Holzzieher im Winter.
Von Johannes Linke, GDS.
Feld und Garten sind verwaist, Wurz und Wipselwerk vereist. Aber von. Berge kommt es geglitten, Kommen die Burschen aus srachtvollen Schlitlen Wild wie auf Hengsten zu Tale geritten, Harschüberkrustct, von Schneestaub umkreist.
Jeder Bogel ist verstummt, Nirgends mehr ein Bicnlein summt. Aber die Holzzieher johlen und rufen. Stemmen die Stiesel mit stählernen Hufen Schreiend neben die sirrenden Kufen, Wurden noch nicht vom Winter vermummt.
Wald und Wiese, Hots und Haus, Mann und Mutter ruhen aus. Nur noch die stürmischen Zugschlittenleiter Reiteln die Aeste, Knüppel und Scheiter, Koinmen als junge, feurige Reiter Wild durch die Starre des Winters gebraust.
töte falsche Verbindung.
Don Vera Cracner.
Es ist gegen zwölf, als bei Dr. Werth das Telephon läutet.
„Ach herrjeh", jagte der kleine Hertling und räkelt sich aus dem Sessel, in dem er bislang gelegen, mühsam in die Höhe, „jetzt wirst du am Ende auch noch fortgerufen, wie?"
„Möglich!" Der Hausherr zuckt ergeben die Achseln und greift zum Hörer. Er ist es gewohnt, immer und überall herausgeholt zu werden.
„Hallol" sagt er, „Hallo!" und bann:
„Wie ...?" — „Nein, das kann ich Ihnen leider nicht sagen." „Auch das nicht, meine Gnädigste, ich muh gestehen, daß ich davon keine Ahnung habe ..." — „Haha, sehr richtig, nicht nur davon . . ." „Darf ich aber einmal fragen?" — „Wie, ich darf gar nichts fragen?" — „Ah, ich verstehe ... wenn Sie aber vielleicht notieren wollen: Zeppelin 003." — „Jawohl, 003, und zwischen vier und sechs Uhr stets zu erreichen. „Und nun hoffe ich — aber ich bitte Sie, hassen Darf doch wohl jeder — also auf ein baldiges Wiedersehen, ja?"
Der Doktor lächelt bittend in die schwarze Muschel hinein, eine kleine, fragende Pause, und bann fällt mit einem leichten Knack ber Hörer in bie Gabel.
„Donnerwetter, bn gehst ja ran", sagt Karl Böhmer, ber hinten beim Kamin sitzt, und betrachtet schmunzelnd den Freund, „pslegft du das eigentlich immer so zu machen?"
„Nicht immer", lacht Dr. Werth und verbirgt seine Verlegenheit hinter einem rasch aufflammenden Streichholz, „nur, wenn die Stimme, die „Falsche Verbindung" sagt, weiblich ist, und wenn sie so sympathisch klingt, wie diese hier."
„So, so," murmelt Horn und rückt sein schmales, sehr helles Gesicht ein wenig aus dem Lichtschein ber Lampe, „ein sympathische Stimme also, ber zu nachtschlafenber Zeit nichts anberes einfällt, als bich anzu- rufen, wie?"
„Na, erlaube mal", ber Doktor wendet sich ihm hastig zu, „sie hat doch gar nicht mich angerufen, sondern eine ganz andere Nummer. Und zwar den Flughafen, nehme ich an. Denn sie hat sich »ach dem Abgang der nächsten Flugpost nach Triest erkundigt, und —"
„Ach!" Horns langgliebrige Finger sahren jetzt nervös über die Lehne seines Sessels. „Den Flughafen hat sie eigentlich Haden wollen, meinst du? Und sonst hat sie nichts gesagt?"
„Nein — aber ich verstehe wirklich nicht —"
„Das brauchst bu auch nicht, mein Lieber. Hauptsache, die sympathische Stimme vergißt beine Nummer nicht unb beeilt sich, möglichst rasch Gebrauch davon zu machen. Denn ganz abgeneigt schien sie doch nicht zu sein, nicht?"
Kopsschüttelnd und ein ganz wenig ärgerlich ergreift der Doktor die Flasche und füllt von neuem reihum die Gläser. Minutenlang fitzen die vier Männer schweigend da, und bann kommt mit einem Male Horns Stimme aus bem Haldbunkel:
„Ich habe einmal einen ähnlichen Anruf bekommen, auch so zu vorgerückter Stunbe und auch von einer sympathischen Stimme. Es war eine dunkle, fast ein wenig belegte Stimme, unb unwillkürlich hatte man den Eindruck von braunem Samt. Ganz welch klang sie und sehr schmiegsam, und es war nicht schwer, sich den Menschen vorzustellen, ber bazu gehörte ..."
Horn hält inne, und der kleine Hertling beugt sich neugierig nach vorn.
„Und war sie — ich meine, sah die Frau denn auch so aus, wie du sie dir vorgestellt hattest?"
„Nein — anders, ganz anders. Unb das hatte auch seinen guten Grund. Aber ich will euch die Geschichte erzählen, und ihr sollt hören, was für eine Bewandtnis es mit sympathischen Stimmen haben kann.
Es liegt zwar schon eine geraume Zeit zurück, aber ich erinnere mich noch sehr genau jeder Einzelheit des betresfenden Abends. Ich hatte mit Freunden im Savoy gegessen unb war bann langsam nach Hause geschlendert. Am Fluß entlang unb durch die Altstadt, und weil ber Abend gar so herrlich war, trank ich sogar im „Redgarten" noch einen Schoppen. Es mochte nahe an zwölf sein, als ich die Treppen zu meiner
Wohnung. Es mochte nahe an zwölf sein, als ich die Treppen zu meinet höre ich, wie drinnen bei mir das Telephon läutet. Ihr wißt, wie seit» fafii alarmierend der Ton einer solchen Glocke klingt, und wie nervös man wird, wenn man befürchten muß, nicht rechtzeitig an den Apparat zu kommen. Ich stecke also hastig den Schlüssel ins Schloß, stürze, weil ich natürlich in der Eile den Lichtschalter nicht finde» fa»n, über ble dunkle Diele und reiße den Hörer von der Gabel.
„Hallo!" schreie ich, „Hallo!" unb versuche vergeblich, mir vorzuftellen^ wer mich um biefe Zeit »och anrusen kann.
„Enblich!" kommt von brühen eine Stimme, „enblich! Ich dacht« schon bei Ihnen würde sich heute überhaupt niemand mehr melden ... Es ist eine fremde Stimme, eine Frauenstimme, die ich »och nie in meinem Leben gehört hatte, und die einen seltsam erregenden Klang hatte.
„Oh ..sage ich und habe keine Ahnung, was diese Stiinme von mir wollen kann.
„Schicken Sie mir bitte", sagt sie, „sofort einen Wage». Nach bet Westallee 23, das ist direkt am Bettinaplatz. Ader sofort, ja?"
„Ja, aber ..." sage ich, unb es tut mir leib, daß ich mich selbst um den Genuß bringen muß, mit dieser sympathischen Stimme noch weiter reden zu können, „das geht leider nicht ..."
„Bitte, kein Ader. Ich bin in einer scheußlichen Verlegenheit, unb Sie müssen mir unbedingt helfen. Oder wollen Sie es etwa verantworten, bah ich jetzt, im letzten Augenblick, noch ben Zug versäume?"
„Nein , erroibere ich rasch und bin schon völlig im Bann dieser dunklen, fast ein wenig belegten Stimme.
„Also", sagt sie und durch den Draht kommt so etwas wie ein tiefer Seufzer der Erleichterung, „bann schicke» Sie mir so rasch wie möglich einen Wagen. Ich habe nur wenig Gepäck, unb bin mit jedem Vehikel zufrieden, bas Sic mir überlassen wollen. Nur", unb hier trifft mich ein reifes Lachen, „einen Motor muß es natürlich im Leide haben, nicht?"
„Einen sechzigpserdigen", verspreche ich übermütig, unb bann ist mit einem fröhlich hingesagten „Dante" bieses seltsame nächtliche Gespräch zu @nbe.
In höchster Eile reiße id) meinen Ulster aus bem Schrank, lange mir von irgenbwoher eine Mütze unb stürze, immer zwei Stufen auf einmal nehmenb, ble Treppen hinunter. Den Wagen aus ber Garage holen ist bas Werk weniger Minuten, unb schon fahre ich, an bem erstaunten Tankwächter vorbei mit aufgelegter Höchftgeschwinbigkeit In Richtung Westallee davon. Ganz still schon liegen bie großen Villenstraßen, und nur sehr vereinzelt einmal gerät ein heimkehrenbes Liebespaar in bas Licht meiner Scheinwerfer. Die weißen Fassaben ber Häuser blicken auf mich herab, unb ich beuge mich suchenb hinaus, um bie Nummernschilber besser erkennen zu können.
48, 46, lese ich, unb bann gewahre ich plötzlich zwei Gestalten, die, heftig geftitulierenb, mich in ber Mitte ber Straße anhalten.
„Wollen Sie nach Nr. 23?" fragt bie eine, und ich gewahre flüchtig die Umriffe eines fcharfgefchnittenen, gebräunten Gesichtes unter einem weichen, grauen Hut.
„Ja", nicke ich unb bin schwer enttäuscht von bleiern nächtlichen Abenteuer. Denn um einen Mann zur Bah» zu fahre», bin ich doch schließlich nicht in bie Westallee gesaust, nicht? Aber ba hat bie kleinere ber beiben Gestalten auch schon mit entschlossenem Griff ben Wagenschlag geöffnet, hat ein gelbes Leberköfferchen hineinbugsiert unb ist bann rasch eingestiegen
„Aus Wiebersehen", sagte sie, „Aus Wiebersehen!" und hält bem Manne ihre schmale, sehr Helle Hanb zum Kusse hin. „Mittwoch, spätestens Donnerstag bin ich roieber zu Haus."
Dann wird bie Tür geschlossen, ber Mann tritt zurück unb ich gebe Gas.
„Fahren Sie bitte so rasch, wie möglich'", sagte bie Stimme hinter mir, biefe buntle, ein wenig belegte Stimme, unb ich sehe im Spiegel ein süßes, junges Gesichtchen unb einen Schöps rotblonber Locken unter einem schiefen, sehr verwegen aufgesetzten Hütchen.
Eine Weile fahren wir schweigenb, und bann roenbe ich mich halb zu meinem Fahrgast um. „Welchen Zug wollen Sie eigentlich bekommen?" erkundige ich mich und gewahre, wie zwei große, graue Augen mich unter langen Wimpern hervor erschreckt ansiarren. Wir sind jetzt schon mitten in ber Stabt, unb bie oorbeiflicgenben Laternen beleuchten sehr beutlich mein Gesicht. Es nutzt nichts, baß ich cs zwischen Mütze unb hochgestelltem Krage» zu verbergen suche, bas kleine, rotblonbe Persönchen hat es boch schon gesehen.
„Aber Sie finb ja gar kein Chauffeur", sagt sie plötzlich und legt mir ihre Hand auf bie Schulter, „wie kommen Sie bann bloß bazu ..."
In dem Moment überhole ich einen von uns dahinschleichenden leerroagen, unb bas Geräusch (einer scheppernden Ketten übertönt ben Rest ihrer Frage. Als wir roieber freie Fahrt haben, erkläre ich ihr, wie ich bazu gekommen bin, sie aus ber Westallee abzuhole». Sie hort mir mit großen, erstaunten Auge» zu, schüttelt uerrounbert ben Kopf und bricht schließlich in ein befreiendes Gelächter aus. „Das ift ja gelungen", sagt sie, „daß ich gerade Sie anstelle ber Merkur-Garagen anrufen muhte! Aber", unb hier befällt sie eine kleine, sehr kleibsame Verlegenheit, „was wäre denn geworden, wenn Sie selbst feinen Wagen zur Verfügung gehabt hätten?"
„Dann hätte ich mir einen geliehen, ober eine Taxe genommen, ober fönst etwas getan, jebensalls aber", unb ich greife nach ihrer Hand, ble immer noch wie zufällig auf meiner Schulter liegt, „hätte ich es mir nicht entgehen lassen, einer so entzückenben Frau aus ber Verlegenheit Helsen zu bürfen ..."
„Einer Frau mit einer so sympathischen Stimme", wirst hastig ber kleine Hertling ein unb kann nicht umhin, einen raschen, verstänonis- suchenben Blick zu bem Hausherrn hinüber zu werfen. 'Ader ber winkt ab unb sieht gespannt auf den Erzähler.
„Ich will es kurz machen", fährt Horn fort, „unb euch nicht mit allen Einzelheiten langweilen. So viel nur, daß wir natürlich ben Zug


