Wir opfern.
Don Wolfgang Brügge. Noch hockt die Not in manchem Haus, noch reicht das Brot an manchem Tisch nicht aus, noch friert ein Kind und jammert vor sich hin; Bedenke, daß wir sind Verschworne einem Sinn: Wir opfern, spenden, geben — Deutschland muß leben I
Oie Schlacht auf dem Mühlendamm.
Von Karl Heinrich Waggerl.
Wir entnehmen den vorstehenden Abschnitt mit freundlicher Genehmigung des Insel - Verlags zu Leipzig dem neuesten Roman des Dichters, der unter dem Titel „Mütter" erscheint. Und es ist auch wirklich ein ansehnliches Schauspiel. Die Gertraud- kinder kommen! sagen die Dorfleute, tret/n unter die Tür und bewundern den festlichen Zug. Was den Wagen vor allem schmückt, das ist der große rote Regenschirm, der zur Zier und zum Schutz gegen alles Ungemach aus Himmelshöhen hinten sestgebunden wird. Und ,edes von den Kindern bekommt sein Amt zugewiesen. Therese muß die Blumen halten und alles in ihrem Schoße sammeln, was sich unterwegs Bemerkenswertes findet, während die stimmgewaltige Antonia, unter dem Baldachin sitzend, die Ausgabe hat, von Zeit zu Zeit einen passenden Gesang anzustimmen, etwa das Lied vom Kuckuck, der 'aus dem Wald ruft, oder ein markiges, wie es Peter gern sänge, wenn er es träfe, das Lied vom galoppierenden Pferdchen.
Die Deichsel führt Barbara selbst. Oft hat sie versucht, den Hund des Hausierers für diesen Zweck abzurichten. Er läßt sich auch geduldig mit Stricken umschnüren und eine Blume an den Schweif binden, aber dann fetzt er sich einfach darauf und blinzelt und meint, da? fei nun alles, was man von seinesgleichen verlangen könne. Nero ist über die Maßen dumm, er kann sich durchaus nicht denken, wie sich ein Kutschenpferd zu benehmen hat, selbst wenn es ihm Barbara bis ins einzelne vormacht.
Nun, dafür ist er aber sonst gut zu gebrauchen, unablässig umkreist er den Wagen und sorgt für einen eindrucksvollen Lärm, und außerdem bringt er unterwegs alles angeschleppt, was sich irgend bewältigen läßt, Blechbüchsen und altes Schuhzeug und totes Getier. Das legt er Therese in den Schoß und saust wieder davon und ist ein durchaus lobenswerter Hund.
Den Wagen also muß Barbara selber ziehen. Ihr zur Rechten schreitet Paul, zur Linken Peter, so getrennt, damit wenigstens fürs erste der Friede gewahrt bleibt. Und hinterher, gewissermaßen als Troß und Nachhut, humpelt Anna auf schwachen Beinen, von Gott mit Em- salt gesegnet, weshalb sie ausersehen ist, das Jausenbrot zu tragen. Nur der kleine Nikolaus muß zu Hause bleiben. Er wäre jo doch nur ein Fraß der Fliegen, weil die Sonne unheilvoll auf sein Inneres einwirkt und ihm allerhand entlockt, was nur den Bremsen angenehm duftet.
Ja nicht anders geschah das alles an jenem Tage. Barbara zog über den Platz und die Gosie hinunter, dann am Teich entlang zum Mühlendamm, jenseits dachte sie auf der schattigen Wiese zu rasten Es war weit und breit nichts Bedrohliches zu sehen, Peter trug friedlich sein Schwert an der Seite, die Kinder sangen aus vollem Halse, und auch Paulchen sang und freute sich des Lebens. Sollte ihm diesmal wirklich gar nichts zustoßen? .
Doch. Plötzlich verstummte Paul. Erstarrte förmlich auf dem Fleck und dos mit Grund, denn an Stelle der Nase hatte er auf einmal einen blauschwarzen Klecks im Gesicht, so, als fei sie ihm von Geisterhand im Flug entrissen worden.
Um Gottes willen, dachte Barbara und sah zum Himmel, was für ein Vogel läßt solche Geschoße fallen? .
Aber es kam gar nicht von einem Vogel, sondern von einem gewissen Kaspar, Sohn des Müllers. Der saß mit seiner Schleuder hinter den Stauden aus dem Damm. Hockte dort ohne Arg und suchte noch Zielen für die Dörrkirschen, die er im Munde hatte, schoß ins Ungefähre und traf, sich selber zum Erstaunen. Er wußte ja nicht, daß er diesen Treffer weniger seinem Schützenglück als dem Wirken der Schicksalsmachte verdankt, die den kleinen Paul auch an diesem Tage nicht ungepruft lassen
Barbara hingegen hielt es für eine vorsätzliche Büberei. Nie zuvor hotte jemand gewagt, ihren Wagen anzugreifen, der war im ganzen Dorf geheiligt. Und nun sah sie den Bruder heulend im Staube sitzen, mit vlattaeguetscher Nase und vielleicht für fein Leben entstellt! -ter Zorn^schwoll ihr im Bufen — o wie schändlich, auf Weiber und Kinder 3U Kbiefem Lümmel sollte das Grinsen vergehen! Barbara sammelte die Ihren rings um den Wagen wie um eine feste Burg, auch Nero wurde mit dem Befehl auf dem Boden festgenagelt, im Notfall eher sein Hundeseele auszuhauchen als die Festung preiszugeben. Und dann schritt r*e E ^etti^unvergleichlicher Kampf. Wäre er von einem Sänger besungen worden so hätte der sagen können, daß die Vogel verstummten, daß dt Kühe "n der Nachbarschaft zu ftessen aufhörten und an den vchin kamen um iiUiuschauen Als Kaspar die streitbare Jungfrau anrücken lab Lickt er sie würde sich Luft machen wie alle Mädchen, mit Schimpfen und Spucken. Und darum, weil er sitzen blieb, traf 'im gleich die erste Maulschelle ins volle. Ehe er sich aber
wiederum ihren Vorteil wahr, sie fing feinen Hols unter der Achsel ein und klemmt ihn aus Leibeskräften fest.
Nun, so viel weiß jeder, daß einem m dieser Lage kaum noch Lust
zum Fluchen bleibt. Kaspar schnob und stöhnte und arbeitete sich ve» geblich in Schweiß. — Bittest du ob? fragte Barbara, willst du abbitten?
Kaspar konnte überhaupt nur noch dumpf gurgeln, beinahe wäre bex Kampf im ersten Ansturm entschieden worden.
Allein, wie es denn zuweilen geschieht, daß der Mensch gerade durch sein besseres Teil zuschanden wird, so kam auch Barbara plötzlich in Bedrängnis, aus Gründen der Ehrbarkeit. Es ist nämlich die Regel, daß ein wie Kaspar (gefolterter in der letzten Not nach den Beinen des Gegners greift, um ihn auszuheben. Und das tat denn Kaspar auch, aber was er hob, waren nur Barbaras Röcke. Plötzlich fühlt sie eine bedenkliche Kühle unten herum, mit anderen Worten, sie ward inne, baß ihr zum Fechtn zwar nicht das Herz, aber die Hofe fehlt.
Um ihre Blöße zu schützen, mußte sie den Kragen des Feindes preisgeben, und alles wäre verloren gewesen, hätte nicht Petr in diesem Augenblick eingegriffen.
Peter war nämlich herbeigekommen, um sich das Getümmel aus der Nähe zu betrachten, anders als Nero, der wohl vor Aufregung winselt und mit dem Schwänze Wölkchen aus dem Staube klopft, aber dennoch gehorsam sitzen blieb, eben eine Hundeseele. Es war immer der Ruhm größer Generale, in der Schlacht zu erscheinen, wenn der Feind schon auf den Schanzen steht. Was es der Schwester ausmachte, nackt oder bekleidet zu raufen, verstand Peter nicht, aber er fah, daß sie unten lag und fürchterliche Prügel bekam. Kunstlos im Handeln wie alle Helden, tat er, was auch fein Namenspatron im Oelgarten getan hatte, er zog das Schwert und schlug dem Gegner hintrs Ohr.
Zum Glück für Kaspar war das Schwert aus Holz und nur für Distelkäpfe scharf genug, aber so viel war doch damit auszurichten, daß Kaspar laut aufschrie und entsetzt seinen Schädel befühlte. Gottlob! vorhanden war er noch, sogar erheblich vergrößert, aber nun wollt sich Kaspar auf gar nichts mehr einlaffen, er räumte das Feld und wankte wehklagend davon.
Ja, [o endet die Schlacht auf dem Mühlendamm mit einem glorreichen Sieg. Auch den Hut ließ der Feind zurück, Petr nahm die Hahnenfeder herunter und steckte sie auf feinen Helm. Barbara freilich hatte allerlei an Wunden und Beulen zu verbeißen, aber auch sie flagte nicht. Nein, wortlos schüttelte sie das Moos aus den Röcken, flocht ihr Zöpfchen neu ein und ging bann zum Wagen zurück, um das Jaufen- brot auszuteilen. Sie war den Ihren wiedergegeben.
Geschichte und Geschichten vom Tee.
Von Dr. Georg Böse.
Den-Tee umgibt noch heut eine Weihe, in der Geist und Legende aus dem fernen Osten Mitschwingen. Weniger farbig und leidenschaftlich als fein orientalischer Bruder, der Kaffee, ist um ihn der Duft ewiger Stille, die hauchzarte Lust, die uns aus den Gedanken der chinesische« Weisen anfächelt. Die Geheimnisse aus dem Reich der Mitte, Japans uralte Ueberlieferung und Indiens rätselhafte Vergangenheit spielen um dieses Getränk, von dem Wang-Pü-Cheng sagt, daß es die Seele unmittelbar wie eine Stimme überflute und daß feine feine Bitterkeit an den Nachgeschmack eines guten Rates erinnere. Die japanischen und chinesischen Teezeremomen haben eine große Geschichte; ihre tiefe kultische Bedeutung haben sie sich bis auf die Gegenwart bewahrt, und so werden sie auch heute noch selbst in den modernen Häusern Japans mit unerschütterlicher Treue und peinlicher Genauigkeit, die auch dke geringste Bewegung nicht vernachlässigt, in allen Einzelheiten geübt. Es ist, als habe der Tee unauslöschliche Spuren dieser Weihe mit auf seinen Siegeszug in unsere andersartige Well mitbekommen, und wlk empfinden deutlich, daß der Genuß dieses Trankes sich gern mit den Zeichen einer gesitteten Geselligkeit verbindet, von der die Überlieferte« sogenannten ästhetischen Tees nur eine müde Entartung sind.
Eine Legende steht am Anfang der Geschichte des Tees. In uralten Zeiten lebte an den Ufern des Ganges ein durch feine Heiligkeit weithk« berühmter Brahmine. Als der fromme Mann fein Ende herannahen fühlte, tat er das Gelübde, fortab auf jeden Schlaf verzichten zu wollen, damit er die letzte ihm noch gewährte Frist in ununterbrochenem Nachdenken verbringen könne. Aber die menschliche Natur ließ sich nicht zwingen. Eines Tages versank er mitten im Grübeln über die Geheimnisse des Weltalls in einen tiefen Schlaf. Als der Brahmine wieder erwachte, war er untröstlich über feine Lässigkeit. Um nun ganz sicher zu fein, daß er der Müdigkeit in Zukunft nicht wieder unterliegen werde, schnitt er sich die Augenlider ab und warf sie von sich. Aus ihnen entsproß über Nacht der Teestrauch. Als der Heilige einen Aufguß von dieser Pflanze trank, spürte er zu feiner Verwunderung, wie sein Geist von neuer Kraft und edlem Schwung belebt wurde, so daß ihn fortab bei feinen frommen Uebungen nie mehr die Müdigkeit übermannte- Seine Jünger haben den Wundersttauch dann weiter verbreitet.
Db nun Indien ober China das eigentliche Ursprungsland des Tees ist bleibt wohl noch lange eine Doktorfvage. Jedenfalls gibt es feinen Beweis dafür, daß er im Reich der Mitte fchon vor dem 7. Jahrhundert nach Christus heimisch war. Aber schon bald hören mir von einem wahren Kult um diese Pflanze; bereits um die Mitte des 8. Jahrhunderts tritt der Dichter Luh Yü als Apostel des Tees auf, dem er im „Cha-King* ein heiliges Gesetzbuch schuf. Von den chinesischen Teehändlern wird et als Gottheit verehrt, und das japanische Teezeremoniell geht angeblich auf ihn zurück. Schon im S. Jahrhundert scheint der Tee in Japan bekannt gewesen zu fein. Don dort ist er erst nach Tibet und der Mongolei gelangt, wenn auch bereits der Wettreisende Marco Polo von der Absetzung eines chinesischen Ministers erzählt, der sich einer willkürlichen Erhöhung der Teesteuer schuldig gemacht hatte, so kamen die ersten genaueren Berichte über diesen Wundersttauch doch erst in der zweiten ftälfte des 16. Jahrhunderts durch holländische, portugiesische und italiS- nische Reisende nach dem Abendland. Zu Beginn des 17 Jabrhunderts brachten die Schiffe der Holländifch-Oftindifchen Kompanie den Tee nach Europa. In Paris und in Rußland soll er zuerst genofien worden fein,


