Ausgabe 
30.9.1935
 
Einzelbild herunterladen

Agnes.

Don Eduard Mörlke.

Rosenzeit, wie schnell vorbei, schnell vorbei bist du doch gegangen!

Wär' mein Lieb nur blieben treu, blieben treu, sollte mir nicht bangen.

Um die Ernte wohlgemut, wohlgemut Schnitterinnen singen; aber ach! mir krankem Blut, mir krankem Blut will's nicht mehr gelingen.

Schleiche so durchs Wiesental, so durchs Tal, als im Traum verloren, nach dem Berg, da tausendmal, tausendmal er mir Treu' geschworen.

Oben auf des Hügels Rand, abgewandt, wein' ich bei der Linde; an dem Hut mein Rosenband, von seiner Hand, spielet in dem Winde.

Diana unferm Sternenzelt.

Bon Edith Zuber t.

Dicht hinter Ferch übersiel Klaus der Weltschmerz mit solcher Gewalt, daß er sich am liebsten der Länge nach ins Gras am Ufer geworsen und wie ein Schloßhund geweint hätte. Da stakste man schon den vierten Sonntag mutterseelenallein durch die schöne Umgebung dieser gewal­tigen, aber ach so fremden Stadt Berlin. Ueberall spazierten, aufreizend verliebt anzusehen, nette junge Pärchen herum. Mal hielten sie sich bei den Händen, mal marschierten sie kameradschastlich nebeneinander her, und auf alle Fälle tat einem bei solchem Anblick ganz unverschämt das Herz weh. Diese wußten, wohin sie gehörten. Er aber, Klaus, einsam bis zur Verzweiflung, wußte es nicht. Alles schien quälend. Sogar das geruhsame Sitzen auf der weiten Terrasse des Kurhauses. So friedlich lag der Schwielow-See im Abendglühen und man hatte niemanden, der sich an den pastellenen Farben ringsum mitsreuen konnte.

Aus dem Weltschmerz wurde allmählich Wut. Verbissen stampfte der junge Mann über das feuchte Gras, dicht am Ufer entlang, in Richtung Caputh. In der Dämmerung versank er verschiedentlich bis über die Knöchel im aufgeweichten Boden und fluchte allerhand vor sich hin. Das Wasser quatschte nur so aus den Schuhen. Ferkelei, elendige! Wie zum Hohn quakten in der Runde ganze Regimenter satter Frösche und ließen sich auch durch einen wütend geschleuderten Stein keineswegs in ihren Hochzeits-Serenaden stören.

Klaus gab es auf, sich am Wasser herumzuärgern und pirschte sich zum Waldrand. Die Bäume standen recht düster und ablehnend. Ganz unvermutet jedoch flackerte durch all die Finsternis ein verlorenes kleines Licht. Sehr tröstlich stand sein gelber Schein hinter den Büschen und lockte Klaus an.

Behutsam schlich er sich herbei und spähte durch die Aeste. Da stand, gemütlich gegen das Unterholz gebaut, ein zierliches Zelt. Und davor faß, die Arme um beide Knie geschlungen, ein junges Mädchen. Es hielt Klaus halb den Rücken zugekehrt, aber im sanften Licht des Lämpchens sah er ein klares Profil, gerahmt von einem welligen Gewoge nuß­braunen Haars. Leider knackten die Aefte so verdächtig, daß das Mäd­chen herumfuhr und einen wilden Blick in das Gebüsch sandte.Tonio!" rief es,gibt acht!" . , .

Ehe Klaus es sich versah, hatte ihn aus dem Hinterhalt eine riesige gesteckte Dogge angesprungen. Beide Pfoten wuchteten mächtig auf seinen Schultern, und dicht vor den Augen drohte ein mörderisches Gebiß. Was schleichen Sie denn da herum?" Eine Taschenlampe sunkelte^neu­gieriges Licht über den verdutzten jungen Mann.Laß ab, Tonio! be­fahl das Mädchen. Dann ein bißchen spöttisch, gegen Klaus:Sie sehen aus wie eine Gans, wenn's donnert, wissen Sie!"

Ihre zoologischen Kenntnisse sind erschütternd!' sagte er verärgert. Vermutlich meinen Sie: wie ein Gänserich. Oder halten Sie mich etwa für ein Weib?" ,, _ ,, ....

Sie setzte sich gänzlich uninteressiert wieder vor ihr: Zelt.Hoffentlich lassen Sie mich nun bald in Frieden", meinte sie. Cs klang sehr ab­schließend. . . ,., ..

Wenn Sie es durchaus wünschen" Klaus hob unentschlossen die Füße.Es ist soviel Wasser in meinen Schuhen", setzte er hinzu und sah sie hoffnungsvoll an.Als ich hier das Licht entdeckte, dachte ich an eine kurzfristige Gastfreundschaft aber leider: eine Frau im Zelt. Muß man sich wohl einen Stockschnupfen holen oder so.

Cs schien als ob die Zeltbesitzerin sich amüsierte. Ermutigt machte Klaus wieder kehrt.Vielleicht lassen Sie mich einen Augenblick ans Feuer?" redete er ihr zu. ,, . .

Wo sehen Sie denn eins?" begehrte sie 3» wissen. Und im übrigen, was patschen Sie in der Dunkelheit durch den Morast? Bleiben Sie doch auf dem Weg!", ,. .. , ...

Den kenne ich nicht", sagte er gekränkt.Ich bin h>er fremd!

Das hört man", meinte sie trocken. Dann, widerwillig. Kommen Sie schon her!" Sie verschwand im Zelt. Gleich darauf flog Klaus ein kratziges Handtuch um die Ohren.Reiben Sie sich die Fuge damit

trocken", kam die Stimme unwirsch von Innen.Mehr kann l<6 ntchk für Sie tun!"

Der junge Mann kauerte sich auf den Boden und tat ein paar vor­wurfsvolle Schnaufer. Sofort legte sich der Hund Tonio, beleidigend mißtrauisch anzusehen, quer vor das Zelt und zeigte dem ungebetenen Gast die Zähne, fo oft er sie nur (eben wollte. Reizende Behandlung war das hier.

Heber den Himmel breitete sich ein mildes Leuchten. Plötzlich funkel­ten an Stelle der blassen, unbestimmten Flecken Myriaden von Sternen. Kommen Sie mal heraus aus Ihrem Bau!" rief Klaus begeistert. Sehen Sie sich bloß den Himmel an! Ist er nicht herrlich?"

Das Mädchen steckte den Kopf aus dem Zelt.Lyrisch angehaucht lind Sie auch noch?" meinte sie ironisch.Wie verträgt sich das mit bloßen Füßen?''

Run war es ihm doch zuviel.Sie haben ganz recht: gar nicht!" sagte er.Aus diesem Grunde werde ich meine feuchten Schuhe anbehal­te n und mir mit Freuden einen Schnupfen holen. Aber eins möchte ich Ihnen zuvor noch mitteilen: nunmehr ist es mir durchaus klar gewor­den, warum ein äußerlich so ansprechendes junges Mädchen Sonntags allein im Wald sitzt. Leben Sie wohl!" In schneidiger Haltung machte er sich davon.

Hinter ihm blieb es still. Als er den Weg fast erreicht hatte, rief das Mädchen trotzig:Sie sehen das ganz falsch! Ich bin kein Drache aber mit den Männern hat man nichts als Aerger. Da bleibe ich eben lieber allein. Deswegen!"

Klaus lauschte noch ein bißchen. Als nichts mehr kam, entschloß er sich, seinem gekränkten Stolz zum Trotz, zurückzugehen. Vor dem Hunde Tonio, der schon wieder eine schnapplüsterne Schnauze reckte, verbeugte er sich höflich und bemerkte:Da es dein Frauchen doch nicht inter­essiert, stelle ich mich hiermit dir vor, du Löwe: Klaus Butenschön aus Hamburg. Wie heißt Frauchen?"

Diana!" meldete sich das Mädchen und tatsächlich, es lächelte!

Diana unterm Sternenzelt!" Klaus setzte sich dicht neben sie und spürte den Duft ihres Haares sehr nahe bei sich. Es roch ganz zart nach Klee und Sommer. Er mühte sich noch, beleidigt auszusehen. Cs siel ihm schwer.Können Sie eigentlich Ihre Argumente gegen uns Män­ner mit persönlichen schlechten Erfahrungen begründen?" erkundigte er sich streng.

Gottlob nicht!" sagte sie,aber was ich so bei meinen Freundinnen und Bekannten sehe, genügt mir gerade, wissen Sie!"

Freundinnen!" sagte er verärgert.Wenn man so was schon hört. Ehe einer nicht selber Erfahrungen hat, darf er überhaupt nicht mit­reden."

Sie reden wie ein Buch!" spottete Diana, beobachtete ihn aber auf­merksam Leider brachte ihn das aus der Ruhe.Haben Sie ein Gram­mophon?" fragte er unsicher. Sie verschwand im Zelt. Bald darauf schmetterte ein Jazz seine Disharmonien in die Gegend, Ohne weiteres nahm Klaus die Nadel von der Platte.Furchtbar!" sagte er.Haben Sie keine Tangos?"

Tangos sind Kitsch!" erklärte Diana sogleich, legte aber eine andere Platte auf. Er wagte cs, ihr Handgelenk zu packen.Was ist bei Ihnen eigentlich noch alles Kitsch?" erkundigte er sich leise.Siebe auch?"

Sie nickte trotzig.Natürlich!" sagte sie.Oder finden Sie das schön so Arm in Arm durch den Wald und im Kops nichts als blöde Kußgedanken--"

Das finde ich wunderschön!" bekannte er ehrlich.Und wenn Sie nicht so eigensinnig wären und sich scheuen würden, die Wahrheit ein­zugestehen, dann fänden Sie es auch!"

Sie fah ihn böse an.Bisher war ich noch nicht so albern."

Na, sehen Sie!" sagte er zufrieden.Dann können Sie auch gar nicht mitreben. Das habe ich Ihnen schon einmal gesagt."

Stumm lauschten sie dem Tango. Der Wind kam so sanft über das Wasser. Man wurde müde, wenn man so saß. Was für ein schöner Tango! Und immer mehr Sterne am Himmel! Neben einem das Mäd­chen Diana so anmutig, daß man es lieb zu haben bereit wäre, aber derart kratzbürstig, daß es einem gar keinen Spaß machen konnte. Was sie wohl tat, wenn man sie jetzt einfach küßte?Lieber nicht!" überlegte Klaus.Sie bekommt's fertig und hetzt den Hund."

Gehört das Boot da unten Ihnen?" fragte er.

Diana nickte.Ich habe Urlaub und fahre damit durch die Gegend", sagte sie.

Macht es denn Spaß so allein?" Er sah auf ihr eigenwilliges Profil.Ich bin nicht gern allein, bekannte er.Dabei werde ich schwer­mütig."

Müssen Sie nicht zum Autobus?" lenkte sie ab.Eventuell fährt Ihnen der letzte davon. Was dann?"

Ich hab nämlich gar kein Geld mehr bei mir", log er dreist.Da muß ich nachher sowieso bis Potsdam laufen."

Ach du lieber Himmel!" rief sie entsetzt.Das geht ja stundenlang durch den Wald."

Scheußlich!" nickte er. Plötzlich schien ihm etwas einzufallen.Wie wäre es denn, wenn ich in Ihrem Boot übernachtete?" erkundigte er sich schüchtern.Da hätten Sie gleich einen Beschützer." Zu feiner Ver­wunderung sagte sie gleichmütig:Wenn's Ihnen nicht zu kalt wird bitte sehr! Beschützen tut mich allerdings bereits der Tonio. Aber müssen Sie nicht ins Büro ober so?"

Erst um elf", sagte er freudig.Das schaff' ich schon!"

Sie pfiff dem Hund, stand auf und reichte Klaus eine kühle kleine Hand.Ich bin ziemlich müde! Gute Nacht!" Verdutzt blieb er sitzen. Die Zeltwände fielen hinter ihr zu, und sogleich bezog der Hund Tonio davor einen sehr grimmig anzusehenden Wachtposten. Als Klaus über die Wiese davonging, grollte er ihm ein ganzes Gewitter hinterdrein.

Das Boot war geräumig, aber hart. Nirgends eine Decke ober ein Kisten. Diana schien an spartanische Einfachheit gewöhnt.Eigentlich bin ich ein kompletter Hammel", überlegte Klaus und streckte sich ergeben