ige zu behalten, und es wurde gefragt: „Wo- Alte, kennt ihn niemand?" — „Es ist eine
die Pfeifen ein und dachte, da wolle er nichts mehr bevormunden Doch die Greise brachen nun auf nach dem Gabentempel, wo sie richtig den jungen Helden schon mit dem glänzenden Becher tn der -and und mit den Trompetern auf sie harrend antrafen. Also zogen sie mit chm nach der Weise eines munteren Marsches in die -utte, um den Becher zu „verschwellen", wie man zu sagen pflegt, abermals mit festen kurzen Schrittchen und geballten Fausten, triumphierend m die Runde blickend. An ihrem'Hauptquartier wieder angekommen, füllte Karl den Becher, setzte ihn mitten auf den Tisch und sagte: „Hiermit widme ich dielen Becher der Gesellschaft, damit er stets bei ihrer Fahne ble.be!
„Angenommen", hieß es; der Becher begann zu kreisen und eine neue Lustbarkeit verjüngte die Alten, welche nun schon se>t Tages- anbruch munter waren. Die Abendsonne floß unter das unendliche Gebälk der Halle herein und vergoldete Tausende von lustoerklarten Gesichtern, während die rauschenden Klänge des Orchesters die Raume erfüllten. Hermine faß im Schatten von ihres Vaters breiten Schultern so bescheiden und still, als ob sie nicht drei zahlen konnte. Aber von der Sonne, welche den vor ihr stehenden Becher bestreifte, daß dessen inwendige Vergoldung samt dem Weine aufblitzte, fpteüen goldene Lichter über ihr rosig erglühtes Gesicht, welche sich nut dem Weine bewegten, wenn die Alten im Feuer der Rede auf den Tisch schlugen, und man wußte dann nicht, ob sie selber lächelte oder nur die fpielenben Lichter Sie war jetzt so schön, daß sie bald von den umherblickenden jungen Leuten entdeckt wurde. Fröhliche Trupps setzten sich m der Nähe fest, um sie im Auge zu behalten, und es wurde gefragt: „Woher ist sie, wer ist der Alte, kennt ihn niemand?' — „Es ist eine St. Galierin, es soll ein Thurgauerin sein!" hieß es da; „nein, es find alles Zürcher an jenem Tisch", hieß es dort. Wo sie hinsah zogen die lustigen Jünglinge den Hut, um ihrer Anmut die gebührende Achtung zu erweisen, und sie lachte bescheiden, aber ohne sich zu gieren. Als jedoch ein langer Zug Burschen am Tische vorüberging und alle . die Hüte zogen, da mußte sie doch die Augen niederschlagen und noch mehr, als unversehens ein hübscher Berner Student kam, die Mutze in der Hand, und mit höflichem Freimut sagte, er sei von dreißig Freunden abgesandt, die am vierten Tische von da säßen, ihr mit Erlaubnis ihres Herrn Vaters zu erklären, daß sie das feinste Mädchen in der Hütte fei. Kurz, alles machte ihr förmlich den Hof, die Segel der Alten wurden von neuem Triumphe geschwellt, und Karls Ruhm ward durch Herminen beinahe verdunkelt. Aber auch er sollte nochmals
obenauf kommen.
Denn es entstand ein Geräusch und Gedränge im mittleren Gange, herrührend von zwei Sennen aus dem Entlibusch, die sich durch die Menge schoben. Es waren zwei ordentliche Bären mit kurzen Holz- pseischen im Munde, die Sonntagsjacken unter den dicken Armen führend, kleine Strohhütchen aus den großen Köpfen und die Hemden auf der Brust mit silbernen Herzschnallen zusammengehalten. Der eine, der voranging, war ein Kloben von fünfzig Jahren und ziemlich angetrunken und ungebärdig; denn er begehrte mit allen Männern Kraftübungen anzustellen und suchte Überall seine klobigen Finger einzuhaken, indem er freundlich ober auch herausfordernb mit den Aeuglein blinzelte. So entstand überall vor ihm her Anstoß und Verwirrung. Aber dicht hinter ihm ging der andere, ein noch derberer Gesell von achtzig Jahren mit einem Krauskopf voll kurzer gelber Löcklein, und das war der Vater des Fünfzigjährigen. Der lenkte den Herrn Sohn, ohne das Pfeifchen ausgehen zu lassen, mit eiserner Hand, indem er von Zeit zu Zeit sagte: „Büebeli, halt Ruh! Büebeli, sei mir ordentlich!" und ihm dabei die entsprechenden Rücke und Handleitungen erteilte. So steuerte er ihn mit kundiger Faust durch das empörte Meer, bis gerade vor dem Tische der Siebenmänner es eine gefährliche Stockung absetzte, da eben eine Schar Bauern daherkam, welche den Rauflustigen zur Rede stellen und in die Mitte nehmen wollten. In der Furcht, sein Büebeli werde eine große Teufelei anrichten, sah sich der Vater nach einer Zuflucht um und bemerkte die Alten. „Unter diesen Schimmelköpfen wird er ruhig sein!" brummte er vor sich' hin, faßte mit der einen Faust den Jungen im Kreuz und steuerte ihn zwischen die Bänke hinein, während er mit der ander Hand rückwärts fächelnd die nachdringenden Gereizten sanft abwehrte; denn der eine und der andere war in aller Schnelligkeit bereits erheblich gezwickt worden.
„Mit Eurer Erlaubnis, ihr Herren", sagte der Uralte zu den Alten, „laßt mich hier ein wenig absitzen, daß ich mir dem Büebeli noch ein Glas Wein gebet Er wird mir dann schläfrig und still wie ein Lämmlein!"
Also teilte er sich ohne weiteres mit seinem Früchtchen in die Gesellschaft hinein, und der Sohn schaute wirklich sanft und ehrerbietig umher. Doch sagte er alsobald: „Ich möchte aus dem silbernen Krüglein dort trinken!" — „Bist du mir ruhig oder ich schlage dich ungespitzt in den Erdboden hinein!" sagte der Alte; als ihm aber Hediger den ge- süllien Becher zuschob, sagte er: „Nu fo denn! Wenn's die Herren erlauben, so trink, aber suf mir nit alles."
„Ihr habt da einen muntern Knaben, Manno", sagte Frymann, „wie alt ist er denn?" — „Ho", erwiderte der Alte, „er wird mir ums Neujahr herum so zweiundfünfzig werden; wenigstens hat er mir Anno 1798 schon in der Wiege geschrieen, als die Franzosen kamen, mir die Küh' wegtrieben und das Hüttlein anzündeten. Weil ich aber einem Paar davon die Köpfe gegeneinander gestoßen habe, mußte ich flüchten und das Weibli ist mir in der Zeit vor Elend gestorben. Darum mutz ich mir das Burschli allein erziehen."
„Habt Ihr ihm keine Frau gegeben, die Euch hätte helfen können?" „Nein, bis dato ist er mir noch zu ungeschickt und wild, es tut's nicht, er schlägt alles kurz und klein!"
Jnzwil^'en hatte der jugendliche Taugenichts den würzigen Becher ousgetrirrtfen, ohne einen Tropfen darin zu lassen. Er stopfte fein Pfeifchen und blinzelte gar vergnügt und friedlich im Kreis umher. Da entdeckte er die Hermine, und der Strahl weiblicher Schönheit, der
von ihr ausging, entzündete plötzlich In seinem Herzen wieder den Ehrgeiz und die Neigung zu Kraftäuherungen. Als sein Auge zugleich auf Karl siel, der ihm gegenüber sah, streckte er ihm einladend den ge- krümmten Mittelfinger über den Tisch hin. .......
„Halt inn' Burschli! reit’ dich der Satan schon wieder? schrie der Alte ergrifft und wollte ihn am Kragen nehmen; Karl aber sagte, er möchte ihn nur lassen und hing seinen Mittelfinger in denjenigen des ungen Bären, und jeder suchte nun den andern zu sich herüberzuziehen. „Wenn du mir dem Herrlein weh tust oder ihm den Finger ausrenkst", sagte der Alte nochj „so nehm' ich dich bei den Ohren, daß du es drei Wochen spürst!" Die beiden Hände schwebten nun eine geraume Zeit über der Mitte des Tisches; Karl vergaß bald das Lachen und wurde purpurrot im Gesicht; aber zuletzt zog er allmählich den Arm und den Oberkörper feines Gegners merklich auf feine Seite und damit war der Sieg entschieden.
Ganz verdutzt und betrübt sah ihn der Entlibucher an, fand aber nicht lange Zeit dazu; denn der über feine Niederlage nun doch erboste Uralte gab ihm eine Ohrfeige, und beschämt sah der Sohn nach Terminen; dann fing er plötzlich an zu meinen und rief schluchzend: „Und ich will jetzt einmal eine Frau haben!" — „Komm, komm!" sagte der Papa, „jetzt bist du reif fürs Bett!" Er packte ihn unter dem Arm und trollte sich mit ihm davon.
Nach dem Abzug dieser wunderlichen Erscheinung trat eine Stille unter die Alten, und alle wunderten sich abermals über Karls Werke und Verrichtungen.
„Das kommt lediglich vom Turnen", sagte er bescheiden, „das gibt Hebung, Kraft und Vorteil zu dergleichen Dingen, und fast jeder kann sie sich aneignen, der nicht von der Natur vernachlässigt ist."
„Es ist so!" sagte Hediger, der Vater, nach einigem Nachdenken, und fuhr begeistert fort: „Darum preisen wir ewig und ewig die neue Zeit, die den Menschen wieder zu erziehen beginnt, daß er auch ein Mensch wird, und die nicht nur dem Junker und dem Berghirt, nein, auch dem Schneiderskind befiehlt, seine Glieder zu üben und den Leib zu veredeln, daß es sich rühren kann!"
„Es ist so!" sagte Frymann, der ebenfalls aus einem Nachdenken erwacht war, „und auch wir haben alle mitgerungen, diese neue Zeil herbeizuführen. Und heute feiern wir, was unsere alten Kopfe betrifft, mit unserem Fähnlein den Abschluß, das ,Ende Feuer!' und überlassen den Rest den Jungen. Nun hat man aber nie von urrs sagen können, daß wir starrsinnig auf Irrtum und Mißverständnis beharrt seien! Im Gegenteil, unser Bestreben ging dahin, immer dem Vernunftgemäßen, Wahren und Schönen zugänglich zu bleiben; und somit nehme ich frei und offen meinen Ausspruch in Betreff der Kinder zurück und lade dich ein, Freund Chäpper, ein gleiches zu tun! Denn was könnten wir zum Andenken des heutigen Tages Besseres stiften, pflanzen und gründen, als einen lebendigen Stamm, hervorgewachfen recht aus dem Schoße unserer Freundschaft, ein Haus, dessen Kinder die Grundsätze und den unentwegten Glauben der sieben Aufrechten aufbewahren und übertragen? Wohlan denn, so gebe de? Biirgi sein Himmelbett her, daß mir es ausrüsten! Ich lege hinein die Anmut und weibliche Reinheit! Du die Kraft, die Entschlossenheit und Gewandtheit, und damit vorwärts, weil sie jung sind, mit dem aufgesteckten grünen Fähnlein! Das soll ihnen verbleiben und sie sollen es aufbewahren, wenn wir einst aufgelöjt sind! So leiste nun nicht länger Widerstand, alter Hediger, und gib mir die Hand als Gegenschwäher'!"
„Angenommen!" sagte Hediger feierlich, „aber unter der Bedingung, daß du dem Jungen keine Mittel zur Einfältigkeit und herzlosen Prahlerei aushingibst! Denn der Teufel geht um und sucht, wen er verschlinge!
„Angenommen!" rief Frymann, und Hediger: „So grüße ich dich denn als Gegenschwäher, und das Schweizerblut mag zur Hochzeit angezapft werden!"
Alle sieben erhoben sich jetzt, und unter großem Hallo wurden Karls und Hermines Hände ineinander gelegt.
„Glück zu; da gibt’s eine Verlobung, so muß es kommen!" riefen einige Nachbarn, und gleich kamen eine Menge Leute mit ihren Gläsern herbei, mit den Verlobten anzustohen. Wie bestellt fiel auch die Mufll ein; aber Hermine entwand sich dem Gedränge, ohne jedoch Karls Hand zu lassen, und er führte sie aus der Hütte hinaus auf den Festplatz, der bereits in nächtlicher Stille lag. Sie gingen um die Fahnenburg herum, und da niemand in der Nähe war, standen sie still. Di« Fahnen wallten geschwätzig und lebendig durcheinander, aber das Freundschaftsfähnchen konnten sie nicht entdecken, da es in den Falten einer großen Nachbarin verschwand und wohl ausgehoben war. Doch oben im Sternen- schein schlug die eidgenössische Fahne, immer einsam, ihre Schnippchen, und das Rauschen ihres Zeuges war jetzt deutlich zu hären. Hermine legte ihre Arme um den Hals des Bräutigams, küßte ihn freiwillig unö jagte bewegt und zärtlich: „Nun muß es aber recht hergehen bei uns Mögen wir so lange leben, als wir brav und tüchtig sind und nicht einen Tag länger!"
„Dann hoffe ich lange zu leben, denn ich habe es gut mit dir im Sinne!" sagte Karl und küßte sie wieder; „aber wie steht es nun mit dem Regiment? Willst du mich wirklich unter den Pantoffel kriegen?
„So sehr ich kann! Es wird sich indessen schon ein Recht und eine Verfassung zwischen uns ausbilden, und sie wird gut sein, wie sie ist!
„Und ich werde die Verfassung gewährleisten und bitte mir die erste Gevatterschaft aus!" ertönte unverhofft eine kräftige Baßstimme. Hermine reckte das Köpfchen und faßte Karls Hand; der trat aber naher und sah einen Wachtposten der aargauischen Scharfschützen, der 'M Schatten eines Pfeilers stand. Das Metall (einer Ausrüstung blinkte durch das Dunkel. Jetzt erkannten sich die jungen Männer, die nebeneinander Rekruten gewesen, und der Aargauer war ein ftattliqi« Bauernsohn. Die Verlobten setzten sich aus die Stufen zu feinen Fußen I und erzählten sich was mit ihm wohl eine halbe Stunde, ehe sie zur i Gesellschaft zurückkehrten.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühl’sche UniversitälS-Duch- und Eteindruckerei, 2k. Lange. Gießen.


