Ausgabe 
27.12.1935
 
Einzelbild herunterladen

hat, dann ist Reep nun gar eine völlig hartnäckige Natur. Mutter hatte oft genug vor, ihn in Gnaden wieder der Landstraße anheimzugeben; aber sie wagt es niemals, wenn der Entschluß zur Tat gemacht werden soll. Es ist sogar so, daß Reep hin und wieder droht, er werde den Hof mit allem, was darauf leibt und lebt, hartherzig seinem Schicksal über­lassen. Natürlich bleibt er jedesmal.

Am meisten offenbart sich die Macht, die er auf seine besondere Weise ausübt, bei den jährlichen großen Festen, vor allem beim heiligen Christ­fest. Er geht dann tagelang wie ein währender stiller Vorwurf aus dem Hof herum, und es ist wohl zu merken, daß er sich selber für einen unglücklichen Menschen hält, weil alle in diesen Tagen für liebe Kinder sorgen dürfen, er aber das Fest allein und unter fremden Menschen ver­bringen muß. Mutter hat zwei Kinder gehabt, sie sind, noch vor dem Mann, an einer plötzlichen Krankheit gestorben; so versteht sie also seinen Schmerz, wenigstens bringt sie es nicht fertig, ihn in seinen Betrach­tungen zu stören.Er wird schon wissen, was ihm wehtut", sagt sie; die andern auf dem Hof meinen freilich, daß er Mutters Gutmütigkeit aus­nützt.Warum soll er es nicht? Er nimmt euch damit ja nichts", sagt Mutter. Und dabei bleibt es; er nimmt ihnen wirklich nichts.

Der Heiligeabend ist für Mutter der schönste Abend des ganzen Jahres. Sie geht nachmittags mit Knecht und Magd und allem, was auf dem Hof ist, zur Christvesper; der brennende Baum vor dem Altar, vor allem aber die frommen Gesänge aus Kindermund stimmen sie weh und fröhlich zugleich, und sie weiß nicht, welches andere Erlebnis sie dem gleichsetzen könnte.

Vorher aber kommen die Vorbereitungen für die Feier auf dem eigenen Hof. Es muß ein Baum geholt werden, und Reep weiß wohl, daß Mutter auf den Augenblick wartet, da der jüngste Knecht zu ihr kommt und sagt, daß er mit seiner Arbeit fertig ist und die Tanne holen kann. Der Knecht ist da, und nun zeigt sich, daß auch Reep in der Nähe ist. Er steht nicht faul herum, aber er wählt feinen Platz so, daß Mutters Äuge auf ihn fallen muß. Sie sieht ihn. es ist ja nicht das erste Mal, daß die Dinge in dieser Weise vor sich gehen; Reep wirst nur einen einzigen Blick herüber, und der sagt, daß Mutter für dieses Geschäft natürlich den Knecht wählen wird, der kein anderes Verdienst hat, als daß er jung und kräftig ist, während er selber mit seinem Aster und seiner Erfahrung wieder einmal hintangestellt wird.

Das Ende ist, daß Reep den Baum holt. Er bewaffnet sich mit einem kleinen Handbeil, geht nicht sogleich vorn Hof, sondern läßt Knecht und Magd deutlich genug merken, daß doch dem Verdienst seine Krone geworden ist und er es fein muß, der dem Fest feine Weihe gibt. Dann geht er; aber obwohl der Wald gar nicht so weit entfernt ist, kommt Reep lange nicht. Zuletzt, als alle meinen, daß Mutter in diesem Jahr den Baum gewiß nicht mehr vor der Vesper fertig bekommen wird, erscheint er zwischen Stall und Scheune. Er zieht den Baum hinter sich her, er zieht ihn wie einen Schlitten über den Schnee. Und nun glänzt sein Gesicht, er bringt gleichsam den ganzen Wald zum Fest herein.

Es ist keiner von den beftgewachfenen Bäumen; die Zweige sitzen ungleich am Stamm, die Spitze ist ein wenig schief, und nach der Mitte zu sind ein paar verkrüppelte Zweigenden wie zu einem richtigen heim­lichen Nest zusammengewachsen. Reep aber ist stolz, und auch Mutter ist mit seinem Dienst zufrieden; sie Jagt, daß ihr eine solche Tanne im Grunde lieber ist als eine gleichmäßig schlankgewachsene.Man sieht, wie das Bäumlein gearbeitet hat, um nach oben zu kommen und ein richtiger Tannenbaum zu werden", sagt sie. Zuletzt finden das auch die andern, und als der Baum erst in feinem Fuß steht, ist überhaupt von feinen Schwächen nichts mehr zu erkennen. Obendrein weist sich aus, daß Reep gerade noch zeitig genug gekommen ist. Er legt das Beil befriedigt fort.

Darauf bleibt Mutter eine lange Weile allein in der Stube, in der am Abend der Baum brennen wird; sie schmückt ihn, und dann legt sie für jeden die Geschenke zurecht. Das ist, vor allem für die Mägde, eine unerträgliche Stunde. Sie machen ihre Arbeit, aber dabei können sie nicht anders als immer wieder einmal zu der Tür hinzuhorchen, hinter der sie Mutter wissen. Sie schwätzen miteinander, unterbrechen ihre Rede, horchen, und dann schwätzen sie wieder. Auch die Knechte sind ziemlich in Aufregung; immer wieder kommt einer vom Hof herein, sieht in die Küche, in der die Mägde beschäftigt sind, und macht sich dann wieder zu den andern. Es ist unmöglich, in dieser Stunde ein alltäg­licher Mensch zu fein; fast ist es unmöglich.

Reep tut gar nichts dergleichen. Eine lange Zeit hindurch sieht man ihn nicht, dann steht er plötzlich in der Küche, blickt strenge auf die Mägde, ob sie über all ihrem Geschwätz denn gar nicht weiterkommen wollen, und dann geht er durch die Tür. Er geht geradeswegs durch die Tür, die heute für niemanden offen ist, bis Mutter sie feierlich öffnet. Die Mägde kennen das schon, sie haben es sich für diesen Abend aber doch nicht erwartet, sie sind sprachlos, und die jüngste unter ihnen findet fein Tun schlechtweg schamlos.

Reep steht also in der Stube, er bleibt an der Tür, und Mutter- kümmert sich zuerst gar nicht um ihn; bann will sie ihn wohl ablenken und fragt ihn nach dem Wetter. Denn nach der Erfahrung der Dörfler gehen Gäste, die spät kommen, auch spät; und zum Christfest muß Win­ter fein, wenn das Jahr in Ordnung kommen soll. Januarschnee ist gut, die weiße Decke zu Weihnacht ist ganz unerläßlich.Was meinst du , fragt sie ihn,wird es Frost und Schnee geben?"

Reep hat vielleicht ein ganz anderes Wort erwartet; er brummt leden- salls, und es ist nicht ersichtlich, ob er Schnee oder was fönst voraussagt. Dann wird er freier, und Mutter hört ganz deutlich, daß er ihr ant­wortet.Dumme Frage, der Schnee liegt schon fußhoch, und die ganzen Wege werden heute abend verweht fein." s

Nun fährt Mutter herum.Cs ist nicht nötig, daß du hier stehst und siehst, was das Christkind dir wieder einmal beschert hat! Darauf wen­det Reep sich stracks um, kehrt das Gesicht zur Wand; und letzt steht Mutter eigentlich erst, daß er ganz im Recht war. Er tragt feinen guten Rock schon, und er wird sich nicht eher damit auf den Weg zur Vesper begeben, bis sie ihn darin nicht von allen Seiten besehen hat. Ja,

Mutter war wieder einmal zu schnell, alle Schuld Hegt bei ihr; warum ist sie mit ihren Zurichtungen nicht schon lange fertig? Sie läßt den Gabentisch also, wendet sich ihm zu, sagt ihr Urteü, und Reep geht erhobenen Hauptes aus der Tür. Jetzt beginnt für Ihn das Fest.

Bevor Mutter sich in den Schlitten setzt, um zur Kirche zu fahren, stellt sie sich entschlossen vor ihn hin und sagt:Du wirst uns natürlich auch an diesem Abend die Chriftandacht stören?" Das ist eine harte Frage für ihn, er antwortet aber gar nicht darauf, hebt nur die Arme und sagt:Ich habe euch alle hier schon so satt; jetzt sogleich werde ich mein Bündel schnüren und wieder auf die Landstraße gehen." Mutter steigt zu dem Fahrer auf den Vordersitz, sie sitzt nicht gern hinten, well sie sich in ihren Gedanken nicht stören lassen mag, auch nicht durch einen Rücken, der unbeweglich vor ihr aufgebaut ist; sie muß den Weg und ihre Pferde vor sich haben. Nach ihr steigt Reep auf den Schlitten; er hat vorsorglich einen Sack mit Häcksel hinaufgetan, da fitzt er nun, um Rücken und Knie hat er sich warme Decken schlagen müssen.

Das ganze Dors ist unterwegs. Niemand denkt an die Saugkälber Im Stall oder an die junge Saat auf den Aeckern. Es ist Christoorabend, die ewige Tanne steht auf dem Schnee, und über der starren Weite unter der blauen Kuppel der Dämmerung soll das Licht erblühen.

Unterwegs, als der Schlitten fachte über die verwehten Gründe glei­tet, wendet Mutter sich um und fagt:Komm' näher heran, Reep." Er tut es, und sie befiehlt ihm mit ihrer eigenwilligsten Stimme:Du gehst heute abend nicht von deinem Platz, damit du mir nicht die gleiche Schande wie im vorigen Jahr machst." Er antwortet gar nichts, und darauf erzählt Mutter, fo gut es bei dieser Gelegenheit gehen will, die Geschichte von den beiden Engeln, dem Hellen, Lichten und dem Schwarz- geflügelten; dem einen, der Wollen und Ausführen in eins bringen konnte, dem andern, der wohl das Gute wollte, aber das Bose tat. Wie Reep vorhin gar nichts geantwortet hat, fo bezieht er auch diese Ge­schichte keineswegs auf sich, er brummt nur, und Mutter fragt:Was jagst du da?" Reep aber sagt nichts anderes als:Was weiter? Schlechte Kerle und anständige Menschen hat es immer gegeben."

Mutter seufzt, sie fagt:Setz' dich nun wieder ordentlich zurecht!" Und dann erinnert sie sich an die letzte Christvesper; das Kirchdorf kommt gerade hinter den Schneehügeln zum Vorschein. Mutter saß damals, gesammelt und für jede Erbauung vorbereitet, auf ihrem Platz; Reep stand auf dem Chor hinter der Orgel, er wollte den himmlischen Tönen wohl so nahe wie möglich fein, und Mutter hat ihm hinterher bas Un­schickliche seines Verhaltens auch nicht barlegen mögen. Als bie Gemeinbe zum Hauptgesang ansetzte, erschrak sie; sie sah, baß Reep sich von seinem Platz löste unb hinter den Köpfen ber Dorfsänger verschwanb. Ein wenig später stieg er bie Chortreppe herunter, unb in biefem Augenblick hätte Mutter am liebsten weit fort auf bem Schnee gesessen. Er merkte ihre Gedanken wohl nicht, jedenfalls kümmerte er sich um gar nichts, er ging burch bie ganze Kirche hinburch unb bann an ben Baum; unb nun wußte Mutter, was er vorhatte. Der Küster hatte ein Licht übersehen, bis bahin war sie bas nicht gewahr geworben, jetzt sah sie es. Das Licht saß ein wenig hoch am Baum, Reep konnte es nicht erreichen Statt daß er sich nun aber sachte wieder fortgemacht hätte, tat er nichts dergleichen; er ging vielmehr zur Sakristei hinüber, wo die kleinen Holzfchemel für allerlei Verrichtungen in der Kirche stehen, trug einen heran, nahm ein brennendes Licht, und dann stieg er auf ben Schemel. Mutter meinte vor Zorn unb Aengsten und der Sorge um Reep zu vergehen; denn dl« Schemel waren alt unb nicht alle befonbers fest. Er bekam aber ohne Unfall fertig, was er sich vorgenommen hatte, entzünbete bas Licht, stieg dann wieder herab und brachte den Schemel obendrein auch noch an seinen Platz, obwohl das wirklich nicht nötig gewesen wäre. Dann begab er sich wieder auf das Chor. Mutter meinte nun freilich bei sich, daß der Baum erst jetzt ganz festlich strahlte unb baß ihn vorher bas eine bunfle Licht wirklich ein wenig kahl unb büfter gemacht habe, aber das, was sie ausgeftanben hatte, blieb ihr noch lange in ben ©Hebern, ste konnte hinterher kaum auf ben Schlitten kommen. Gleichwohl wollte sie ihm keine Vorhaltungen machen; sie hatte ja fein befreites unb erlöstes Gesicht gesehen, mit bem er nach seiner Verrichtung burch bie Kirche gegangen war.

Mit solchen schweren Gebauten plagt Mutter sich also, als sie von ihrem Schlitten steigt unb in bie Kirche geht. Aber an diesem Abend macht er es ihr leicht; er steigt nicht bie Chortreppe hinan, fonbern geht dahin, wo bie alten Leute von ben Hosen sitzen, unb er fällt logleich in eine tiefe Anbacht. Auch Mutter wird festlich gestimmt; ber Baum brennt, fast vor jebem Platz steht aufjerbem ein Licht, unb bie Orgel hebt sogleich mit einem leisen, getragenen Vorspiel an. Auf dem Chor sieht sie die Gesichter der Sänger, bie Kinber haben einen besonderen Platz, und später wird die Geschichte von dem Heiligen Kind verlesen. Darauf folgt ber Hauptgesang, unter ben ersten Versen nimmt einer ber Kirchenältesten ben Stock unb trägt ihn von Bank zu Bank, bamft jeber feine Gabe hineintut. Mutter wirft ein Auge hinüber, ste steht, daß Reep ben Mann gar nicht beachtet, obwohl ste selber ihm für diesen Zweck vor der Herfahrt einen guten Groschen in bie Hand gegeben hak. Er singt jedoch und läßt sich durch nichts anfechten; er hat bie Augen tief im Buch, singt laut unb herzlich unb hat Zeit unb Gelegenheit ver­gessen.Wie ist bas möglich", ben» Mutter,muß er mir benn jebesmtrt Kummer machen?"

Aber es geht vorüber, unb vielleicht haben nur wenige gemerkt, daß einer von Mutters Hof, gerabe von ihrem, an biefem Abenb nicht geopfert hat Sie nimmt sich aber vor, ihm heute verschiedenes zu sagen und ihn nicht zu schonen.

Später sieht sie, daß Reep das Licht von seinem Platz genommen hat und es in der Hand hält. Vielleicht hat er es schon beim Gingen herabgenomrnen, weil er die Worte in seinem Buch nicht ordentlich lesen konnte; nun aber konnte er es wieder an seinen Ort bringen. Er tut es nicht, er sitzt in sich versunken da, und das Licht hält er in der ^Donn gehen die Kinder an den Baum, ste erheben ib-e jungen Augen andächtig, sie fingen ihre frommen Gesänge, die Mutter cm