Ausgabe 
29.4.1935
 
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Geheim Zamilienblälter

Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger

Jahrgang 1935 Montag, den 29. April Nummer 33

Gesang des Säemannes.

Von Friedrich Griese.

Immer nur denke ich dein, ewiges Land, Land der deutschen Seele, wie abseits liegst du allen anderen Ländern. Nimmer mangelt dir Sonnenschein.

Aber auch nicht des jagenden Sturms ermangelst du, nicht der brauenden Nebel. Mehr als des heiteren Tages Sonne wächst dir des sinkenden Abends Dämmerung.

Immer nur denke ich dein, heilige Heimat, tief in willigem Herzen tragend erhabener Sendung Ruf: Deinem Acker zu sein der getreue Säemann.

ge-

Glücklich der Säer, winkt dem trächtigen Acker einmal der Garbentag. Fröhlich sitzt er am festlichen Tische, singend bei heiterem Krug den seligen Erntegesang.

Oer letzte deutsche Vogesen-Hahn.

Von Generalmajor a. D. Rudolf Mohr.

Aber^ich wollte ja von St. Odilien berichten Es war Mitte !April^1918, als ich von meinem alten Freund S., derorin öen Vogesen

großes, etwa 50 000 Morgen umfassendes Jagdrevier tn Den yogejen zusammengepachtet hatte, die Einladung erhielt, bei ihm einen Auerhah 3U sÄeoler, das bei Kloster St. Odilien begann und sich am linken User der Breusch weit nach der bisherigen

streckte, barg infolge einer außerordentlich 3je(bemu6ten und Den yeun^ gen jagdlichen Grundsätzen entsprechenden Behandlung fonbern

starken Rotwild- und Rehbestand m,t guten Hirschen und Bocken, Mvern auch, was mir wohl bekannt war, vorzügliche Balzplatze. Rur war sehr erstaunt, als ich hörte, wohin es gehen und ch gufseher schießen sollte.Bei Kloster St. Odilien balzen w.e mein Jagvauneyer meldet, drei bis vier Auerhähne. Wir übernachte erhielt. Das

können Sie kommen?", so lautete die kurze Anfrag, mgnenkloster ge- hatte ich denn doch nicht gedacht, bah dicht bet Anem eigentlich

balzt werden könne, besonders auch deshalb nicht, weil Dort eigenuny

Ob es tatsächlich Der letzte in den deutschen Vogesen überhaupt schossene Auerhahn gewesen ist, kann ich natürlich nicht sagen. Ich muh es aber beinahe annehmen, da ich in meinem damals sehr großen jagd­lichen Bekanntenkreise nirgends von der Erlegung eines weiteren Hahnes hörte und die besten Balzplätze ohnedies ein Opfer des Krieges geworden waren. Jedenfalls war es mein letzter deutscher Vogesenhahn, den ich am 28. April 1918 von einer hohen Fichte herunterholte, und zwar unter Umständen, Die mir heute noch unvergeßlich unD wohl wert sind, erzählt zu roerDen. Handelt es sich doch nicht nur um Die Balz unb ihre so oft getoilDerten Erlebnisse allein, sonDern um Den herrlichen Besitz, die wunDerbaren Berge unD Wälder der Vogesen, Die wir verloren hoben, unD an Die jeDer, Der sie als WanDerer ober Jäger kennengelernt hat, noch heute mit Entzücken unD Trauer zurückDenkt. Gerabe Die Erlegung meines letzten Auerhahns fanD in einem Gebiet statt, das nicht nur ai-> eines Der schönsten Der Vogesen gilt, sondern es auch m Wirtlichteit ist, dicht beim Kloster St. Odilien. Wem klopfte nicht das Herz vor Freude, wenn er bei einem Besuch dieses herrlichen Stückchens Erde von der hohen Terrasse in die weite Rheinebene hinabsah? Nach Straßburg nut seinem Münster, nach dem Schwarzwald, nach der Hohkonlgsburg, Dttrotter Königsschlössern schweifte der Blick, trunken vom Schauen. Und hatte man erst den herrlichen Dttrotter Rotwein gekostet, ber Da oben verzapft wurde, unD Der Den Kopf freiließ, aber so uncermiüetmi bie Seine ging", so sah man tief bewegt unter sich Die Zahlreichen Dor er mit Den weiten Weinbergen in strahlenDer Sonne liegen unD wußte nun erst recht, welches Schatzkästlein Da ausgebrei et roar Das Land wo Milch und Honig flieht, hier Wein genannt. Mancher ©i^ener bcü sicher mit ähnlichen Gefühlen Dort oben gestanden und erinnert sich heute, wenn er meine Schilderung liest, mit stiller Wehmut an dw sch Stunden in St. Odilien. So viel ich weiß, bestand vor dem.Krieg«: in Gießen ein Vogesen-Verein, und ich habe mehrfach bei Jagd und Wande­rungen alte Bekannte dort wiedergesehen. Herr Samtatsrat Dr. S-, denken Sie noch an unsere Begegnung 1910 im Munstertal.Ich Metz, wo ich damals in Garnison stand, mit Frau und Toch er m Vogesen gekommen und traf Sie dort unerwartet wieder. Die Freude

Tag und Nacht ein reger Wanderer- und Gästeverkehr staitfand, Der sich nicht immer an Die vorgeschriebenen Wege unD Stege hielt, sonDern häufig genug gerabe Da in Die Erscheinung trat, wo ihn Der Jäger nur mit einem frommen Segenswunsch begrüßen konnte. Aber, wenn ber Sepp ©.s Jagbausseher bie Melbung gemacht hatte, so konnte man Darauf schwören, Dann waren Die Hähne Da, verhört unD gewisser­maßen angebunben. Ein mertroürbiger Kerl war bieser Sepp. Rauh von außen unb innen, aber unermüblich unb zuverlässig. Das Wort Furcht war ihm fremd, er trat ebenso ruhig einem angeschofsenen Keiler wie einem Wilddieb gegenüber und war immer da, wo man ihn haben wollte. Nur einmal versagte er längere Zeit, als S. ihn in die Straß­burger Klinik hatte überführen und an Magenkrebs operieren lassen. Man hatte ihm dort ein großes Stück des Magens herausgeschnitten Sepp behauptete, es fei ber ganze gewesen aber bas hatte ben Bärenkerl nicht weiter berührt. Sobalb als möglich erschien er roieber auf ber Bilb- fläche unb tat seinen Dienst, mit ober ohne Magen, wie bisher. Nur etwas mäßiger im Essen war er geworben, unb das Fläschchen mit bem ge­liebten Miradellenschnaps trat nicht mehr so oft wie früher in bie Er­scheinung. So war ber Sepp, unb so empfing er uns beibe am 27. April 1918 am Tor von St. DbHien. Das Wetter war nicht gerabe berütfenb, es war kalt unb roinbig, unb Wind kann man bei ber Balz am wenigsten brauchen. Denn bann hört man ben Hahn schlecht ober gar nicht, wenn er überhaupt ben Schnabel auftut. Aber bas war nicht zu änbern, unb ber Sepp behauptete mit trostreichem Optimismus,seine" Hähne ftünben alle winbgeschützt unb wären fo in voller Balz, baß sie selbst ein starker Sturm nicht in ihren Liebesgefühlen stören würbe. Also abwarten unb zunächst mal Tee, b. h. Dttrotter Roten, trinken. Gegen Abenb gingen wir auf ben Schnepfenstrich, ber in ben Vogesen viel später als in ber Rheinebene einsetzt. Aber ba war ber starke Winb erst recht hmber- lich. Ich sah (nach meinen Notizen im Schußbuch) zwar acht Stuck, kam aber nicht zu Schuß, ba sie wie ber Teufel aus ber Versenkung auftauch- ten und gewöhnlich schon wieder verschwunden waren, ehe es nur gelang, das Gewehr Hochzureißen. Freund S. war es genau so ergangen. Wenn wir auch nichts geschossen hatten, so hatten wir doch etwas zu erzählen, und das taten wir beim Abendessen denn auch in reichlichem Maße. Auch nachher blieben wir noch lange beim Dttrotter sitzen, und nun mußte Sepp an ber Hanb ber Karte genau berichten, wo er bie Hähne verhört und festgestellt hatte. Während wir aus dem Schnepfenstrich waren, hatte er den Einfall zweier Hähne, die ja stets mit großem Geprassel verbunden ist, beobachten können, ein dritter stand ziemlich weit entfernt und ein vierter ganz dicht bei St. Odilien.

Der Schlachtplan war schnell entworfen. S. wollte fein Heil auf bem weiter abgelegenen Balzplatz, auf bem er schon mehrere Hähne geschossen, versuchen, mir überließ er, gastfreundlich wie immer, bie brei übrigen Hähne. Mit ziemlicher Bettschwere gingen wir gegen 11 Uhr schlafen, unb pünktlich 3 Uhr morgens rasselte ber Wecker, besten Geräusch S. schon bie ganze Nacht mit großer Kunst nachgeahmt hatte. So etwas von Schnarchen hatte ich boch noch nicht erlebt! Ein Stuck trockenes Brot und ein tüchtiger Schluck Mirabellen verscheuchte die etwas übernächtige Stim­mung, und dann marschierten wir los. Zuerst zusammen, nach 20 Minuten trennten wir uns, S. ging allein weiter und ich mit Sepp zunächst zum Balzplatz ber zwei ziemlich bicht zusammenstehenben, also wohl noch jungen Hähne. Denn einalter" ist gewöhnlich em Rausbolb unb butbet keinen anberen Hahn in seiner Nähe. Das Wetter war unveranbert, immer noch starker Winb unb unangenehm naßkalt, also wenig günstig. Ader ich vertraute aus Seppswinbgeschützte" Balzplätze. Natürlich war es nichts bamit, ber Winb pfiff bort genau so wie überall, unb nicht em Laut war zu hören. Wir saßen langer Zeit in gespanntester Aufmerksam­keit, aber es blieb alles still. Also weiter zu bem Hahn, ber bicht an ber Straße bei St. Odilien balzen sollte! Aber hier heulte der Wind noch toller, unb vergeblich umkreisten wir in weitem Bogen ben Balz- nlak immer roieber haltenb unb horchenb. Dabei war bas Gelanbe benk- bar schwierig. Wer St. DbHien besucht hat, wirb sich erinnern, baß etwa 500 Meter von ben ©ebäuben entfernt, bie Chaussee burch. eine Felsroanb hinburchgesprengt ist. Die eine Straßenseite geht nun ganz fie l als nackter Fels haushoch in bie Höhe unb ausgerechnet auf ihr hatte ber Hahn feinen Balzbaum gewählt. Ader bas war zunächst mir Vermutung auf Orunb ber Beobachtungen bes braven Sepp, ber schon ganz ver- -iroeiselt über ben Mißerfolg bes Morgens war unb Himmel und ftölle um Hilfe beschwor. Unb wirklich, bas half! Gerabe als mir auf unserem Runbgang roieber auf ber Chaussee am Fuße bes steilen Felsens angelangt waren, hörten wir hoch über uns bas Knappen unb halb barau auch bas Schlesien eines Hahnes. Nun war guter Rat teuer. Senkrecht hinaufzuklettern war unmöglich, bas hatte zu viel Lärm gemacht. Den Fellen zu umgehen unb von oben anzujprmgen, bazu fehlte bie Zeit, denn es war bereit 5.30 Uhr und fast völlig hell. Alfa war nur em Versuch van der Seite möglich. Im Laufschritt rasten wir aus der Chaustee etwa 200 «Dieter nach St. Odilien zu und kletterten an einer leidlich geeigneten