Herbffbild.
Don Friedrich Hebbel.
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sahl Die Luft ist still, als atmete man kaum, Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah, Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält. Denn heute löst sich von den Zweigen nur, Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
Maja Rad, die Hausschneiderin.
Erinnerung aus meinen Kindertagen.
Von Selma Lagerlöf.
Wir freuen uns immer, wenn Maja Rad bei uns zum Nähen ein- trifft, denn das ist sehr unterhaltend.
Zweimal im Jahr bekommen wir neue Kleider. In jedem Frühjahr ein baumwollenes Kleid und in jedem Herbst ein wollenes. Alle unsere baumwollenen Kleider werden aus eigengewobenem Stoss angefertigt, und Mutter ist es, die das Garn und die Farben zugerichtet, die Muster erlonnen und den Webstuhl aufgezogen hat; denn darin ist Mutter ein Meister. Als wir noch klein waren, hat Mutter auch alle unsere Kleider selbst genäht, aber nachdem wir groß geworden sind, getraut sich Mutter das nicht mehr, sondern Maja Rad muß zu uns kommen und Helsen.
Ma,a Rad ist immer gut angezogen und glatt gekämmt, aber ihr Haar ist so dünn, daß die weiße Kopshaut zwischen den Haarsträhnen hervorschimmert. Auf der Stirn hat sie lauter kleine Runzel» dicht nebeneinander, und sie hat auch das ganze Jahr hindurch Sommersprossen.
Manchmal, wenn ich Maja Rad betrachte, frage ich mich auch, ob sie nicht aus Holz gemacht ist. Denn sie ist sehr trocken. Ich glaube, wenn sich Maja Rad mit einer Nadel stechen würde, käme kein Blut heraus. Manchmal wünsche ich geradezu, daß sie sich steche, damit ich sehen kann, ob sie Nicht aus Holz gemacht ist.
Wir fragen Maja Rad öfters, ob sie sich denn nicht eine Nähmaschine anschaffen wolle; aber sie sagt, das werde sie nie tun. Nein, niemals, so lange sie noch eine Nadel einfädeln könne.
Maja Rad näht nicht mit einem Fingerhut, sondern mit so einem Fingerring, wie die Schneider sie gebrauchen. Es war ja auch ein Schneider, bei dem sie in die Lehre gegangen ist. Sie näht furchtbar schnell, niemand, weder Mutter noch Tante Lovisa noch Mine, können mit Maja Rad um die Wette nähen.
Maja Rad bekommt einen Reichstaler am Tag, und wenn ihr bei den Röcken und Aermeln tüchtig geholfen wird, kann sie jeden Tag ein Kleid fertig machen. Aus diese Weise bekommen wir unsere Kleider für je einen Reichstaler genäht, und das kommt uns außergewöhnlich billig vor.
Maja Rad steht jeden Morgen um sechs Uhr auf, und sobald sie angezogen ist, seßt sie sich hin und näht. Sie näht den ganzen Tag hindurch bis 3um Nachtessen. Nie macht sie einen Spaziergang. Wir versuchen sie zwar zu Überreden, mit uns hinauszugehen, aber sie dreht stets eiligst wieder um. Sie sagt, sie wolle für das Geld etwas leisten und nicht auf der Landstraße herumlaufen. Aber wir glauben, sie sagt das nur, weil sie nichts anderes als immerfort nahen mag.
Maja Rad näht auch auf Gardsjö und bei Noreens und bei Nilsons in Bifteberg und bei Pastor ßinbegrens. Dort bekommt auch jedes Kind im Frühjahr ein baumwollenes.und im Herbst ein wollenes Kleid. Maja Rad hat also vollauf zu tun. ro ,r .
Maja Rad klatscht niemals, und das ist sehr gut. Im Bestem von Maja Rad kann man über die andern Herrschaften im Bezirk sagen, was man will; es wird niemals weitergetragen. Nur das sagt Maja Rad, wenn sie von alldem, was die Herrschaft auf dem einen Gut über die auf dem andern Gut sagt, reden wollte, bann roare es für alle Zell aus mit der Freundschaft. Deshalb ist es sehr gut, daß TOaja Rad schwei- 0Cn®enn Maja Rad auf Marbacka ist, bringt die Haushälterin jeden Tag um elf Uhr. Kaffee für die Großen. Wir Kinder trinken keinen Kaffee, sondern jedes bekommt ein Butterbrot. . .. -.
Und während Maja Rad Kaffee trinkt, berichtet sie Neuigkeiten Denn Maja Rad weiß alles, und solche Dinge, die keinen Schaden anrichten, erzählt sie gerne. Sie erzählt, wer sich verheiratet und wer eine Gesellschaft halten wird und wer gestorben ist und wer nach Amerika aus- toailnbnro™nn Maja Rad so lange bei uns gewesen ist, daß alle Ge- Iprachsgegenstände erschöpft sind, holt Gerda ihr ,,®ud) der hur^ert Rätsel , das sie zu Weihnachten bekommen hat, und bann gibt sie TOaja Rab und uns andern Rätsel auf. hl T-
„Maja Rad, weißt du, wer geht und geht und doch niemals die Tur Wr Unö das weiß Maja Rad natürlich ebensogut wie wir andern alle, aber sie sagt immer, sie wisse es nicht, damit Gerda glücklich ist. Niemals kann sie auch nur ein einziges von Gerdas Rätseln erraten^obgleich sie die Lösung zweimal im Jahr hort, und in der Kuchenstube wird vollem Haste gelacht, weil Maja Rad so bumm ist.
Maja Rad hat uns auch von sich erzählt. Al-sie nochi klein war wußte sie nicht wie sie das Kleidernahen erlernen tonnte. 2Iber das war ihr eimiaer beiher Wunsch. Sie wollte nicht wie ihre anderen Geschwister das Vieh bäten und sie wollte auch nicht kochen oder Fußboden scheuern ober Butter rühren ober Brot backen, sie wollte nur naben
Als sie bann erwachsen war, hatte sie keine Lust, aus den Tanzbod n zu «eben nher iid) tu verheiraten, unb sie wollte auch keine Rinoer yaven. Sie wünscht- sich nichts weiter, nts dos Kteidernöhen zu tcrncn. dann
8SiÄnu£n£d, mit ihr zu den M-ml-ü-n «n-i» zu -eheu. die neben ber Kirche wohnten unb in allen Arten von Ha ar et geschickt waren. Ader als Maja Rab zu diesen kam, sagten sie, je,
ganz unmöglich, daß ein armes Kätnerkind etwa so Schwere« und Groh« artiges wie Kleidernähen erlernen könnte.
Da mußte Maja Rad es machen wie alle andern auch oie mußte als Hirtin auf die Weide hinaus, sie mußte in der Dunggrube stehen und Dung auflaben, sie mußte Essen kochen, unb sie mußte mit dem Vieh auf die Alm steigen. -
Aber gerabc, als Maja Rab alle Hossnungen aufgegeben hatte, je eine Kleibernäherin zu werben, geschah etwas Merkwürbiges. Maja Rads Schwester heiratete einen Korporal, der Schneider war. Unb als ber Schwager hörte, baß es Maja Rabs höchster Wunsch war, eine Näherin zu werbe», ba erbot er sich, sie in bie Lehre zu nehmen. Er zeigte ihr, wie sie Maß nehmen unb wie sie Muster auswählen unb zuschneiben, wie sie anprobieren unb wie sie Knopflöcher machen müsse; unb alles andere, was sie noch wissen mußte, sagte er ihr auch.
Unb als Maja Rad bei ihrem Schwager ausgelernt hatte, nähte sie zuerst Kleider für Kircher unb junge Bauernmäbchen, beim bei biefen nahm man es nicht so genau, obgleich sich Maja Rab immer alle Mühe gab, alles so gut wie möglich zu machen.
Unb vom ersten Augenblick an ging alles gut für sie, unb schließlich war sie so berühmt, baß bas Stubenmädchen von Marbacka zu ihr kam und ein Kleid für sich bei ihr bestellte. Dieses Kleide nähte Maja Rad fo schön, wie es ihr nur möglich war. Glücklicherweise sah bann unsere Mutter dieses Kleid, und darauf bestellte sie Maja Rad zu uns nach Marbacka. Und von Marbacka kam sie nach Gardsjö, und von Gardsjö nach Herrestadt, und von Herrestadt nach Visteberg und nach Halla.
Mir gefällt es besonders gut, wenn Maja Rad erzählt, wie sie endlich nach so einer langen Wartezeit das Nähen lernen durste, und dadurch befreit wurde, Wasser zu tragen unb Fußböben zu scheuern unb Dung auszulaben. Jetzt braucht Maja Rab nie mehr etwas anberes zu tun, als das, was ihr am meisten Frbude macht.
Ich werbe immer tief gerührt, wen» ich von solchen höre, bie es schwer gehabt haben, benen es aber später gut gegangen ist.
Erste Eindrücke in Stockholm.
Von Hanns Johst.
Hanns Johst, ber erste Träger bes Preises ber NSDAP, für Kunst unb neuernannte Präsibent ber Reichsschristtums» kammer, läßt bemnächst im Albert Langen / Georg Müller Verlag, München ein neues Buch erscheinen: „M aste und Gesich t", Reise eines Nationalsozialisten von Deutschland nach Deutschlnnb. Mit Erlaubnis bes Verlages veröffentlichen wir eine Probe aus biefem Buch, bie zeigen mag, mit wieviel liebenswürdiger Anmut unb Humor Johst von seiner Fahrt zu erzählen weiß, bie ihn zu ernsten Stubienzwecken burch sechs Nachbarlänber Deutschlanbs führte.
Hanb aufs Herz, Zeitgenosse bes 20. Jahrhunberts, was ist bas Charakteristikum biejer schwebischen Resibenz?
Ich nahm biesen Appell meines schlechten Gewissens ernst unb merkte, während meine Augen wie Flugzeuge ihre Kreise unb Schleifen über ber Stabt zogen, wie teuflisch schwer es ist, als flüchtiger Beschauer bie Einmaligkeit von Konturen mit armen Worten einzuzwingen.
Erliegt man ber Scylla bes Vergleiches nicht, so verfällt man sicher ber Charybbis des Unterschiedes.
Der Sturm jagt eine Gardine von Schnee und Regen schräg vor die Stadt unb läßt bamit gnäbig jeben Ausblick erblinbcn.
Aufatmend sage ich zum stolzen unb berechtigten Lokalpatriotismus meines Begleiters: „Schabe, baß man eigentlich nichts Rechtes sehen kann". Da weist er mit einer Hanb, bie elegant in schwebisches Leder gekleidet ist, wie ein Zauberer nach einer Stelle in der Tiefe, die ein Viereck darstellt, unb nennt sie bas Schloß. Dann sticht er ein befonbers großes Massiv aus dem grauen, trüben Nebelmeer unb erzählt mir die Geschichte bes Parlaments, bas man eben noch erkennen köyne.
Ich sehe ein, baß er ein Seher sein muß, benn ich sehe klar immer nur [einen eleganten, schmiegsamen Hanbschuh.
Im übrigen begeistert mich jeder Mensch, ber mir feine Heimat behutsam unb mit ber Zärtlichkeit eines Verlobten zeigt. Es tönt babei immer in mir: „... ber ist in tiefster Seele treu, wer bie Heimat liebt wie bu!" Da mich Führungen gerne vergewaltigen, schlenbre ich am liebsten auf eigene Faust. Sollte ich babei Wichtiges außer acht lasten, so erlebe ich boch bas, was ich sehe, zuminbest auf meine Weise.
Früher besuchte ich immer bie Wochenmärkte und die Friedhöfe. Aus den Friedhöfen sah ich, wer da gelebt hatte, und wie es um die Pflege der Toten steht. Man sieht eine Stadt mit anderen Augen an, wenn man auf einem stillen Stein den Namen Ludwig Richter oder Weber oder Morike liest... „ .
Die Wochenmärkte erzählen mir, was die Einwohner gern essen, und was das offene Land als Ertrag den Städtern zuführt. Jede Stadt hat eine spezielle Wurstart, ein eigenes Gemüse, eine besondere Art Brezeln oder Käse. Von diesen Dingen aß ich bann tüchtig, bis ich mein Inneres an bie Atmosphäre ber neuen Umwelt aboptiert glaubte. Schließlich ist man mit brei Wiener Schnitzeln im Leibe bem Serftänbnis von Wien näher als mit drei Portionen Königsberger Klops.
Von dieser Naturalienmethode bin ich abgetommen. Teils war sie zu teuer, teils unbekömmlich. Der Magen und Die Augen kamen zu oft in geradezu revolutionäre Gegensätze.
Jetzt stolpere ich ganz unbefangen los und beobachte.
In Stockholm etwa schwimmen mir die Leute in Galoschen entgegen unb steuern ihren behäbigen Gang mit ben Segeln üppiger Regenschirme.
Befonbers fallen mir im Straßenbild bie älteren Herren auf. Sie haben rote gepflegte Gesichter, unb wenn sie einanber höflich begrüßen — man fühlt an biefer Zeremonie bie Resibenz — leuchtet ihr bichtes Haar chneeweiß. In ben blauen Augen zwinkert eine genießerische Freube an französischen Rotweinen. Man möchte jebem auf bie leicht nmeritanifd) gepolsterte Schulter klopfen, um ihn bann nach dem nächsten Lokal zu fragen, in dem man gut ißt.


