Ausgabe 
30.8.1935
 
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GietzeimZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1935

Zreltag, den 30. August

Nummer 67

deine Kraft war in ihm mächtig

Gin Rändel-Roman von Ernst <Uurm

Copyright 1935 by Deutsche Verlage-Hnstalt, Stuttgart und Berlin

12. Fortsetzung.

Mehr brauchte nicht gesagt zu werden, vom Chore nicht. Der Chor war die Fülle der dankbaren Kreaturen, er sollte unermüdlich das eine Wort nur singen. Aber die Nähe Gottes selber kündigte sich doch in diesem Jubel an Tenor und Bah mußten sein Wiedererscheinen auf Erden nennen! Mit welchen Worten! Glühend sprang Händel auf und suchte im Buche der Heiligen Schrift nach der Stelle, die ihn gestern morgen von der Umnachtung befreite, als er sie las:Er war auserstan­den am dritten Tage." So sollten es Baß und Tenor verkünden! Doch dann, Herr, wenn's gesagt wird, wenn der Chorus immer höher jubelt dann bist du da! Wer soll dich fingen, welche Menschenstimme? Ganz kann dich keine fingen! Und welche Melodie dich fassen! Ganz kann dich keine fassen! Doch was dich überhaupt zu nennen wagt und was dich stärker als andere fühlt das, Herr, ist Händelkraft! Das war die Jagd von heute morgen an, das war der Trieb: dich, den Unendlichen, auf diese Welt, ins Endliche, herabzuholen! Das ist die Herrschaft meiner Kunst, für deren Mißbrauch ich bezahlen mußte, weil sie in deinen Diensten steht! Siehe, Herr, du bist dieser Ton, den die Posaune trägt, der schwillt und steigt und steigt ich, Georg Friedrich Händel, glaube, spüre, weiß jetzt, daß bus bist der Ton, den ich nicht locker lasse, mein stärkster Ton, den nun deine Welt umjubelt, dreimal umjubelt, brausend umjubelt

Halleluja! Halleluja! Halleluja!

Als sich Händel am Nachmittag dieses späten Augusttages erhob von seiner Arbeitsstätte, hatte er das Glanzstück eines neuen Werkes auf- sührungsbereit auf dem Tische liegen. Jetzt erfüllte ihn der Stolz und die Ruhe des Starken, der in der Not sich selber half. Ohne Zweifel hatte er mit dieser Leistung nicht nur eine Gefahr in seinem Schaffen über­wunden, sondern auch wieder Aussicht auf irdische Einnahmen^ ?lber so ging seine Rechnung nicht. Gewiß, er wollte nicht in den Schuldturm, doch er wollte auch unabhängig von der Oper werden und cm neues Leben beginnen. Vor allem aber: er dachte «m den beglückenden Vor­wurf, dem er sich heute nach dem Verlassen des Kinderspielplatzes selbst gemacht hatte, und wollte für Hilflose Geld verdienen.

Das gab ihm innere Sicherheit und ließ ihn rasch seine Lage über­blicken. In London zeigten sich jetzt auch für ein neues Werk keine groben Aussichten. Nicht nur als Opernkomponist, dessen Siege man vergessen hatte, während man ihm die Niederlagen dauernd nachtrug auch als Oratorienschöpfer war Händels Ruf feit dem Mißerfolg des neu^^bearbei­teten Jugendwerkes, das er in der Karwoche spielte, geschwächt. Man hatte ihn wohl ein wenigüber"! Nicht allein sem heftiges Gebaren gegenüber anderen Künstlern, sondern auch gewisse Langen und -ütejen in (einen Werken verzieh ihm das Publikum kaum. Aber es war mch bloß Ungerechtigkeit: es war schwer für den Durchschnitt, ununterlroch einen Riesen in seiner Mitte zu haben, der Anforderungen nach femen Ausmaßen stellte. London hatte wahrhaft viel ,-Handel ?/rhaNms- mäßig kurzer Zeit ausgenommen. Run wurde er den Leuten dieser Stadt zuviel, und ihr Verhältnis zu ihm erlahmte. So drängten sie ihn unbe­wußt zu seelischer Luftveränderung. Mrihr

Jetzt, nach den Stunden schöpferischen Glückes, überdachte Handel selbst all dies gerechter rmd sagte sich, daß ihm d,e London-r f> rdie Ent- täuschungen der letzten Zeit früher viel Freude und Ehre ber° hattem Cs war nun einmal eine vergängliche L.ebe d,e des S > konnte eine Weile stürmisch sein, dann war es eben aus. Handel pe tand sich auch, daß seine Musik aus der Umwelt nahm und daß diese schon deshalb nicht dauernd ein und dieselbe sem durfte bei 'hm. Neu-; Mus kreise erstanden in Europa nach der Blute der 't°Uen'schen. englischen und französischen Musikpflege: in Berlin sammelte d" ungewöhnliche und seelisch empfindsame König der Preußen nicht nur Poeten un Philosophen, ländern auch schon Komponisten um sich, und andeDockau rangen sich die ersten Begabungen des geborenen Mustkval es aus niedriger Herkunft empor und machten die höheren Kreise aus sich ! merksam. Händel hatte schon früher emtnal baran gebarfit m fe.ne deutsche Heimat zurückzukehren. Aber er wäre dort einsamer gewesen al

in Englanb. Hier riefen viele Städte nach ihm. Eine der lockendsten Ein­ladungen hatte der Herzog von Devonshire an ihn ergehen lassen. Freunde rieten ihm dringend zur Annahme, er werde mit diesem Schritt eine zweite Glanzzeit für sich heraufbeschwören. Dublin sei an geistiger Fein­heit sogar London überlegen. Was ihn aber im Augenblick mit besonderer Wärme an diese Stadt denken ließ, war seine Kenntnis davon, daß die dortigen Musikoereine nur zu Wohltätigkeitszwecken Konzerte veranstal­teten. Jetzt war er in der Verfassung, ihnen feine Mitwirkung anzuhieten. Er fetzte sich hin und schrieb einen Bries an den Herzog von Devonshire.

Danach legte Händel die Festkleider ab, die er heute morgen in selt­samer Ehrfurcht vor etwas Nahendem angetan hatte, und ging in seinen gewöhnlichen Kleidern abermals außer Haus. Er hatte sich zwei Wege vorgenommen. Einmal brachte er den Brief nach Dublin auf das Post- und Schiffverkehrsamt. Darauf verzögerte sich fein Schritt wiederholt beim Weitergehen. Er überlegte an einem Punkte, wo er sich entscheiden mußte, nach welcher Richtung er gehen sollte. Drei Straßen, sogar vier, konnte er aufsuchen. Sie lagen alle voneinander entgegengesetzt. Mit jener, die Händel nun auf feinem Weg wählte, hatte er den Textdichter für fein neues Werk gewählt.

Er dachte zuerst an Humphreys. Der hatte schon lange nicht mit ihm jufammengearbeitet und war schweigsam geworben in ber Zeit der letzten Nöte. Als LondonAlexander-Fest" begeistert aufnahm, hatte der frühere Mitarbeiter Händels an der Einrichtung der Drydenschen Ode manches auszufetzen. Trotzdem befaß Hamilton Newburgh vor Humphreys die größere Gewandtheit. Nun suchte Händel Hamilton doch auch nicht auf, weil er ihn für zu wenig religiös hielt, diesmal behilflich sein zu können. Eher dachte der Komponist an den Geistlichen Thomas Morell, den er seit geraumer Zeit schon kannte. Er hatte von dessen Mitwirkung bei Oratorien Günstiges gehört, wußte aber nicht, ob der Mann in einer Sache, die begeistertes Mitgehen verlangte, nicht nachhinken würde. So entschloß sich Händel, einen Menschen aufzusuchen, der gewiß den Schwung für eine solche Arbeit aufbrachte. Sie kannten sich von seinen Bäderbesuchen in Tunbridge Wells her, sie verstanden sich gut, und der Einsame gewann nach Arbuthnots Tod allmählich einen neuen Freund.

Charles Jennens mit feinen großen braunen Augen erinnerte Händel an das Bauernmädchen aus der Chandos-Zeit, an Mary Black. Seine Großeltern waren auch noch Landgrundbesitzer und sonst nichts gewesen, der Vater hatte aber studiert und brachte fein halbes Vermögen in die Stadt. So kam Jennens in Verhältnissen zur Welt, die ihn geistiger Bildung zuführten, ohne ihn der Natur zu entfremden. Er blieb frisch und brachte fein Bluterbe gepflegt zur Entfaltung. Der Großvater wußte schon viele Geschichten, der Enkel erfand neue dazu. Auf einem der üblichen Londoner Abende, bei denen in den reichen Häusern Künstler und Gelehrte zusammenkamen, lernte Händel Jennens' Dichtungen ken­nen Sie gefielen ihm alsbald besonders im Humor. Und Händel, der tief in Borgen steckte, freute sich, einen Menschen gefunden zu haben, der von Herzen froh fein konnte und auch half. Der Komponist hielt den jüngeren Menschen seiner Freundschaft wert. Er wußte auch letzt, es war eine Ehre, wenn er zu Jennens mit einem solchen Angebot ins Haus kam. Und der Dichter mit den braunen Augen erwies sich wie einst Mary Black, welche die ersten gotiahnenden Melodien Händels fana dieser Ehre in seiner feinen Bescheidenheit würdig.

Bis Händel bei ihm eintraf, war es sechs Uhr abends geworden, also englische Hauptessenszeit. Er wurde sogleich zu Tisch geladen vom Freunde Das ein Essen bei einem lieben Menschen, war eine köstliche Dreingabe zu den Geschenken, die der heutige Tag schon bescherte! Bei Hammelkeule und Reitirbsoße kam Händel ins Lachen, und die Lebens- lust sprach aus jeder Miene seines großen Gesichtes. Jennens, der ihn zuletzt vor einer Woche ausgesucht und in trüber Stimmung Dorgefunöen hafte konnte sich diesen Aufschwung in Händels Gemüt nicht erklären. Vorsichtig und im Kleide kleiner Scherzworte suchte er aus dem Kom­ponisten etwas herauszubekommen. Aber Händel machte es ihm mit seiner Offenheit leicht. Er kam bald ins Plaudern:

Glaube nicht daß ich über Nacht in Reichtum schwimme und des- halb guter Laune bin! Da würde ich dir nicht die besten Stucke vom Braten weaschnappen. sondern dich einladen zu Schlemmereien in Lon­dons Frekklubs! Schade das kann ich nicht! Ware auch nicht das Schönste' Aber leer im Magen fein und die anderen durch eine aluck- aefättiate Miene ins Erstaunen fetzen, nichts haben und sich reich suhlen, trotz Schulden bis zum .hals wie ein Verschwender au treten das braucht nicht immer nur Gaunerkunst zu sein! Das ist jetzt auch einmal Händel Kunst! Ach. Charly!"

Was macht dich nur so glücklich, Brummbär?

Ich weiß es ja selber nicht. Aber heute morgen kam es... Schreck­liche Tage liegen hinter mir. Wie Hunde haben sie wir zugesetzt letzt, wo ich lingewanpnet dastand. Das Aeußerste sparten sie fich auf. bis ich mirfiid) zermürbt und ganz in Not vor ihnen wankte! Da riefen sie gegen mich das Gesetz an und wollten mich in den Schuldturm wersen