Elbe herumflattern — und ich kann immer schlafen, so süß vvn dir träumen." Dann wehrt sie sich dagegen, daß er sich so xft in Gefahr begibt und Wagnisse begeht: „Deichhauptmann zu sein, ist doch das Gräßlichste, was es gibt! Ach, Otto, warum bist du's geworden!"
Wenn sie ihm von den Kusinen berichtet, antwortet er ihr ganz offen, daß ihm schaudere bei dem Gedanken, ein „Mädchen dieser Art nebst Klavier" zu heiraten, „mit einem kleinen Affen als Nippes darauf." Dann macht sie ihn darauf aufmerksam, daß er am vorletzten Tage in Reinfeld zur Pastorin wenig liebenswürdig gewesen sei, diese habe sich bei ihr darüber beschwert; aber er fegt das einfach fort: „Ich erinnere mich der Pastorin weder im Guten noch im Bösen; ich weiß gar nicht, wie sie aussieht." Aber auch der Mutter gegenüber nimmt er kein Blatt vor den Mund; als diese ihm einen zwiespältigen Brief schreibt, antwortet er der Tochter: „Dem geschriebenen Wort ist es übrigens nicht anzumerken, ob die Tinte, als sie naß war, ein neckendes Auge ober die Falten bekümmerten Ernstes gespiegelt hat; von Damen bin ich übrigens gewohnt (ganz unter uns gesagt), manches als Ernst zu hören, was ich im Munde eines Mannes nie dafür halten würde."
Dann ermahnt er sie, nicht so beleidigend bescheiden zu sein und verweist auf sich, der zehn Jahre unter den Rosengärten des nördlichen Deutschland umhergewandelt sei und keineswegs dann mit beiden Händen nach einer Butterblume gegriffen habe. In diesem Punkt kann sie von ihm lernen, denn er stellt seine Verdienste keineswegs hintan. So erklärt er ihr, daß es zwar viele gebe, die sich nach feinem Amt als Deichhauptmann drängten, daß sie aber — „Gott verzeih mir die Sünde!" — „entweder geschäftsuntauglich ober mattherzig" feien. Genau so spricht er später, als er in den Lanbtag gewählt wirb, von den Abgeordneten, die er „langweilig, dumm und lügnerisch" findet. „Ich werde dir die Staats- zeitungen, in denen ich selbst figuriere, aufheben, da Cure Zeitung die Reden nicht vollständig roiebergibt." Er beruhigt sie, wenn er bork aus- fallenb geworden ist, es wäre aber eine Zumutung, diese „abgeschmackten Reden aus dem Munde ungewöhnlich kindischer und aufgeregter Politiker" mitanhören zu müssen. Dann beschreibt er ihr den Wollmarkt, auf den er viel lieber gehe als ins Parlament; leider aber seien die Wollpreise gefallen. Wenn der Vater Puttkammer, der als ordentliches Mitglied ebenfalls dem Landtag angehört, von sich aus nach Hause berichtet, daß Bismarck „unerhörte Stürme des Mißfallens" hervorgerufen hätte, bann schreibt Johanna ihm in banger Sorge: „Otto, du hast doch schrecklich heißes Blut!" ...
Dazwischen packt sie wieder die Eifersucht; sie hört, daß er in Berlin mit jungen Mädchen tanzt und recht vergnügt gewesen ist. Zuerst gibt er ihr auf diese Vorwürfe eine Definition des Wortes „Eifersucht"; es kämen zwei Arien vor: die eine entstehe aus Mißtrauen in die Ehrlichkeit und Beständigkeit des andern, die zweite entstehe durch ein Gefühl des Zurück-efttztfeins, meistens wegen Präokkupation durch Freundinnen, Blumen, Vögel, Bücher und Hunde. Er hält es aber doch für notwendig, ihr die Versicherung abzugeben: „Muß ich Dir nochmals sagen, daß ich dich liebe sans phrase, daß wir Freud und Leid miteinander teilen sollen, ich Dein Leid, Du das meine. Sei niemals kleinmütig gegen mich; erscheint Dir etwas in Dir unverständlich, sündhaft, niederdrückend, so bedenke, daß all dergleichen in mir tausendmal mehr vorhanden ist. Betrachte uns als gegenseitige Beichtväter, als mehr wie das, die wir nach der Schrift: ein Fleisch fein sollen. Bemühe Dich, nicht, eine stetse, glatte Hecke zu werden: die kann kräftig und grün nur dann dastehen, wenn sie wild hinauswächst und vom Gärtner mitten durchs Leben beschnitten wird, und das werbe ich ja boch nicht über mein Herz gewinnen. Wachse beliebig als Waldrose, bas häßliche Moos unb bie allzu scharfen Dornen wollen wir uns beibe bemühen, schmerzlos unb vorsichtig zu entfernen."
So beginnt Bismarck Johanna auf feinen Weg zu führen. Mit Humor, Wissen unb Geschick, aber auch mit einer leichten Strenge, ohne dabei ihre Frömmigkeit außer acht zu lassen, sucht er in ihr ben Glauben zu stärken, sie habe ihn gemanbett, während in Wirklichkeit er sie nach seinen Wünschen sich erzieht.
Die Briefe Bismarcks endigen mit den gleichen Liebkosungen in allen Sprachen, mit denen sie zu beginnen pflegen: „Adieu, Jeanne la noire, enfant cheri des deserts de Rrrrummelsburg“, womit er sich über ben Reinfelber Dialekt luftig macht. „Bonne nuit, obere et bonne! Gute Nacht, mein Einziges auf ber Welt!"
Die Nelke.
Don Dr. Kurt Warnecke.
„In meines bulen garten Da stehn zwei blümelein. Das eine trägt musealen. Das anber negelein;
Die musealen, bie finb süße, Die negelein, die sind reß. Die gib ich meinem bulen, Daß er mein nicht vergeß."
Siefe Strophe eines alten deutschen Volksliedes spricht nicht nur für bas Vorkommen ber Nelken im ^Blumengarten jener Zeil, fonbern sie m rr»°* .rOli.$ £je Bedeutung bes „Negelein" in der Blumenfprache. Die .Helle ist die Blume der Treue, die in vielen Liedern und Reimen wieber- kehrl bald „Näglein", bald „negelin" genannt. Man sand in ihr offensichtlich^ eine Aehnlichkeit mit einem Nagel, unb aus bem altdeutschen „nagal mürbe alsbann „nagelin“, „negelin" ober auch „nagelten" unb ,,regelten , bis schließlich ber Name Nelke baraus geworben war, mit dem wir heute biefe mit ber Rose als Blumenkönigin roetteifernbe Blume bezeichnen.
Im Altertum würbe ber buftenben Blume burch eine Segenbe gebucht, bie seltsamerweise bie Nelke mit einem Menschenauge verglich. Enttäuscht von einem Jagbzug heimkehrenb, traf bie Göttin Diana einst einen
Merantvortltch: Dr. HanS Thhriot. — Druck unb Derlag; Brühl
Schäfer, der eine heitere Melodie auf seiner Flöle spielte. Nun glaubte sie ben Schillingen an ihrem vergeblichen Beutezug enlbeckl zu haben; sicherlich Halle ber kecke Schäfer burch sein Lieb bie scheuen Rehe uni Hirsche aus bem Jagbbereich ber Göttin verscheucht, unb nun verspottete er sie auch noch, inbem er jene Melobie in ihrer Gegenwart wieberholte. Sie stellte ihn zur Rebe, aber er erklärte, unschulbig zu sein. Lockte nicht sein Lieb ganz im Gegenteil bie Tiere herbei, baß sie ihm lauschen könnten? Da ließ sich bie Göttin in ihrem Mißmut hinreißen, sie stürzte sich auf ben vermeintlichen Spötter unb stach ihm bie Augen aus. Erst als sie bes Schäfers Schmerz sah, kam ihr das Grausame ihrer Tat zum Bewußtsein, und sie flehte den Göllervater Zeus an, bie Augen unverletzlich zu machen unb sie immerfort bie Erbe sehen zu lassen. Und Zeus erhörte bie Diana unb ließ Pflanzen aufwachfen, bie jenen Augen glichen und heule inmitten ber Blumenpracht ber Gärten in ber ganzen Welt blühen.
Heber ben Siegeszug ber Nelke durch die verschiedenen Länder wissen wir jedoch nichts Zuverlässiges. Nach einer Anekdote soll bie Nelke von Kreuzrittern bes heiligen Lubwig nach Frankreich gebracht worben sein, zunächst allerbings als Heilpflanze, ber man geheime Segenstraft zu- schrieb. Als der König Tunis belagerte, brach in feinem Lager eine Pest aus, die ihm schwere Verluste an tapferen Kriegern zufügte. Da soll ihm der Gedanke gekommen fein, daß, wo Böses fein Unwesen treibe, auch ein Gutes sein müsse, das jenem Einhalt gebieten könnte, und er sand die Nelke und ließ ihren Saft den Erkrankten eingeben, die sofort genasen. Nur ihm selber brachte die Nelke nicht die Gesundung, er starb an der Pest, doch befahl er zuvor seinen Freunden, die Nelke als heilige Blume in sein Vaterland zu bringen, in dem sie späterhin ost eine politische Rolle spielte. Von ber Heilkraft ber Pflanze wissen wir heute nichts mehr, uns erfreut nur die Fülle ihrer Farben unb ber würzige Geruch, ber vor ihr ausgeht.
In Deutfchlanb zog bie Blume wahrscheinlich mit ber italienischen Renaissance ein, bie in ber Nelke gerabezu eines ihrer Symbole sah. So hat man die Nelke „bie Blume ber Renaissance" genannt, unb in ber Tat finben wir sie auf vielen wertvollen Gewölben; oft wirb sie ben bargefteüten Personen in die Hanb gegeben ober boch in ihrer Umgebung beullich sichtbar gemacht. Das große Wunber bieser Blume sah man wohl in ihrer Vielfarbigkeit, bie halb bie Züchter auf ben Plan rief, bie immer neue Arten schufen. So wie es späterhin einen „Tulpenwahn' gab, in bem alle Gärtner unb Blumenliebhaber barnach eiferten, neue kostbare Tulpenarten zu besitzen, so rühmte man sich jeber neugezüchteten Nelkenart, bie alle andreren an Pracht unb Dust übertreffen sollte.
Die Reihe ber Namen, mit benen man bie gelungenen Neuzüchtungen benannte, verraten viel von ber Nelkenschwärmerei jener Zeit. So finben sich in „Reichenbachs ebler Gartenwissenschaft" aus bem Jahre 1671 Bezeichnungen wie „Roter Priester", „Weißer Priester", „Wunberwerk", „Böhmisck)e Krohn", „Hollänbischer Löw", „Stolzer Hannibal" und „Grohtürk", unb ein Jahrhunbert später, im Jahre 1779, erschien mit I. N. Weißmantels Nelkenverzeichnis, ein Stanbarbwerk für alle „Nelkeniften", bas biefen Kranz ber Namen noch erweiterte. Da finben sich unter ben zweihunbertunbfechs von ihm selbst gezogenen Arten eine „Reine des Jaunes", mit —„chameauxsarbener Zeichnung, sehr sonderbar und regelmäßig", eine „Pompadour mit stumpfem Blatt, zärtlich" und eine „Schach Sephi", „die einzige Bizarbe, so manches Jahr mit brei Zeichnungsfarben blühet, nämlich aschgrau, coul de puce und rosen- roth, welches letztere aber auch manches Jahr außen bleibt".
Eine Nelke führt gar ben Namen „Mohrenkönig", sie wirb folgenber- maßen beschrieben: „Wenn sie itzt aufblühen will, fo kann man sich nichts schwärzeres benken, als ihre ausgehende Blume herauskommt. Dieses bunkle Kohlschwarz aber wirb in ber Sonne unb bey ber geringsten neblichten ober näßlichen Witterung, desgleichen beyn Abblühen bas allerbuntelfte Rot, an ber unteren Blattseite aber boch immer schwarzem als an ber obern ober innern Blattseite; sehr ecket unb rar in Pflanzen manches Jahr."
In biefem auch heute noch interessanten „Nelkensystem" finbet sich eine Anleitung zur Selbstherstellung eines „Nelkenblätterkataloges", die einen Einblick in bie Siebe unb Arbeit bes leidenschaftlichen Züchters gewährt. Von jeber Nelkensorte sollte ein einzelnes Kronenblättchen in einen Katalog geklebt unb mit Namen unb Angabe der Wachstums- bebingungen versehen werben. „Vermittelst eines solchen Blättercatalozi lernt man jede einzelne Nelke nach unb nach so genau kennen, als genau mancher Hauswirth ein jedes Stück seiner Heerbe kenne. Unb diese Kenntnis ist es eben, die das Vergnügen an ben Blumen vergrößert." Schließlich wirb vorgeschlagen, biefe Verzeichnisse mit anderen Züchtern auszutauschen, bie „eben dergleichen catalogum" anlegen sollten. Mußte so nicht schließlich bie ganze Welt in einem Wunberkranz von Nelken stehen! Uebrigens haben bie Züchter unb Sammler sich ihre Nelkenliebe oft beträchtliche Summen kosten lassen. So bezahlte ber Bankier Thomas W. Lawson für eine Nelkenforte, bie feinen Namen tragen sollte, bem Züchter Peter Fischer im Jahre 1895 bie Summe von hunbertund- zwanzigtausenb Mark. Dafür erhielt er bie achthundert Stöcke bes Züchters als alleiniges Eigentum unb war nun ganz allein berechtigt, „feine Nelke" zu pflanzen unb nach eigenem Gutbünken in bie Welt hinaus wandern zu lassen.
Man hat das Zeitalter Goethes, ber ein besonderer Freund der Nelke war unb sich auch als Naturforscher eingehend» mit ihr beschäftigte, oft bas „Jahrhunbert der Nelke" genannt, da sie in dieser Zeit sogar den Rosen vorgezogen wurde. In den folgenden Jahrzehnten ist bie Nelke wieder hinter ber Zucht ber Rosen unb anderer Blumen zurückgetreten, wenn man sie auch immer als eine ber schönsten Gartenblumen geschätzt hat. Jetzt soll sie roieber jedem Blumen- und Gartensreund besonders nahegebracht werden, da ihre Pflege und Zucht überaus dankbar sind. Um ihr den Platz neben der Rose, auf den sie ein Anrecht hat, wieder zu sichern, haben sich bie Freunde neuer Gartenkunst zu einer gemeinsamen Huldigung verbunden: im Jahr ber Nelke.
iche Universitäts-Buch- und Steinbrudetet, R. Sange, Gießen.


