohl, nicht wahr?
Danke schön, ja. Ob er vielleicht mal, wenn er bei Gelegenheit wieder in die Stadt kommt und in den Hamburger Hos geht und seine Tochter besucht, ihrem Martin einen Gruß von seiner Mutter sagen will?
Ja das will Lars wohl tun. Er meint ja auch, daß er Martin schon einmal gesehen hat. Sonst braucht er ja nur Borte nach ihm zu fragen.
Ach Sorte heißt seine Tochter? Nein, warum er es denn nur so eilig hat daß er schon weiter will, und ob er vielleicht schon bald wieder in die Stadt kommt. Denn dann könnte sie ihm vielleicht ein kleines Paket für ihren Martin mitgeben? Nein, er solle keine Muhe davon haben, aber wenn er es mithaben will, braucht sie es nicht auf die Post zu geben Es soll auch nicht lange dauern mit dem Einpacken, wenn er nur noch ein paar Minuten warten will... Nein, nicht hier im Laden, — so kalt wie es heute morgen ist. Da soll er doch eben hereinkommen und sich solange drinnen niedersetzen...
Lars will es die Luft wegnehmen, als sie ihn letzt durch die Tur in das kleine Zimmer nötigt, das an den Laden stößt.
Ob er sich nicht lieber ins Sofa setzen will. Er soll es sich doch gemuri sich machen. Er muß nur darüber wegsehen, daß sie das Zimmer noch nicht aufgeräumt hat, nicht wahr? Es ist heute morgen so viel im Keller zu tun gewesen, daß sie noch nicht dazu gekommen ist, in der Stube ein wenig Ordnung zu machen.
Hier ist es also geschehen, denkt Lars, der allem geblieben ist, und alles ist wohl noch so, wie es damals war. Vielleicht, daß es aud) noch dasselbe Kissen ist, das da in der Sofaecke lehnt, mit dem Krick damals der Alten den Mund zupreßte und sie mitleidlos erstickte?
Er wagt kaum zu atmen in der schweigenden Stille bes kleinen Zimmers, in der ihm nur sein eigener Herzschlag in die Ohren dröhnt. Ist das vielleicht ein Bild von Ihrer verstorbenen Mutter, das da über dem Sofa hängt?" fragt er heiser, als Frau Lohmann wieder herein-
irgend geht, kommt er und besucht sie.
Sieh doch an, da ist sie ja in einer ähnlichen Lage wie er? Seine ~ ' '' in einem Hotel. Im Hamburger Hos,
herumläuft...
Seine Stimme ist ein wenig unsicher, als er fragt: „Aber da müßte ich ihn ja eigentlich kennen. Heißt er vielleicht Marttn?"
Ja, gewiß, Martin Lohmann. Der Vorname ist eigentlich fremd in der Familie. Aber sie ist ja damals schon Witwe gewesen, als er geboren wurde, und da hat der Pastor ihr den Namen ausgesucht. Ihr Mann ist ja schon gleich im Anfang des Krieges gefallen, und sie hat damals außer ihrer Mutter nur noch eine Schwester drüben in Amerika gehabt. Aber die ist im vorigen Jahre auch gestorben. Gerade zu Weihnachten hat sie die Nachricht bekommen.
Cs ist gut, daß sie so gesprächig ist und Lars die Worte abnimmt und er ein wenig Zeit gewinnt und erst wieder ein. wenig ruhiger werden kann, denn sein Herz geht wie ein Hammer..
Ja, das sind schwere Tage damals für sie gewesen, als Martin geboren wurde. Aber sie hat es noch gut gehabt, daß sie das Kind hier im Hause hat unterbringen können. Sie selber hat ja wieder in Dienst gehen müssen, und erst als ihre Mutter plötzlich starb, hat sie das Haus und den kleinen Laden übernommen. Trotzdem hat sie ihren Sohn aber nicht bei sich behalten können, als er aus der Schule gewesen ist. Er hat es selber auch nicht wollen. Darum hat sie ihn in der Stadt zu einem Tapezierer in die Lehre gegeben. Aber hinterher ist er dann arbeitslos geworden und froh gewesen, als er zuletzt im Hamburger Hof untergekommen ist ...
Dörtes Schatz! Nein, daran ist gar nicht mehr zu zweifeln. Lars muß sich zusammennehmen und wenigstens ein paar Worte sagen, damit er ein wenig Zeit gewinnt.
Es ist ihr sicher nahegegangen, als sie ihre Mutter damals so plötzlich verloren hat, wie?
Oh, das kann er sich wohl denken, nicht wahr? Aber ihre Mutter war ja die Jüngste nicht mehr, und darum hat sie zuletzt ja damit
Das Jahr.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
Nicht vom letzten Schlittengleise
Bis zum neuen Flockentraum
Zähl ich auf der Lebensreise
Den erfüllten Iahresraum.
Nicht vom ersten frischen Singen,
Das im Wald geboren ist,
Bis die Zweige wieder klingen, Dauert mir die Jahresfrist.
Von der Kelter nicht zur Kelter
Dreht sich mir des Jahres Schwung,
Nein, in Flammen werd ich älter
Und in Flammen wieder jung.
Von dem ersten Blitze Heuer, Der aus dunkler Wolke sprang, Bis zum neuen Himmelsfeuer Rechn' ich meinen Jahresgang.
Oie letzte Nacht.
* Von CLcile ßauber.
In dieser schaudervollen letzten Nacht des Jahres, darin die Zeit zerbricht — darin die ruhlos weiter rollende Zeit einen Sprung bekommt, weit genug, daß eine Seele sich in ihm verlieren kann. —
In der geheimnisvollen letzten Jahresnacht, darin die Glocken, wach geworden^ zu rufen und zu rufen anfangen, mit Stimmen, die ledern etwas anderes zuflüstern, in denen die Vergangenheit machtvoll dröhnt und die Zukunft unverständlich flüstert — Nacht, darin der Wind geht, kalt und rauh, als käme er aus unendlichen Ländern, und die Sterne herzlos funkeln wie Nägel, in die Haut des Himmels getrieben. —
Greisen die Hände ineinander. „ .
„Wo bist du? — Ich suche dich. Laß mich nicht allem! Oh, laß mich nicht allein!" . . . .
Einzig die Seele, die zurück will in ihre Ewigkeit, sondert sich ab.
♦
Jahr um Jahr, am letzten Abend fand sich unsere große, kinderreiche Familie zusammen. Die Brüder tarnen von weither gereift; tue großen Schwestern brachten ihre Männer und Kinder mit. Und ganz unten am langen Tisch saß Großmutter, die schon Urgroßmutter war, den Stock mit der Gummikappe neben sich gestellt, und lächelte aus ihren wunderschönen blauen Augen und sagte mit leiser Wehmut: „Dies Jahr, Ihr werdet ’s ja sehen, es ist zum letztenmal."
Aber solange sie nur aufrecht unter uns sitzen blieb, hatte es mit dem Sterben keine Eile.
Dann tarn sie heran, die schicksalhafte Mitternachtstunde, und aus dem Herzen stieg immer derselbe brennende Wunsch, dem eine magische Kraji innewohnt:
„Hausdiener?" durchzuckt es
Gedanken. Nein, denkt er, das ist doch wohl nicht gut möglich, daß es Dörtes Schatz wäre? Aber bann fällt ihm ein, daß sich Sorte mit keinem Wort darüber ausgelassen hat und er nicht einmal sicher ist, ob es wirklich der Hausdiener war, mit dem sie sprach. Es ist wohl auch nicht anzunehmen. Gott mag wissen, was in so einem Hotel alles an Personal
Tür kn ein anstoßendes Zimmer, in die ein ovales Fenster geschnitten I ift das man von innen mit einer Gardine verhängt hat.
' Da drinnen ist es damals wohl geschehen?
Lars starrt wie gebannt auf diese Tür, schrickt aber zusammen, als plötzlich hinter ihm die Luke zum Kellereingang emporgehoben wird und der Kopf einer Frau daraus emportaucht. ... .
Lars fordert ein Päckchen Tabak, und die Frau trocknet ihre Hande an der Sackschürze, die sie trägt, kramt eine Weile unter dem Ladentisch herum und legt ihm bann einige Sorten vor
Das hier ist ein guter Shag, ber gern gekauft wirb. Der Tabak soll boch wohl für kurze Pfeife sein? Ja, Krüllschnitt hat sie auch, wenn er ben vielleicht lieber nimmt? f . ....
Verwirrt besieht sich Lars bie Ware. Es tft boch schwieriger für ihn, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, als er sich gebucht hat.
Nein, mehr Auswahl hat sie nicht, bas tut ihr ,a nun leib. Aber er soll ben Krüll nur ruhig nehmen, bas tft ein guter Tabak, und sie weiß, baß er ihm gefallen wirb...
Sie hat bas Geschäft wohl noch mcht sehr lange? ertunbigt sich Lars nun. Denn, meint er, als er früher mal vorbeigekommen ist, ist boch eine alte Frau hier im Laben gewesen, nicht wahr?
Ach bas muß aber bann wohl schon sehr lange her fein? Gewiß, vor Jahren hat ihre Mutter ben Laben hier gehabt. Aber so ist bas, bie Zeit geht hin, nicht wahr?
Die Frau ist eine Fünfzigerin etwa unb macht einen vergrämten unb müben Einbruck. Aber bas liegt wohl auch mit an bem schwarzen Kopftuch, bas sie trägt unb sie älter erscheinen läßt, als sie wohl ist.
Woher er denn schon kommt, so früh am Morgen? Er ist wohl nicht aus ber Gegend hier?
Nein, bas ist er nicht. Er ist über Laub gegangen, um einen Besuch zu machen, unb nun ist ihm unterwegs ber Tabak ausgegangen, unb ba hat er bas Schilb am Hause gelesen unb ist hereingekomrnen.
Oh, bas ist jo freundlich von ihm, benn viel verdient wird hier im Hause ja nicht, das kann er wohl denken. Aber als ihre Mutter starb, hat sie den Laden boch behalten.
„Es ist wohl nicht viel Lanb beim Hause?" fragt Lars, ber sich freut, ins Reben gekommen zu sein.
Nein, bas lohnt nicht. Es ist eigentlich nur ber Garten hinter bem Hause. Dann ist noch eine Wiese ba, so baß sie etwas Heu im Sommer machen kann für ihre Ziege. Nun, man muß zufrieben (ein, nicht wahr? Etwas bringt ja ber Laben boch ein, unb bann ist es auch nicht so einsam, nun sie ganz allein steht. So kommen boch immer noch mal Leute zu ihr unb sie hört bies unb bas.
„Das ist richtig", nickt Lars, aber ob sie nicht zuweilen doch die Furcht kriegt in ben langen büfteren Nächten jetzt?
• Oh, was bas betrifft, nein, es ist nicht so schlimm bamit. Es ist ja auch noch nie etwas geschehen etwa. Nur einmal, bei bem Tobe ihrer Mutter, hat mal Gelb im Hause gefehlt. Ja, aber sie kann nicht mal sagen, wieviel bas gewesen ist. Sie weiß nur, bah bie alte Frau etwas gespart hatte von bem, was sie bamals alle Monate aus Amerika gekriegt hat. Nun, bas sinb alte Geschichten, unb vielleicht hat ihre Mutter bas Gelb ja auch verbraucht, wie gesagt. Ganz sicher ist sie sich ba nicht.
Da steht sie nach bem Tobe ber alten Frau nun wohl ganz allein?
Nein, ste hat einen Sohn, jawohl, aber er ist in ber Stadt. Er dient da in einem Hotel. Selten, daß er mal Zeit hat, aber wenn es nur


