Weihnachten, ein Fest der Musik.
Von Hans Brandenburg.
Jedes Fest, jedes westliche und jedes geistliche, wird von Musik begleitet oder gekrönt, aber Weihnachten allein ist ganz aus Musik geworden.
Zwar will es scheinen, als sei die Weihnachtsfeier der Jahrhunderte ein einziger Zug bildnerischer Kunst, der von den Altären durch Kirchen und Häuser schreitet und in unzählbaren Gemälden und geschnitzten Figuren seinen Wandel verfestigte. Allein es ist nur der Gestalt gewordene Triumphzug wie des Heils und des Wunders so auch der Musik. All diese Engel singen, sie rühren das Saitenspiel, Spruchbänder mit dem „Gloria in excelsis“ hängen von ihren Lippen, die nicht einmal im Bilde stumm bleiben dürfen, und Notenblätter flattern in ihren Händen. Alle diese Hirten tragen, wepn sie keine anderen Gaben haben, Flöte, Dudelsack und Schalmei. All diese Könige finden kein Genügen in Weihrauch, Myrrhen und Gold, den kostbarsten Geschenken der Erde, die sie anbetend darbringen, sondern Musik zieht ihnen voraus wie die Strahlen ihres Sternes. Und wenn die Meister der Weihnachtskrippe ihre Kleinkunst an den Sllberschatz verschwendet haben, so bilden sie mit noch größerer Liebe die winzigen Musikinstrumente als eingelegte Arbeiten aus Schildkrot, Elsen- bein und Perlmutter.
Noch älter als die Krippen und Altären sind die weihnachtlichen Aufführungen und Bräuche. Das Weihnachtsspiel ist, wie, nach des Musikers N i e tz s ch e jungem Wahrtraum die antike Tragödie, aus dem Geist der Musik geboren. Die Geburtshöhle selbst, die man in Bethlehem zeigte, war ?gleichsam sein Ursprungsort, und die ersten Christen, die hierhin wclll- ahrteten, konnten sicher nicht reden, sondern höchstens fingen oder hörten, wenn ihre Gebete stumm blieben, noch, über Jahrzehnte hinweg und von Ewigkeit zu Ewigkeit, den Gesang der Cherubim und Seraphim. In den ersten Jahrhunderten zeigte man in Rom Reliquien der Krippe, und die Andacht, die in der Christnacht vor ihnen gehalten ward, ist früheste Kirchenmusik gewesen. Als älteste Spur einer dramatischen Handlung sel)en wir die volkstümliche und weitverbreitete Sitte des „Kindleinwiegens", also eine musikalische Zeremonie. „Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein", klingt es noch bis zu uns herüber, von einem neuen Meister — Max Reger — wieder aufgegriffen. Und auch der mittelalterliche Mischgesang, jene lateinifch-deutsche Zwiefprach in gelungenen Worten, etwa der „Quempas": „Quem pastores laudavere — den die Hirten lobten sehre", ist ebenso wie der Umzug der Epiphanias- sönger. der heiligen drei Könige mit ihrem Stern", die wir bei Goethe und Hugo Wolf wiederfinden, überkommenes Zeugnis erster Rollenverteilung. Doch auch als das Spiel über das „Ansingen", über die „Hirtengespräche" und „Wechselgesänge" hinaus verbreiterte und selbständige Bühnenhandlung und Wortdrama geworden ist, bleiben ihm Gesang und Jnstrumentalklang beigegeben und eingeflochten, ja, nur sie vermögen seinen letzten und wahren Sinn zu offenbaren. Die Hirten sprechen: „D Wunder, was will das bedeuten? Ich hör ein Singen von weitem. Ich hör ein wunderlieblich Klingen. Wer mag uns davon Botschaft bringen?" — eine Botschaft, die nur auf Flügeln der Musik in die Herzen dringen kann. „Ist ein Jubeln und Freuen auf unserer Schäfersweid... Es finget, es klinget, Flauten blasen, Harfen schlagen, und ich kanns ja nit alles alles beringen, was sich bat zugetragen... Es singt die schöne Nachtigall ... Die Englein fingen all." Und einer der Hirten spricht zum Jesuskind: .Doch weil i nix hab in mein Güatl, so tua i dir halt fingen a Liadl." Das ist genau wie auf den Krippen, und wie auf den Krippen kündigt fick mid) hier der Zug der Könige an: „Die Trammel hör ich schallen b’» Pauken hör ich knallen ..." Das bichterische Weihnachtsspiel, das ber Musik nicht entraten kann, lebt bis heute in immer neuen Bildungen weiter, allein auch das musikalische ist noch Mit Hans P f i tz n e r s „Christelflein" in die Oper gedrungen.
derselben Stelle schon gesungen hat; sie sitzt ergriffen da, sie Ist nur Hingabe und Rührung, und in ihren Augen hat sie die Tranen, die den eigenen Kindern draußen auf dem Friedhof gelten. In der Kirche ist es ganz still, nicht einmal in den Pausen zwischen den einzelnen Versen, die ohne Orgelbegleitung gesungen werden, vernimmt man ein Geräu ch; alles geht gleichsam atemlos vor sich.
Dann aber fährt Mutter auf ihrem Platz zusammen: sie hort Reep ja sie hört ihn in dieser Stunde. Sie andächtig zum Baum erhobenen Augen, vor allem die hellen Kinderstimmen rühren ihn zwar nicht zu Tränen, ein solcher Mann ist er nicht, aber sie rühren ihn zu anderen Dingen. Er ächzt und stöhnt, er räuspert und schnauzt sich, und er läßt die ganze Gemeinde auf diese Weise an seiner Rührung teilnehmen. „ , , ...
Mutter wagt es, sie sieht schnell einmal zu ihm hinüber. Er hat sich weit vorgebeugt, und er sitzt da, als ob er völlig auseinanderfallen möchte. Er bläst seine Rührung aus sich hinaus; man hört ihn sogar unter dem Singen der Kinder. Und dabei hält er noch immer das Licht fest.
Mutter bedeckt das Gesicht mit der Hand; er macht es ihr so arg, daß sie in ihrem Stuhl vor Scham fast laut herausweint.
Nach der Feier trifft sie mit ihm am Kirchenausgang zusammen, und jetzt will sie ihm sagen, was sie über einen solchen Kirchenschänder denkt; vor allen Leuten wird sie es ihm sagen, er hat sie vor der Gemeinde ja auch nicht geschont.
Als sie zum ersten Wort anheben will, um ihm auszudeuten, wie unglücklich er sie mit feinem Lärmen und Blasen gemacht hat, kann sie es doch nicht. Sie sieht, daß seine Hand dick voll Wachs geträufelt ist. Er hat fein Licht damit gehalten; und wenn er nicht gemerkt hat, wie ihm die glühheiße Flut über die Haut gelaufen ist, kann er auch von seinem Aechzen und Stöhnen nichts gemerkt haben.
Mutter kann nichts anderes tun, als auf die nächste Christnacht hoffen, wo er es ihr unter der Feier vielleicht einmal nicht so heftig machen wird.
Damit sind wir bei der eigentlichen Weihnachtsmusik angelangt, die zunächst und vor allem Kirchenmusik ist. Sie reicht mit dem gregorianischen Choral bis in die Antike, ja bis in den Orient zurück und also in den Ursprung von Weihnachten selbst, in das Herz des Wunders von der Menschwerdung des Gottes. Da ist dies Wunder und Geheimnis noch Wirklichkeit, es braucht keine „Ansinger", es braucht noch nicht die Har- tnonie, die ja immer schon Bändigung vorhandener Disharmonie bedeutet, es ist Einstimmigkeit, und diese geeinte und unbegleitete Menschenstimme wird Engelsstimme, bei deren Modulation in den Schwingungen ber Dome, ber Pfeiler, Runbbogen und Gewölbe alle Unter- und Obertöne mitschwingen. Doch erst Deutschkanb und bie deutsche Musik hat wie die Passion so auch die Weihnacht vollendet. Die spanische Hirtenflöte des Sonnenhimmels ward nur im Norden zur liebebangen Schalmei der winterlichen Weihenacht, in der die Tiere reden dürfen. Es ist ja zugleich die Sonnwendnacht, mit dem Heiland der Welt wird — „mitten im falten Winter" — das wiederkehrende und wachsende Licht der Welt geboren und vertreibt am Ende den Spuk der zwölf Nächte, das Toben des wilden Heeres. Nur durch Umwandlung einer Naturreligion in eine Religion des Geistes konnte die wahre Weihnacht werden, und in der Krippe lag mit dem Erlöser und Lichtbringer auch der Genius der deutschen Musik.
Nie ist der germanisch-christliche Glaubensbruch überwunden worden, er hat spät durch Luther zu einem neuen geführt, der im Grunde der alte war, aber er blieb, wie alles Gegenpolige, lebensspendend. Die Kluft schloß sich nie, doch sie wurde überbrückt, und die Musik ist es, die diese Brücke schlug. Wenn ein Bild Luther mit der Laute unter dem Weihnachtsbaum darstellt, obwobl es damals noch keine Weihnachtsbäume gab, so ist das doch in einem tieferen Sinne wahr. Denn Luther konnte wohl ein Bilderstürmer, allein er mußte ein Musiker und Weihnachtsgläubiger, und nur in diesem Sinne konnte er ein Dichter fein. Der Kindersinn der Weihnacht war ihm wie keinem eigen, kein Lob hat er gefungen wie das der Musica, und das neue Jahr feines Kinderliebes auf die Weihnacht, in dem noch einmal der Engel der Verkündigung hemiedersteigt, hält seinen Einzug mit der musizierenden Menge der himmlischen Heerscharen: „Des freuen sich der Engel Schar und fingen uns solchs neues Jahr."
Reben den gregorianischen ist nun der lutherische Choral, neben den Priestergesang der Gemeindegesang getreten, und dadurch erst ward es möglich, daß auf das katholische Mysterium das evangelische Kirchendrama aus Orchester - Vor- und Zwischenspielen, Bibelworten, Chören, Chorälen, Reziiativen und Arien mit Verwendung ber Orgel und ber Instrumentalmusik folgte, mit Entfaltung ber ganzen Harmonie und Poly- phonie ist für bie Christenheit aller Konfessionen bas geistliche Spiel geworden, und nur in der Form von Bachs Weihnachts-Oratorium eroberte sich auch das Weihnachtsspiel die Welt. Das „Kindleinwiegen" ber Jahrhunderte sammelt sich in bem einen Wiegenlied: „Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh", und die „Sinfonie" ist bie Weihnachtsmusik aller Weihnachtsmusiken, liebes- und sternenselige heilige Wunbernacht, in der sich Jenseits und Diesseits, Himmel und Erde, Gott und Mensch, Engelgesang und Hirtenschalmei feierlich vermählen.
Aber mit Kirche und Konzert wetteifert das deutsche Haus in der musikalischen Verherrlichung ber Weihnacht. Keiner unserer Dichter kann Hans unb Familie im Christbaumglanze schauen, ohne daß dieser Glanz Musik wäre, ob bei Conrad Ferdinand Meyer unter dem Jubel von „Eia Weihnacht!" der Purpur des verzeihenden Kaisers über den sündigen Bruder gleitet, ob aus den verschneiten Wäldern um Liliencrons „Poggfred" im Knabenzwiegesang des „Hosianna in excelsis" tönt.
„Es ist ein Ros entsprungen", blüht es mit der fremden mystischen Aureole mittelalterlicher Musik noch heut in den deutschen Winter, und den weihnachtlichen Volksliederschatz haben Reformation und Gegenreformation, Klänge aus allen vier Winden unb sogar bas Kunstlieb, wie bas bes Peter Cornelius, vermehrt ober gesteigert unb verfeinert. Hier ist bie Krippenkunst, bie aus Musik hervorging, wieber Musik geworben, und Hirten und Könige aus Böhmen, Sizilien und Portugal antworten mit ihren Weisen unserem uralten „Susanni". Bis in die Christmetten ber katholischen Dome bringt bas Volkslieb, und wenn bie Gemeinbe bem Herrn in ber Wanblung mit bem Gesang begegnet: „Es kam die gnadenvolle Nacht, die uns das Heil der Welt gebracht", so fragt sie nicht danach unb weiß es nicht einmal, baß diese Worte von dem protestantischen La na ter sind. Erst das vorige Jahrhundert hat auch bas Weihnachtslied und die übrige weihnachtliche Hausmusik veräußerlicht und industrialisiert, zum kindischen Christbaumtalmi, zum sentimentalen Oelpapier-Trans- parent herabgewürdigt unb die Krippe zum bloßen Geschenketisch gemacht. Allein auch darauf ruht Glanz der Kindheit und der Erinnerung. Und wer will verkennen, daß noch der musikalische Drehständer eines künstlichen Weihnachtsbaumes der Sehnsucht einer verirrten Weihnachtsfeier nach sich selber, nach wahrer Musik, verrät unb daß noch in den schwingenden Metallzungen einer dörflichen Mundharmonika ein Nachhall silberner Engelstimmen zittert? Der Anfang des letzten Jahrhunderts bat uns ja auch erst vom Gebirge her, aus schlicht ländlichen Lehrer- und Organistenseelen, das verbreitetste Weihnachtslied, das Lied von der stillen Nacht, heiligen Nacht geschenkt, das, musikalisch und dichterisch nur ein bescheidener Spätling reicherer Kunstblüte, doch mit feinem einfachen Dreiklang wie mit Glocken in bem Kerzenlicht bes Christbaums schwebt.
Unb biefe Weihnachtstanne, auch erst ein Jahrhundert alt, ist aus Mytbe geboren unb aus Musik gewoben unb barum boch so alt wie bie Deutschen selbst. Sie ist Erb- unb Himmelsachse, ber Weltbaum unseres Kosmos, behangen mit den goldenen Sonnwendäpfeln der Hesperiben, die nur im Norden reifen. Als'Bild unb Form ist dieser Weihnachtsbaum, diese immergrüne Hofsnungsfichte, nicht zu fassen. Er ist die Welt nicht als Vorstellung, sondern als von sich selbst erlöster Wille, erfüllt von der Musik des Sternenraums im Glasklang der Kugeln und im Knistern des Lichts, bas Christkind in der Krippe an feinen Wurzeln bergend und überschwebt vom singenden Engel ber Verkündigung.
Meran twortitch: Or. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Untversitäts-Buch- und Eteindruckeret. 2d. Lange, Gießer».


