lieber Egon!").
(Fortsetzung folgt.)
„Ich habe schon die ganze Kaiserallee herunter gelacht", lacht er „Ich erkläre dir das ein andermal ganz genau. Es hangt mit einem Gespräch zusammen, das ich mit Dr. Weppen gehabt habe. Aber du mußt mir mal mm ehrlich was verraten. Ehrlich, ja? Also: War Vater jemals auf dich eifersüchtig? Hat er irgendwann mal den leisesten Grund einer Ahnung zur Eifersucht gehabt? Nein, bitte, antworte mal! Ich mutz das wirklich wissen." ... t ,, .,
Die Mutter schüttelt unwillig den Kopf und sangt schon an, die Treppe hinunterzugehen. . .....
Mutter", sagt Meimberg ernst, „es ist eine wichtige Geschichte. Aber ich "weiß schon 'Bescheid. Wenn diese ganzen Mätzchen der Liebe, wie Eifersucht und so, anfangen, dann — nicht wahr — dann soll man docy gleich Schluß machen. Findest du nicht?" . „ , ,
Die Generalmajorin sieht ungeduldig zu, rote Meimberg das Patent- schloß der Wohnungstür schließt.
Komm jetzt!" sagt sie leise aus dem dämmerigen Flur. „Komm jetzt endlich! Außerdem steht man hier in halber Oeffentlichkeit."
„Gut!" sagt Meimberg und hakt sie unter. „Aber wenn wir einmal allein sind, mußt du es mir ganz genau erzählen."
Die Mutter schüttelt den Kops. Natürlich wird sie niemals mit ihrem Sohn über solche Dinge sprechen.
Aber Meimberg ist noch nicht ganz fertig. Unten im Auto, nachdem er sorglich eine Decke über die Knie der alten Dame gebreitet hat, fängt er wieder an. „Nicht wahr: Eifersucht, das gibt es doch nicht? Dann doch lieber gleich Schluß. Gleich. Sofort. Kurzschluß."
Die Mutter sieht den Jungen prüfend von der Seite an. Steckt etwa eine wirkliche Angst dahinter? Nein, die Stiry ist klar, die Augen sind hell und scharf. Die Lippen, wie immer, ein wenig geöffnet. (Das war das einzige, das ihr Sorge gemacht hat. Es sah immer so aus, als wollte er von allem und jedem trinken.) Nein, nein, es ist nichts.
„Sag mir lieber", slüstert sie, „was du deiner Braut heute mitbringst. Ich sehe nichts. Keine Blumen, gar nichts."
Aber Meimberg ist nicht aus seiner Fröhlichkeit herauszukriegen. Er weist auf sich. „Mitbringen?" sagt er. „Einen schönen blonden jungen Mann bringe ich mit. Rechtsanwalt, unvermögend, aber mit guter Praxis, viel Spaß am Leben. Könnte gescheiter sein, mehr Tiefgang haben, wie seine Mutter sagt. Kommt aber noch. Kommt Zeit, kommt Malheur. Und Malheur macht tiefsinnig ... Wünschen wir dem jungen Mann ein kleines Unglück!"
Er sieht seine Mutter herausfordernd an. Er legt ihr den rechten Arm um die Schulter.
„Na, Frau General", lacht er, „nun sag du auch mal was!"
„Dummer Junge!" sagt die Generalmajorin. „Patz gefälligst auf dein Auto aus!"
„Zu Befehl, Frau General!" schlieht Meimberg. „Das werden wir schon richtig hinkriegen." *
6.
Es ist alles in Ordnung draußen in Lichterfelde. Selbstverständlich. Denn die Brettwitz hat für alles gesorgt. Alles in Ordnung, bis auf die Hauptpersonen, und die kann die Brettwitz ja nicht aufstellen, garnieren, kochen und arrangieren, wie die Getränke, die Speisen, die Blumen. Der Professor kommt zwar noch leidlich pünktlich um Viertel nach sechs. Aber er zieht sich lange um. Er hat schon wieder zwei Gespräche mit der Klinik gehabt, und die Brettwitz muß verbinden. Er hat es ausdrücklich so angeordnet. „Auch heute?" hat sie gefragt. Und der Professor: „Leider nimmt der Tod auf Polterabende keine Rücksicht, Brettwitz."
Barbara kommt um dreiviertel sieben angestürzt. Ist aufgeregt und abweisend. Wird von Sophie Wahnke, die doch auch kommen soll, nochmals angerufen, spricht sehr laut mit ihr. Auch der Bräutigam ist, wie wir wissen, um dreiviertel sieben, ja, um sieben noch nicht vorhanden. Die Brettwitz muß die Dante Anna Schreiner zur Hilfe heranziehen. Denn schon kommen die ersten Gäste, Assistenzarzt Dr. Werkmann mit Frau und Otto Schreiner, Tante Annas Mann, im Frack, obwohl sie ihm ausdrücklich gesagt hat: Smoking am Polterabend, Frack bei der Hochzeit.
Schreiner spricht sofort auf den Assistenzarzt ein, über die Fragen des japanischen Dumping und der englischen Abwertung. Daß die Neger in Afrika nur noch japanische ober zur Not englische Nadeln beziehen können. Denn sie verdienen, in Gold gerechnet, den fünften bis zehnten Teil dessen, was sie noch vor fünf Jahren verdienten. Und ob Dr. Werkmann sich einmal darüber den Kopf zerbrochen hat, wie man zu einer vollkommen stabilen Währung kommen könnte, ohne die völlig veraltete Goldgrundlage.
„Produzieren Sie Gold?" fragt er. „Oder produzieren Sie Werte? Wie? Na also, wenn Sie Werte produzieren ..." Der Assistenzarzt hat aber gar nichts gesagt. Er produziert seiner Meinung nach nichts. Er flickt mit seinem Chef zusammen die Kranken einigermaßen zurecht, und er und Professor Schreiner sind sich nicht klar darüber, ob das nun eine produktive Arbeit ist oder nicht. „,.. Wenn Sie Werte produzieren, so können wir auch nur auf Wertbasis rechnen. Wenn wir aber Goldbasis haben bei Wertproduktion, so kann das nur schiefgehn. Das ist doch klar. Wenn das aber klar ist, so begreift man nicht die Regierungsbanken, die immer noch ..."
Mitten in diesem Satz erscheint der Bräutigam am Arm seiner Mutter. Tante Anna und Fräulein von Brettwitz bemühen sich um die Generalmajorin, entschuldigen Hausherrn und Braut.
„Aber es macht nichts", sagt Frau Meimberg, „der Herr Professor ist selbstverständlich entschuldigt."
Gemeinsam treten Dr. Weppen und Dr. Kleesand auf. Sie sind mit gleich großen Rosensträußen bewaffnet, und Dr. Kleesand hat sich erlaubt, eine Konfektschachtel in Wagenradgröße mitzubringen. Die Rechtsanwälte stehen nun mit ihren Gaben vor Tante Anna und Fräulein von Brett- witz. Sie sehen sich suchend Nach Professor Schreiner um. Gott sei Dank: Da kommt er! Er ist, wie immer, unbefangen und ein bißchen ungeschickt. Er gibt jedem der Gäste die Hand. Dann kümmert er sich um niemanden mehr, sondern spricht mit der Generalin über Rosenzucht. „Wo
bleiben eigentlich unsere beiden?" fragt schließlich Frau Meimberg. fürchte fast, daß die Gäste sie vermissen werden."
Der Professor zuckt die Achseln.
„Unsere beiden" stehen oben in Barbaras Zimmer Im Rahmen d«
Gut, daß du heraufgekommen bist", sagt Barbara leise. „Ich tjaCi das mit aller Kraft gewünscht. Ich war schon zehn Minuten ganz ferti; Die Brettwitz hat dreimal bei mir geklapst. Siehst du eigentlich, daß w geschminkt bin? Nein? Ich bin aber geschminkt. Ja. Ich wollte also, dq du heraufkamst, und da bist du. Du gehorchst meinen Gedanken wirkt« wunderschön." ,
Alfred antwortet: „Du bist mal wieder hübscher als jemals. Rosa jttlf dir großartig. Vom Schminken habe ich wirklich nichts gemerkt. Bist I* froh? Ich bin mächtig froh. Aber du hast einen Schatten in den AuM einen ziemlich großen Schatten."
„Das sieht man?" fragt Barbara erstaunt. „Du siehst es? Ich mm; dir noch etwas erzählen. Etwas Merkwürdiges, beinahe Unbegreifliches
„Wir wollen es auffdjieben", sagt Alfred. „Wir haben ja Zeit. Mach tig viel Zeit, denk mal!"
„Das wird gut fein", lächelt Barbara. „Und jetzt ist vielleicht roirtli* nicht der richtige Augenblick zum Aussprechen. Außerdem werden tm- uns dann besser kennen."
„Obwohl wir uns doch eigentlich sehr gut kennen, lacht AlfnL „findest du nicht?"
„Ziemlich gut", sagt Barbara. „Vielleicht wirst du sogar noch (9ebu6 mit mir Haden müssen."
„Wenn du nur keine Angst hast", sagt Alfred, „dann roerden wir di- ganze Sache überhaupt großartig machen."
„Ich habe keine Angst", sagt Barbara leise, „außer ... außer ... |i( höchstens außer vor mir. Das verstehst du doch?"
Meimberg schüttelt den Kopf. Nein, er versteht das durchaus n* Er will es auch nicht verstehn. Das find Dinge, nicht wahr, die hab-:, früheren Generationen das Leben verdunkelt. Fragen, über die find bin alten Herrschaften gestolpert. Nicht so sehr seine Eltern als die Zwische,» generation, die Kriegsteilnehmer. Das waren gewiß wackere Leute. Ab« vor lauter Schwierigkeiten haben sie die Leichtigkeiten des Lebens nidt! mehr gesehen.
„Darüber werden wir noch viel sprechen müssen", sagt Alfred, „bis ist eins der wichtigsten Themen. Aber nicht heute. Heute ... heute wollen wir uns wahnsinnig freuen. Nichts weiter. Klar?"
Einerlei, ob es nun klar ist oder nicht (und natürlich ist es noch durchaus nicht klar), sie können ihr Gespräch nicht fortfetzen. Denn je® erscheint nach heftigem Klopfen Tante Anna von Löpel, verheirat-iii Schreiner, in der Tür. Sie schüttelt den Kopf. „So", sagt sie, „da seid ihn. Na, sehr schön. Unten ist es kolossal anregend. Mein lieber Schwager betrachtet mit der Brautmutter die Rdsenernte, mein Mann verhandel über die Goldwährung, und meine Nichte erscheint der Einfachheit halb« gar nicht. Ihr glaubt wohl, das Fest sei für euch da? Irrtum, mein Sieben! Heiraten ist ein Vergnügen für die andern."
*
Zehn Uhr Die Gäste trinken Erdbeerbowle und Kognak. Erdbew- bowle und Kirschwasser. Es riecht nach Rosen und Zigarren. Die fein® lichen Fronten der beiden Familien mit ihren Freunden lockern fi& Oberst von Pritzke zum Beispiel bricht in die Schlachtlinie der Fremden ein und macht der Braut den Hof, der Schwiegertochter feines versto» denen Freundes Meimberg, bann ihrer Freundin Sophie, bann bis: Amtsrichterin Wehmeyer.
Da bas „Alter" unbebingt aus ben Zuschauerseffeln auf bie Tanp bühne gezogen werben fall, macht man eine Polonäse burch ben Garten, zwischen ben Bäumen, bie als zartzackige Silhouetten aus ber Nach geschnitten finb, unter Sternen, bie in ber warmen Dunkelheit flirren Kleesanb, der birnenköpfige, immer etwas verlegene Kleesand, hat einen riesigen Korb mit Feuerwerk mitgebracht, das er mit gütiger Erlauben! abbrennt. Sonnenräder, die sich knallend drehen, Monde, die lautlos; bunte Kugeln speien, Springbrunnen von Gold und Silber, vielfarbig! Kugelfontänen, hoch über den Häusern vermischende Raketen (unter denn Schein man die Köpfe neugieriger Nachbarn rings in allen Fenstern aur gereiht sieht) und schließlich Leuchtschirme, die — wie im Krieg — lanp (am und friedfertig, fremdartige Nachtblumen, über dem Garten dahim- schaukeln. Es kennen aber unter allen Anwesenden nur Dr. Werkmaon und der dicke Otto Schreiner den Krieg. Sie allein werden an w Schützengrabennächte erinnert. Aber sie sagen nichts.
Zum Schluß kriegen alle Damen Sprühregen in die Hände gedrüK und müssen sie auf Kommando anbrennen. Es sieht reizend aus, wie M alle dastehen mit vorsichtig abgewandten Gesichtern, voll Furcht, die guten Kleider zu verbrennen ober selbst in bie Lust zu fliegen: bie weißhaarig! Frau Meimberg, Tante Anna Schreiner mit zu Röllchen gebrannt» greUblonben Haaren, Barbara mit den halblangen braunen Haaren, W ihrer Mutter ähnelnd, da sie die Augen geschlossen hat, Sophie Wahn!'-- die Lehrerin mit den streng gescheitelten Haaren, die Amtsrichterin, M in Erinnerung an ihre Wandervogelzeit noch Schnecken trägt, Fräulein von Brettwitz, mit den zum Knust gewundenen graublonden• Rieseir- flechten, Frau Dr. Werkmann mit Herrenschnitt, die Kusine Hermi Schreiner, ehemals Malerin, jetzt Zeichnerin in der Pathologischen Anatomin ganz in Wasserwellen, die jugendliche Frau Professor Stößler, Gattin des Internisten, mit halblangen Locken über dem Empirekleid .. • eurganze Galerie Frauen der gleichen Zeit und aus drei Zeitaltern, besonders wenn man noch die ganz jungen Dinger mitredjnet, Lisa MeimbeW eine Kusine des Bräutigams, Abiturientin, mit zwei Zöpfen über » Schulter, Klothilde von Löpel, eine Nichte der Tante Schreiner, mr geküsstem Blondhaar, bas wie Schaum über bem Kopf steht (sie 1; Schauspielerin, hat eben einen Film mitgemacht als brüte oon neu Mllbchen einer Ballettschule, mußte zu Willi Fritsch sagen: „Gute Nach'-


