Nummer 76
Montag, den 30. September
Jahrgang 1935
aus-
Liebesroman
GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE
Von Walther von Hollanüer
Copyright 6y August Scherl G.m.b.ft., verlln (3. Fortsetzung.)
„Sie denken aber auch immer gleich das Schlimmste", tröstet Meim- berg, „manche lieben ja auch Mozart. Oder einen Jazz oder einen Zigeunergeiger ..
„Zigeuenergeiger", nickt Meppen, „da haben wir es. Nein, nein, man kann nicht heiraten. Jawohl: Manche lieben die Zigeunergeige. Zu sehr sogar. Viel zu sehr ..."
Der Magen hält. Denn dies moderne Apartmenthaus mit glatter Front und hohen Fenstern, dieser appetitliche, langweilige Bau enthält auch Meppens appetitliche, langweilige, winzige Junggesellenwohnung mit allem Komfort.
„Mein Himmel", fragt Meimberg, „was regt Sie denn der Zi- geunergeiger so auf? Ich habe das nur so hingesagt ..."
Meppen holt sich umständlich eine große Zigarre aus der Tasche, schneidet sie ab und brennt sie an. Alfred Meimberg sieht der heiligen Handlung etwas ungeduldig zu. Eigentlich hat er ja anderes zu tun, als mit Meppen über die Ehe zu philosophieren. Aber er kennt Meppens Hartnäckigkeit, er liebt sie bei der Arbeit, also muß er sie auch im übrigen Leben ertragen. .. . „
„Der Zigeunergeiger har mir die Augen endgültig geöffnet , sagt Meppen und schwingt drohend seine Zigarre, „eine Ehe ist entweder Brahms und Krieg und Langeweile oder aber Mozart und Zigeuner- aeiger und ... na, das übrige ist ja ganz klar ..."
Meimberg schüttelt den Kopf. Ihm ist es durchaus nicht klar
„Entweder also würde ich mich langweilen", fährt Meppen fort, „und dazu brauchte ich ja nicht erst zu heiraten. Das kann man allem billiger und kürzer haben. Oder aber ich würde mich nicht langweilen. Ich wurde im Gegenteil die Frau ganz famos finden. Aber dann ... >a dann wurde eben der Zigeunergeiger auftauchen. So was Flottes, Abenteuerliches, jo was Dunkles, so was — wie sagen bie Damen in solchen Fällen? — so was Elementares, Leidenschaftliches. Kurzum: Irgendwas Unzuverlässiges, Unerwartetes von Mann wurde kommen und mir die Frau stehlen. Jawohl, ich sage es offen. 3d) bm mch sehr schön und nicht sehr besonders, also, muß ich sehr ängstlich und ^^Er'^ehk den Kollegen erwartungsvoll von der Seite an .'Na denn aus Wiedersehn", sagt Meimberg, „heute abend! Smoking. Zehn, höchstens
auf seine Uhr. Himmel, halb sechs! „Das ist vielleicht auch nicht gerecht. Aber um die Gerechtigkeit könne« sich dann andre kümmern. Ich bin ja nur Jurist."
„Aber die Frau lebt doch dann weiter", sagt Meppen eifrig.
Meimberg nickt. „Hauptsache ist aber: Der Zigeuner ist tot... Nicht wahr? Ausrottung aller Zigeuner ... na ja ...."
Damit macht er ober wirklich Schluß, wirst den Dr. Meppen mit einem kleinen Stoß vom Auto und jagt davon. Eine Ecke, zwei Ecken. Da ist er eigentlich zu Hause. Aber er hat im Mctor etwas schnarren gehört. Da ist was Heiseres drin — stimmt was nicht. Er sährt noch einmal ums Hüuserviereck. Horcht, probiert. Irgendeine Kleinigkeit. Dumm! Muß man nod) einmal zur Garage. Mit einem solchen Wagen kann man nicht losreifen . .
Er fährt also zur Garage. Monteur Krause II, der den Wagen kennt und die Sache gleich heraushätte, ist nicht da. Monteur Horn ist kein Kirchenlicht. Dafür hat er einen großen Schnurrbart, den er in Augenblicken der Ratlosigkeit an beiden Enden streicht. Meimberg zieht sich den Overall über und beginnt zu suchen. Der Motor schnurrt weich und sanft. Wenn man aber denkt, es sei alles in Ordnung, bockt er und klopft wie ein Hammerwerk. Es wird sechs, viertel sieben. Immer noch streicht Horn seinen Schnurrbart. Immer noch probiert Meimberg. Endlich kommt Krause ll. Horcht. Schüttelt den Kops. Faßt einmal mit dem Schraubenschlüssel in die Haube, zieht. Der Motor schnurrt, schnurrt wie eine Katze.
„Man hat Verstand", seufzt Krause II und blinzelt in die Abendsonne, „ober man hat keinen. Das ist es."
Meimberg nickt. Er gibt Krause zwei Mark, eine Art Hochzeitsgeschenk.
„Bin ja nun fast vier Wochen weg", jagt er.
„Nee, wohin wir fahren, weiß ich noch nicht. Immer dem Kühler nach.
Ist das einfachste."
„Und das gemütlichste", sagt Krause. „Der Kühler weiß schon, wohin er will."
Halb sieben ist es unterdes geworden. Also schnell nach Hause. Mühte man sich zum zweiten Mal rasieren? Eigentlich ... Oben an den Backen und unten am Hals stoppelt es schon. Der Herr sind wohl Selbstrasierer? Jawohl ... der Herr rasieren sich selbst. Der Herr zerwürgk einen Kragen zum Waschlappen. Dann bekommt der zweite Kragen Fettflecke. Dann ist ein Hemd zerknittert. Meimberg krümmt sich, dreht sich. Aber er ärgert sich nicht. Denkt gar nicht dran. Denn schließlich hat man's ja doch geschafft und steht im glatten Hemd mit bllltenweißem Kragen vor dem Spiegel und gefällt sich gut.
Also: Schlips gebunden. Weiße Weste. Haare mit zwei ausgezeichneten Pferdeftriegeln an den schmalen Schädel gestriegelt. Sehr gut. Er bürstet sich auch die Augenbrauen glatt. Eine dumme Angewohnheit. Aber es sieht ganz gut aus. Das werde ich wohl in Zukunft lassen. Wenn Barbara ins Zimmer kommt, und ich striegle gerade meine Augenbrauen, zu albern! Also Smoking. Brieftasche. Uhr. Geld. Hausschlüssel. Taschentuch Kölnisch Wasser. Noch einen Blick in den Spiegel. Jetzt erst fallt ihm so richtig ein, wohin er geht. Aus sein Fest, auf seinen eigenen Polterabend. Merkwürdig. Daß er nun wirklich Barbara Schreiner heiraten wird. Höchst märchenhaft. Er winkt sich zu. Guten Abend! Man braucht dir kein Glück zu wünschen, lieber Alfred. Hast ein kolossales Glück. Das richtige Sonntagskinderglück wieder einmal. Man will eine Frau heiraten, jahrelang nimmt man sich das vor. Und mit einemmal kann man sie heiraten. Könnte einem bange werden. Aber es ist alles vollkommen richtig. Ganz ohne Schwierigkeit. Verstehen sich, ohne viel über Verstehen zu reden. Wir haben das ja in den drei Monaten Ver- lobunqszeit feststellen können. Wir passen nahtlos, bruchlos zusammen. Wie durch ein Wunder extra füreinander angefertigt. Und dabei ganz verschieden. Großartig.
Nun aber Adieu, Herr Meimberg ...!
Es ist wie Sie bitte sehen wollen, fünf Minuten vor sieben. Um aller Heiligen willen! Die Mama wartet ja. Die Generalmajorin.
Er sitzt unten im Auto, den steifen Hut hat er in den Nacken geschoben, ein weißes Halstuch steht unter dem schwarzen leichten Mantel hervor Er ist viel zu warm angezogen für diesen heißen Abend, aber wenigstens korrekt. Er geht gern korrekt, genau nach Vorschrift, wie sein
Ms^er°stch"dem Hause seiner Mutter nähert, beginnt er, der allem im Auto sitzt, zu lachen. Er lacht, lacht, leise, schütternd. Unwiderstehlich. Er hält. Er springt, immer noch lachend, die Treppen hinauf. Er fmbet bic Generalmajorin, wie zu allen Festen, in Spitzen unb schwarzen Tast ^"?Ich'bK?es^nicht? gewöhnt", sagt bie kleine Generalmajorin streng daß man mich warten läßt. Dein Vater hat mich nie warten lassen Jetzt wüsten wieder bie Schreiners warten, unb bie Gaste werben ba fein, bevor ein Bräutigam vorhanben ist. Sehr peinlich."
2lber ber Sohn Meimberg läßt sich biesmal nicht wie sonst gebulbig ausfchimpfen. Er muß erst mal feine unbändige Heiterkeit loswerben.
Eichener ZainilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
$ „'Rein", ruft Meppen, währenb er aus dem Auto klettert, „so entkommen Sie mir nicht! Ich halte Ihren Wagen fest, bis Sie mir geantwortet haben. Waren Sie nie eifersüchtig? Und wenn nein Werden
auf die Idee Eifersucht ist für Kinder, die nicht wissen wen
Aalt! Aalt!" lagt Weppen. „Das muffen Sie noch zu Enbe jagen. Er ist auf bas Trittbrett gestiegen. Er fährt auf de^ 'angchm rollenden Wagen ein Stück mit. „Zu Enbe sagen . . 2^eresstertmlch.Wenn - zum Beispiel eine weniger erwachsene Frau heiraten wurden. So was kann ja passieren, nicht wahr ... so eine Art von K.nd . so was fchrecklich Weibliches unb Unverantwortliches ... gibt es ,a schließlich QU<3Reimbcrg hält scharf an. „Da Sie mich fragen, Weppen", sagt er Ziemlich ernst, „will ich Ihnen auch antworten. Sie sollten die Herne Bitti:'? nuf feinen Fall heiraten. Das ist wenigstens meine Meinung.
Meppen? winkt ab Direkt", brummt er, ärgerlich, daß er sich DC^.a*en hat, „direkt habe ich Sie ja nicht gefragt Ich wollte etwas S°nz^ Allgemeines willen Wenn Sie mal Grund hatten zur Eifersucht ... AVer ich ?te Lie" ! S^ werken Keileicht doch soviel 'Phantasie, aufbr.ngen, um sich bas vorstellen zu können! Was also rourben Sie tun.
Meimberg nickt. „Das kann ich mir ausgezeichnet iorstellen. Unb was ich tun würbe, kann ich Ihnen genau sagen. Ich wurde: hingehen u dem Herrn Zigeuner den Kragen umbrehen. Klar? Was t
Meppen nickt. „Erfreulich klar. Unb es mürbe 2H ^Ambeiner machen, baß in ben meisten Fällen doch bie Sra“ umbrehen
Weise mit schulb ist. Sie würben nur dem Mann den Kragen ui n R°X ist vielleicht komisch", schließt Meimberg und sieht ungeduldig


