Das Orchester des früheren Haymarkettheaters war zum größten Teil schon in seinen Händen gewesen und brauchte nur wenig ergänzt zu werden Es stand bereits im Probenfieber, als Händel heimkehrte. Man hatte ihm während der Reise berichtet, welches Werk die erste Spielzeit eröffnen solle. Es hieß „Numerato", und sein Schöpfer war Giovanni Porta Das Werk war Händel unbekannt. Doch er kannte den Komponisten eine mäßige Begabung aus der Schule Bononcinis, und ärgerte sich, daß eine solche Null das von den Zeitungen lange vor der Eröffnung schon als Ereignis hingestellte Opernhaus einweihen durfte. Anderseits konnte es Händel nur recht sein, wenn das Publikum erst später das Starke kennenlernte. .
Sein starkes Werk! Er hatte noch in Cannon den größten Teil davon geschrieben, während der Reise weitergearbeitet, und brachte es nun in London sehr rasch fertig. Das ging nur so zwischen einer Ueberlast von Geschäften. Eitel begnügte sich Bononcini mit Arbeiten, die ihm Spatz machten und meinte, Händel würde eine Oper in dieser Spielzeit überhaupt nicht mehr fertigbringen. Der Italiener Netz sich daher ruhig Zeit für fein eigenes neues Werk. Im Februar, als die Proben zu „Numerato" schon sehr heftig im Gange waren, ging Bononcini einmal mit dem Spazierstock an der Oper vorbei, trat ins Gebäude und kam dazu, wie Händel gerade die Musiker zu Mehrleistungen antrieb. Eine Weile sah er vom Parkett aus die Arbeitswut des Uebereifrigen mit an, darauf ging er an die Orchesterrampe heran und meinte spöttisch:
„Teurer Herr Händel, warum dieses Fieber? Bis April ist noch lange Zeit!"
„Wenn man gleichlaufend zwei Opern einftubieren will, sind die Wochen bis dahin verdammt kurz!"
„Zwei —?"
„Ja, morgen beginnen die Proben zu meinem neuen Werke. Es freut Sie doch, daß nufer Spie'plan nicht einförmig bleibt?"
Bononcini war blaß geworden und verbarg unter einem erzwungenen Lächeln feinen Zorn. Mit mühsamer Beherrschung ging er von Händel. Und ohne Aufenthalt eilte er vom Opernhaus geradeswegs zu Lord Burlington. Wie in Stichflammen brach [ein Aerger in spitzen Worten hervor:
„Dieser Händel tut ja geradezu, was er will! Wo steht geschrieben, daß er ein Werk von sich als nächste Aufführung auf den Spielplan setzen darf?"
„Wir und die Besucher der Oper empfinden gleiches Interesse, ob Sie oder Händel den Bortritt haben."
„Ich begebe mich nicht zum rohen Zweikampf in eine Arena! Händel hätte fragen muffen, ob ich mein neues Werk noch nicht vollendet habe!"
„Ist es inzwischen fertig geworden?"
„Der Grundsatz italienischer Musikkunst lautet: feile und feile! Wir werfen nicht Junge wie Bären, wir stellen unsere Geburten in die Sonne der Seele, wo sie reifen können."
„Ich muß Händels Kunst verteidigen. Sie ist selten unreif."
„Muß es nicht Zweifel bei Fachleuten Hervorrufen, wenn ein Komponist in so fliegender Eile Opern schreibt?"
„Nun — dem Werke bleibt ja die Beurteilung nicht erspart."
„Händel wird gespielt und ich soll warten?"
„Meister Bononcini, Sie verlieren kaum etwas dabei. London geht nicht nach der Reihenfolge, was nachher kommt, wird auch da fein! Und Ihr Gehalt läuft. Unser Wunsch geht dahin, Ihren schon berühmten „Astarto" hier herauszubriugeu. Sie brauchen also keine neue Oper zu schreiben für diese Spielzeit. Erfreuen Sie uns durch gute Laune und durch Ihr wundervolles Cellospiel!"
„Aber ich bin doch Opernleiter!"
„Neben einem Kolosse, der Ihnen Schwerarbeiteu erspart."
Ja, diese nahm niemand von Händel. Die beiden Mitdirektoreu, die Herren des Borstands, besondere Freunde der Oper aus kaufmännischen Kreisen tarnen täglich mit Schützlingen, die sie in der Spieltruppe des Hauses untergebracht haben wollten. Händel hörte fast Tag für Tag Probesingen oder -spielen, jede Absage war zu begründen, dazwischen bestürmten ihn unaufhörlich die Zeitungsleute und wollten schon heute den Spiel^lan und die Sterne der nächsten Spielzeit genannt hören. Die kaufmännischen Leiter des Hauses hielten bei jeder Gelegenheit Händel den Voranschlag des Verbrauchs unter die Nase, da seine Betriebsamkeit mächtige Ausgaben befürchten ließ. In Wahrheit ersparte er allein an Geldern für die Musiker, die neben ihrem Gehalt auch Zulagen für die Proben bekamen, schöne Summen, da er die Zeit mit doppelten Leistungen ausfüllte. Schon jetzt bildete sich im Keime bei den ausübenden Künstlern die Neigung, Händel mit dem „Tyrannen des Geldes", dem Finanzminister Walpole, zu vergleichen. Und der Witz vom „eigentlichen Gouverneur" tauchte auf.
All dies bekümmerte den Komponisten nicht. Er zwang in diesen Wochen vor Opernbeginn die Sänger, welche er vorläufig hatte, wenigstens äußerlich zur Einheit. Händel erkannte von Anfang an, daß es viel Erzieherwillen brauchte, gegensätzliche Naturen wie die tugendhafte Robinson und die vergnügungssüchtige Salvi oder Pepuschs, seines Vorgängers auf Cannon, leicht beleidigte Gattin Margherita de l’Gpine unter einem Dach zu haben. Und doch fehlten in dieser Spielzeit noch die Schrecken der Oper, die ganz großen Primadonnen...
Die Erstaussührung „Numerato" kam, das Haus war ausverkauft. Händelsche Fanfaren begrüßten das Publikum, dann erst folgte die Ouvertüre Portas, der selbst dirigierte. Während der Akte Langeweile, in den Pausen großes Geschwätze. Die Kritiker rümpften die Nase. König und Adel, die Teilhaber der Gefellfchaft, alle feierlichst anwesend, legten dem ersten Gouverneur, dem Herzog von New Castle, die Frage vor, ob keine schwungvollere Eröffnungsoper hätte gewählt werden können. Die Frage klang auch Bononcini in den Ohren, der hinter Händels Rücken dem Vorstand Portas Werk vorgeschlagen hatte. Die Londoner Gefellfchaft wäre an diesem Abend ohne Vertrauen auf eine künstlerische Zukunft der Oper und nur mit dem Eindruck, daß diese kostspielig her- gerichtet worden sei, auseinandergegangen, wäre nicht Händel im letzten Augenblick aus einen rettenden Einsal! gekommen. Er wußte nicht, ob
es schicklich sei, hieß aber nach Schluß der Vorstellung den Textdich»! seiner neuen Oper vor den Vorhang gehen. Der Mann hatte folgen^ zu sagen: Die Royal Academy bringt in ganz kurzer Frist ihre zwest Neuheit heraus, ein Werk Händels, das unter Rücksicht auf große bt* malische Wirkungen und für glänzende Sängerrollen geschrieben ist. lebe der König und das kunstfreudige London!
Dieses Erwecken der Neugierde samt Schmeichelei gelang. Man ctJ zieh den heutigen Abend und gab sich Stelldichein zur nächsten (End aufsührung. Bononcini und Porta mutzten hören, wie London händ^ entzückt wurde. Sie gingen mit wenig Vergnügen italienische $eirt| trinken. Irgendeinen Erfolg an diesem Abend hatten höchstens HeideggM Bühnenbilder. v v
Drei Wochen später ging ein niegehörtes Rauschen durch dasstv Haus, worin man Wochen früher zu frösteln schien. Die OperngeselsichH welche Händels Einfall neugestärkte Anfangsteilnahme für ihr Untat nehmen verdankte, fetzte alles auf eine Karte und gewährte dem Km poniften großzügig, was er verlangte.
Es waren allein einige hundert Pfund für die Ankündigung 1® kommenden Erstaufführung. Täglich stand sie von dem Tage nach Per« 1 Durchfall in allen großen Londoner Blättern. Es wurde also richtig Mi Werbetrommel gerührt, nicht nur in der Gesellschaft und den Klubhäustms wo man kein Unternehmen so viel besprach, wie die neugegründete Opn: Sie hatte jetzt den gewissen Vorglücksschimmer, den so manche Gründuq der Zeit besaß, ehe es schief ging. In den Salons wie in den Künstln! kneipen wurde für und wider Händel gestritten. Niemand aber buch sich vorher ein Urteil anmaßen, denn Händel gab keine Nummer sei« Musikwerkes jetzt schon bekannt. Als er in dieser arbeitserfüüten Zeit d«, einen Abend fand, den er in Gesellschaft verbringen konnte, beftümh man ihn, etwas aus der neuen Oper zu spielen. Das schlug er unroibaw sprechlich ab. Nichts hatten die Londoner in Händen am Aufführungen- als bas Textbuch mit der Widmung an den König. Die Oper fjtai. „Radamisto".
Erwartete London denn solche Wunder von dieser Musik? Wit tarnen zunächst alle Eintrittskarten für den Abend, drei Tage vor ta ersten Aufführung? Vornehme Leute hatten sich darauf verlassen, btii für sie immer noch Karten ein paar Stunden vor Beginn zu beftelte seien. Indessen wurden Barone und Grohkausleute enttäuscht. Das fiaiu war ausverkauft. Aber rechtzeitig klopften bei den entrüsteten Reichen die nicht zur bevorzugten Gesellschaft gehörten, Leute an, die noch Girr laßkarten für den Abend anboten. Allerdings mußte diese Gnade taf Himmels fo entsprechend bezahlt werden, daß manchem die Haare » Berg stiegen. Der Zwischenhandel mit Karten dauerte fort bis tnap® vor Opernbeginn. Da gingen die letzten Galerieplätze zum Preise vm zehn Reichstalern das Stück in den Besitz geldblinder Schwärmer übt'.
Bezahlt wurde das Ereignis. Mit dem Einlaß der Menge in ta Theater begannen die Ohnmächten, die an diesem Abend kein Gi* nahmen. Manche kamen neugierig, aber doch ganz friedlich, um eie eine Oper zu hören. Aber sie wurden mitgerissen von der Masse, bk hier einmal sogar in Anwesenheit des Königs ihr Wort sprach, unln? schiedslos und 'lärmluftig, als wäre Karneval geroefen. Wohl gab e< verteilt im Hause, beauftragte Händeklatscher, aber es hätte ihrer go nicht bedurft. London, das korrekte und steife, machte sich einmal w« jedem Zwange frei, Damen schütteten übermütig ihre Riechfläschchen cm und warfen mit Spitzentüchern um sich, eine große Äaufmannsfan* im Parkett machte bei einer schmeichelnden Melodie den 2Irmeinfjaet| und wiegte sich Kops an Kops hin und her...
Händel, in Festkleidung und hoher Perücke, begrüßte den König m' einem Tusch, bann ließ er selbst sich vom Publikum huldigen. Er mar i bester Stimmung und wußte, was der heutige Abend für ihn bebeuMr- Deshalb gab er sich auch am Dirigentenpult mit einer glanzvollen Gewalt bie bem vorgetragenen Werke zuviel Gewicht verlieh. Wohl schlug d« „Rabamisto", reich in der Farbe, dramatisch, in einigen Stücken beMi bernb, hinreißend einstudiert und mit allem Aufwand an Prunk im Spiel gesetzt, bei den Hörern blindlings durch Das übervolle haM klatschte nicht nur, es ries und raste nach den Aktschlüssen, doch auch noM den meisten Nummern, und Stücke wie „Sposo ungrate“ ober dM schönste der Oper — „Ombra cara“ — mußten vielmals wiederholt nw1 den. lieber diese Arie sprach in einer Pause der Vorstellung, als ©tirr menge,djroirr und Lobhudeleien die Gänge erfüllten, sogar ruhige Seeln> | verwirrend, zu Arbuthnot, bem einen stillen Menschen, ein anbeW j tiefer Beobachter von Hänbels Leben und Kunst, ber Geschichtsschreiber ; Burney: J
„Dieses ,Ombra cara* ist ungewöhnlich schön, finben Sie nicht aM Soviel Auf unb Ab wie in feinem neuen Werk bürste auch in fiänM sein, Unruhe unb Herrschsucht. Aber baß seine Ziele erhaben finb, beweise solche Eingebungen. Die eine Arie mit ihrer Sprache ber Weisheit um) bes menschlichen Wissens abelt bie ganze, etwas brutale Oper.. .*
So würbe Hänbel verstauben unb ein Stück feines Weges voraw? gesehen. Arbuthnot wollte ihn nach Schluß der Vorstellung beaW wünschen, doch war es ihm nicht möglich. Am Bühneneingang bränap sich über die Hälfte ber Opernbesucher, um ben Komponisten ganz na® zu sehen...
Wie jeder Erfolg, verlieh auch dieser ganz große Händel neue» Schwung. Seine Stellung als Leiter der Oper war anscheinend etst® gefestigt. Nun konnten Bononcini oder Ariosti es anstellen wie lf-' wollten — Händel beherrschte die Royal Academy. Er beherrschte nitf auch London und wurde mit Einladungen schmeichelhaftester Art übt'1 häuft. Selten kam er dazu, ihnen zu folgen. Die Arbeit an ber Dpc würbe keine Stunbe geringer. Noch lange war er mit ben vorhandenen Sängern nicht zufrieden und verpflichtete schon seht wieder neue ba'i Mehrere Rollen im „Radamisto", der auch die Kassen während der Spi®‘ zeit füllte, wurden umbefetzt. Das bedeutete bei Händels Genauigkeit bei nahe eine Neueinstudierung. Kaum war diese Arbeit getan, begannst; die Proben zu einem dritten Werk.
(Fortsetzung folgt.)


