Ausgabe 
28.1.1935
 
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SietzeimZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang $955 Montag, den 28. Januar Nummer 8

HANS DOMINIK

EIN

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FIEL VOM HIMMEL

COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER & AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG

(Fortsetzung.)

Bevor Bolton noch etwas erwidern konnte, fuhr Captain Andrew fort: Und ebenso felbstverständlich die Wiederinstandsetzung des Wagens, denn Sie haben ihn durch Ihre irrsinnige Ueberlastung mit dem verdammten Erz mutwillig zerstört."

Andrew schwieg und ließ Bolton ungehindert reden, obwohl nicht viel Vernünftiges in dem war, was der vorbrachte.

In den Disput hinein platzte Bowser mit einem neuen Funkspruch. Androw las ihn und sprang auf.

Eine neue Wendung der Dinge, Gentlemen! Ein Stratosphärenschiff der Eggerth-Werke kommt uns zu Hilfe. Nach dem Funkspruch ist es bereits in nächster Nähe."

Ein Stratosphärenschisf der Eggerth-Werke Garrison und Bolton tauschten hinter dem Rücken Andrews einen vielsagenden Blick. Ein un­heimliches Gefühl überkam beide im gleichen Moment. Konnten dursten sie sich diesem Schiff anvertrauen, um vielleicht wieder an einer welt­verlorenen Stelle des Erdballs abgesetzt zu werden. Während ihre Gedanken noch durcheinanderwirbelten, drang plötzlich grelles Licht von außen in den Wagen und überstrahlte die schwache^ Notbeleuchtung. An seiner Hub­schraube hing ,St llh über der Kluft und leuchtete die Unfallstelle mit seinen starken Scheinwerfern ab. Jetzt hatten die Lichtkegel den Wagen gefaßt. Ein wenig weiter schob sich das Schiff, bis es genau über ihm stand und sank dabei langsam tiefer. Regungslos hing es dann in der Luft, kaum um eines Mannes Länge war sein Kiel noch von dem höchsten Punkt des Wagens entfernt.

Um das nun folgende Manöver zu verstehen, muß man die nmschinellen Einrichtungen von ,St 11 h* genauer kennen. ,St llh war ein Montage­schiff, speziell dazu bestimmt, die schweren Dieselmaschinen von Deutschland nach dem Kraftwerk der Kraterstation zu bringen. Diesem Zweck entsprechend hatte man es mit mächtigen Greifervorrichtungen ausgerüstet, die es ihm ermöglichten, Lasten bis zu 100 Tonnen aufzunehmen und in seinen Rumpf hineinzuziehen, und diese Vorrichtungen tarnen ihm jetzt zupasse.

Die drei Amerikaner in ihrem Wagen konnten nicht sehen, was dicht über ihnen geschah, wie sich dort an der Unterseite des Rumpfes die Metall- Haut des Stratosphärenschisfes kulissenartig auseinanderschob, aber ein Zuschauer, der etwa seitlich von der Schlucht gestanden hatte, würde jetzt einen eigenartigen Anblick gehabt haben.

Es sah etwa aus, wie wenn ein fliegender Käfer, der seine sechs Beine bisher eng an den Leib gezogen hatte, sie plötzlich ausstreckt, um im Fluge eine Beute damit zu Haschen.

Wie fasziniert starrten Andrew und Bolton durch die Wagenfenster. Blinkend im Licht der Scheinwerfer kam zu beiden Seiten etwas Massiges, Gelenkiges, Bewegliches hinab. Es klang, wie wenn Metall sich an Metall reibt, und ein leichtes Knistern ging durch die Wagenflanken. Dann brüllten die Motoren des Stratosphärenschiffes so gewaltig auf, daß sie jedes andere Geräusch übertönten.

Nur noch ein Schüttern spürten die Amerikaner und merkten, wie ihr Wagen aus seiner schrägen wieder in die wagrechte Lage zurückkehrte, hatten dann die Empfindung, als ob er sich hob und emporschwebte.

Wenige Sekunden noch fiel das Licht der Scheinwerfer von außen her in den Raum, dann verschwand es. Wie tiefe Dunkelheit kam Andrew und seinen Gefährten nach der blendenden Helligkeit das schwache Licht der Notbeleuchtung vor.

Roch einmal eine leichte Erschütterung des Wagens, während gleich­zeitig ein mildes, gleichmäßigeres Licht von außen her durch die Fenster drang. Es beleuchtete nicht mehr die grünglasigen Wände der Eiskluft; silbrig schimmerndes Fachwerk, Spanten, Nieten und Platten wurden in seinem Schein sichtbar. Die Greifervorrichtungen hatten den Tankwagen in den Rumpf des Schiffes hineingezogen und auf den wiedergeschlosfenen Boden abgesetzt.

Gesehen habe ich es. Begreifen und glauben kann ich es nicht", rief Andrew und eilte zur Tür. Sie hatte sich durch den Anprall beim Sturz in die Schlucht verzogen und klemmte. Erst mit Bowlers Hilfe und unter Anwendung von Werkzeugen gelang es, sie zu öffnen. Andrew stand im Türrahmen, ein Mann trat ihm entgegen.

Captain Andrew, wenn ich nicht irre."

Andrew vermochte nicht zu sprechen, nur stumm zu nicken.

Mein Name ist Eggerth, Hein Eggerth von den Eggerth-Werken in Bitterfeld. Wir haben Ihren Wagen an Bord genommen. Wohin sollen wir Sie bringen?"

Während Andrew noch nach einer Antwort suchte, bemerkte er, daß Hein Eggerth Plötzlich lebhaft zu der Wagentür hin winkte. Er wandte den Kopf zurück, hinter ihm stand Bolton und sah in diesem Augenblick weder schön noch geistreich aus. Eine Beule auf seiner Stirn schimmerte in allen Regenbogenfarben, sein Mund war halb geöffnet, seine Augen starrten mißtrauisch auf den Deutschen.

Hein Eggertb trat einen Schritt näher und winkte ihm vergnügt zu.

Hallo, Mr. Bolton! Auch mal wieder im Land? Freue mich, Sie gesund und munter anzutreffen. Was macht Mr. Garrison?"

Bolton schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. An seiner Stelle antwortete Andrew.Mr. Garrison geht's nicht gut. Er ist krank. Aber. . ." Andrew raffte sich zusammen und sprang aus dem Wagen. Meinen aufrichtigsten Dank zunächst für Ihre Hilfe, Mr. Eggerth. Bei Gott, Sie kamen zur rechten Zeit. Darf ich Sie noch weiter in Anspruch nehmen?"

Wir stehen ganz zu Ihrer Verfügung, Captain Andrew. Sie brauchen nur zu bestimmen, wohin Sie gebracht werden wollen."

Unser Schiff, die ,City of Boston' kreuzt int Mac-Murdo-Sund. Wenn es möglich wäre, Mr. Eggerth ..."

Es ist möglich, Captain Andrew, entfchuldigen Sie mich einen Augen­blick, ich will den Befehl in den Pilotenraum geben."

lieber eine schmale Aluminiumtreppe verschwand Hein Eggerth nach oben. Andrew wandte'sich an Bolton.

Sie machen ein merkwürdiges Gesicht, Bolton. Haben Sie etwas gegen diesen Adr. Eggerth?

Einen Augenblick schluckte und würgte Bolton, als ob er etwas hinunter­bringen müßte.

»Ich etwas gegen den Deutschen? nein, Captain. Wie kommen Sie auf die Vermutung?"

Um so besser, wenn ich mich geirrt habe, wir sind Mr. Eggerth zu großem Dank verpflichtet. Ich müßte es bedauern, wenn irgendein Mißklang dazwischen käme."

Die letzten Worte sagte Andrew in einem Ton, der jeden Widerspruch ausschloß, selbst wenn Bolton hätte widersprechen wollen.

Aber Bolton hatte gar nicht mehr die Absicht. Ebenso wie kurze Zeit vorher Verkoff war er zu dem Entschluß gekommen, die Episode auf der Robinson-Jniel als nicht geschehen zu behandeln, denn eine andere Sorge lag ihm augenblicklich viel näher.

Wenn dies verteufelte Stratosphärenschiff sie mit ihrem Wagen kurzer­hand draußen im Sund auf dem Deck, des ,City of Boston* absetzte, so war ihm das Erz, das er auf den drei vorangehenden Fahrten an die Küste ge­schafft hatte, voläufig verloren für immer verloren, wenn irgendein anderer ihm zuvorkam und es als herrenloses Gut an iich nahm.

Er hörte die Worte, die Andrew noch weiter sprach, ohne ihren Sinn zu erfassen. Fieberhaft überlegte er, auf welche Weise er die Deutschen dazu bringen könnte, auch diese Stapel auf den Dampfer zu schaffen. Sehr aus­sichtsreich erschien ihm sein Vorhaben nicht, wenn er sich daran erinnerte, wie damals auf der Jnfel ihr ganzer Erzvorrat fpnrlos verschwunden, gegen eisernes Werkzeug ausgewechselt worden war. Während er noch hin und her überlegte, kam Hein Eggerth zurück, um Captain Andrew und ihn zu einem Imbiß in den Salon des Stratosphärenschiffes zu bitten.----

Sie speisten nur zu drift. Berkoff hatte es doch vorgezogen, die alte Bekanntschaft mit Mr. Bolton nicht zu erneuern, sondern lieber unsichtbar zu bleiben. Dafür nahm das Gespräch mit Hein Eggerth eine Wendung, die Bolton aufs höchste erfreute. Ganz von selbst kam Eggerth auf die noch am Ufer liegenden Vorräte der Expedition zu sprechen.

Sie müssen sich mit der Tatsache abfinden", fagte er,daß das Eis im Sund bereits geschlossen ist. Nach den mit der ,City of Boston' gewechselten Funksprüchen kreuzt der Dampfer auf dem 74. Breitengrad an der Eis­grenze. Ein direkter Verkehr zwischen der Küste und Ihrem Schiff ist ans- geschlossen."

Verdammt!" Volton konnte den Ausruf nicht unterdrücken. Hein Eggerth überhörte ihn und fuhr fort.

Ich nehme an, daß Sie dort noch mancherlei lagern haben, was Sie gern mit nach Amerika nehmen wollen. Wenn wir Sie abgesetzt haben, sind wir gern erbötig, zur Küste zurückzukehren und Ihnen alles, was Sie uns näher bezeichnen, auf die ,City of Boston' nachzubringen."

Captain Andrew schüttelte den Kopf.

Danke, Mr. Eggerth. Wir wollen Ihre Güte nicht mißbrauchen. Unsere Treibstoff- und Lebensmitteldepots können bis zum nächsten Sommer dort-