Stelle hoch, meist auf allen Vieren. Ab und zu verschwieg der Hahn wenn Steine in die Tiefe rollten, aber er war das Geräusch wohl gewohnt, denn er fing immer wieder aufs neue an, sein Lied zu singen. Endlich waren wir in ungefährer Höhe angelangt, und nach kurzem Verschnaufen sprang ich allein den Balzbaum an. Es tonnte nur eine hoch über den Bestand hinausragende Fichte sein, auf die ich lossteuerte. Aber das Anspringen?! Es bestand eigentlich nur im Rutschen, vorsichtigem Vorwartsfuhlen und Tasten auf dem schandbar steilen Felsboden. Oft hatte ich kaum für einen Fub Platz, der andere hing in der Luft, der Schweiß strömte mir in die Augen, aber zum Abwischen hatte ich keine Zeit, nur vorwärts nichts wie vorwärts! Und oh Wunder, es gelang. Der Hahn balzte Uotz aller unvermeidlichen Geräusche wie toll, wie es meist vor Sonnenaufgang der Fall ist, und ich erreichte die Fichte, aus der die verlockenden Tone klangen. Aber wo war nun der Hahn? Ein Umspringen des Baumes war unmöglich, er war an der steilsten Stelle der Wand in den Felsen geklammert, daß ich kaum stehen konnte. Es blieb nichts anderes übrig, als sich aus den Rücken zu legen und zu beobachten. Auch das war leichter gedacht als ausgesührt. Mein Kopf lag auf einem Felsbrocken, der gewaltig drückte, mein Rücken auf einem messerscharfen Grat, und meine Beine hingen tief über die Wand hinab. Kaum lag ,ch ,n dieser äußerst unbequemen Stellung und hatte gerade das Glas an die Augen geführt, da verschwieg nach einem letzten Schleifen, wie nach der Minute berechnet, der Hahn. Und zu sehen war nichts, nur die im Winde schwankenden Aeste und Zweige. Um so mehr aber waren die Felsbrocken unter mir zu spüren, ich hatte das Gefühl, in zwei Teile geschnitten zu werden. Endlos vergingen die Minuten, ich hielt kaum noch den Schmerz m meinem Rücken aus, da kam die Erlösung durch den Hahn selbst. M sah ihn plötzlich, wie er auf einem starken Ast vorwärts marschierte, Nadeln und Fichtenknospen äsend. Die Balz war aus, aber auch sein Leben. Langsam ging der Drilling in die Höhe, der Schuß krachte, und mit Donnergepolter kam der Hahn herab, dicht neben meinem Kopf auf den Boden schlagend und sofort die Felswand herabkollernd, wo ihn der freudestrahlende Sepp in Empfang nahm. Mühsam richtet« ich mich auf, ich war wie zerschlagen und wie aus dem Wasser gezogen. Aber was machte das aus?! Hauptsache war, ich hatte den Hahn und ihn meiner Ansicht nach redlich verdient. Die kurze Strecke nach St. Odilien war schnell zurück- qeleqt, ich sehnte mich nach einem trockenen Hemd. Unterwegs erzählte mir Sepp, daß auch S. geschossen habe. Der Schuh sei bei dem Winde aber nur undeutlich zu hören gewesen. Und richtig, kaum hatte ich mich umgezogen, da erschien S. gleichfalls mit einem Hahn. Nun war die Freude erst recht groß! Es begann ein Erzählen und ein Vergleichen, wie es eben nur zwei passionierte Jäger nach glücklichem Erfolg tun können. Das ganze Kloster kam herbeigeströmt, eine Nonne nach der anderen, das gesamte Personal, und alle umstanden bewundernd die beiden mächtigen Vögel, von deren Dasein in ihrer nächsten Nähe sie keine Ahnung gehabt hatten. Sogar einen Kaffee mit Bohnengeschmack (1918!!) bekamen wir vorgesetzt und einen elsässischen Himbeergeist, wie er nur dort aus wilden Beeren in solcher Güte und Dust gebrannt wurde. Zum Schluß wurden die Hähne noch gewogen, bevor Sepp sie zum Abstieg auf seinen Rücken nahm. Der von S. war acht Pfund, 390 Gramm, der von mir Erlegte acht Pfund, 300 Gramm schwer. Heute noch hängt er in meiner Wohnung, eine Erinnerung an die herrlichen Vogesen und das schöne St. Odilien, das ich nie wieder gesehen habe.
Baden-Baden im Frühling.
Von Wilhelm Hausen st ein.
Fährt man das kurze Wegstück von Oos nach Baden-Baden hinein in einen ersten Schwarzwald, der eben beginnt, sich talartig zu öffnen unb zunehmende Höhen anzumelden, so wird man mit einem Schlag (einem sanften fteilich) gewahr, daß dies ein anderes, besonderes Land ist. Wie lau, wie mild ist alles; wie hell in der Lust und an der Erde; wie steund- lich ansprechend — mit gleichsam liebenswürdigen Sitten, wenn man bei einer Landschaft so reden kann...
Gartenbeete mit feiner Erde; saftige Lilaröte in den Weidentrieben, die weit ausfahren wie feine Fühler und das Zarte der Luft, des Lichtes zu verkosten scheinen; heitere Blinklichter aus den Scheiben der Treibhäuser; weihe Häuserfronten. Dort droben inmitten der Tannen, die noch nicht die dunkle Schwere des inneren Schwarzwaldes haben, das alte Schloß mit dem violett-grauen Stein der Ruine.
So oft ich wieder hineinkomme gehe ich in einer sanften Betäubung, die auch das Gegenwärtige auf eine nicht auszusagende Weise als ein Vergangenes empfindet. Nicht das Gegenwärtige ist unser gewissester Besitz, sondern das Gewesene, und darum ist mir dies Baden-Vaden mit seiner sichtbaren Gegenwart, die entrückt ist wie Vergangenheit, beschwichtigender Kräfte voll. Hier kann mir nichts entrissen werden, denn alles steht, während es deutlich da ist, auf dem Plan des Gewesenen — dem Plan der Jugend: die gründlich vergangen, aber eben deshalb auch ein so unangreifbares Eigentum des Gemütes ist. Und wenn ich nicht leugnen kann, daß solches Gefühl mit Traurigkeit vermengt ist: wo ist der menschliche Zustand, aus dem jede Spur der Traurigkeit getilgt wäre?
Vaden-Baden — noch ist fast keine Seele da; aber alles ist ober wirb für Gäste schon zugerüstet. Es trägt bie Züge bes zweiten bonapartischen Kaiserreichs; noch immer. Es ist bas Bab unserer Väter unb vollends ber Großväter, die dort den russischen Dichter Turgenjew, den franzö- sischen Kaiser Napoleon den Dritten, den Fürsten M e n s ch i k o f f, die Kaiserin Eugenie und bie vornehmsten Engländer gesehen haben.
Weiße Hotels mit weihgemalten Treppen bis herab aufs peinlich saubere Trottoir, unb auf den weißen Treppen purpurne Läufer mit blanken Mesfingstäden. Die Häuser haben ein antikisches Gesicht — obwohl es durch bie Bürgerlichkeit des mittleren neunzehnten Jahrhunderts, durch bas Biedermeierliche unb bie angreifbare Neurenaifsance vermittelt ist. Oben an ben echten alten Baben-Badener Häusern sinb Halbrunb- fenfter mit weihen Leisten, bie wie Radspeichen aussehen — unb wie sehr gehört bies zu Baden-Baden! Klassische Säulen mit ber Einfachheit, bie einen bis ins vorige Jahrhunbert fortgesetzten römischen Kolonialstil
bezeichnet... Immer wieder ganz weiße Hotels und weihe Apotheken und Friseurläden, Parfümerien und Badedrogerien. Die lautere Klasst- zität des Kurhauses; das Zeitalter des grohen Weinbrenner entfaltet mit ber Würbe die höchste gesellschaftliche Feinheit. Es versteht sich, bah auch bies Kurhaus weih ist. Oben trägt es ein unvergeßliches antikisches Ornamentbanb mit Grau und dem badischen Greifenmuster.
Die Bäderstadt ist ein Garten, und die Natur ist gezähmt. Stadtwarts gar ist es humanitäre Natur, eine menschenmähige — ja elegante Natur. So hat eins das andere hier durchdrungen. Es ist kolonisierte Natur, seit den Zeiten, in denen dies Baden-Baden eine erste römische Provinz auf deutschem Boden gewesen ist und für die südlichen Eroberer eine thermenreiche Erholung von den Unbilden des Nordens. Ungeheuer der Gegensatz zur bayerischen Landschaft; sie hat, von hier aus gesehen, die unberührte Wildheit und elementare Gröhe des Vorgeschichtlichen. Dies hier — es ist Balsam; aber jeder hat eine Wunde, bie ihn brauchen kann.
Das neue Schloß am Höhenrande ber Stabt broben ist herrschaftlich, ohne hart unb stolz zu fein. Es ist bas rechte Schloß in einem Lande, bas unter ben ersten Ländern in Europa bie Leibeigenschaft aufgelöst hat.
Die Lichtenthaler-Allee gehört nun mir, mir ganz allein, unb ich genieße sie, ihre herrlichen Bäume, ihre gebügelten Wege wie eine Flucht von Meisterbilbern. in einer Pinakothek, wenn ich allein bin. Die Geh- bahnen sinb aus bem feinsten Kies unb Sanb ber Rheinebene. Die Trinkhalle mit ihren Terrakottawänben unb ihren von jeher geliebten Märchen- unb Historien-Fresken, mit der sprudelnd heißen Quelle gehört heute nur mir, und ich bin ber einzige, ber eines der dampfenden Glaser mit bem heilsamen Wasser an bie Sippen hebt unb zwischen zwei Schlücken bie Wanbbilber einer Schwinbschen Kunstzeit mit Augen anschaut, tn bie bas Gefühl bes Kinbes zurückkehrt.
Die Rhododendron setzen erst bie Knospen an, unb bie lila unb weiße unb scharlachrote Pracht ber rüschenförmigen Blüten wirb unter bem Purpurlaub ber Blutbuchen, unter ben vom Zephir geschaukelten Zweigen ber Zebern, zwischen bem lackgrünen Blätterwerk erst im Mai vollenbet 'Cini)as alte Schloh steht mächtig auf; es ist eine gewaltige Ruine. Die Steinstufen ber Mittagsseite strahlen schon bie ganze Wärme des kom- menben Sommers in mein Gesicht zurück.
Wieber einmal sehe ich bie Welt von ber Zinne bes Schlosses Hohen- Baben — ber einzige biesmal, den es hier heraufgezogen hat.
Die Rheinebene dehnt sich falb. Im Hellen Braun fitzen dunkle Waldflecken und die Ziegelröte neuer Dorfdächer. Der Strom ist nicht zu sehen, so wenig wie die Vogesen: der Westen liegt in einem Dunst, wie Corot ihn gemalt hat.
Die Höhen des Schwarzwaldes auf der anderen Seite find auch unter bem Sonnenlicht, bas auf ihnen steht unb schon zu brüten anfangt, felh [am buntel — als könnten sie, vom Winter her befangen, bie Helle noch nicht annehmen. Herwärts gegen bas Schloß werben Tannen unb Kiefern klarfarbiger und zugleich auch plastisch: ein braunes Grün, sehr warm, formt sich vor der gobelinhaften Fläche des dunklen Schwarzwaldgrundes zu lauter einzelnen Baumgestalten von großartiger Figur. Der Himmel schwebt in blasser Bläue. Es ist nicht die bayerische Enzianglocke, deren Form rund ist wie ein lateinisches Kuppelgewölbe, und deren Purpur so tief ist, daß man mitunter meinen kann, der blaue Himmel fei dunkel. Es ist der schwebende duftige Himmel des Westens, mit Silber vermischt, ganz leicht und ohne gesäßartige Festigkeit, ohne die Wölbung der Schale. Er legt sich sanft auf die langgezogenen Höhenrücken des Schwarzwaldes, und beinahe scheint es, er wolle in sie übergehen, in die großen sanften flachgestreckten Kurven, die des Bedeutenden freilich so wenig entbehren wie dieser verbindlichere Himmel des Westens. Der Höhenwind ist wunderbar aus Kühle und Lauheit gemengt. Die Vögel haben ihr« Stimmen losgelaffen; die Finken schlagen, und einer, dessen Namen ich seit der Jugend vergessen habe, wiederholt unermüdlich den mir von den ersten Jahren her vertrauten alemannischen Stichwortruf: d' Zit isch do d' Zit isch do — d' Zit isch do. Die Zeit des Frühlings ist da. Jedes Ding hat begonnen, es zu wissen, und die Bäume bestätigen es nicht nur mit den feuchten Blattknospen, sondern auch mit dem perlgrauen Glanz der Stämme, in dem mit einem Male das Leben schimmernd zu sich ^^Baden-Baden drunten liegt im Licht, ohne sich mit seiner Gestalt herauszuheben: es schwimmt im Licht wie ein Taucher im Wasser, das die Gestalt für den Zuschauer ein wenig ungewiß macht. Fenster werfen mit der Kraft von Blendlichtern den Sonnenstrahl zuruck
Die Luft macht Hunger. Und wo nun zu Mittag essen? Auf ländliche Art, drüben in Neuweier, dem alten lieben Nest jenseits der Murg. In dieser Welt ist vieles nahe beisammen, und in einer Stunde bringt der Wagen mich leicht hinüber. Da sitze ich nun auf der Terrasse des „Lamms", wie jo oft schon. Der Frühling ist mit Macht gegenwärtig, und mein Scheitel fühlt, wie ber Frühling ihm bie warme Hanb auflegt. Ich esse unb trinke, unb ich schaue an den SBeinbergftaffeln hinauf, bte auch ein Retadel zum Dienst des lieben Gottes sind. Da stehen sie, eine Art Gteinmofait, grau in Grau, die Staffeln, die Mäuerchen, und zwischen ihnen ist die Erde lichtbraun, havannabraun, und in der licht- grauen Erde schimmern silbergrau die Stecken, an denen die Reben aufzubinden bleiben. Die Hühner sind um mich herum und warten auf Brosamen. Ueberrn Bach drüben leuchtet der blaue badische Landbriefkasten, und ich fange an unter der Sonne diesen Brief zu schreiben.
Ich schreibe und schreibe. Dazwischen trinke ich immer wieder einen Schluck Neuweirer Mauerwein. Zuweilen denke ich an die blankblauen Wasserlachen, die in den Aeckern der badischen Rheinebene stehen und den Himmel tiefer widerstrahlen; ober bas Steinkruzifix fällt mir ein, bas badische, am Wege vorhin, ober bas Gesicht bes gestrigen Abenbs in Baden-Baben. Ich saß um sieben Uhr am Hotelfenster, sah bas schöne etruskische Terrakottarot ber Trinkhalle von Lampen erleuchtet unb gebuchte bes Vaters, ber dort als kranker Mann vor vierzig Jahren hin- und hergegangen ist. Dahinter stand der Schwarzwald dunkel unb ganz nahe heran das weihe Gesicht der Badestadt, unb in ber Höhe broben zeichnet« sich die Silhouette eines Tannenwipfels in den süßen Himmel,


