Ausgabe 
30.12.1935
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1955 Montag, -en 50. Dezember Nummer 102

Lars der Gerechte

Roman von Wilhelm Scharrelmann

10. Fortsetzung.

Es ist so wunderbar für Lars, Sorte zuzuhören. So klar, wie sie alles sieht. Also war es doch richtig, daß er mit ihr sprach und ihr sein Herz ausschüttete! Ja, hätte er es doch nur vor Wochen schon getan, vielleicht, daß er dann heute schon über vieles hinaus wäre! Denn Schweres steht ihm noch bevor, das ist gewiß. Aber was sein muß, muß sein. Das ist nicht anders, und er sieht doch nun in Gottes Namen mit allem werden, wie es will!

Nur weiß er nicht, wie er die Dinge anpacken und zunächst die Erben der Ermordeten ausfindig machen soll. Fremde Hilfe kann er dabei ja nicht in Anspruch nehmen. Ob er zunächst mal in dem Hause, in dem der Mord geschehen ist, nachzufragen versucht? Vielleicht, daß er so einen Anhalt bekommt?

Leise bespricht er es mit Sorte.

Natürlich wird es nicht leicht für dich sein, das Haus zu be­treten", flüsterte sie.Aber du brauchst ja nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, nicht wahr, und wenn jemand nur auf dem richtigen Wege ist, kommt er zuletzt auch zurecht."

Aber wenn nun überhaupt keine Erben da find?" fragte Lars.

Sos glaube ich nicht", antwortete Sorte.Sagtest du nicht, daß es amerikanisches Geld war, das Krick der alten Frau raubte? Sa wird sie doch Verwandte drüben haben."

Nun, Sorte hat recht, das sind ja alles Singe, die sich schon Her­ausstellen werden. Es hat keinen Zweck, darüber nachzudenken.

Voll Ungeduld steht er auf. Ja, wohin hat sie denn bloß sein Jackett gehängt? Er kann einfach den dummen Knipser nicht finden.

Aber so warte doch noch! Es ist doch noch Nacht!" redet Sorte ihm zu.Du kannst hier jetzt doch überhaupt nicht aus dem Hause!"

Ho, das wäre doch gelacht!" entrüstet sich Lars.Hast du denn keinen Schlüssel?"

Nein, was du wohl glaubst! Du könntest höchstens durch den Torweg beim Hause ... Aber da ist vorher noch die Tür im Flur, weißt du, durch die man in den Hof hinauskommt, und die ist nachts erst recht immer verschlossen. Nein, warte lieber noch, du kannst doch so früh am Tage auch noch nichts beginnen!"

Aber Lars ist nicht mehr länger zu halten.

Also raus muß ich", erklärt er mit Nachdruck,und wenn ich aus dem Fenster springen muß!"

Das bringt Sorte auf einen Einfall.

Gut, wenn er denn durchaus nicht anders will und von ihrem Kammerfenster hinaus in den Hof hinabklettert, braucht er nicht erst über den Flur draußen und könnte bann gleich durch den Torweg auf die Straße kommen. Sie Pforte dort wird immer nur mit einem Riegel von innen verschlossen ...Aber du mußt leife fein", erklärt sie,damit dich niemand hört. Und mußt auch aufpaffen, daß du dich nicht stößt, wenn du an dem kleinen Handwagen vorbeikommst, der nachts im Torweg steht." ,

Nun, nun, bas ist alles für Lars nichts von Belang. Er ist doch nicht auf den Kops gefallen? Was Sorte nur von ihm denkt?

Nein, sie soll nicht mitgehen etwa, widerspricht er, als sie auf- steht und ihr Kleid überstreifen will. Er findet schon hinaus, bas ist boch kein Kunststück. Nicht mal ein Streichholz wirb er brauchen. Er hat boch Katzenaugen. Ob sie bas nicht weiß?

Herzklopsenb bleibt Sorte zurück, als er sich aus bem Fenster schwingt unb leise an ber Mauer in ben Schnee hinuntergleitet.

Es schneit noch immer etwas", flüstert er, als er unten steht, ba sieht man morgen früh meine Fußtritte nicht mehr im Schnee.

So, ba ist ber Torweg ja, und wenn er nur langsam macht, wirb er schon zurechtkommen Hoffentlich sitzt ber Riegel nicht so fest, bah es ein Geräusch gibt, wenn er ihn zurückzieht?

Aber er atmet boch auf, als er bie Straße erreicht hat unb nun leise bie Pforte hinter sich roieber in bie Klinke ziehen kann.

Nach einer halben Stunbe hört bas Schneien auf, unb em schnei­dend kalter Wind empfängt Lars, nun er bie Stabt hinter sich hat unb aus bem Lichtschein ber letzten Straßenlaternen in bas mächtige -Ountei ber Lanbschaft taucht. Aber es geht sich besser, als bei bem Tauwetter am Tage vorher, unb sternklar wirb es jetzt auch, so baß er ben Weg gut verfolgen kann. ...

Er geht rasch, und die Bewegung tut ihm wohl. Eile braucht er aber ja eigentlich nicht zu haben, muß er denken, denn es war noch nicht einmal fünf Uhr, als er von Sorte roeggtng, und vor acht wird

es kaum richtig Tag jetzt. Immerhin, er hat ja auch noch ein gutes Ende vor sich, unb er ist nun mal nicht ber Mann, etwas hinaus- zufchieben, bas getan werben muß.

Im Weitergehen versucht er, sich bie Gelegenheit roieber vorzu- stellen, wie sie ihm in ber Erinnerung geblieben ist. Nicht, daß er Sorge hat, das Haus nicht wiederzuerkennen. Es liegen ja nun die Jahre dazwischen, gewiß, aber hat er nicht damals lange genug davor gestanden, als er auf Krick wartete? Sa wird er das Haus schon finden. Der Schnee wird ja am Ende alles ein wenig anders erscheinen lassen, aber schwierig wird es trotzdem nicht sein, und vielleicht ist es sogar gut, wenn er hinkommt, solange es noch dunkel ist? Er hat ja alles nur bei Nacht gesehen, unb ba bringt ihn bas Tageslicht vielleicht eher burch- hin? Immerhin, er hat ja einen Anhalt: War nicht ein Laben im Hause unb ein Schilb am Eingang?Abeline Grimm, Kolonialwaren"? Krick hatte ben Namen noch ausbrücklich roieber erwähnt, er selber hätte ihn sonst wohl lange vergessen.

Wenn er jetzt hinkommt, roirb er einfach hineingehen unb eine Kleinigkeit verlangen ein Päckchen Tabak vielleicht, es ist ja gleich. Darüber roirb er bann schon ins Gespräch kommen, nein, keine Sorge.

Sie Nacht ist still unb einsam, unb es ist so beruhigenb, unter Gottes Sternen bahinzugehen unb eine kleine glimmenbe Hoffnung in sich zu tragen, baß er nun vielleicht ein Stück von bem Unrecht, bas bamals geschehen ist, roieber gutmachen kann.

Vorsichtig roirb er ja sein müssen, bas ist selbstverständlich, aber weiter will er sich keine Gedanken machen. Wozu auch? Cs ist zwecklos, unb er wirb ja sehen.

Als er in bie Gegenb kommt, wo er bas Haus vermutet, ist er über­rascht, alles boch ein wenig anders zu finben, als es ihm in ber Er­innerung geblieben ist. Der Graben neben bem Hause ist ba, aber er liegt an ber entgegengesetzten Seite, unb bas Haus selber erscheint ihm kleiner als bamals. Aber bas Schilb über ber Labentür beseitigt (eben Zweifel. Es ist schon hell genug, um es lesen zu können, unb es gibt ihm einen Stich burchs Herz, als er ben Namen barauf erblickt.

Hastig geht er vorüber. Es ist wohl noch zu früh am Tage, jetzt schon hineinzugehen? Vielleicht wartet er noch ein wenig unb geht erst in ein Gasthaus unb ruht sich ein wenig aus.

Als er sich enblich umgurft, zeigt ihm ein einziger Blick, wie sehr Krick bamals bie Gelegenheit entgegengekommen ist Denn selbst wenn er bamals Wiberstanb gefunben hätte bas nächste Haus ist so weit entfernt, baß niemand bie alte Frau hätte hören können, wenn sie vielleicht um Hilfe geschrien hätte.

Ein Schauer burchrinnt ihn, nun er sich von neuem vorstellt, wie es gewesen ist. Krick hat es ihm ja genügenb angebeutet. Er selber hat bamals auf ber anberen Seite ber Straße geftanben unb sich bort an eine ber ßinben gelehnt, so hunbemübe unb elend wie ihm nach ber Lauferei gewesen 'roar, bie sie an bem Tage hinter sich hatten. Dazu hatte ihn ber Regen verdrossen, unb bas burchweichte Schuhwerk an den Füßen war auch kein Spaß gewesen, unb er hatte nicht wenig geflucht, baß Krick ihn so lange ba braußen stehen ließ. Zum Dank bafür hatte er ihn bann hinterher noch angeschnauzt. Mach, baß wir weiter kommen, hatte er herausgestoßen, roütenb unb bissig, unb Lars hatte sich im stillen gebucht, baß es wohl nur ein unnützer Aufenthalt da brinnen für ihn gewesen war. Einen wahren Geschwinbemarsch hatte er angeschlagen, so baß er kaum hatte mittommen können ...

Wenn er setzt boch nur ball) ein Gasthaus fänbe, ein so lächerliches Schwächegefühl wie ihn roieber überfällt. Es sitzt in ben Knien unb kann ben stärksten Mann elenb machen. Vielleicht, wenn er etwas ge­nießt, baß es bann besser roirb. r .

Endlich! Da drüben scheint so etwas wie ein Ausspann zu sein. Eine hölzerne Pferbekrippe steht an ber Straße, unb richtig, ist ba nicht auch ein Wirtshausschilä am Hause?

In ber Gaststube hockt er sich verschlossen unb mit hochgezogenen Schultern auf eine Bank unb bestellt sich ein Brot unb einen Schnaps.

Vor ben niebrigen Fenstern beginnt jetzt ber Schnee auf ben Baumen in ber ausaehenben Sonne zu erglühen. Lars sieht es nicht. Er starrt vor sich auf ben Tisch unb ist froh, baß ber Wirt ihn nach wenigen Worten ungeschoren läßt, weil im Hause gerabe Schlachttag ist.

Als er aufsteht unb ben Weg von vorhin roieber zurückgeht, suhlt er sich roieber ganz frisch. Oho, er roirb schon seinen Mann stehen, ba ist ihm nicht bange, unb bas bumme Herzklopfen, bas ihn überfällt, als er roieber vor bem Hause steht unb sich ben Schnee von ben Füßen tritt,

roirb sich schon roieber legen.

Der Laben ist klein unb unorbentlich. Es riecht nach Petroleum und Seife unb bie Eßwaren auf bem Labentisch warten hier wohl langer auf Käufer, als ihnen gut fein mag. Trotz bes rasselnben Gebimmels das bie Türglocke hören läßt, bleibt alles im Haufe still, und Lars hat Zeit sich umzusehen. Ihm gegenüber an ber linken Seite führt eine