Ausgabe 
29.11.1935
 
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Haftes Gedächtnis, dem er jenes von D i r cho w entgegenstellte. Alle Versuche, zu ähnlichen Gedächtnisleistungen wie Virchow zu gelangen, Klugen jedoch fehl.Dieser Mangel ist mir Zeit meines Lebens treu geblieben und hat mir viele Schwierigkeiten bereitet ,

Ein gutes, unfehlbares Gedächtnis ist ein kostbarer Besitz für wissen s'chaftliche Tätigkeit, wenn der nötige Tropfen kriti cher Urtei^krast nicht fehlt. Sonst verführt es nur zu leicht zur oberflächlichen Vielwisserei. Ausgesprochener Mangel an Gedächtniskraft laßt sich ^is zu einem gewissen Grade durch Schärfe des Urteils ersetzen, aber es erschwert gan, außerordentlich die produktive Tätigkeit. Die wirklich grofeen Jdjiopfenf^en Leistungen sind weder ohne das eine, noch ohne das andere denkbar. Rudolf Virchow, um nur einen der Großen zu nennen, befaß beides in ganz ungewöhnlich hohem Maße. Sein enormes Gedächtnis war eben°?erstaunlich wie die kritische Schärfe seines Behändes bem ein Einschlag von spekulativer Begabung nicht fehlte. Bei den meisten Gelehrten, die es in unserer Wissenschaft zu etwas bringen, selten sich durchschnittlich beides, Urteil und Gedächtnis, die Waage. Ich habe einige, wie es scheint, brauchbare Gedanken gehabt, aber ihreAnswer- tung wurde mir nicht leicht, weil ich bei meinen Veröffentlichungen ebenso wie bei meinen klinischen Vortragen in stetigem Kamps mit meinem mangelhaften Gedächtnis mehr geistige Energie zusetzen mußte,

Zu jenen berühmten Männern, die über besondere Gedächtnisleistun- aen verfügten ist auch der englische Dichter Robert Browning zu zählen der als junger Mann die meisten Werke Shakespeares Wort für Wort auswendig wußte. Auch das Verlorene Paradies von Milton konnte er fast ganz aus dem Gedächtnis auftagen. Dem berühmten englischen Historiker Macauley wird nachgeruhmft daß er schon als zwölfjähriger Knabe ScottsBallade des letzten Mmm- sänaers" Wort.für Wort aus dem Gedächtnis wiederholen konnte Er hatte mit feinem Bater einen Besuch gemacht, unb'man liefe ifenhabet eine Zeitlang allein in einem Zimmer, in dem em Exemplar des Buches auf dem Tisch lag. Als der kleine Macauley nach qause kam, trug er seiner Mutter zu deren höchster Ueberraschung ein großes Stuck aus dem Werke auswendig vor. Thomas Lawrence roat: md)t nur em berühmter Maler, sondern auch em ungewöhnlicher Gedachtmskunstler. Als fünfjähriger Knabe konnte er ganze Seiten aus Sha k e f P«aJ Dramen oder aus Miltons großer Dichtung auswendig Herfagen und wurde nicht selten von Gästen als ein Wunderkind angestaunt, wenn er bei Erwähnung eines Stückes von Shakespeare sofort ganze Szenen nicht nur wortgetreu, sondern auch in leidenschaftlichem Spiel vortrug. Von G l a d st o n e wird berichtet, daß er noch als alter Mann ganze Gesänge aus dem Homer auswendig gewußt und fließend herunterge-

Während^diese Männer über einen ungewöhnlich dichten »Behälter des Wissens" verfügten, wie Montaigne einmal das Gedächtnis genannt hat, gab es auch Forscher und Gelehrte, die zuweilen völlig von ihrem Gedächtnis im Stich gelassen wurden Allerdings handelte es sich hier oft um jene vielverspottete Zerstreutheit m kleinen Dingen, meistens gerade zu einer Zeit, in der mit höchster Willensanspannung alle Gedanken auf eine besonders wichtige Frag- des -"g-renFach- aebietes gerichtet waren. So wird erzählt, daß Edis o n, der sonst ein vorzügliches Gedächtnis hatte, zuweilen an völliger Geistesabwesenheit litt Als er eines Tages mehrere Stunden lang über em physikalisches Problem nachgedacht gatte b^gab er sich mit feinem Assistenten zu T.fch Er bediente sich, aber versank dann wieder tief in Gedanken ohne die Speisen anzurühren. Der Assistent stellte zum Scherz währenddessen einen leeren Teller statt des vollen vor ihn hm, und als Edison wieder zu sich kam und den leeren Teller vor sich sah, rieb er sich die Augen und sagte schließlich' , Sapristi, bin ich zerstreut! Ich habe gegessen und erinnere mich dessen nicht mehr!" Besonders groß im Bergeften von Mimen und Gesichtern soll der englische Staatsmann Lord Salis- bury gewesen sein. So fragte er einmal wer dersympathische junge Mann" sei, der ihm schon zweimal Depeschen nach Hause gebracht habe, und zu seinem Erstaunen erfuhr er, daß es fern Sekretär war, der feit »roet Ighren mit ihm zusammenarbeitete. Em anderes Mal war ein benachbarter Gutsbesitzer bei ihm zu Gaste geladen, und Lady Salisbury befürchtete, ihr Gatte würde am Ende den Nachbarn nicht wiebererkem nen und unhöflich gegen ihn sein. Aber Salisbury war sehr freundlich gegen den Gast und unterhielt sich angelegenllich mit ihnr Nachher sag e er zu seiner Frau:Ich freute mich sehr, daß Lord Roberts beute zum Lunch tarn, aber ich muß Jagen, er hat geistig . .e^rri[X^ aräffen Er wußte auch nicht das geringste mehr von unseren militärischen Kräften in Aegypten, und seine Ansichten über Indien waren ganz nebelhaft. Er wird immer älter und täppischer."

Gewiß ist es nicht angenehm, mit einem solchen Gedachtmssieb ver sehen zu sein, aber daß auch ein gutes Gedächtnis nicht immer am rechter? Platz ist, das soll den Vergeßlichen und Zerstreuten ein wenig Trost gewähren. Wer möchte gern zu jenenMärtyrern ihres Gedacht nlsses" gehören, die Dinge behalten, die sie nie wieder in ihrem Leben brauchen können? Hier sei nur der Fall emes Rechtsanwalts ermahnt, der die Abfahrts- und Ankunftszeiten der einzelnen Zuge aus emem alten Kursbuch jahrelang nicht aus dem Gedächtnis verlor. Sem Bäte, ein Ingenieur hatte sich für das Eisenbahnwe en interessiert und den Jungen zum Studium des Kursbuches veranlaßt So gehörte em Kurs buch in feine Kinderbücherei. und es dauerte nicht lange, und der Junge hatte die wichtigsten Ankunsts- und Abfahrtszeiten der wichtigsten Zuge im Kopfe. Und dort blieben sie, auch als Neuausgaben langst andere Zeiten brachten. So nützte ihm seine Fahrplankunde keinen Deut.

Möge sich denn jeder damit bescheiden, was ihm als Gabe nun et mal gewährt wird. Dem Vergeßlichen hilft der Fleiß über manchen Gedächtnismangel hinweg, dem Gedächtniskünstler aber mag eine gnabige Stunde zuweilen etwas gewahren, ohne das der Mensch nun emm I nicht zu (eben vermag Vergessen! _______

hnnn In England Die erste Tee-Annonce vom Jahre 1656 lautet:Das i äfeh «5 s« Ää''Ä ÄSAfc -richt auch eine alte Broschüre, in der es heißt:Gewöhnlicher maßen werden der kleinen porcellanenen Schälelen dreißig bis vierzig getrunken, wer aber alle Effect und Würckung bieses Theae Trancks erfahren und genießen will, der muh zwei oder drei Stund nach dem Mittagmahl über öie in der Frühe zu sich genommene dreißig oder vierzig Schalelen noch zwöli oder fünfzehn solche SchAelen austrincken, und zwar dieses tag- I lieben. Die Thea auf obig angezeigte Weise täglich getrunden, jjat feijr viel und sürwahr wunderliche Würckung und Tugenden in sich, dan 1 stillet sie den Durst und die innerliche Hitze... 3. vertreibt sie die Hitze, Aufdärnpsfung und Aengstigkeiten des Magens ... 5. die scharfe Humore im Geblüt und in dem Leid thut sie mildern und

B-1 das noch um viele Punkte weiter. Aber es gab bald auch Wider

er des Gastes aus dem fernen Osten, und der französische Arzt Paton nte das Teetrinkendie abscheulichste Neuheit des Jahrhunderts .

"""Zur Einbürgerung des Tees in der englischen Familie trugen die Moralischen Wochenschriften" viel bei, die in diesem Getränk eine die Sitten veredelnde und mildernde Macht sahen und die Rzklame fur ihre geitichrift mit der für den Tee zu verbinden wußten. So erklärte bet I spielsweise derSpectator":Wir möchten unsere Mitteilungen beson­ders allen wohlsituierten Familien ans Herz legen, die allmorgendlich e ne Stunde dem Tee mit Brot und Butter widmen, und mochten sie ernstlich um ihres eigenen Wohles willen ersuchen, Order zu geben, daß ihnen die Zeitung pünktlichst serviert und eine unerläßliche Zugabe des Morgen- | ^^Von^Enoland hat der Tee feinen Einzug bei uns zuerst in Hamburg und in Nordoeutschland überhaupt gehalten. '-M°n f-tzt sich um den run­den Tisch herum", heißt es in einer Hamburger Wochenschrift von höh, in dessen Mittelpunkt ein kleiner Feuerofen.glühet auf welchem das kochende Wasser eine Menge wässrige Dunste m die Luft blafet bte sich mit dem Kohlendampf vereinigen, welchen die Damen für gesund halten und der doch die Köpfe der ganzen Gesellschaft benebelt, so best alle Herren die Stirn reiben und alle Damen in ihren Schnurleibern errieten wollen.

Ein reines Vergnügen scheint das Teetrinken damals nicht gewesen zu | fein, und außerdem entnehmen wir daraus, daß er vor allem -'^An­gelegenheit für Damen war. Das galt noch bts weit m das 19 Jahr­hundert hinein. Die Vorstellung vom Milden und Blassen - besonders im Gegensatz zu der Kraft des Kaffees - mag °n dem Tee aus jener Seit hasten geblieben fein. Goethe hatte für dieses Getränk nicht viel übrig und äußerte sich:Was sollten die Frauen ohne den Tee anfangen? Das Teemachen ist eine eingebildete Tätigkeit, besonders in England Und da sitzen sie gar behaglich umher und sind weiß und sind schon und sind lang, und da müssen wir sie schon sitzen lassen." Schon bald lauten bte Urteile der Dichter freundlicher, wenn die Beziehung zwischen Tee und Damen- weit auch noch bestehen bleibt. In Uhlands Teelied heißt es.

Denn nur die holden Frauen halten Dich in der mütterlichen Hut, Man sieht sie mit dem Kruge walten Wie Nymphen an der heil'gen Flut. Den Männern will es schwer gelingen Zu fühlen deine tiefe Kraft: Nur zarte Frauenlippen bringen In beines Zaubers Eigenschaft.

Plötzlich war ber Tee Mobe geworden, er wurde zum Sinnbild schön­geistiger Gespräche. Zu feiner Verherrlichung entspann sich em förmlicher Wettkampf. Am 16. März 1811 schrieb Uhland an Justinus Kerner. Schwab, Mayer und ich schicken alle Tage ber Doktorin Sjefel unb। ber Schrader (Gattin des nachmaligen Tübinger Romanisten Ed. Schradech neue Teelieder zu. Es ist ein wahrer Wettkampf. Karl Mayer wird auch eines machen. Schwab Hai zwei gemacht, und von dir erwarte 'ch Sukkurs von einem halben Dutzend, da du ja mit Teegeschichten handelst.

Der Tee hat sich heute in Deutschland fein Heimatrecht erworben. Aus der englischen Geselligkeit ist er überhaupt nicht mehr wegzudenken und auch das russische Leben ist ohne ihn schwer vorstellban Jedes Volk ver- fährt mit der Zubereitung des Tees auf feine eigene Weife. Man konnte geradezu eine Psychologie der Teetrinker in aller Welt ausstellen.

Gutes und schlechtes Gedächtnis.

Von Dr. Jürgen Schäfer.

Eines der größten Wunder des menschlichen Geistes ist ferne Gabe, ht die Vergangenheit zurückzuschweifen und früher einmal Erlebtes in die Erinnerung zurückzurufen. Was wir erlernen und erfahren, das hinterläßt in uns eine seltsame Spur, und willentlich oder doch schein­bar aus eigener Kraft leben aus ihr wieder die früheren Bilder auf. Dann rühmen wir unfer Gedächtnis, das alle^ so gut bewahrte, was Ihm anvertraut wurde, das die Zeit, feinen erbittertsten Gegner, über­wand und unsere Erlebnisse jeweils wieder ins Bewußtsein ruft.

Doch vermag keines Menschen Geist alles zu bewahren, was wahrend seines Lebens an Wissen und Erfahrung auf ihn einstürmt. Vieles ver- sinkt in die Vergessenheit, während uns anderes zu unserem Nutzen, zuweilen aber auch zu unserer Qual immer gegenwärtig bleibt. Man hat die Beobachtung gemacht, daß nicht selten die Neigungen eines Menschen großen Einfluß auf seine Gedächtnisleistung haben: so behält etwa em Mathematiker in ber Regel leicht Zahlen, während der Historiker mime- los eine ganze Reihe von Geschichtsdaten nennen kann. Ein solches Fachaedächtnis" ist für den Gelehrten eine hochzuschätzende Hilfe bei seiner Arbeit, unb wo es fehlt, muß mit eisernem Fleiß immer roieber erworben werben, was bem Begünstigten spielenb in ber Erinnerung bleibt. So beklagte sich ber Arzt Friebrich Martins über fein mangel-________

««antwortlich: Dr. ftanö Thyriot. - D^und Verlag: Brühl,che Univerlitäts-Bnch. unb Steinbruckerei. A. Lange. Gieb-«-