Herr v. M. war im Divisionsstab und kam beständig mit Herrn v. R. zusammen. Er ging zu ihm, und Herr v. R. umarmte ihn. Die Tränen standen dem älteren Mann in den Augen. Dann sagte er:Du kannst keinen Urlaub erhalten, aber ich lasse sie kommen. Ihr werdet im Felde getraut, und sie sährt wieder zurück." Herr v. M. erwiderte: Darum wollte ich bitten; denn ich weiß ja, daß wir so oder so zu- ammengehören, und wenn ich solle, dann ist sic meine Frau."

Fräulein v. R. kam in einem Selbstfahrer; ein junger Leutnant begleitete sie. Er hatte ihr die Nachricht an die Bahn gebracht, daß ihr Verlobter schwer verwundet sei und im Feldlazarett liege. Der Leutnant half ihr aus dem Wagen; aus der Tür der Baracke kamen Pfleger, die einen Verwundeten fortfchafften; das Lazarett mußte ge­räumt werden, denn es wurde von den Franzosen beschossen. Der Leutnant fragte, Herr v. M. war noch nicht fortgebracht. Sie fand ihn im Bett liegen; er konnte sich nicht bewegen, aber ein Lächeln ver­klärte sein Gesicht. Seine Hand lag auf der Decke; sie beugte sich und küßte die schmale, kalte Hand.

Ein seindliches Geschoß heulte heran, krachte. Sie zitterte. Soldaten kamen ins Zimmer, um den Verwundeten fortzutragen. Er fragte leife, ob die anderen schon in Sicherheit gebracht seien. Der große Saal war noch nicht geleert, und er befahl, erst die leichter Verwundeten zu retten. Sie sah ihn fragend an, er lächelte. Die Frage war:Bist du fo schwer verwundet?" Und das Lächeln bedeutete:Tödlich."

Sie nahm den Hut ab, legte ihn aus den rohen Tisch, zog die Hand­schuhe aus und legte sie neben den Hut, und setzte sich dann auf einen Stuhl, nahm seine Hand in ihre Hände und sah ihn an, dessen Augen­lider sich leise schlossen. Eine neue Granate heulte heran. Sie bezwang sich, nicht zu zittern, damit der Entschlummernde nicht ihre Angst spüren sollte.

Die Granate schlug mitten in das Lazarett ein und vernichtete auf der Seite, wo Herr v. M. und seine Braut waren, alles Lebende.

Derbiederherzioe^ Kritiker.

Zum 200. Geburtslage von Musäus am 2S. März.

Don Dr. Johannes Günther.

Am 29. März ist der zweihundertste Geburtstag des Schriftstellers, Kulturkritikers und Pädagogen Johann Karl August Musäus eines Mannes, der eigentlich bereits zum neunzehnten Jahrhundert, vollends aber zu unserer Zeit nur mittelbare Beziehungen hat, dessen Bedeutung sich aber erweist, wenn wir ihn in seinem Jahrhundert sehen, und der uns als Persönlichkeit recht wohl bald fesselt, wenn wir sein Leben auf uns wirken lassen.

Musäus ist Thüringer. Wenn I. G. Herder ihm in seiner Gedenk­rede vor den Weimarer Professoren und Schülernden Namen des Guten gerne gibt", wenn er ihnheiter und biederherzig" nennt, seiner gefälligen, friedfertigen und fröhlichen Seele" treues Gedenken weiht und schließlich aussagt: er waran Einfalt des Charakters und an Güte des Herzens ein Kind, an unverdrossenem Fleiß und an Liebe zum ge­meinen Besten, ein Mann, ein redlicher Mann", so bezeichnen diese Wesenszüge den thüringischen Menschen, den glückhaften Charakter, den harmonischen Deutschen im Herzgau des Vaterlandes. In Eisenach ist er aufgewachsen, ein Beamtensohn, von Hause aus gar nicht begütert, aber in treue Hut genommen von seinem Altvetter, dem Superintendenten Weißenborn. Dann Student in Jena: Theologe, aber den freien Künsten durchaus geöffnet, ein Lebensbejaher, noch als Kandidat meint er sich nichts damit zu vergeben, wenn er bei einem Feste fröhlich mit den Fröhlichen ist und tanzt. Aber das nehmen die Bauern übel und lehnen ihn ab, als er als Pfarrer aufgestellt wird. Diese Ablehnung nimmt Musäus als Fügung. Er wendet sich der Literatur und der Päda­gogik zu, läßt Lessing, den jungen Goethe, die Schweizer Er­ziehungsmethoden auf sich wirken, schafft sich das Rüstung für eine Kulturkritik. __

Musäus, so jung wie er noch war er stand erst im 25. Lebens­jahre, erkannte klar, was es für einen Mann feiner Begabung zu tun galt. Cs galt, der Verweichlichung, der Ziererei mit süßlichen seelischen Komplikationen und Expressionen, es galt der Nachäffung der Richardson- Ideale entgegenzutreten. Es war in Deutschland Mode geworden, dem englischen Schriftsteller übertrieben zu huldigen und die Gestalten, die seine Phantasie geschaffen hatte, womöglich ins Leben umzusetzen. Musäus schrieb einen RomanGrandison der Zweite ober Geschichte des Herrn von N., in Briefen entworfen" eine Parodie auf Richard­sons Grandison-Roman. Er verstand es, so anschaulich zu parodieren, daß den Lesern schnell der Unfug ihres Lebenskitfches aufging.

Kritik durch die Parodie bas ist bie (Eigenart der Kulturkritik des Musäus. Er hat sie noch einmal entscheidend angewandt. Als La v a ter seine illustriertenPhysiognomischen Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe" veröffentlicht hatte, ergriff die Zeitgenossen eine wahre Wut zu physiognomieren, b. h. nach Beob­achtungen, nach Gesetzen, bie man gefunden zu haben glaubte, aus der Form der menschlichen Erscheinung, vor allem aus der Gesichtsbilbung, bie Charaktereigenschaften abzulefen. Gewiß steckt eine tiefe betrachten^ werte Wahrheit in ber Physiognomik: bas wird keiner leugnen, und auch Mufäus leugnete ihren Wahrheitskern nicht, aber ihrem dilettantischen Mißbrauch, ihrer tollen Wucherung trat er entgegen. In seiner köstlichen ParodiePhysiognomische Reisen'*' führte er bie ungezählten Amateur- Physiognomiker gehörig ad absurdum

Mehr als fünfzehn Jahre liegen zwischen bie,en beiben Buch-Ersolgen. Fünfzehn Jahre treuer Arbeit im Verborgenen! Besonders bie letzten acht Jahre bieser Zeitspanne: er war Professor am Weimarschen Gymnasium. Er nahm sich seiner Schüler und Pensionäre mit väterlicher Sorgfalt an. Das Gehalt, bas er bezog, war aufsallenb gering. Zudem war er oft von Krankheit geplagt. Trotzdem ließ er nie im geringsten nach. Die Er­füllung seines Amtes stand ihm obenan. Dann war er darauf bedach., bas Dasein seiner Frau unb seiner Kinder sorgenfreier zu machen: mit Privatunterricht suchte er mühselig sein Einkommen zu vergrößern. Frei-

Die Vereinten.

Eine Geschichte von Paul Ernst.

Der Oberleutnant v. M. galt bei seinen Kameraden für einen Ge­lehrten unb Frauenfeind. Das Regiment hatte einen neuen Obersten be­kommen, einen Herrn v R., einen Witwer mit einer Tochter, bie- etwa fünfundzwanzig Jahre alt fein mochte; man erzählte sich, daß ber Sohn hatte nach Amerika geschickt werden müssen, unb daß bie Mutter dar­über vor Gram gestorben war.

In einer Gesellschaft wurde Oberleutnant v. M. neben Fräulein v. R. gesetzt. Das übliche Gespräch begann, darüber, wie sich bie Herr­schasten in der neuen Garnison einleben würden, über den angenehmen Ton im Regiment, über bie lanbschaftlichen Schönheiten der Gegend. Plötzlich sah Fräulein v. R. ihren Herrn an unb sagte:Weshalb sprechen wir eigentlich so? Das ist doch uns beiben alles gleichgültig." Herr v. M. erwiderte, bas gnädige Fräulein habe gewiß vielseitige Bil- bungsintereffen; es geschehe boch auch immer häufiger, baß Damen aus ben Osfizierskreifen studierten. Er begann das neue Gespräch ebenso gleichmütig, wie er bas frühere geführt hatte; Fräulein v. R. biß sich auf die Lippen unb fah auf ihren Teller, bann erroiberte sie, sie habe sich wahrscheinlich unpassend ausgebrüctt; die Bestrebungen, von denen er spreche, seien ihr fast gleichgültig; es war deutlich, daß sie sich gekränkt ühlte durch die Art des Oberleutnants, unb baß sie schwieg, weil sie ürchtete, mißverstanden zu werden. Es schien ihm einen Augenblick, als eien ihre Augen feucht.

Hier geschah es, daß er plötzlich jenes eigentümliche Gefühl ver­spürte, das uns mit einem Male einen andern Menschen so nahe bringt, daß wir keine Schranke mehr empfinden und ganz vertraut mit ihm zu sein glauben. Eine Befangenheit tarn über ihn, und er hätte am lieb­sten geschwiegen, mit jenem Schweigen, welches zwei Menschen ver­einigt; aber er sagte sich, baß ein Schweigen unpassenb wäre, und in­dem er sich überwinden mußte, antwortete er, daß er um Entschul­digung bitte, wenn sein Ton nicht angenehm gewesen sei. Sie sah ihm ins Gesicht, er ihr, und in diesem Blick wurde beiden ihre Gemeinsam­keit klar. Sie erröteten beide.

Sie tarnen in der Folge bei den verschiedensten Gelegenheiten oft zu­sammen unb hatten immer viel zu besprechen; es war bas so, daß der Oberleutnant ihr von seinen Gedanken und Absichten erzählte, unb baß sie anmutig schwieg. Er sagte ihr, er fei bereichert durch sie, und sie fragte sich innerlich erstaunt, wie bas benn fein könne.

Wir müssen unsere Gefühle immer mit ben Worten unb Hanblungen ausbrücken, bie nun einmal vorhanden sind. Die meisten Menschen machen sich nicht klar, baß bas eine Gewaltsamkeit ist, benn bie Worte unb Hanblungen sinb starr, unsere Gefühle sinb fliehenb; ein jedes Ge­fühl ist neu, ist noch nie dagewesen in der Wett; Wort unb Hanblung sinb alt und tausendmal schon gebraucht; vielleicht besteht nur sehr wenig Gemeinschaft zwischen unserem Gefühl und unseren Worten unb Hand- lungen.

Der Oberleutnant lieh sich in Helm unb Schärpe bei seinem Obersten anmelben unb hielt um bie Hanb der Tochter an.

Der Oberst erwiderte ihm:Wären Sie nicht gekommen, so hatte ich Sie zu mir gebeten. Ich habe wohl gemerkt, daß Sie und meine Tochter eine Neigung für einander haben, und ich sehe ein, daß em Schritt getan werden muß. Ich wüßte niemanden, dem ich mein Kind lieber geben würde, als Ihnen, benn ich schätze Sie als Menschen wie als Offizier. Ader ich muß meine Einwilligung versagen. Sie sind ein Mann, der nicht in den untersten Stellen bleiben darf; Sie müssen dem Vaterland einmal auf einem hohen Posten Dienste tun. Ich habe mein Vermögen hergeben müssen, um bie Ehre meines Namens zu retten. Wenn Sie meine Tochter heiraten, bann sind Sie durch das Elend eines armen Offiziershaushaltes gefesselt unb können nicht bie Entwicklung nehmen, die Sie müssen."

Herr v. M. sagte, das Glück, das er an der Sette der Geliebten er­hoffe, werde ihn über kleine Entbehrungen Hinwegtragen, unb er denke fo fpannkräftig zu bleiben, daß er die Erwartungen feiner Vorgesetzten erfüllen werde, wenn diese wirklich in seinen Kräften liegen sollten unb nicht durch eine besonders gütige Gesinnung des Obersten verursacht seien. Der Oberst runzelte bie Stirn unb rief seine Tochter aus einem anberen Zimmer herbei. Sie kam still und bedrückt. Er erzählte ihr bie Werbung unb feine Antwort. Sie legte bie i)anb aufs Herz und atmete schwer. Er schloß seine Rede, indem er Jagte:Äannft bu einen Mann achten, ber dir bas Opfer feiner Zükunst bringt? Sie sprach mit bebenden Sippen:Nein."Sie haben die Antwort meiner Tochter gehört", sagte der Oberst und entlieh den Bewerber.

Herr v M. wurde in eine andere Garnison versetzt; er schrieb an Fräulein v. R. einen Abschiedsbrief, in welchem er sagte:Ich weiß nicht, ob ich zu Ihnen die stürmische und leidenschaftliche Liebe habe, von der uns erzählt wird; aber ich weih, bah Sie bie einzige Frau sinb, bie ich tennengelernt, mit ber ich als meiner Gattin hatte leben können; mit jeher anberen, von ber ich weih, wäre ein Leben schändlich, Fasfen Sie es so auf, wenn Sie hören, bah ich unoermahtt bleibe, und denken Sie nicht an eine sentimentale Romantik. Wenn Sie selber einen Gatten linden, der sie so liebt, wie man Sie lieben muh,und den auch Sie liebgewinnen, so wäre mir das eine große Freude. _

(Einige Jahre vergingen; man hörte daß ber Oberleutnant o. M. eine sehr gute Lausbahn begonnen habe Dann kam ber Krieg, M. hatte bas Glück, baß er sich auszeichnen konnte, baß er an eme Stelle kam. wo seine Fähigkeiten gebraucht wurden; so stieg er in kurzer ^eii in einer sonst im Heer unerhörten Weise. ...

Aus dem Feld schrieb er an Fräulein v. R.:,.Wie Sie wissen wer­den, habe ich nun einen Grad erlangt, bei dem die Befürchtungen Ih Vaters nicht mehr zutreffen. Haben Sie noch die °"en Gesinnungen so darf ich nun nochmals vor Ihren Vater treten unb um Ihre Hanb bitten." Sie meinte, als sie biefen Brief erhielt; bann antwortete sie. Ich stehe nun im achtundzwanzigsten Jahre; aber wenn Sic wollen, jo gehen Sie nochmals zu meinem Vater."