Ausgabe 
30.8.1935
 
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lKmSgNch! Das wäre doch eine Schande für London für UnS,Salbte Empörung fein. Siehst du mich denn verzweifelt? War ich jemals jo stark und schön, ja, schön in meiner Seele, wie heute? Charly! Das war Stradas feige Drohung nicht, die vom Gericht, du, das war Gottes Drohung! Das preßte mich zu Boden und ritz mich auf! Du ahnst das nicht' es war so groß, ein richtiges Gemälde das malt ihm keiner nach ..."

Wer hat's gesehen?"

Du fragst so menschenschön mich Einsamen ja, wer hat es gesehen? Charly, glaube mir, ich hab's erlebt das Stärkste davon bsteb, wird bleiben. . Laß mich weinen, lieber Freund, ich brauche mich deshalb nicht zu schämen. Was über diese grobe Backe fließt, sind Tranen deines Schöpfers..." ,

Jetzt verstehe ich dich. Er war in dir...

Oh, bas ist mächtig, Charly! Das war noch nie in meinem Leben! Ich "erhielt den Brief des Gerichtes, las die Schmach und brach zusam­men. Es war Schwäche bis ins Mark, ich konnte nicht mehr denken, jo wie früher zweimal schon, doch viel, viel schlimmer, ich hatte eine wahre Höllenangst, verlor das Maß für Zeit, die Augenblicke dehnten sich ms Fürchterliche, ich war wie ausgeliesert, als gehörte ich keinem, am wenigsten mir..." _ ,, .

Kam denn niemand in dieser Stunde dich zufällig aufsuchen l

.Wäre es dann seine Drohung gewesen? Jammern mußte ich, kme- sälllg werden und tasten muhte ich, Charly... Tastend kam ich auf den Knien zu meinem Eßtisch, wo das Frühstück stand und die Heilige Schrift lag wie an jedem Morgen. Ich blätterte und sand das Wort, das mir die Nichtigkeit der Stradas und Primadonnen und meiner Opern­sorgen vor Augen führte, so daß ich überwältigt Gottes Macht und Ewigkeit so ahnte wie noch nie..."

Und dann?"

Danach ging alles festlich und gut. Ich erlag der Schwäche meines Körpers und fiel für Stunden in eine stärkende Ohnmacht. Meine Aus­wärterin, die mein Zimmer für gewöhnlich um zehn Uhr leer findet, sah mich gestern am Boden liegen und lies im Schreck nach dem Arzt. Diese beiden brachten mich ins Bett, wo ich aufwachte und mit Dank die zwei Menschen entlieh. Ich schlief dann wieder ein und blieb in einem gesun­den Schlaf bis heute morgen liegen. Und kräftig stand ich auf und tat die besten Kleider an, die ich besitze. ."

Händel erhob sich jetzt halb, und kennens sah, daß er etwas Unge­wöhnliches andeuten wollte. Langsam und lautlos, das Auge weit geöff­net, fetzte sich Händel wieder hin, sprach aber noch immer nicht weiter. Jennens unterbrach das Schweigen seines Freundes nicht. Es währte, bis der Komponist sich aus der Entrücktheit ritz oder das Wort für sie fand:

Ich ging durch London und sah die Menschen und sah die Stadt ganz anders als vorher. So sah ich sie noch nie! Und war unendlich heiter, zu Schabernack gelaunt, zu Träumereien, und Kinder hemmten meinen Schritt, und plötzlich trieb mich etwas Charly! Irgendwo in London habe ich's geschrieben wahrhaftig geschrieben!"

Ein Musikstück?"

Komponiert! Man folls nicht glauben! Es lieh sich komponieren!"

Ja, was denn nur?"

Nach Worten der Heiligen Schrift! Sogar nach einem einzigen Worte nur!"

Das Wort"

heißt Halleluja! Halleluja!"

Das dröhnte durch den Raum der Dichterwohnung! Das ward gefpro- chen, dreimal geschrien und dann gesungen, in der Jubelmelodie, vom tiefen Händel-Baß gesungen, und klang wie Orgelbrausen durch das Haus. Jennens wurde vom Feuer des Komponisten erfaßt und konnte sich nicht enthalten, gegen seine Gewohnheit gleichfalls sehr laut zu rufen:

Das wird dein neues Werk!"

Mein Lebenswerk!"

Haft du schon einen Plan?"

Du mußt mir helfen!"

Ich stelle alles, was ich bin und kann, in deinen Dienst!" , Freund Charly, guter Kerl! Schaff deine Bibel her!"

Bald blätterten iie beiden Männer mit großem Eifer in dem Buch der Heiligen Schrift. Sie suchten die Geschichten, die um das Halleluja stehen. Es war die Erzählung vom Leben des Heilands...

Eine Weile dauerte es, bis man sich schlüssig darüber wurde, wo bei der Wahl dieses Stosses einzusetzen sei. Und dann war noch etwas, worin Händel höchsten Geschmack bekundete und jede Art Entweihung des Gottessohnes vermieden sehen wollte:

Jesus selbst darf als Person in dem Werk nicht vorkommen! Er ist der Anlaß jeder Musiknummer und wird in jeder da sein, wie er im Halleluja ist... Aber kein Sänger soll ihn singen, sondern nur die Musik als solche ihn ausdrücken!"

Jennens empfand, als er den glücklichen Grisf des Komponisten beim Wählen starker und schlagfertiger Sätze aus dem ewigen Buch der Christenheit bemerkte, daß ihm hier nur die Aufgabe eines Beraters zufiel und daß es bei einem solchen Stoffe überhaupt keinen Textdichter geben dürfe. Er sagte es Händel sogleich, dah er an dieser erhabenen Aufgabe ungenannt mitarbeiten möchte und dah für das Werk der einzig würdige Hinweis nur lauten könne: nach Worten der Heiligen Schrift, die er selbst zusammenstellte, komponierte Georg Friedrich Händel...

Was denn? Ich habe den Stoff, aber noch keinen Titel dafür! Ge­fällt dir .Das Leben Jesu'?"

Es ist mir zu kirchlich. Das Größere fehlt ihm."

Richtig! Kräftiger klingt doch schon ,Der Gottessohn'?"

Ja, aber auch nicht überzeugend genug. Es muß den Sinn deiner Musik treffen, was der Titel jagt. Du willst doch in dem Werke fingen, dah er kommt"

Daß er da ist!"

Dann lies doch hier den Nameiy mit dem fein Volk ihn rief und ihn anreden wollte, wenn er erfchien!"

Der Messias ..."

Glanzvolle und freudige Schaffenszeit! Drei Wochen genügten, die Tage vom letzten Drittel des Monats August bis zur Mitte des Sep­tember, um das göttlichste Werk des Meisters ins Leben zu rufen. Keine. der Sorgen aus feinem Alltag ließ er an sich Ijeran, unb die ärgsten feiner Feinde hielt er sich dadurch vom Leibe, daß er Konzerte für den Advent in Aussicht stellte. Bis dahin wußte er sich, da die Einladung von Dublin schon da war, längst von London fort und schwor sich, es Nie mehr zum Ort seines Wirkens zu wählen. Hier zuruckgelassene Schulden wollte er redlich aus Einnahmen in Dublin abdecken.

Dennoch verklärte sich ihm bei der Arbeit an dem großen Werk auch London, und hätte ein Mensch außer Jennens, dem Handel Schweigen auferlegte, gewußt, was der Komponist an Neuem schuf, wurde sich gewiß auch hier die Stimmung zu seinen Gunsten verändert haben. Händels Zusage war inzwischen schon nach Dublin abgegangen. Der Gedanke an eine Reise und an neue Menschen, neue Freunde, spornte ihn bei der Arbeit an. Aber den weit größeren Antrieb brachte doch der Stoss selber mit sich, feinMessias".

Alles, was ein Herz nur Überhaupt bewegen kann, Unschuld, Hoss- nung Demut, Liebe, Feindschaft, Verrat, Leiden, Wissen, Verzeihen, Siegen und Jubeln die ganze Tonleiter der Wandlungen unb Kampfe der Wiberftreite in Gott selber, fein Einsfein mit dem Guten roie mit bem Bösen unb die Versöhnung schließlich aus übergroßer Liebe: Handel empfanb im Leben des Heilands das Gleichnis des Schöpfers Io lütten» los, daß er mit herrlicher Berufung in die göttliche Aufgabe hineinwuchs. unb treffsicher auch im Handwerklichen den Stoff meisterte. Er wußte mit einem Fingerfpitzenaefühl wie niemals früher, wo er einzusetzen und wie er aufzubauen ^habe. Die Chorsätze gelangen ihm gleich schon wie die Solostimmen, und den Ausgleich von Wuchtigem und Lieblichem in der Reihenfolge traf er ohne langes Besinnen. Ein königliches 33er« fügen über frühere Arbeiten schien ihm offenzustehen, alles adelte der Stoff. Jetzt ging es nicht mehr um den Opernkampf zwischen Nordischem und Welschem. Er durfte sich erinnern an die Zeit seiner italienischen Reisejahre, und Pseifermelodien, die er damals hörte, formte er jetzt um zu einem ländlichen Thema, das zwischen Wandel und Leiden des Er­lösers als heiterer Gruß der Erde Platz sand. Und als er die Worts der Heiligen Schrift las:Ich weiß, daß mein Erlöser lebt" da fiel Händel eines der Lieder ein, das er einst in Hannover, auf deutschem Heimatboden, komponierte. Und ein Wunder wurde dieses Lied nun über den erhabenen Worten ... Mächtig dehnbar, wahrhaft eines Riefen Tage, mußten diese wenigen im August und September sein, in denen ein Werk der Kraft, des Glaubens und des Sieges begonnen und voll­endet wurde.

Charles Jennens war der wissende Zeuge dieses Schöpfungssturmes. Die unwissenden Zeugen, die kleinen Leute aus Händels Alltag, feine Aufwartefrau, der Wirt, bei bem er, der Briefbote, sie konnten siisi fein verändertes Wesen nicht erklären. Sie hatten sich an eine saft nur saure Miene, über die manchmal Schatten der Schwermut dunkelten, in den letzten Monaten gewöhnt. Seit einem Konzert zu Ostern, bas Händel gegen seinen Willen veranstaltete und als Bettelei empfand, hatte es wenige Tage gegeben, an benen er lachte. Trockene Scherze kamen manchmal von feinen Sippen,, es war aber keine Spur vom echtem Humor in ihnen. Tagelang lag er ja auch krank und kam mit­unter abgezehrt ins Freie. Die Feinde des müden Löwen erkanntem den günstigen Augenblick, über ihn herzusallen. Seine Freunde aber, um die er sich kaum mehr kümmerte, vernachlässigten ihn schließlich des­halb auch ihrerseits ...

(Schluß folgt.)

Das Tal Warumdennicht.

Don Carl Spitteier.

Im Himmel, wie man weiß und die Erfahrung spricht, Befindet sich ein Tal, das heißtWarumdennicht", Hart hinterm Hause, unterm Garten ist's gelegen, Mit Blütenseligkeit erfüllt und Früchtesegen.

Ein steinern Sträßlein führt hinunter »eit"unb breit, Doch keiner kommt dahin in alle Ewigkeit.

Nicht daß mit strengem Bott und Bann es jemand wehrte, Bewahre, dah ein Hindernis den Weg durchquerte.

Niemand begreift, weshalb denn unb warum denn nicht, Doch in das Tal hinab gelangt kein Angesicht.

Man darf, man kann, man möchte, aber kann's nicht wollen Und hätf es einer noch so sehr begehren sollen.

Du wandelst luftig bis zu einem Quittenbaum

Und lachstWarum denn nicht?" Doch kaum an diesem Baum, Kommt unversehens dir ein Einfall in die Krumm, Du stutzest, denkst ein Weilchen nach, dann kehrst du um.

Wie schon gesagt, den Grund kann niemand dir erklären, Doch jedem wird es die Erfahrung neu bewähren. Nur eines weiß man: Im geheimen, in der Stille, Im Quittenbaume häkelt eine blaue Grille, Aeugelt und reibt das Sein. Sobald die Grille zirpt, Ist's mit dem Wunsch vorüber, und der Wille stirbt.