M. mufstc „ baft nicht Geld allein das Glück bringt Drum «eß er im Areiie der Seinen sein fröhliches Gemüt ausstrahlen. Wenn man die Geschichte des Schrifttums durchgeht, so stellt man bie merkwürdig behende Tatsache fest, daß d e Dichter ihre Ehe rauen im allgemeinen nichtbesungenhabenAber Juliane K r üg er , des Musäus Gatt.n, ge- hort in ben wenigen bedungenen 2)id)tcr=(£I)C[t(iuen. f.,
Der fünfundvierzigjährige Mufäus überstand eine ^bensgefahrlich Krankbeit. Nach seiner eigenen Rechnung begann nun, wo er dem Dasem wiederqeschenkt mar, der zweite Teil seines Lebens. Er mochte freilich iüblen daß dieser zweite Teil nur kurz sein werde. Ja, er hatte sich daran gewöhnt, mit dem Tode in seltsam launiger Weise zu spielen. So er kurz nach der Krankheitszeit an liebe Freunde in Duisburg: meine Seele den Körper zu verlassen genötigt gewesen wäre, wurde ich ohne Zweisel die Tour nach dem Himmel über Duisburg genommen haben. Und wenn es möglich ist, daß die von ihrem Erdenleib geloste Seele in körperliche Dinge wirken kann, so wurde ich mich gewiß bei Ihnen gemeldet haben, nicht als lärmender Poltergeist, der einen schweren Fall ins Haus tut wie ein umgestohener Fruchtsack sondern ich wurde nur m den Gardinen ihres Bettes em wenig gerauscht oder am Tage aus dem Porzellantisch promeniert und die Tassen ganz sanft bewegt haben, ohne eine herunterzuwerfen oder Sie sonst in Schrecken ,,, fet>en Hatte jch aber zu diesen Merkzeichen meiner Gegenwart kein Vermögen gehabt fo hätte ich' Sie leicht umschwebt Sie be berseit- ungesühlt umarmt, und dann hätte die emigrierende Pttgerseele. ihren Weg nach dem Orte ihrer Bestimmung ruhig fortsetzen mögen Den Ausdruck „Freund Hein", den Claudius für „Tod, emgefuhrt hot, griff Musäus auf und schrieb zu Kupferstichen I. R. S ch e le n berg s in Versen und in Prosa Erklärungen, die dann als besinnliches Bilderbuch unter dem Titel „Freund Hems Erscheinungen" herauskamen. Aber das Büchlein ist in der Haltung unklar und in der Form durstig. Man vermißt in diesen leicht zynischen Idyllen, gerade ihrem erhabenen Sujet, dem Tode, gegenüber, das Geniale.
Die Schranke zwischen Fertigkeit und Kunst, zwischen Schriftstelleret und Dichtung wird nun auch besonders auf einem anderen Arbeitsgebiete des Musäus spürbar, der Märchenerzählung. „So bin ich nun , schrieb er, „auf eine neue Idee gekommen. Die Feereten scheinen wieder recht in Schwung zu kommen; Rektor Boß und Amtmann Bürger vermobernifieren die Tausendundeine Nacht um die Wette, (elbft bie Feenmärchen finb in Jena dies Jahr wieder im Nürnbergischen Verlag von neuem gedruckt worden. Jch will mich an die Kette hängen und lasse von meiner Drehscheibe jetzt ein Machwerk dieser Art ablaufen, baden Titel führen wird: „Volksmärchen, ein Lesebuch für große und kleine Kinder". Jch sammle dazu die trivialsten Ammenmärchen, die ich aufstutze und noch zehnmal wunderbarer mache, als sie ursprünglich sind. Davon hofft nun meine liebe Frau, daß es ein ganz lukrativer Artikel werden soll." Absichtlich, ja notgedrungen, und, wie er selber sagt, „aufgestutzt" sind diese Märchen. Sie sind gewiß Wegweiser auf das, was die Brüder Grimm später leisteten, aber sie haben eben nicht das, was die Grimmschen Märchen so überzeitlich schön sein laßt: die Knappheit, die Ausgewähltheit, die Echtheit, die möglichst beibehaltene Ursprünglichkeit des Ausdrucks. Musäus lieh seltsamerweise all zu vielen Märchenerzählern und -erzählerinnen sein Ohr, bann walzte er bie Märchen zu Novellen, ja zu Romanen aus, machte sie mobisch zurecht — ja gerabe an biefer Mobernisierung hatte er burch bas Paraboxe, was oftmals zustanbe kant, offenbar feinen Spaß. Unb man muß ja auch sagen, bah baburch ein leicht-komischer Reiz entsteht, ber noch heute irgenbroie wirkt. Musäus' „Volksmärchen" — man mühte jetzt sagen: Märchen im Rokoko-Kostüm — finb übrigens bas einzige Buch bes Musäus, bas heute noch in Neuausgaben im Buchhanbel erhältlich ist.
Musäus war ein Original: (Bern machte er weite Fußtouren burch das schöne Thüringer Lanb. Da war er benn immer mit bem Regenschirm bewaffnet, mochte es auch noch so schönes Wetter sein. So schritt er auf ber Lanbstraße baher: „wie ein Hanbwerksbursche, mit aufgeknöpfter Weste unb mit einem Bünbel, Kleiber unb Wäsche enthalten!), an einem Stock über ber Schulter". Die Herzogin Amalie hatte ihm auf der Altenburg bei Weimar ein Lanbheim eingerichtet. „Rach feinem kleinen Tuskulum roanberte er gern hinaus, bie Holzscheite zur Heizung seines Stübchens unterm Arm mit Kaffeekännchen unb Tabakspfeife."
Vom Fazilettlein zum Taschentuch.
(Eine kulturgeschichtliche Plauderei.
Von Dr. Wilhelm ® e m p e r (e.
Die Zeit, da man sich in allen Ständen und Schichten des Volkes ungestraft die Nase mit dem Aermel schneuzen konnte, liegt noch gar nicht so weit zurück. Das Taschentuch ist heute überall ein so selbstverständlicher Gebrauchsgegenstand geworden, daß wir erstaunt finb, zu hören, wie unbekümmert man noch vor einigen Jahrhunberten selbst an den Fürstenhöfen, bie sich ihres guten Tones unb ihrer feinen Sitten rühmten, ber Hygiene ber Nase gegenüberftanb. Das hängt zweifellos auch mit ber Entwicklung ber Kleibung zusammen, an ber erst verhältnismäßig spät Taschen angebracht wurden, ohne die sich^ wenigstens die Männer den praktischen Gebrauch des Taschentuchs kaum vorstellen können.
Wie weit sich die Vorläufer unseres heutigen Taschentuchs zurückverfolgen lassen, darüber sind sich die Gelehrten noch immer nicht einig. Wenn Aristophanes in seinen „Rittern" den schmeichlerischen Kleon zum Volk sagen läßt: „Wenn Du Dich schneuzest, o Demos, wisch Deine Finger an meinen Haaren ab", so dürfen wir aus diesem drastischen Beispiel entnehmen, daß die Griechen der Blütezeit noch kein Taschentuch kinnten, und selbst bie vornehmsten unter ihnen scheinen sich beim Nasewischen ber Finger unb beim Trocknen ihrer Tränen
der Aermel bedient zu haben. Immerhin hat es bei den Römern ber pcitrepublikanischen Zett schon Schweißtücher gegeben, wenn es M als ungesittet galt, sich in Gegenwart seiner Mitmenschen bas Gesicht ober bie Nase zu wischen. Aber auch diese Tücher, bie man „faciaha — b. h. Tücher zum Abtrocknen des Gesichts — nannte, sind gewiß nicht weit verbreitet gewesen, und es lag näher, den Aermel zu benutzen. Im späteren Verlauf der Entwicklung mögen feine Damen an biefer Sitte zuerst Anstoß genommen haben. Im Inventar ber Elemente von Ungarn, bie 1328 gestorben ist, begegnet man bereits einem „seidenen Nasentuch", unb Charlotte von Savoyen, die Witwe ßubrotgs XI., hinter« liefe bei ihrem Tobe sogar „drei Taschentücher gestickt in Gold und Seide . Anna von Bretagne, die 1492 Karl VIII. heiratete, verfugte, wenn wir den Chroniken Glauben schenken dürfen, über die stattliche Zahl von M«r Dutzend Taschentüchern. Jedenfalls war ein solcher Besitz Ausdruck des größten Luxus und ist es noch für mehrere Jahrhunderte geblieben. Die zierlichen Tiichlein aus kostbarsten Stoffen mit prächtigen Stickereien waren mehr Prunkstück und wertvolles Unterpfand von Freundschaft und Liebe als Gebrauchsgegenstand. Unter Soliman II. diente das Taschentuch in der Türkei sogar als Auszeichnung für die höchsten Würdenträger, die es im Gurte unterbrachten oder lang an der Seite herunterhängen liehen.
Das eigentliche Taschentuch, so wie wir es noch heute, wenn auch in einfacherer Ausführung, benutzen, ist zuerst um 1540 in Venedig auf« getaucht und hat sich von dort schnell in allen europäischen Kulturländern verbreitet, aber es blieb zuerst ein Vorrecht der edlen Geschlechter. Unter Kart IX. trugen es die Kavaliere mit den Handschuhen zusammen in der Hand. Man konnte sich in der prunksüchtigen Renaissance in dem Riesenaufwand an Stoff, Besatz und Stickerei bei dieser modischen Neuerung nicht genug tun. Ein Venetianer soll bem Herzog von Toscana em solche» Taschentuch für zweihundert Dukaten angeboten haben. Als nun bas Bürgertum bie em Luxus nacheifern wollten, sahen sich bie Behorben veranlaßt" gegen die oft allzu auffällige Prachtentfaltung einzuschreiten oder doch zum mindesten für die einzelnen Stände den Wert der ihnen zu» stehenden „Schnüfseldöke" zu begrenzen. In Dresden war es noch 1595 den unteren Ständen überhaupt verboten, sich Taschentücher anzuschassen ober sie zu verschenken. Daraus bars geschlossen werden, daß diese „Un- sitte" schon stark „eingerissen" war. Vor allem hatten es die Behörden auf die kostbaren Taschentücher mit Perlen unb Stickerei abgesehen, die als ßiebesanbenten unter bem Namen „mouche de Venus" gern ausgetauscht wurden. Diese Tücher waren oft herrliche Kunstwerke aus den dünnsten Spitzen, aber deshalb sehr wenig für den praktischen Gebrauch geeignet. Man kann sich vorstellen, daß es nicht gerade angenehm gewesen sein mag sich bie Nase an einem mit Perlen reich bestickten Taschentuch zu putzen. In einem Anstandsbuch bes 17. Jahrhunderts wirb noch empfohlen, bas Tüchlein immer sichtbar zu tragen unb es möglichst auf den Knien auszubreiten, bevor man es benutzt, damit jedermann die Schönheit bewundern könne. Aber die Entwicklung des „Fazilettlein", wie es nach feiner Herkunft aus bem Italienischen hieß, zu einem Gebrauchs- gegenftanb liefe sich nicht aufhalten, unb schon halb begegnen wir euper Reihe von Anweisungen bie zeigen, daß man es immer weniger schicklich fand, die Hand ungeniert zum Reinigen der Nase zu benutzen. In seinem „Buch der Höflichkeit" von 1545 empfiehlt Jean Sulpice bereits eindringlich die Verwendung des Taschentuches, unb Erasmus von Rotterbam macht genaue Angaben über ben Gebrauch bes damals noch so ungewohnten Gegenstandes unb findet es unanständig, sich bie Hanb mit der Nase zu wischen. Ein so lebenskluger Edelmann, wie der große französische Skeptiker Montaigne, wollte sich von bem Nutzen dieser Neuerung jedoch noch nicht ganz überzeugen und hielt sie zum mindesten für unnatürlich.
Das Taschentuch verbreitete sich in der zweiten Hälfte bes 16. Jahrhunderts jedoch immer mehr und fand auch in Deutschland Anklang. Ein deutscher Anstandskatechismus aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts stellt bereits die Frage auf: „Jst's auch höflich, mit dem Barett ober Rock bie Nase zu schnäuzen?" und gibt bie Antwort: „Nein, benn solches gehört sich zu tun mit bem Fazilettlein". Zu Beginn bes 18. Jahrhunderts berichtet bas „Frauenzimmer-ßexikon" vom Schnupftuch: „Seynd kleine viereckige Tücher von allerhanb Sorten Leinwand, auch baumwollenen unb seidenen, halbseidenen unb anberen Zeugen geschnitten und umsäumt; sie finb weiß ober bunt, biejenigen Schnupff-Tücher, so das Frauenzimmer zum Staat führen unb insgeheim an bie Seite bes Aufsteckekleibes zu stecken pfleget, finb insgemein von Caton ober Nestel-Tuch auch mit geneigten ober geklöppelten Spitzen umsetzet." Um triefe Zeit hatte sich bas Taschentuch wenigstens teilweise durchgesetzt, wenn sich auch noch weite Schichten des Volkes bes alten bewährten Mittels bedienten, die Nase mit den Fingern ober mit dem Aermel zu reinigen.
Ein großes Verdienst soll sich auch die erste Gemahlin Napoleons I-, Josephine um bie weitere Anerkennung des Taschentuches erworben haben. Man erzählt, baß bie sonst so schöne Kaiserin sehr schlechte Zähne besessen habe. Um diesen Mangel zu verdecken, führte sie bei Geellschast stets ein kostbares Taschentuch mit sich, bas sie im rechten Augenblick an bie ßippen brachte. Vom französischen Hofe aus machte es seinen Weg bis in bie Kreise ber bürgerlichen Frauen in ber Provinz. Zögernder befreundeten sich die Männer mit dem Taschentuch, das für sie aber an praktischem Wert gewann, als es zum „Schnupftuch" wurde. Die Sitte des Tabakschnupfens ließ ein solches Tuch nämlich als außerordentlich zweckmäßig erscheinen; es behauptete seine Beliebtheit auch nachdem das Tabakschnupfen um 1830 wieder allmählich abkam, unb damit hatte es sich in ben zivilisierten Ländern endgültiges Heimatrecht erworben. Heute wird der Nutzen des Taschentuches wohl nnr noch von ganz unentwegten Kulturfeinden bestritten, unb wenn es auch fetzt als Ziertüchlein seinen Charakter als Schmuckstück nicht verleugnet, s, ist es boch in erster Lime ein unentbehrlicher Gebrauchsgegenstand geworben, von bem wir uns ebensowenig wie von ber Zahnbürste trennen können. Jedenfalls sehnen wir uns nicht nach ben Zeiten zurück, ba man sich die Nase mit bem Aermel schneuzte.
Derantwortlich; vr. Hans Thyriot — Druck und Der lag: Brühl'fche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


