„Und was siehst du da?" fragt Barbara entgegen „Dunkles ... nicht wahr? ... und Helles ... und sehr viel Alfred Meimberg ..
So sprechen sie lange, lachen, verstummen. Die Sonne rückt weiter, das Wasser des Flusses rennt. Dann hupt em Auto laut oben an der Chaussee. Hupt, als ob Gäste kommen. Frau Gornewitz geht den Anfahrtsweg hinauf. Sie erwartet Gäste. Die Körners. Sie wissen doch ... Schauspieler Kurt Korner mit Familie ...!I Man hort die Gornewitz sehr laut sprechen und lachen. Aber sie kommt allem wieder zuruck. Sie hakt eines der Kichermädchen unter, das Blondere, Geschertere, ganz rechte die mit der Kette aus roten Glaskugeln. So ...? Ach ...? Aber nicht darüber sprechen!! Nein, nein, natürlich nicht. Ehrensache!!
Das Kichermädchen verschwindet im Haus. Es klopft ungeduldig am Zimmer des anderen Kichermädchens. Gleich darauf erscheinen beide am Fenster, beugen sich weit heraus, um die Hütte zu sehn. Es ist aber gar nichts zu sehn, außer daß die Hütte immer noch in der Sonne steht und geduldig brüt. „Nun sind sie gerade noch in die Hütte gezogen! lacht die eine. „Bis jetzt hatten sie doch wenigstens zwei Zimmer...
Endlich treffen die erwarteten Körners ein. In einem Landauer selbstverständlich. Auf dem Lande fährt man mit Pferden ... das ist klar. Korner ist ein frischer, selbstbewußter Mann, krauskopfig-blond. Er füllt mit seiner hellen Stimme das Flußtal. Seine Frau ist dunkelhaarig, mindestens so lebhast wie er. Sie schwingt lustig em weißes Reisekäppchen, und der Sohn Körner ist elf oder zwölf Jahre alt und bemüht sich, noch lauter als seine Eltern zu sprechen. Es entsteht also ein ungeheurer Lärm. Die Görnewitz wird begeistert begrüßt, jeder Baum, die Wiesenschirme, die Köchin, das Zimmermädchen und das Holzhäuschen, aus dessen Tür gerade die Meimbergs kommen. „Hurra! ruft der Junge. „Hurra! Wir sind endlich da!"
Das ist gegen vier. Um fünf ist Körner schon in einem blauen Polohemd mit kurzen weißen Hosen und einem verwegenen Hut draußen. Er hat sich bereits den Hauptmann (Beriefe mitgebracht. Er laßt sich Meimberg vorstellen. Er ist, wie er laut bekanntgibt, wirklich Kurt Korner, bekannt aus den Filmen „Im Banne des Gletschers" und „Ein Lied in Wien bei Nacht". Der Körner unter allen Körnern. Meimbergs Bekanntschaft sucht er, um sich seine Arbeitskraft zu sichern. Er hat hier im vorigen Jahr ein Floß gebaut, mit dem man viel Unfug treiben konnte. Ein solides, gutes Floß aus Balken und einigen Brettern, die er unten im Sägewerk gekauft hatte. Die scharmante Görnewitz hat nun das Floß vor lauter ßangerroeile im Winter aufgedröselt wie einen Strickstrumps und kurzerhand verheizt. Man muß also sofort ein neues bauen, und dazu braucht man ein paar starke, gewandte Männer.
Meimberg ist natürlich einverstanden. So ziehn die Männer, begleitet von Körner, dem Sohn, an der Holzhütte vorbei flußaufwärts. Da sollen einige Stämme lagern. Alle haben kurze Hosen an, Badeanzüge drunter und wilde Kopfbedeckungen auf. Sie rauchen winzige englifche Stummelpfeifen und sprechen infolgedessen saft unverständlich.
Für eine Stunde sieht und hört man nichts von ihnen. Langsam schlängeln sich die Kichermädchen den Männern nach. Dann kommt Frau Körner in einem etwas gewagten Badeanzug mit fast totaler Rücken- ansicht, einen Bademantel über dem Arm, hinter ihr der langweilige Mann ohne Gesicht und ohne Beruf, der erklärt hat, ein Globetrotter zu sein, und „die" Frauen verehrt, rundweg alle Frauen, scheint's. Danach der blumenpslückende Oberlehrer.
Es bleiben schließlich nur noch Frau Gericke und Frau Meimberg zurück. Sie sitzen am Fluhufer und lassen die nackten Füße in das eiskalte Wasser hängen. Sie lesen jede einen Roman und essen Kirschen dazu, deren Kerne sie ins Wasser spucken.
Die Heuwagen fahren das Tal herunter. Die Mäher liegen auf den Lasten und schlafen, ober sie gehn gebeugt vor Müdigkeit hinter ihrer Ernte. Von einem Wagen singt ein Junge. Seine Stimme schwingt sich über die glutheißen Wiesen. Dann kommt der Postbote. Man hört ihn mit Frau Görnewitz lachen. Bald darauf erscheint die Görnewitz im Bademantel, den sie überängstlich zuhält. Sie hat die Post der beiden Ehepaare mitgebracht. Sie gibt Barbara ihre Post mit einem sonderbaren entschuldigenden Lächeln. Obendrauf liegt ein nachgesandter Brief mit der Adresse: Fräulein Barbara Schreiner. Das ist nun der zweite ober brüte Brief auf ben Namen Schreiner. Die Herrschaften, die vorhin im Auto kamen, das rothaarige Fräulein und der geiernafige Mann, haben zuerst auch nach Fräulein Schreiner gefragt und sich erst dann in „Frau Meimberg" verbessert. Es ist also ganz klar, daß die sogenannte Frau Meimberg ein Fräulein Schreiner ist.
Frau Görnewitz ist gewiß nicht empört. Sie hat schon manches junge Paar bei sich beherbergt, das sich seinen Trauschein erst später erworben hat oder vielleicht — sie kann es ja nicht nachprüfen — das überhaupt vergaß. Schön, schön, man ist großzügig. Dafür verlangt man aber ein gewisses Maß von Vertrauen. Diese kleine Schreiner ist für ein Fräulein etwas zu hochmütig und zurückhaltend. Jetzt in diesem kritischen Augenblick tut sie wieder, als sei nichts zu bemerken. Sie nimmt ihre Briefe und legte sie neben sich. Nun, einerlei. Die Görnewitz bittet Die beiden Damen um einen kleinen Liebesdienst. Sie sollen sich^ als eine Art Wandschirm gegen die Landstraße zu ausstellen. Sie möchte schnell in den Fluß eintauchen. Ehe Barbara und Frau Gericke recht begriffen haben, was zu tun ist, hat sie auch schon ihr Badelaken abgeworfen und ist in ben Fluß geglitten. Sie ist eine wohlerhaltene, etwas zu runb- liche Frau. Ihr Körper fleht fast so jung aus, wie sie zu fein angibt. Das kommt vom Flußbab, das sie neun Monate im Jahr durchhält. Sie spricht natürlich auch, während sie im Wasser plantscht. Von Körners hauptsächlich, die, auch in Ruhm und Geld schwimmend, bescheiden geblieben sind. Drei Minuten strudelt und sprudelt sie im Fluß. Dann springt sie aus dem Wasser in ihr Badelaken, in ihr Haus, in ihre Arbeit. Es wird wieder still. Ganz still. Die Sonne steht dicht über den Hügeln, die das kleine Städtchen umkränzen. Sie blendet noch in vollem Glanz in bas „Haus am Hang", das, ein wenig abseits von der Straße, dicht am Walde gelegen, einen ausgezeichneten Blick über das ganze
Flußtal hat. Raukhammer steht mit dem Besitzer auf der flehten ©arten, terra,se. Er hat ein Fernglas vor den Augen und sucht den Fluh ab^Da drüben die Wiese ... ja, das ist die Wiese von Haus Rebstock. Das Helle ist Frau Görnewitz, ein beliebtes Ziel für alle Ferngläser. Man kann sie allerdings von den Hügeln drüben besser kriegen. Dafür ist man hier fern von den Autos, nah vom Städtchen, auch ohne nur ein einziges Haus zu fehn. Man hat am längsten Sonne. Man hat ...
Rauthammer winkt ab. Er hat ja schon gemietet. Zwei Zimmer für sich zwei für feine Begleiterin, Fräulein Wahnke. Das ist die ganze . untere Etage. Der Arzt, ein alter Sanitätsrat, wohnt gleich drüben, und die Apotheke ist auf der anderen Seite, wenn man den Hang über Heb tert hat. Der Friedhof? Der Hauswirt lacht. Nein, zum Friedhof hat man es weit. Damit kann er dem Herrn nicht dienen. Es stirbt sich aber hier nicht so leicht.
Wenn der Herr aber tatsächlich die vier Zimmer für einen ganze» Monat nimmt und sogar die Miete vorausbezahlt, so wird er, der Wirt, I die obere Etage abschließen und sich für den Monat nach Stuttgart zu einer Schwester setzen. Es gibt für ihn nichts Schöneres als die Stad m Sommer, mit ben schönen Gartenkonzerten, mit Feuerwerk, riesig viel Rosen, ziemlich wenig Menschen. Unb hier braußen — Verzeihung - tragen bie Sommerfrischler die Natur weg, indem sie sich in ihr ergehen.
Schön schön. Einverstanden. Rauthammer wird sich eine Zugehfrau aus dem' Ort besorgen Man wird selbst wirtschaften und roirbs ganz einsam haben. Rauthammer ist sehr zusrieben. Er schickt Sophie Wahnke in ben Ort. Sie soll sich einen Wagen nehmen unb bas Gepäck her- chaffen. Er selbst will ein bißchen ruhn. Denn er ist recht mube. Er geht in sein Zimmer unb schläft sofort ein.
Die Bergwanb brüben wirft schon Schatten auf bas Haus Rebstock. Dann verschwinbet ber Fluß im Schatten. Der Schatten hat unten ant Fluß Barbara unb Frau Gericke erreicht. Sie nehmen bie Fuße aus bem Wasser. Barbara holt sich ein Tuch aus bem Haus, zieht sich Schuhe unb Strümpfe an. Man hört bie Manner langsam naher kommen. Sie schreien unb toben wie bie Jungen. Das Kommanbo hat Der zwölfjährige Körner, ber schwitzenb am Ufer läuft. Die TOanner ljabett drei Stämme, zwei Meter achtzig bis vier Meter lang, gefischt. Darauf ‘ommen sie angeritten. Sie wallen eigentlich zur Schneibemuhle Durchreiten. Aber bie Görnewitz läßt sie nicht burch. Sie muffen von ihre» Reitzeugen abfteigen, sich anziehen und zum Essen kommen. Man kam, ja am andern Tag weiterbauen.
Das Abendessen vergeht mit Erörterungen über verschiedene Floß- fnfteme, über die Frage ber Stricke, über bie Anbringung des Ruders und ob man einen Bretterboden braucht, der doch eigentlich Luxus ist und von Frau Görnewitz nicht genügend geachtet wird. Nach dem Ehe» wird Politik gemacht. Leider. Denn die drei Floßreiter sind alle, roie sich herausstellt, alte Kämpen in benachbarten Lagern. Sie sind „m den Grundzügen" einig. Um so lauter können sie über Fragen der Emze- praxis streiten. Sie können sich unmöglich einigen. Um zehn nicht. Um elf nicht. Die harte Stimme des Hauptmanns, bie kehlig ist vom viele» Kommanbieren, bie helle Jungensstimme Meimbergs, der in allem Streit immer'wieder lachen muh. Die gut fitzende Stimme Körners, des Schauspielers, die mühelos das Flußtal beherrscht.
Oben im Bett liegt Frau Körner und lieft einen Kriminalroman. Sie hat Bonbons und Zigaretten um sich aufgebaut. Das find Feriengenuffe, im Alltag streng verboten. Es liegt Frau Gericke im Bett unb meint vorsichtig vor sich hin. Eigentlich ist sie glücklich. Sie ist nur so sehr zcni. Außerbem scheint es ihr ganz gewiß, bah biese leichte Uebelkeit etwas zu bebeuten hak, etwas, worüber sie sich unenblich freut. Aber sie wem noch nicht, ob ber Mann sich freuen wirb. Denn er hat nie mit ihr darüber gesprochen, und sie selbst würde ihn nie fragen. Vielleicht wird fiz es wagen, morgen mit Barbara Meimberg zu sprechen, obwohl bis nach Frau Görnewitzens Mitteilung gar nicht verheiratet fein soll. Fra» Gericke kann sich nicht denken, daß „solche" Frauen so liebenswert, sei» könnten.
Und Barbara liegt mit offenen Augen in ihrem Bett. Sie hat de» Vorhang geöffnet; das Mondlicht strömt herein, der Heugeruch. Der Flug gluckert und raschelt. Der Hund vom Sägewerk bellt. Cs ist alles leidjL durchsichtig, sommerlich. Langsam, so scheint es ihr im Einschlafen, bring« man in sein Leben ein, langsam wird man sich in der Welt zurecht- ftnden.
15.
Der Fluß rennt durch die warme Nacht. Der Mond geht unter, bis Dämmerung kommt mit schüchternen Vogellauten. Die Sonne erschein» über den Felsrändern, die mauerartig das Wildtal gegen die Stab« begrenzen. Das Haus am Hang, in dem Rauthammer gerade auswacht, liegt noch in der Schattendümmerung der Berglehne. In der Holzhütte am Haus Rebstock knistert das Teerpappendach von der Sonnen- wärme wie unter Mäusezähnchen.
Barbara schleicht sich aus der Hütte. Sie sieht im Hinausgehn gerab« ins Gesicht ihres schlafenden Mannes. Jetzt endlich schläft er mit einem ruhigen Atem, die Lippen wie immer ein wenig geöffnet, als ob ei Durst habe.
Die Nacht war unruhig. Meimberg ist erst spät von der politischen Debatte gekommen, hat sich lange vorsichtig hin unb her gebrefjt <ti ist bann eingeschlafen unb hat sich mit Traumgestalten gestritten, offenbar zuerst mit Gericke unb Körner. Dann mit jenem balkanischen Fürsten unb seinem Hosmarschall, bie ihre Freunbin vom Felsen ins Mee« gestürzt haben. (So hat Barbara Meimberg sich schließlich ausgebrum Man konnte bann bie Frau ja auch gleich ins Meer stürzen.) Uns schließlich hat er sich mit Barbara auseinandergesetzt. Natürlich: Man soll nur nicht glauben, baß solche Dinge unter Der Sonne ausbleichev unb verschwinben.
(Fortsetzung folgt.)


