Ausgabe 
29.7.1935
 
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Sommerlred am Attrhein.

Von Wer« Wagenschein.

Gräser und Grillen dem Winde zu Willen sausen und singen sein Lied.

Wolken und Wellen, Lüfte, Libellen segnen den Sommer im Ried.

»Am Brunnen vor dem Tore ..."

Poesie und Brauchtum um den deutschen Brunnen.

Von Dr. Wolfgang Frahm.

Wir drehen heute einfach den Hahn der Wasserleitung auf und be­trachten es als eine Selbstverständlichkeit, dah uns das unentbehrliche Rast mühelos und ohne jede Beschränkung zur Verfügung steht. Tatsäch­lich ist das weitverzweigte Netz unserer modernen Wasserversorgung eine der sichersten Grundlagen neuzeitlicher Hygiene, und man braucht nur an die Entstehungsursache der Choleraepidemien noch zu Ende des oori- !|en Jahrhunderts zu denken, um die große Bedeutung dieser Seite un­srer technischen Einrichtungen ganz zu würdigen. Und doch mischt sich in die berechtigte Freude über den Fortschritt besonders der letzten Jahr­zehnte eine leise Wehmut in der Erinnerung an das schöne Bild der einfachen oder kunstvollen Brunnen, aus denen der Mensch das Wasser noch im tiefsten Sinne des Wortes schöpfen mußte und die noch bis in unsere Gegenwart einen Hauch ihres kultischen Zaubers und ihrer poetischen Verklärung bewahrt haben. Heute müssen wir schon aufs Land, in einsame Dörfer und stille Gebirgstäler wandern oder vor den Brunnen-Kunstwerken alter Städte wie Wertheim und Miltenberg Halt machen, um das Wunder der Märchen- und Sagenwelt, der Dichtungen und Klänge um den Brunnen auf uns wirken zu lassen.

lieber dem kunstlosen Schöpfbrunnen rauschten feit ältesten Zeiten die Linden und Eichen, und hier war der Ort, an dem die Menschen gern miteinander verweilten, in einer kleinen Pause zwischen dem harten Tagwerk oder am Abend in der fröhlichen Stimmung der Feierstunden. Auch nachdem das Kunstgeschick der mittelalterlichen Handwerker ihm mächtigere und anspruchsvollere Formen gegeben hatte und er in den Mittelpunkt der von Wällen beschützten Stadt gerückt war, blieb er das Sinnbild der menschlichen Gemeinschaft, Freund und Tröster, Ort der verschwiegenen Zusammenkünfte zwischen den Liebenden, voller Ver­heißungen, von Zauberkräften umwittert und von guten und bösen Gei­stern umgeben. Im Spiegelbild seines Wassers entdeckte man das Ant­litz fremdartiger Wesen, und aus seinem Rauschen klangen Mahnung und Zuspruch. Und so rankte sich um den Brunnen ein Kranz von Legenden und Märchen, Liedern und Bräuchen. Noch Goethe läßt seinen Werther von der Poesie des Brunnens ganz ergriffen fein, wenn er sagt:Da kommen dann die Mädchen aus der Stadt und holen Waffer, das harm­loseste Geschäft und das nötigste, das ehemals die Töchter des Königs selbst verrichteten. Wenn ich dasitze, so lebt die patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie als die Altväter, am Brunnen Bekanntschaft machen und freien, und wie um die Quellen und Brunnen wohltätige Geister schweben. O, der muß nie nach einer schweren Sommertagswande­rung sich an des Brunnens Kühle gelabt haben, der das nicht mitempfin­den kann."

Märchen und Brunnen find in unserer Vorstellungswelt eng mitein­ander verwoben. Der Frosthkönig taucht mit seinen traurigen Augen vor uns aus, die Gänsehirtin erblickt im Spiegel des Brunnens ihre Schönheit, und in seinen Tiefen wohnen die Seelen der ungeborenen Kinder. Aber dort sitzen auch die drei Schicksalsjungfrauen: die eine spinnt Seide, die andere klare Weide, die dritte macht das Fenster aus und läßt die Sonne hinein in das Brunnenhaus.

Hab ein Brünnlein mal gesehn, Drauß tät fließen lauter Gold, Täten dort drei Jungfern stehn * Gar fo schön und gar so hold ..."

In das Rauschen des Brunnens mischen sich die Melodien vieler Volkslieder: die Vertrautheit nachbarlicher Gemeinschaft, Lleb.esfreude und Liebesschmerz, das Geborgenheitsgefühl des nach langer Irrfahrt wieder heimkehrenden Wanderers sprechen daraus. Unvergänglich sind die Verse des einsachen Liedes:

Am Brunnen vor dem Tore Da steht ein Lindenbaum, Ich träumt in seinem Schatten So manchen lieben Traum .. ."

Der Brunnen ist der schönste Ruheplatz, an ihm streift der Mensch alle Hast des Lebens ab, er macht ihn nachdenklich und fordert ihn zu­gleich auf, die Freuden dieses Daseins beherzt beim Schopfe zu packen, wie es in diesem Lied heißt:

Die Brünnlein, die da fließen,

Die fall man trinken,

Und der ein lieben Buhlen hat. Der soll ihm winken ..."

Dem Brunnen vertraut der Mensch seufzend feine Leiden und Ent­täuschungen an, Liebessehnsucht und Liebeskummer:

Wenn ich zum Brünnle geh. Seh andre Mädle steh, All stehn bei ihrem Schatz, Wer steht bei mir?"

Die Klage des verschmähten Liebhabers tönt aus den Versen bee alten VolksliedesJetzt gang i ans Brünnele, trink aber net ..."

So stark ist der Brunnen mit dem Schicksal des Menschen verbunden, daß er bald als- Symbol des Lebens überhaupt erscheint, in der Mythe vom Jungbrunnen, in den geistlichen Liedern vom göttlichen ©naben» quell und im tiefsinnigen Sprichwort, in dem der ernste Lebenspilger fragt:

Wer weiß, wo noch das Brünnlein quillt, Daraus ich trinken werde?

Vielleicht, wenn du, mein Gott, so willst, Quillt es aus fremder Erde."

Der Zauder des Brunnens hält die Menschen gefangen. In seinem Brunnen von Sparbrot" findet Leo W e i s m a n t e l dichterisch starke Worte für dieses große Geheimnis.Wenn aber der Abend über das Tal kam und die Bauern von den Aeckern heimgekommen waren, wann die Nacht und die Müdigkeit den Leuten von Sparbrot das Werk aus den Händen nahm, ging es wie eine betende Feierlichkeit unter ihnen um, dah die jungen Mädchen, die in die bräutlichen Jahre tarnen, auch junge Frauen, die Stütze ausleerten, als sei das Wasser alt und abge­standen, dann traten sie mit einem frommen Spruch auf den nächtlichen Pfad. Sie huschten wie Rehe und hielten den Deckel der Stütze fest, daß er nicht klappere. Die Heimlichkeit siel wie ein Nachttau über sie, er­quickte ihren müden Leib, dah sie sich wieder strafften. In den Abend­brunnen fallen die Träume, hörte ich die Leute von Sparbrot sagen. Und wer so in der Dämmerung das Wasser schöpfe, trinke Träume, bringe sie ins Haus, Labsal der Nächte. Da sprachen die Mädchen und Frauen ein Stoßgebet über die Stütze, daß sie geheiligt sei und quälende Alpträume nicht in sie einbringen könnten. In den Erlen unb Weibenbüschen, den Brunnenpsad hin, standen bann bie Burschen, manch einer auch saß versteckt hinter ben Haselnußsträuchern am Brunnenberg. Wenn die Mädchen vorbeikamen, sprang da von den Büschen her ein Necken, ein Erschrecken auch in die Mädchen, dah sie liefen und das Gruseln tranken wie bas Wasser."

Brunnenverehrung und Brunnenschmückung sind seit den ältesten Zeiten ein weitverbreiteter Brauch gewesen, der sich vor allem zu Ostern und Johanni noch in mancherlei Gestalt erhalten hat. In einigen Gegen­den werden die Brunnen zum Osterfest-feierlich mit Blumen und bunten Bändern bekränzt. Zu Johanni ist diese uralte Ueberlieferung in ver­schiedenen Orten mit einer Brunnenreiniguhg verknüpft. Im Hessischen gab es lange noch große Brunnenfeste und Bornfahrten: den Abschluß bildete die Wahl eines neuen Brunnenmarts, der die Verwaltung des Brunnens für das nächste Jahr übernahm. In Schöten bei Apolda war jeder Einwohner verpflichtet, demOekonomen" von Apolda am Johannistage ein Brot zu reichen. Es wurde in Stücke gebrochen, in das Wasser des Brunnens geworfen, und nachdem es geweicht war, mit der am Brunnen hängenden eisernen Kette wieder herausgefischt und als segenbringendes Mittel gegessen. Mann und Roh waren bei diesem Fest mit grünen Zweigen geschmückt. In manchen Orten Thüringens und Hessens hat sich dieser alte Brauch zu einer schönen Kinderseier entwickelt. Nachdem die Mädchen bie Brunnen mit reichstem Blumen­schmuck versehen haben, wählten bie zu einem Brunnen gehörigen Kinber einen neuen Brunnenherrn, inbem sie ihm einen großen Blumenstrauß auf einem blanken zinneren Teller übersandten. Dann begab sich bie Kinderschar zu (einem Hause, das mit grünen Maien umstellt war, und der Brunnenherr ging darauf von Haus zu Haus, um Gaben für die kleine Festlichkeit zu sammeln, die sich am darauffolgenden Sonntag an« schloß. Noch heute gibt es solche Brunnensest, in denen ein uralter Kult weiterlebt.

Der Schrank.

Eine Geschichte von Erich G r i f a r.

Der alte Hasenau ist nicht nur ein eifriger Raritätssammler, sondern auch ein Naturfreund. Wenn nur fein Beruf ihm Zeit läßt, ist er draußen und läßt sich den freien Gebirgswind um die Nase wehen. Das ist es, was ihn zwischen all den Akten und Altertümern, bie sich im Lause ber Jahre um ihn herum versammelt haben, jung erhalten hat. Und dann mag eben auch dazu kommen, daß er unverheiratet ge­blieben ift. Im Bergsteigen nimmts heute noch kein Junger mit ihm auf.

Diesen Sommer ist er im Schwarzwald gewesen. Da hat er so recht nach Herzenslust in den Bergen herumklettern können. So ist er denn auch in eins jener stillen Täler gekommen, die ganz oben in den Kamm des langen Gebirgsrückens eingeschnitten sind, wohin sonst nie ein Fremder kommt. Doch grab wie er oben war, ist ein heftiges Unwetter losgegangen. Das hat bem Hasenau nicht viel ausgemacht, aber es schien ihm doch wohl notwendig, sich nach einem Dach umzusehen, unter dem er das Unwetter abwarten konnte.

So ist er zum Hinterwieser gekommen, der da oben sein Anwesen hat. Zum reichen Hinterwieser, wie sie ihn unten im Tale nennen, ob­wohl niemand so recht weiß, wieso der Hinterwieser so reich geworden ist; denn das Vieh, das er von da oben zum Markt herunterschickt, ist alleweil recht mager, unb ber Boden da oben ist hart und wirft nicht viel ab. Der Hinterwieser also hat den Herrn Hasenau sogleich sehr freundlich willkommen geheißen. Er hat ihm seinen alten Hausrock gegeben, und ein Paar Pantoffel hat er ihm auch hingestellt, so daß er in aller Ruhe das Unwetter hat abwarten können. Das ist denn auch bald vorüber gewesen, aber weil Rock und Schuhe des Herrn Hasenau noch haben trotfnen müssen, hat er es sich noch ein wenig gemütlich gemacht. Und außerdem hat's ihm auch sehr viel Vergnügen gemacht, hier oben auf ber Ofenbant zu hocken.

Sind schöne alte Kacheln, hat er dann zu dem Hinterwieser gesagt, schätze 17. Jahrhundert.

Soll wohl fein, hat der Hinterwieser geantwortet. Jscht ein altes Stück. Heutzutage stellet man sich solch ein Ungetüm nicht mehr hin. Aber er hitzt noch gued. Mag er drum stehen bleiben auf seinem Platz.

Wirklich, ein schönes Stück, hat der Hasenau noch ein paarmal ge-