Ausgabe 
30.8.1935
 
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r ^Sch weiß nichts Eie sah ihn zaghaft an.Mer sch Höffes

An den weichen Locken zog er ihr nachdenkliches Gesichtchen sehr nahe herbei.Es wäre so schön, Dagmar!" sagte er leise.Für mich!

Sie hielt die Augen geschlossen, als er sie küßte, und dachte nicht ein­mal an Jürgen. Er war weit fort.Seltsam", überlegte sie,gestern glaubte man, einen Menschen noch so zu lieben, und heute ist er einem fast gleichgültig." Es war genau das Gegenteil von dem, was Helmer dachte.

Um die -ritte Stunde.

Bon Johann Georg Fischer.

Die dritte Stunde nachmittags. Das ist die müde Stunde, Es geht das Zittern ihres Schlags Wie Lähmung in die Runde.

Da liegt sie stumm, die heiße Welt, Verschmachtet und begraben, Der Glutengott alleine hält Die Fackel noch erhaben.

Wie Wüstenodem tödlich drückt Sein schwüles Reich die Matten, Und von des Turmes Kuppel bückt Sich welk der müde Schatten.

Berlechzend ist auf dürrem Moos Das Flurgeräusch entschlafen, Die Welle schlurft gedankenlos Ums träge Schiff im Hafen.

Wie ein erschlagner Riese schweigt Die glühe Felsenflanke,

Im Menschenhaupt hat sich geneigt

Zum Schlummer der Gedanke.

Kein Laut vergeht, kein Hauch, kein Lied Gibt noch von Leben Kunde, Als ob der Erdengeist verschied Um diese dürre Stunde,

Die von des Mittags stolzen Höhn

So fern ist abgefallen, Wie von des Abends Lustgetön Und feinen Nachtigallen.

Letzter Sommer.

Von Andreas Zeitler.

Im August eines heißen und trocknen Jahres, da er am Main ent­lang wanderte, hatte Ludwig ein merkwürdiges Erlebnis. Eines Mittags, während er auf dem kahlen, felsigen Gipfel des Staffelberges rastete, kam er mit einem alten Mann Ins Gespräch, der vor ihm die Höhe erklommen hatte; er erinnerte sich, ihn schon am Morgen in der Wall­fahrtskirche Vierzehnheiligen gesehen zu haben, wo er, um mit seinen groben, genagelten Schuhen aus den steinernen Fliesen keinen Lärm zu machen, fast wankend, aber verzückten Gesichts umhergegangen war. Dem schlohweißen, am Scheitel stark gelichteten Haar nach zu schließen, war der Fremde ein Greis; doch blickten aus seinem von der Sonne gebräunten Gesicht, dessen untere .Hälfte ein wirrer, von Tabaksspuren gelb durchsträhnter Bart bedeckte, zwei lebhafte dunkle Augen, die sich jogleich voller Anteil auf Ludwig geheftet hatten. Nebeneinander auf einer Bank sitzend, die sich unweit eines ragenden schwarzen Kreuzes dem auf der anderen Talseite thronenden Schlosse Banz zuwandte, ver­zehrten sie unter zögerndem Geplauder über die ausgebreitete, im vollen Sonnenlicht entfaltete Landschaft ihr Mittagsmahl. Dabei zeigte es sich, daß der Alte, dessen verschlissene, ausgefärbte Sachen Armut und Ent­behrung verrieten, nur ein schmales Hänftchen trockenes Brot bei sich hatte, von dem er von Zeit zu Zeit sparsam ein kleines Stückchen abbiß und langsam und geduldig kaute. Sichtlich war er während des Essens bemüht, seinem jungen Nachbarn nur ins Gesicht zu sehen, nicht aber einen Blick in dessen geöffneten Rucksack zu werfen, der sich als gut gefüllt erwies und aus dem nach und nach Brot, Butter, Wurst, Köse und hartgekochte Eier in reichlicher Menge zum Vorschein tarnen. So nahm er nicht wahr, daß Ludwig, nach einem schnellen Seitenblick, wort­los seine eßbare Habe in zwei Hälften teilte, und schaute gänzlich ver­dutzt drein, als plötzlich auf seinen Knien ein flacher Aluminiumteller stand, auf dem es sich lecker häufte.

Nein, nein", wehrte er ab,ich brauche nichts!" und er stellte den Teller behutsam neben sich. Es schien ihm der Duft der guten Dinge aber doch bald allzu verlockend in die Nase zu steigen; nach einer kleinen Weile, während welcher Ludwig ihn noch einige Male scherzhaft ermun­tert hatte, meinte er lächelnd, daß er freilich davon gern kosten würde; nur müßte es ihm bann erlaubt sein, sich aus seine Art, wenn sie viel­leicht auch etwas ungewöhnlich wäre, dafür zu bedanken. Ludwig nickte, und indessen es sich der Alte munden ließ und vor jedem Bissen genieße­risch das würzige Fleisch beroch, fragte er, worin denn der in Aussicht gestellte Dank bestehen werde. Da tat der Fremde ernsten Gesichts den Teller beiseite, erhob sich und sagte, indem er sich zugleich mit einer feierlichen Gebärde tief verneigte, daß er sich Columbus nenne und unter diesem Nomen zu seiner Zeit ein hochgeachteter Artist gewesen sei, der mehrere Erdteile bereift und Ruhm und Gold cingebeimft habe. Später, wenn sie mit ihrer Mahlzeit zu Ende gekommen wären, wolle er ihm, dem freundlichen Spender, einige Proben seiner einstigen Kunst geben. Ein Pferd, einen prächtigen weißen Hengst mit goldenem Stirnschmuck und rotem Zaumzeug, wie er vor dem Kriege in Südamerika sein viel­bewundertes Eigentum gewesen, habe er allerdings nun leider nicht mehr

In feinem Besitz. Ihm Ne Kunststücke aber, Ne damals den Jubel der Menge tjeroorgerufen hätten, ohne Mangel, wie es die hohe Tradition erfordere, vorzuführen, wüßte er Arm und Auge noch in feiner Gewalt. Er hoffe sehr, in dem jungen Wanderer einen Freund seines leider fier- benden schönen Gewerbes zu finden, der die Darbietungen zu schätzen wisse. Nach dieser in getragenem Ton vorgebrachten Rede, der Ludwig betroffen und belustigt zugleich gelauscht hatte, setzte er sich wieder. Nun aber war er plötzlich schweigsam und in sich gekehrt, hastig weiter, und Ludwig, der sah, daß er eine tiefe Bewegung zu verbergen suchte, beschrankte sich darauf, ihm freundlich zu erwidern, daß er, von Kind auf dem Zirkus zugetan, voller Spannung das Versprochene erwarte.

Nachdem sie sich gesättigt hatten, winkte der Alte Ludwig, ihm zu folgen. Sie schritten an der ein wenig wetterversehrten, spitzturmigen St. Adelgundiskapelle vorüber dem entgegengesetzten Abfall des Berges zu unb 'fliegen über felsige Stufen und zwischen dornigem Gesträuch hindurch auf eine abgelegene schmale Wiese hinab, die sich, auf drei Seiten von dichtem Wald umfaßt, an der vierten von einer Zeile mäch­tiger vom Gipfel herabgestürzter Blöcke begrenzt, verborgen und still auf halber Höhe erstreckte. Der Greis bedeutete Ludwig, sich zwischen den ersten Stämmen niederzusetzen, wo ihm die Sonne im Rücken stand und er die Lichtung, ohne geblendet zu werden, überschauen konnte; er selbst verschwand rasch zwischen den Steinen, die, tafelartig gegeneinander geneigt, eine dunkle Schlucht oder Höhle zu bilden schienen.

Nach kurzer Zeit kehrte er seltsam verwandelt zurück. Nackt an den Armen und Beinen, deren bleiche Haut von dem braunen Kopf wie ein helles Trikot abstach, den mageren, gebeugten Leib in einen kurzschößigen Kittel von brüchiger, grellblauer Seide gehüllt, um den dürren Hals eine ehemals wohl weiße und steif gestärkte Krause, und auf dem Kopf ein faltiges Barett von flammendrotem Sammet, von dem ein dicker gelbe- ner Knopf auf die rechte Schulter herabhing, strebte er tänzelnden Schrit- tes über die Wiese. In den Händen trug er verschiedene grellfarbige Gegenstände, Bälle, Ringe, weiße und schwarze hölzerne Stabe und auch zwei kurzschäftige Fahnen mit großen gelben Kreisen und Sternen au burgunderrotem Tuch. In der Mitte angelangt, legte er alles bis auf einen schwarzen Stab ins Gras und grüßte, indem er das Haupt ent­blößte und sich wieder tief und ehrerbietig verneigte. Ludwig lächelte betreten; er fühlte plötzlich ein Brennen unb Drücken in ber Kehle unb hätte gern ein Mittel gewußt, bas traurige Spiel zu verhinbern ohne ben Alten zu kränken. Er klatschte Beifall, Columbus lächelte geschmen chelt machte ein paar Schritte nach rückwärts, sagteNummer eins! unb warf plötzlich, den schwarzen Stab in die Luft wirbelnd, den Kor- per nach vorn auf die Hände unb begann auf ihnen im Kreise zu laufen und den Stab mit den Füßen in der Luft auf und nieder tanzen zu lassen. Es dauerte aber nicht lange, da verfehlt er das schwirrende Holz; zwar gelang es ihm, es mit dem anderen Fuß wieder zu fangen, bald jedoch entglitt es ihm ein zweites Mal und hüpfte von feinen Sohlen herab zur Erde. Mit unmutiger Gebärde stellte er sich aufrecht, und Lud- wiq sah, daß er leicht schwankte und die Wangen ihm vor Anstrengung bläulichrot glühten. Er klatscht« wieder laut aber der Greis winkte nur verdrossen ab und rief, indem er zwei gelbe Bälle und einen Reifen aus­hob Nummer zwei!" Kaum hatte er jedoch die beiden Kugeln mit aller Kraft"in die Höhe geschleudert, so daß sie, in der Sonne aufblitzend, über die Wipfel der Bäume emporstiegen, als ber Reifen, den er ihnen nackp zusenben gebuchte, feiner jäh erschlafften Hanb entfiel unb er selbst nach einer halben Drehung ächzenb zu Boben sank.

Ludwig netzte bem Bewußtlosen mit bem Wasser aus seiner Felb- slasche Gesicht unb Brust; ber Alle ermunterte sich unb seufzte lief.Es acht nicht mehr!" flüsterte er bebauernb.ich fürchtete es schon Gestern gelang mirs noch, .... gestern!" Eine Weile lag er reglos mit fchch^sti Atem ba, indessen ihm Ludwig ben Schweiß von ber Stirne wischte. Wie alt bist bu?" fragte er bann, bie Augen öffnenb.Einundzwanzig, lautete bie Antwort. Der Greis wieberholte bie Zahl unb sann längere Zeit nach.Vielleicht hab' ich auch einen Sohn, ... irgenbroo; es tonnte schon fein'" meinte er enblich leise unb lächelte. Darauf sah er Ludwig forschend an und es schien ihm ein Gedanke zu kommen. Er lastete nach seinem Gürtel unb zoa ein blankes Messer heraus, besten beinerner Griff mit erhabenen golbenen Verzierungen geschmückt war.Nimm das als Anbeuten!" sagte er, nachbem er es einen Augenblick betrachtet batte, unb hielt es Ludwig hin,es ist aus Sübamerita, das letzte ...ick besaß zwei Dutzend und roorf sie, auf bem Sattel stehenb, ohne zu fehlen .. eines wie bas andere . .." Als Ludwig nur stumm ben Kovf schüttelte, hob er lich beschwerlich in bie Höhe unb schob ihm bas Messer in Die Hosentasche. Danach ließ er sich wieder zurückgleiten unb starrte schweig­sam in bie Wipfel hinauf, bie ber Winb sacht bewegte.

Allmählich schien bie Schwäche von ihm zu weichen; sein Aussehen besserte sich; er stand vorsichtig auf, ergriff seine bunte Habe, die Ludwig inzwischen zusammengelesen halte, und entfernte sich mit einem ver­legenen Gruß in fein Versteck.

Am Abend erfuhr Ludwig im Gasthaus zu Stoffehlern, daß der tute feit kurzem erst fein Wesen in ber Geaenb treibe. Er sei ein Kind Der Lanbschaft, würbe ihm erzählt; seine Ellern hätten in ber ntähe einen kleinen Hof besetzen, frühzeitig habe er freilich bas Weile gesucht. TvNes- abnungen unb Sehnsucht mochten ihn nun heimgelrieben haben. J'on einem entfernten jüngeren Verwanbten. ber hier im Släbtchen wohne, sei ihm eine bescheibene Kammer überlassen worben; inbetzen ftriaje er am liebsten Tag unb Nacht im Freien umher. Kräulerlommler imd WaiD- arbeiter hätten chn beobachtet, wie er zuweilen auf einer Walbwiete hinter bem Berge in ablonberlirhem Aufputz mit Bällen unb stocken hantiere. Lange hübe er aber wohl nicht mehr zu leben.

ßubroig nickte stumm zu biesen Worten, unb als es bunkel geworoen war ging er burch bie schwarzverhangene Kastanienallee an ben Main hinüber, ber unter einer eisernen Brücke mit polternben Bohlen o-eng unb schaumgeslrähnt vorbeischwoll, unb schleuberte bas Mester bes .Ulten in bie schwarze Flut; er meinte, er bürfe es nicht behalten.

Veraviinvrllich: Dr. Hans Thyriok. Druck und Berlag: Drüh^sche Univerfitäls-Duch- und Qteinbtudetei. X Lange, Gießen-