Resultat nach Hollywood. Als Antwort kam nur ein Kabel mit einem bekannten Zitat für Steinlen
Der Monat bis zu seiner Ankunst wollte kein Ende nehmen. Er schien Elisabeth länger und leerer als die ganze übrige Zeit seiner Abwesenheit. Lon Doktor Hartl kam ein langer Brief aus der Schweiz, wohin er mit seiner Arbeit geslüchtet war. Er teilte ihr mit, daß diese Arbeit beendet sei und jetzt in Druck gehe, damit sie noch zum Ende des Jahres als Buch erscheinen könne, lieber seine Frage, ob er sich die Freude machen dürfe, ihren Namen mit einer Widmung auf die erste Seite des Buches zu setzen, schüttelte sie mit leiser Wehmut den Kopf. Dann aber schrieb sie
ihm mit ihren großen, steilen Buchstaben, daß er ihr damit die gleiche
Freude bereite wie sich und daß er nicht mehr allzu lange fortbleiben
sollte, nachdem Ludwig Ende des Monats wieder hier sein würde. Wie
sehr sie ihn vermißte, konnte er zwischen jeder Zeile des kurzen Briefes herauslesen.
33.
Am fünfundzwanzigsten September, mittags um zwölf Uhr, stand Elisabeth mitten in einer Menge wartender Menschen auf dem Kai in Bremerhaven und sah mit hämmerndem Herzen zu, wie der Riesenleib der „Bremen" — die genau zu der im letzten Funkspruch angegebenen Stunde eingelaufen war — an ihren Stahltrossen festgemacht wurde. Das schwierige Manöver nahm eine Zeit in Anspruch, die Elisabeth endlos vorkam. Sie suchte vergebens unter den aus dem Mitteldeck zusammengedrängten Passagieren Ludwigs Gestalt herauszufinden. Jetzt aber war die Brücke zum Kai geschlagen, und die Fahrgäste verließen hintereinander das Schiff.
War das Ludwig? ... Nein ... Der Mann hatte nur seine Größe und seinen wiegenden Gang ... aber eine Breite! Sein Gesicht konnte sie noch nicht sehen. Jetzt aber machte er die halbe Wendung um das Ende der Brücke.
... Nein, da war um das ganze Kinn ein kurzer dunkelblonder Bartl Und diese Breite im Hellen, lose sitzenden Sportanzugl
Elisabeths Herzschlag setzte einen Augenblick aus: Es war Ludwig! Jetzt hatte er sie entdeckt und hob den freien Arm. Mit feinen langen Schritten kam er auf sie zu. Sie lag an feiner Brust, fah in feine strahlenden blauen Augen und spürte die weichen Haare seines Bartes an ihrem Kinn, als er sie küßte.
„Ludwig ...!" stammelte sie halberstickt. „Beinahe hätte ich dich nicht erkannt. Dieser Bart!"
„Gesällt er dir nicht?"
„Du siehst so fremd damit aus!"
„Ich brauchte ihn für den letzten Film. Dann ließ ich ihn stehen, weil ich sand, daß er gut zu mir paßt. Aber wenn du meinst ..."
„Gar nichts meine ich im Augenblick! Später vielleicht ... Jetzt freue ich mich nur, daß du wieder da bist!"
„Ich bin sehr dick geworden drüben ...?"
„Wieviel wiegst du denn?"
„Hundertundneunzig ... und etwas ..
„Ludwig!" rief sie erschrocken.
„Hier werde ich die überflüssigen Kilo bald wieder loswerden. Sie haben mir schon genug zu schaffen gemacht. — Jetzt aber vorwärts, Lisa, meine gute Lisa! Nach Hause! So schnell wie möglich nach Hause!"
„Der Zug geht erst in ein paar Stunden."
Ludwig lachte. Sein altes, dröhnendes Lachen,
„Ich habe etwas mitgebracht. Es wird gleich ausgeladen mit dem Gepäck. Als erstes. Das hat mir der Offizier in die Hand versprochen. Außerdem hat es genug gekostet, daß er sein Versprechen auch halten
„Was ist es denn?"
„Ein wunderbarer Wagen! An so was gewöhnt man sich drüben. Mit dem fahr ich dich direkt von hier nach Nikolassee. Oder hast du etwa den alten mit?"
„Nein, den hab' ich mit Konstantin zu Hause gelassen."
„Wer ist Konstantin? Ach, ich erinnere mich: Billys tüchtiger Chauffeur! Der wird sich mit dem alten Kasten eine neue Bleibe suchen müssen!"
„Bring, bitte, nicht gleich von hier aus alles durcheinander!" lachte Elisabeth. Sie hatten, langsam nebeneinander gehend, den Kai verlassen.
„Sieh mal, Lisa, dort drüben ist eine hübsche kleine Kneipe. Dort setzen wir uns und warten, bis der Wagen ausgeladen ist. Alle anderen Formalitäten sind schon erledigt. Ich habe einen gewaltigen Durst auf den ersten Schluck — mit dir — und schon fast zu Hause!"
Er führte sie in die Kneipe und fing an zu erzählen. Von der lieber« mhrt, von feiner Arbeit, wie er drüben gewohnt hatte, von Direktor Grolman und den Regisseuren, mit denen er oft von morgens bis in Die spate Nacht im hitzedampfenden Atelier gestanden hatte, von seinen Erfolgen drüben, von den deutschen Kollegen und von denen aus aller Herren Ländern, die in Hollywood zusammenströmten. Alles wahllos herausgegriffen und ohne Zusammenhang, von einer Einzelheit auf die anöere überspringend, aber lebendig, plastisch gesehen und wiedergegeben mit feinem sprühenden, durch die Heimkehr und das erste Wiedersehen mit Elisabeth aufgerüttelten Temperament. Er trank Whisky mit Soda unö Eis, was er sich drüben angewöhnt hatte, und Elisabeth erschrak leise über die Menge, die er von dem scharfen Getränk, das sie nicht mochte, zu sich nahm, ohne daß eine Wirkung zu spüren war.
Der Kellner den Ludwig zur Beobachtung ausgesandt hatte, brachte nach einer Weile die Meldung, daß der Wagen von der „Bremen" aus- geladen sei. Es war eine schwere, niedrige Reiselimousine, schwarzlackiert Wberfarbcnen Streifen. Ludwig ließ sie abschleppen bis zur Tankstelle unb verstaute die beiden Koffer auf den Rücksitzen.
Der Motor sprang an, und er jagte davon, die eine Hand auf dem ßentrab, die andere um Elisabeths Schulter, und kam bald in eine Ge- ichwmdigkeit, die ihr eine ängstliche Warnung abzwang. Doch er lachte nur und gab noch mehr Gas.
Bald lag die Stadt hinter ihnen.
,,, Der Tag war wolkenlos und noch so warm wie im Hochsommer, ner die Roggen, und Weizenfelder rechts und links der Straße waren
längst geschnitten und umgepflügt. Aus den Furchen des nächsten Rüber, feldes stieg beim Nahen des Wagens em Volk junger Rebhühner auf.
Sie waren über eine Stunde mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von achtzig Kilometer gefahren, als Ludwig das Tempo mäßigte und wieder den Arm um Elisabeths Schulter legte.
„Wie sieht die kleine Isabella aus?" fragte er und küßte sie rasch hinters Ohr.
„Du hast wirklich an sie gedacht? Ich war der Meinung, daß du sie vollkommen vergessen hast."
„Du merkst also nicht, daß ich nur ihretwegen so schnell nach Hausi will! — Wie sieht sie aus?"
„Rund und hübsch. Ich glaube, sie bekommt rote Haare."
„Sieht sie mir ähnlich?"
„Sie hat deine Augen. Alles übrige wohl von mir, mit Ausnahnu der Haare!"
„Nach den Photos, die du geschickt hast, kann ich mir kein Bild machen. Wer hat sie ausgenommen? Billy natürlich!"
„Ich finde sie gut."
„Hm, ja!"
„Hast du übrigens gewußt, daß Billy einmal Krankenschwester war?" „Nein. Aber es wundert mich nicht. Es paßt zu ihr."
„Sie hat mich gepflegt, wie ich es mir nicht besser wünschen konnte, und jetzt pflegt fie die kleine Isa."
„Ein prächtiger Bursche!"
„Aber wir werden sie jetzt verlieren."
„Wieso denn? Hast du dich mit ihr gezankt?"
„Im Gegenteil. — Sie heiratet."
Ludwig ließ vor Ueberraschung den Gashebel los, so daß der Wagen ganz langsam rollte. „Darüber hast du kein Wort geschrieben. Warum nicht?"
„Du erfährst es früh genug."
„Wen heiratet sie denn?"
„Deinen Freund Sern, der auch mein guter Freund geworden ist!"
„Der ist wohl verrückt, zu glauben, Billy einfach wegnehmen zu können! Aber so sind die Freunde, wenn man nicht da ist! Mit dem werde ich ein Wort reden!"
„Du wirst doch nichts dagegen tun, Luwig? Wir freuen uns alle für die kleine Billy."
„Vorläufig bleibt sie da!"
„Du bist immer noch der gleiche schreckliche Egoist!" lachte Elisabeth und lehnte sich an ihn.
Er gab Gas, und der Wagen kam rasch wieder auf Touren. —
Nach Sonnenuntergang hatte Billy die beiden Hunde ins Haus genommen und wartete mit ihnen in der Diele auf Nachricht. Auch Konstantin blieb auf, da er vielleicht noch gebraucht wurde. Elisabeth hatte hinterlafsen, daß sie entweder durch ein Telegramm aus Bremen ober telephonisch aus Berlin nähere Anweisung geben würde. Sie wußte, daß Ludwig es nicht liebte, in ein feststehendes Programm eingeorbnet zu werden. Aber weder das Telegramm noch der Anruf waren gekommen. Jetzt mußten sie schon in Berlin fein. Nun, vielleicht blieben sie dort über Nacht und bestellten den Wagen erst morgen früh. Billy beschloß, bis Mitternacht zu warten. Bei Ludwig war jede Ueberraschung möglich.
Pitt und Fox befanden sich in einer ungewöhnlichen Aufregung. Billy hatte ihnen seit Stunden so viel von ihrem Herrn und seiner Rückkehr erzählt, daß sie begriffen zu haben schienen, um was es sich heute handelte. Auch daß sie am Abend ins Haus mitgenommen wurden, war eine so seltene Tatsache in ihrem Leben des letzten halben Jahres, daß sie vor freudiger Erwartung ständig hin und her liefen, wie auf der Suche, von einem Zimmer zum andern, von den Fenstern, an denen fie sich aufrichteten, um hinauszuspähen, zur Haustür und wieder zurück, mit zuckenden Schweifen und feuchten Mäulern. Auch ihr Fressen hatten sie kaum berührt.
Billy hielt es in der Diele mit ihrem Buch nicht aus. Sie wanderte ruhelos durch das ganze Haus, stieg in den ersten Stock hinauf und sah nach dem Kind, das in seinem Korbwagen friedlich schlummerte, bann in den Keller hinab, wo Konstantin mit der Köchin plauderte, was er sonst nicht tat. Die Hunde folgten ihr wie zwei slackernde Schatten.
War das nicht das Geräusch eines näher kommenden Autos? Es war so still um das Haus am See, daß auch ein entferntes Geräusch deutlich hörbar wurde. Ohne Zweifel war das ein Wagen. Jetzt war er schon ganz nahe, hielt vor dem Gartentor. Also hatte Ludwig doch in Berlin eine Taxe genommen, ohne sie zu benachrichtigen und seinen Wagen rechtzeitig kommen zu lassen.
Billy stürzte aus dem Haus und den dunklen Weg entlang. Pitt unb Fox überholten sie in wilden Sprüngen und mit heiserem Gebell. Vor dem Tor stand mit flammenden Scheinwerfern ein langgestreckter Wagen, von dessen dunklem Lack sich silberfarbene Streifen a'bhoben
Ein riesiger bärtiger Mann stieg aus und reichte Elisabeth seinen Ann in den geöffneten Schlag ...
Schon waren die Hunde bei ihm und gebärdeten sich, als hätten sie den Verstand verloren. Beinahe hätten sie in ihrem Ansturm Elisabeth zu Boden gerissen. Ludwig konnte sich ihrer wilden Zärtlichkeit nicht mehr erwehren. Er brüllte vergeblich seine Kommandos in die Nacht.
Ja, es war Ludwig, stellte Billy, die in der Mitte des Weges stehengeblieben war, an dieser Stimme fest. Jetzt kam er ihr entgegen, an einem Arm Elisabeth, mit dem anderen die beiden Hunde abwehrend. Auf einmal ließen sie von ihm ab, stürzten auf Billy zu und sprangen auch an ihr hoch, bis er bei ihr war. Sie fiel ihm um den Hals.
„Guten Tag, Billy, alter Junge!" klang seine Stimme aus dem Bart über ihrem Gesicht.
„Ludwig ...!" brachte sie nur heraus unb hängte sich an seinen anderen Arm.
(Fortsetzung folgt.)


