Wrge nahm ihren Rucksack ab und eilte leichtfüßig den Gerollpfad hinunter, der vom Gipfel auf den Grat führte. An den ersten wilden Felszacken, die wie Nadeln aus dem Gestein drangen, hielt sie still, bis Bertold sie eingeholt hatte. Er wollte ihr sagen, sie solle an ganz schmalen Stelle sich bücken, kriechen und unterhalb des Grates Bänder suchen, daß ihr Fuß einen Halt habe. Aber schon schritt Birge aus, leicht und königlich, als ob sie auf einer Wiese gehe. . r

Die Wände fielen bald senkrecht hinunter in schwindelnde Tiefe. Bertold ging vorsichtig. Er hatte bisher keine Gefahr gekannt, aber als er nun Birge so unbesonnen vor sich hergehen sah aus dem handbreiten Grat, da bekam er Furcht wegen ihr. Er wollte sie rufen.

Da sah er vor ihr einen breiten Spalt, über den man unmöglich hinübergehen konnte. Man hätte ihn überspringen müssen, wäre aber dabei Gefahr gelaufen, aus dem gegenüberliegenden User, das völlig zerfressen war und nur noch mit dünnen und morschen Trümmern in die Luft hin, auszugleiten und mit tödlicher Sicherheit abzustürzen; denn an jener Stelle hing der Fels auch noch über.

Er preßte einen Ruf herauf. Aber da sah er Birge schon am jen­seitigen Abhang. Sie ging leicht die Nadeln hinauf, stand einen Augen­blick im Himmelsblau und sank hinter den Nadeln wieder hinunter. Auch die Goldkrone ihres Haares verschwand.

Da pochte sein Blut. Er sprang über den Spalt und sah Birge schon ein gut Stück weiter vor sich gehen. Er rief sie an-. Sie drehte sich lächelnd um und sagte:Es ist herrlich, so im Himmel gehen. Schau, wie warme Wangen ich habe."

Er eilte neben sie und küßte sie auf die Wange. Dann sagte er:Jetzt habe ich keine Angst mehr. Und wenn wir uns jenseits begegnen, sei es, wo es sei, dann weih ich, daß ich deinetwegen keine Furcht zu haben brauche."

Das hättest du auch so wissen können", lächelte Birge.Ich weiß, wo ich daheim bin."

Das Wort daheim sprach sie mit solch seliger Gewißheit, daß Bertold am liebsten vor ihr niedergesunken wäre. Aber er sah nur in die Sonne und sprach für sich:Ich habe mein Gegenbild gefunden."

Sie scherzten nun miteinander den ganzen Weg, und als sie den Grat überwunden hatten, rollte ihr Blut feurig und voll neuer Kraft.

So wanderten sie noch manchen guten Tag zusammen. Das Wetter blieb strahlend Sie sogen sich so voll Süßigkeit und Kraft, daß sie nie müde wurden, weder im Wandern noch im Umarmen.

Eines Abends sahen sie den großen See unten im Tale wieder.

Da wollen wir uhferen letzten Tag verbringen", sagte Birge.

Sie eilten mit dem Sturzbach hinunter. Es war gegen Abend, als sie am Ufer ankamen. Sie ließen sich in einem Kahn zur Insel über­fahren, die mitten im See lag. Sie war von Fischern und Nonnen bewohnt. Eine uralte Kirche mit Schieserturrn ragte aus dem Wasier. Der Mond ging auf.

Birge und Bertold saßen stumm nebeneinander am Ufer, horchten auf das Rauschen der Wellen und schauten in den feuchten, uralten Mond, der zwischen Gebirg und Wasfer ging. Da wurde ihnen mit schmerzlicher Gewalt bekannt, daß sie zueinander gehörten und sich nickt voneinander würden trennen können, auch wenn diese rätselvolle und heimliche Welt in Wassern und Schluchten verschwände. Unter Tränen und schwer von Zärtlichkeit entschliefen sie, und ihre Träume liebten sich. Immer rauschte der See und der Mond vor den Fenstern ihrer kleinen Herberge.

Am nächsten Morgen in aller Frühe gingen sie durch den frischen Wald, der die Insel bedeckte. Sie jubelten, als der See durch die Bäume blitzte, mieteten ein Boot für den ganzen Tag und ruderten hinaus.

Die Berge standen feierlich gegen den warmen weichen See herab. Ein Wolkenkranz umgab sie lieblich in halber Höhe, und die fernen Schneeberge glänzten gelb durch den Sonnenschleier. Birge saß im Boot und betrachtete, während Bertold ruderte, das Gebirge. Sie trug einen Kranz im Haar und hatte auch in ihren Gürtel Blumen gesteckt.

Als sie in die Mitte des Sees gekommen waren, wurde das Wasser aüf einmal lebhafter. Die Wogen sprangen gegen das Boot und erfüll­ten die Fahrenden mit dem heimlichen Laut ihrer lebendigen Stimmen.

Da legte sich Birge in den Grund des Bootes und schloß die Augen. Die sonnigen Wände des Bootes machten ihr Gesicht braun und über­woben sie mit einem Goldschleier.

Da ließ auch er das Boot treiben und gab sich dem Bilde hin. Sein Haupt sank herab. Die Welt versank.

Plötzlich rauschte Schilf am Kiel. Das Boot lag in der Bucht einer verschwiegenen und unbewohnten Insel, die mit hohen Bäumen und Büschen bewachsen war. Als der Schatten eines Baumes über Birges Haupt fiel, schlug sie die Augen auf und sah Bertold an. In ihrem Blick lag unendliche Zärtlichkeit und Tiefe. Er gab ihr die Hand und hob'sie langsam auf an seine Brust.

Sie gingen lautlos in den Wald. Als der kühle Odem sie berührte, ließen sie sich los. Birge stand unschlüssig in der grünen Dämmerung. Bertold band das Boot fest und trug alles an Land. Dann schaute er auf den See; Wald und Wogen rundum, kein Mensch zu sehen, fein neugieriges Boot, nur die ruhigen Atemzüge und Laute, die aus Him­mel und Erde ineinander strömten. Da weinte Entzücken in ihm herauf. ®r hob die Arme auf und lachte und fang und schwang sich und tanzte wie besessen durch die tanzenden Bäume, bis Wellen, Wolken und Wipfel sich mit ihm schwangen und alles in das Antlitz der Sonne lallte.

Sie sprangen in die Flut Er schwamm ihr nach.

Birge lächelte ihn mit halbgeschlossenen Augen an. Da schlug er bas Wasser. Ader Birge fuhr davon.

So trieb er sie vor sich her.

So spielten sie nun fröhlich miteinander bis an den Mittag, fingen sich und flohen und gingen endlich Hand in Hand ans Ufer.

Dann lagen sie am Boden und schauten in die Sonne. Sie sahen die Funkenschleier des Lichtes vom Himmel zur Erde weben, horchten auf den Gesang des lichtsatten Sees und atmeten nebeneinander die

Wohlgersiche der Lust und die Warme Ihrer Gesichter, wagten aber nicht mehr, sich auch noch so leise zu berühren.

Die Vorboten der Nacht tarnen herab. Das Flimmern über Land und Wasser ging über in einen stummen und betäubenden Opferrauch, der sich aus allen Poren des Geländes löste. Die Jubelschreie der Vögel ertranken in der Luft, die der sinkenden Sonne Farbe trug. Ein unirdisch schönes Tor von Wolken glühte im Westen und nahm die fallende Herrin auf. ~

Birge und Bertold sahen sich an. Ihre Augen waren schwer. Sie hingen mit ihren Blicken aneinander, bis purpurne Finsternis Land, Wald und Wasser ertränkte.

Ihre Hände kamen lässig zueinander. Bertold zog Birges Kopf an feine Brust.

Da fing der Wald an zu rauschen.

Ihr Gesicht glühte. Sie kam von selbst und umschlang ihn.

Dann sanden sich ihre Lippen und sie sanken hinunter und ver­strömten ineinander.

Und sie gingen anderntags in die Alte Kapelle der Insel. Sie traten ein und fuhren gleichzeitig zurück.

Die Wände der Kapelle waren mit eingemauerten Totenfchädeln aus allen Jahrhunderten bedeckt. Kleine Kinderfchädel staken neben kantig geschliffenen Männerköpfen, unheimliches Geriefel von gelb und fchwarz betupften Schalen alle Wände hinauf, in einzelnen Feldern übereinander ?etreuste Knochen, und vorn neben dem Altar stand ein Gerippe, eine hwarze und silberne Fahne in der Hand. Das Gerippe blickte die beiden lächelnd an, als kämen sie zu ihm auf Besuch. Die Fahne nickte, der Tod senkte sie. Das Goldlicht, das vom Tabernakel kam, erlosch in einer staubigen Finsternis.

Da nahm Bertold Birges Hand und sprach laut in den Raum zum Tod:Hier ist Birge, meine Frau, Freund! Wir wissen nicht, wie oft wir schon hier gewesen sind und wie oft wir noch in Gottes Garten kommen werden. Wenn du uns begegnen wirft, dann wisse, Freund, wir find geweiht von ur an. Und ob du uns schonst oder nicht, du wirst uns nicht mehr trennen können."

Das Echo verklang. Es schauderte Birge. Sie zog Bertold an der Hand hinaus. Er sprach, als die Sonne sie wieder überflutete: ,Zch weiß, Birge, daß wir ewig sind."

Oer Sänger.

Von I. W. von Goethe.

Was hör ich draußen vor dem Tor,

Was auf der Brücke schallen?

Laß den Gesang vor unserm Ohr

Im Saale widerhallen!"

Der König sprach's, der Page lief;

Der Knabe kam, der König rief:

Laßt mir herein den Alten!"

Begrüßet seid mir, edle Herrn,

Gegrüßt ihr, schöne Damen!

Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!

Wer kennet ihre Namen?

Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit Schließt, Augen euch, hier ist nicht Zeit, Sich staunend zu ergötzen."

Der Sänger drückt die Augen ein

Und schlug in vollen Tönen;

Die Ritter schauten mutig drein,

Und in den Schoß die Schönen.

Der König, dem bas Lied gefiel,

Ließ, ihn zu ehren für fein Spiel, Eine goldne Kette reichen

Die goldne Kette gib mir nicht.

Die Kette gib den Rittern,

Vor deren kühnem Angesicht

Der Feinde Lanzen splittern;

Gib sie dem Kanzler, den du hast. Und laß ihn noch die goldne Last Zu andern Lasten tragen.

Ich finge wie der Vogel singt,

Der in den Zweigen wohnet;

Das Lied, das aus der Kehle bringt,

Ist Lohn, ber reichlich lohnet.

Doch barf ich bitten, bitt ich eins:

Laß mir ben besten Becher Weins

In purem Golbe reichen."

Er setzt ihn an, er trank ihn aus:

O Trank voll süßer Labe!

O wohl bem hochbeglückten Haus,

Wo bas ist kleine Gabe!

Ergeht's euch wohl, so bentt an mich, Unb banket Gott, so warm, als ich Für tiefen Trunk euch danke."