Das Mädchen Dagmar.
Novelle von Edith Zubert.
Am Himmel ging eine unwahrscheinlich rote, funkelnde Sonne auf und streute feuriges Glühen auf die grauen Wellen. Ziemlich kühl wehte ein zarter Wind. Schräg zog die „Marina" mit sanft geblähten Segeln davon. Leslie, der irische Terrier, ließ die dicken Pfoten hingebungsvoll über Bord hängen, blinzelte verliebt nach seinem Herrn, der blond und braungebrannt am Steuer saß, und versuchte zähnefletschend, die lustigen Schaumkrönchen zu schnappen, die unermüdlich gegen die schmalen Flanken der „Marina" anhllpften. Plötzlich reckte er sich aufmerksam empor und beobachtete interessiert einen fernen Hellen Punkt, der aus dem ruhigen Wasser schwamm. Was es war, lieh sich mit bloßem Auge nicht erkennen. Aber durch das Fernglas sah Helmer, daß dort ein junges Mädchen, auf dem Rücken liegend, mit weit ausgebreiteten Armen sehr still im Meer trieb.
Sofort nahm die „Marina" Kurs darauf zu. Das Helle Gesicht kam näher und näher. Eine große Furcht packte den jungen Mann, daß dieses einsame Geschöpf zwischen den riesigen Wellen tot sein könnte. Doch als er aus einen Meter herankam, schlug das Mädchen di« Augen auf, seufzte und bemerkte vorwurfsvoll: „Was kommen Sie denn wie ein Wilder angerast? Hat man nicht mal in aller Herrgottsfrühe seine Ruhe?"
„Entschuldigen Sie!" sagte er gekränkt. „Ich glaubte nur, daß Sie Hilfe brauchten, weil Sie so weit vom Strand entfernt sind."
Sie schnellte herum, teilte das Wasser mit heftigen Stößen und schien davonzuwollen. „Ob das nun gerade richtig ist, wenn Sie zu dieser Zeit derart unvernünftig hinausschwimmen, weiß ich nicht", meinte er ärgerlich. „Wer soll Ihnen denn helfen, wenn Sie nicht weiter können?"
„Niemand!" sagte sie. Es klang traurig. Schweigend zogen sie durch das Wasser. Nach einem Weilchen hob das Mädchen den Kopf, sah Helmer aus weiten grauen Augen an und meinte leise: „Es ist eine große Lockung, sich so treiben zu lassen, finden Sie nicht? Man liegt ganz losgelöst zwischen Himmel und Wasser — alles ist sehr leicht —. Die Wellen sind stark und gut. Sie nehmen einen mit. Es muß gar nicht schlimm sein, sich fallen zu lassen —".
„Na hören Sie mal!" entrüstete er sich. „Wie kann man nur solchen Unfug reden!" m .
„Ich meine es ja nicht so!" sagte sie ausdruckslos. Plötzlich stieß sie einen kleinen Klagelaut aus und rang nach Luft.
„Leslie!" rief der junge Mann erschrocken. „Hoppla! Bring her! Der Hund bellte verständnisvoll, tat einen Satz über Bord und packte ein Stückchen weihen Badeanzugs gerade in dem Augenblick, als das Mädchen kraftlos die Arme ruhen lassen und versinken wollte.
„Geben Sie mir Ihre Hände!" schrie Helmer beschwörend. „Ich ziehe Sie herauf!" Eiskalte, energielose Arme hoben sich ihm entgegen Wacker schwimmend hielt der Hund die leichte Last über Wasser. Das übrige besorgte Helmer. Aber als das Mädchen glücklich im Boot lag, sank es mit bläulichen Lippen zuiammen und lag reglos, die Augen geschloffen.
„So eine Bescherung!" schimpfte er ängstlich. „Wo ist denn der Kognak, zum Deibel!" Kognak war natürlich nicht da. Nur eine kleine Flasche Wacholderschnaps. Immerhin besser als nichts! Er kniete nieder und flöhte den widerwilligen Lippen davon ein. „Das ist inwendiges Fichten- nadelbad!" meinte er zuredend. „Hübsch brav sein und schlucken, ja? Gehorsam tat sie ihm den Willen. Das starre Gesicht belebte sich etwas
„Man soll seinen Kummer nie so wichtig nehmen", riet er, „sonst frißt er einen auf." t m , , , . .
Sie seufzte leise. „Was hilft'- denn! Man tut es ja doch!
„Hat er sie betrogen", fragte er geradezu und hoffte, daß sie ihn verstand. Als sie nichts antwortete, machte er ein verächtliches Gesicht. „Schließlich gibt es soviel Männer!" sagte er.
Sie entschloß sich nun doch, Auskunft zu geben. „Es ist viel schlimmer" erklärte sie. „Er will nichts mehr von mir wissen. Ganz grundlos. Ich bin ihm hierher nachgereist. Er ist einfach vor mir davongerannt. Berstehen Sie so etwas?" . .
Helmer drehte bei und nahm Kurs auf eine Felsengruppe an der Küste. „So grundlos wird das schon nicht gekommen em meinte er. „Wenn ein Mann von einer Frau nichts mehr wissen will, ist sie meistens selber schuld." Er erwartete entrüsteten Widerspruch. Da er ausblieb, sah er sich aus dem Konzept gebracht. „So ist das eben! bemerkte er
Die Klippen lagen kühl und blank in der Sonne. Vielleicht hatte sie gehofft, einmal nach Herzenslust von allem reden zu können. Aber Helmer war plötzlich feindselig gegen Geständnisse. Dieses lremdeMadchen war so reizend. Er wollte von dem Mann, den es liebte, nichts Horen.
Das Boot war befestigt. Sorgfältig breitete Helmer eine Serviette über den Sand und sortierte Spirituskocher, Brot, Schinken und em riesiges Messer hervor. Währenddessen saß das Mädchen und beobachtete ihn unermüdlich. Er gefiel ihr sehr gut. Je langer sie ihn an^ah. desto mehr erinnerte er sie an Jürgen. Jürgen war alter und nicht ganz fo hübsch. Aber er war eben Jürgen! Da lieh sich nichts machen.
„Wie heißen Sie eigentlich?" erkundigte sich der junge Mann.
Er°augte' über die Schulter nach ihrer nun endgültig getrockneten silbrigen Mondhell. „Paßt gut!" urteilte er. „Nur dürfen Sie nicht so wehleidig sein — schließlich: bei solchem Wetter!" Sie versuchte em kleines Lächeln und wollte ihm beim Kaffeeeinschenken helfen. "Bleiben Sie nur in der Sonne, Sie Maikätzchen I wehrte er ab. „Ich bring Ihnen ^SeiS Sorgfalt tat ihr wohl. Jürgen hatte sie dadurch nie verwöhnt. „Wie dünn Sie sind!" sagte Helmer millbilligend. "Sicher hungern Sie.
„Manchmal!" gestand sie. „Wenn ich traurig bin, kann ich nichts *n%i mir kommen Sie damit nicht durch!" ^balancierte ein handfestes Schinkenbrot herbei. „Sind Sie etwa noch traurig.
Sehr streng sah er sie an. Da wagte sie nicht, die Wahrheit zu sagen. „Cs geht'" meinte sie kleinlaut und biß tapfer m das Brot.
Schweigend l. achten sie das Frühstück hinter sich. Helmer suhlte sich
^Hängklcher werden. „Erzählen Sie mal ruhig, wo der Schvh brflcff', schlug er vor und bekämpfte voll Selbstüberwindung eine durchaus lächerliche Eifersucht.
Dagmar ergriff hinterrücks den arglos vorbeiwedelnden Hund und legte das kleine Gesicht eng gegen fein goldenes Plüfchfell. Hastig sagte sie: „Man soll einen Menschen wohl nie zu sehr lieben, bann verliert man ihn. Ich hab' nie behalten dürfen, woran mein Herz hing — niemals!"
„Das ist natürlich Unfug mit dem ,zu sehr lieben’", verwies er sie. „Es kommt nur darauf an, daß man's nicht zu sehr zeigt. Der andere wird sonst leicht übermütig und nutzt es aus. Mit der Zeit wird er gleichgültig — Sie machen sich zum Sklaven durch so was. Man darf sich aus Liebe nie demütigen, verstehen Sie! Aber die wenigsten Frauen sind stolz — leider! Und nachher heißt es: der Mann ist ein Schuft."
Von der Seite her musterte er Dagmar. Vielleicht war sie nun beleidigt. Es schien nicht so. Sie hielt den Kopf gegen das Meer gewandt. In das sanfte beständige Rauschen hinein sagte sie mit einer beschämten Stimme: „Das war grob. Aber es stimmt! Und zu allem Unglück bin ich schrecklich eifersüchtig!"
„Da haben wir es!" rief er. Ihre unerwartete Nachgiebigkeit brachte ihn nun schon zum zweitenmal aus dem Konzept.
Während Dagmar auf den Klippen blieb, suchte Helmer den Strand nach Krebsen ab. Es wurde eine ganz schöne Ausbeute. „Die kochen wir mittags!" schlug er vor. „Zutaten sind im Boot." Feucht und schimmernd vor Bräune streckte er sich neben ihr aus. Ein Endchen entfernt tat Leslie mit zufriedenen Schnaufern einen gerechten Hundeschlaf.
„Eigentlich find Sie ein reizendes Mädchen", meinte Helmer unvermittelt. „Ich kann gar nicht verstehen, warum ein Mann Ihnen davonlaufen muh!"
„Erinnern Sie mich nicht!" wehrte sie ab.
„Hatten Sie es denn vergeßen?"
„Fast!"
Er schien sich zu freuen. „Das ist ein gutes Zeichen", stellte er fest. „Ich werde Ihnen später einmal lagen, warum."
„Später einmal?" Sie zuckte Die Achseln und sah in den Himmel. „Bielleicht reife ich schon morgen ab."
„Das werden Sie nicht tun!" Helmer ziepte sie an einer langen blonden Locke. „Sie werden sehen!" Das klang sehr zuversichtlich.
Mittags hielten sie ein delikates Krebsefsen ab. Aber dann kletterten bedrohliche Wolken über den Horizont und rückten in Gewitterstimmung von allen Seiten böse herbei. Als Dagmar und Helmer ins Boot stiegen, peitschte ein heftiger Wind die ersten schweren Regentropfen gegen die Segel. „Bis zu Ihnen kommen wir auf keinen Fall!" meinte er. „Wenn wir Glück haben, schaffen wir's gerade bis zu mir." Und als sie ihn fragend ansah, fügte er hinzu: „Ich habe ein kleines Haus auf den Dünen, ziemlich weit vom Kurort entfernt. Sie können einen Overall bei mir haben und einen starken Kaffee. Mögen Sie?"
„Ich muß wohl!" Sie druckste noch an etwas herum. „Es ist nut wegen Jürgen!" gestand sie.
Verbissen steuerte Helmer zwischen zwei hinterhältigen dicken Wellen hindurch. „Jürgen!" sagte er. „Sehnen Sie sich nach neuem Kummer?"
„Vielleicht tut es ihm doch leid —" meinte sie zaghaft.
„Dann wäre es längst der Fall gewesen", urteilte er unerbittlich. „Ich sehe da ganz klar: Sie haben ihn viel lieber als er Sie. Leider ist das mal so im Leben: Sehr selten stimmen zwei in ihrer Zuneigung völlig überein! Sie sind die Leidtragende dabei. Wie lange wollen Sie dieser aussichtslosen Sache noch hinterdrein laufen? Wenn ein Mensch nicht mehr will — meinen Sie, daß Tränen und Vorwürfe ihn zurück- zwingen können?"
Still lieh sie den Kopf hängen. Helmer sah, daß sie meinte, aber er hütete sich, sie zu trösten. Mit solchen Dingen mußte jeder selber fertig werden. Gut nur, daß er bei ihr war. So passive Wesen verloren sich, allein gelassen, mit unbedenklicher Müdigkeit an ihren Schmerz. Man muhte auf sie achten. Helmer hatte sich von jeher eine Frau gewünscht, die er beschützen konnte.
lieber die Dünen ging eine kleine Gestalt und verlor sich im matten Dämmern. Da lief es‘bin, das gar nicht mehr fremde Mädchen Dagmar! Zu Jürgen sicherlich! Zwar war an diesem Nachmittag kein Wort mehr darüber gefallen. Sie hatten Grammophonmufik gehört und Bilder beleben, die Helmer gemalt batte. Als di« Blitze grell und spitz das HSus- eben umzuckten, verkroch sich Dagmar entsetzt hinter Helmers Rockaus- schlügen. Still und zärtlich hielt er sie in den Armen. Vielleicht hätte er sie gern geküht. Aber das wagte er nicht. „Ich möchte Sie Wiedersehens bat er dicht über ihrem flauschigen Haar. „ .
, Morgen — vielleicht!" versprach sie gedankenlos. Und nun lief fte ihm" davon. Er grübelte ziemlich lange darübe nach, wie es nur mSg» ,ich war, einen Menschen, den man gestern noch nicht kannte, heute schon so lieb zu haben. Das Herz tat ihm ein bißchen weh. —
Morgens kreuzte die „Marina" sehr lange vor dem breiten Strom, de« Kurorts. Von Dagmar keine Spur! Trübselig nahm Helmer schlieh- licb Kurs auf die Klippen. Das Gestein lag blank und unberührt rote gestern Still streckte er sich in die Sonne und schloß die Augen. Eine janoe friedliche Zett verging. Aber dann kitzelte irgend etwas zart feint Nasenspitze. Er entschloß sich, die müden Lider zu heben. Da kniete neben ihm wie eine süße Vision das kleine Mädchen aus dem Meer. „Day mar —" sagte er, sehr sehnsüchtig.
Sie lächelte vorwurfsvoll. „UeberaU suche ich Sie seit heut« mittag —r
„Und Jürgen?" _
Sie kuschelte sich leicht gegen seine Schulter. „Er ist abgefahren —• ohne ein Wort. Gestern abend war ich noch sehr verzweifelt. Aber heute früh war mir zumute wie früher, als ich noch ein kleines Mädchen war und krank zu Bett gelegen hatte — lange Zeit. Eines Morgens wacht man auf — nichts tut mehr weh. Das Fieber ist fort. Und nachher wird man sehr schnell gesund."
„Ist es ganz fort — das Fieber? fragte er.


