Weihnachten.
Von Josef von Eichendorfs. Markt und Straßen stehn verlassen, Still erleuchtet jedes Haus, Sinnend geh ich durch die Gassen, Alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen Buntes Spielzeug fromm geschmückt, Tausend Kindlein stehn und schauen, Sind so wunderstill beglückt.
Und ich wandre aus den Mauern, Bis hinaus ins freie Feld, Hehres Glänzen, heilges Schauern! Wie so weit und still die WeltI Sterne hoch die Kreise schlingen. Aus des Schnees Einsamkeit Steigt's wie wunderbares Singen — 0 du gnadenreiche Zeit!
Alte dörfliche Weihnacht.
Bon Friedrich Griese.
Mutters Hof liegt am Eingang des Dorfes, und schon aus diesem Grunds kehrt alles, was an wandernden Leuten auf der Landstraße herankommt, zuerst bei ihr ein. Es ist aber auch in ihrer Gemütsart begründet, die jeder im Dorf ohne die geringste Einschränkung bewundert und die das fahrende Volk einfach so auf den Hof zieht, Essen und Trinken und meistens auch einen Zehrpfennig bekommt jeder bei ihr; da Mutter aber ebenso ehrlich und geradeaus wie treuherzig und gemütvoll ist, so geht der, den sie nicht leiden mag, nach Empfang der Gabe so gern wieder auf die Straße, wie er gekommen ist. Mutters sicherer Blick und ihr ebenso sicheres, rückhaltloses Wort sind Grund genug; aber speisen und tränken und versorgen muß sie jeden. „Sein schlechtes Wesen mag er sich selbst zurechnen", sagt sie, „aber für seinen Magen kann er nicht." Bei den Alten und Schwachen tut sie noch ein übriges, und mancher hält sich wochenlang bei ihr; er muß nur ein Christenmensch und kein bejahrter Gotteslästerer fein.
Auf diese Weise ist auch Reep zu ihr auf den Hof gekommen, vor zwei oder drei Jahren, damals schon grau genug und vom Leben sichtlich durch verschiedene Dornhecken gejagt. Wenn Mutters Gemütsart so ist, daß niemand ihr standhält, den sie lieber weit fort als nahe bei sich
Zimmerdecke wieder aus, aber in dem Dunkel, das nun wieder die Kammer füllt, steigen ihr plötzlich selber Tränen in die Augen, und sie bricht vor dem Bett in die Knie, umschlingt Lars mit beiden Armen und laßt ihre Hände in mütterlicher Zärtlichkeit über feine Wangen gehen, wieder und immer wieder. . ,,
Lars liegt da, di« Augen geschlossen und die Hande krampfhaft geballt. ’Rein, es ist ja einfach verrückt von ihm. Was sollte das Kind wohl mit den Dingen anfangen, die ihm auf der Seele lagen. Ist es nicht genug, daß er allein darüber unglücklich geworden ist? Was für ein schlapper Kerl er doch ist, sich so gehen zu lassen! Nein, eher will er sich die Zunge abdeihen, als Dörte ein Wort von seinem Kummer verraten. Sieht er nun nicht endlich ein, daß er schon viel zu lange gewartet hat und längst mit sich ein Ende hätte machxn sollen? Wird es nicht am einfachsten sein, Wenn er noch in dieser Nacht auf dem Rückwege nach Haus sich im Moor verirrt, nun alle Torfkuhlen verschneit und zugefroren sind? Kann er da nicht gut und gerne in eine hineingevaten und darin einbrechen und wie ein Stein versacken?
„Alles wird besser, wenn du mir gesagt hast, was dich bedruckt, flüsterte Sorte. „Ich lasse dich einfach nicht eher wieder von hier weg, siehst du. Sorgst du dich um Jan? Oder haft du vielleicht Streit mit Mutter gehabt?."
Aber Lars schüttelte nur den Kopf zu ihren Fragen und weiß wohl nicht, was er tut, als er sich nun doch plötzlich nachgibt und heiser, verworren und hastig von dem zu reden beginnt, das er sich noch eben vorher vornahm, Sorte aus keinen Fall zu vervaten.
„Ja, du", flüsterte er, du bist mir immer von allen die liebste gewesen und die einzige, der ich es sagen kann. Du brauchst es ja darum an niemand weiterzuerzählen, was für einen Vater du hast, nicht wahr? Denn es ist ja mitunter schnell getan mit einem Menschenleben, und darum will ich es wenigstens dir gesagt haben, wenn es nun vielleicht schon bald vorbei ist mit mir ..."
Sorte will ihn unterbrechen und trösten, daß es nur das Fieber ist, das ihn so wirr reden läßt und seinen Kopf so heiß macht, daß ihr ist, als müßte ihre Wange an der feinen versengen. Aber ßars scheint sie gar nicht zu hören. Noch nie, daß sie ihn so gesehen hat. Sein Atem keucht, und er stößt die Worte so hastig aus sich heraus, als hätte er sie allzu lange in sich zurückgehalten und sie wären darüber so glühend heiß geworden, daß er sie nicht länger mehr in sich tragen könnte.
.Hättest du vielleicht jemals geglaubt, daß du einen zum Vater haben könntest, wie ich einer bin?" flüstert er und preßt sie mit kranpfhastem Sruck an sich. „Einen Hehler und Stehler zugleich? Senn das bin ich, da hilft nun alles nichts."
„Nein!" unterbricht Sorte ihn, „das ist nicht wahr, was du da sagst! Su bist immer ein ehrlicher Mensch gewesen!" Senn sie glaubt noch immer, daß es nur das Fieber ist, das aus ihm spricht. Erst als sie sich überzeugen muß, daß alles Wahrheit und grausame Wirklichkeit ist, was Lars ihr da zuflüstert, und sie erfährt, aus welcher furchtbaren Quelle das Geld gekommen ist, das er für seine Moorstelle ausgegeben hat, kommt ein lähmendes Entsetzen über sie.
„Ich will gar nicht mal davon reden", fährt Lars fort, „daß ich damals vor dem Hause für Krick Schmiere gestanden habe, denn ich habe nichts davon gewußt. Aber daß ich das verfluchte Geld für ihn aufhob, nun ich mir ja sagen konnte, daß er es nicht gut auf ehrliche Art erworben haben konnte, ja, daß ich noch hinging und es für mich verwendete und es ihm nun nicht einmal wiedergeben kann und mit ihm und seinem Verbrechen verhaftet Neiden muß — das ist das furchtbarste für mich, Sorte!"
Sorte ist vor Entsetzen wir erstarrt, und das Herz stockt ihr in der Brust. 0, nun ist ihr auch schreckhaft klar, wie die Singe Zusammenhängen, die ihrer Mutter damals soviel Kopfzerbrechen machten, und warum Lars bald nach dem Erwerb des Hofes für die Ziege, mit der sie da draußen begannen, eine Kuh ins Haus bringen konnte und Hopla und später den Wagen dazu. Waren sie denn alle blind und taub gewesen?
Ein Schauer durchrinnt sie, und ein würgender Schmerz steigt ihr in die Kehle, daß sie kein Wort aus dem Munde bringt. Aber als müßte sie wenigstens den Vater trösten und ihn vor dem bewahren, was ihm droht, umschlingt sie ihn mit beiden Armen.
„Nein", flüsterte sie endlich mit zuckenden Lippen und immer wieder „nein!", als könnte sie alles, was sie soeben erfahren hat, damit wieder auslöschen. Senn es kann und kann ja einfach nicht fein, daß Lars eine so schwere Schuld auf sich geladen hat. Hat es jemals einen treueren und rechtlicheren Menschen gegeben als ihn?
„Su bibberst ja vor Kälte", flüsterte ßars heiser. „Komm wieder ins Bett, hörst du? Es ist zu kalt für dich so, nun doch bloß das dünne Unterkleid am Leibe hast. Oder magst du mit einem wie ich nicht mehr so nahe Zusammensein?"
Er weiß es ganz gut, daß es nicht die Kälte ist, die sie so zittern läßt, aber in der Hilflosigkeit und Scham, die in ihm.brennt, findet er nichts anderes, um über den Augenblick hinwegzukommen. Senn nun es geschehen ist, begreift er nicht mehr, wie es gekommen ist, daß er sich so hinreißen ließ und ihre junge Seele mit dem belastete, was auf ihm liegt.
„Sorte, kleine Sorte!" flüstert er und zieht sie an sich, um sie an feinem Körper wieder zu erwärmen, so eiskalt wie ihre Glieder bei dem Hocken vor dem Bett geworden sind. Er war wohl nicht ganz mehr bei Verstand, so wie das eben über ihn kam? Nein, das war er wohl nicht. Sarum beginnt er nun sie zu trösten, sucht ängstlich alles herbei, was ihr die Singe ein wenig leichter erscheinen lassen könnte.
„Komm, wir müssen einmal zusammen überlegen, nicht wahr? Denn Gott sei Dank habe ich kein Blut an den Fingern, das mußt du bedenken, und wenn ich nur einen Weg wüßte, daß ich Krick sein Geld wiedergeben könnte, hätte ich ja mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun und alles wäre in Ordnung ... Dann laß Krick nur sehen, wie er allein fertig wird und sich vor seinem Gewissen verantworten will. Senn daß ich ihn etwa beim Gericht anzeigen mühte, meinst du wohl auch nicht?"
„Ich weiß nicht", antwortete Sorte, die unter seinen Worten wirklich
etwas ruhiger geworden ist. „Ich meine beinahe, daß du es müßtest. Aber was Hilfe es dir auch, wenn man ihn verurteilte und bestrafte? Nein, zuerst muhtest du sehen, wieder gutzumachen, was geschehen ist."
„Wie?" fragte ßars verwundert. „Wieder gutmachen? Ja, wenn ich das könnte! Und an wem meinst du? An der Toten ist es doch unmöglich.
„Davon rede ich auch nicht. Aber hast du schon einmal daran gedacht, daß du das Geld auf keinen Fall Krick wiedergeben dürftest, auch nicht, wenn du es jetzt ohne Mühe beisammen hättest?"
„Nicht?" fragt ßars und hebt erstaunt den Kopf.
„Nein, es gehört ihm doch gar nicht, siehst du das nicht ein? Er hat es doch geraubt, und es ist niemals und in keinem Augenblick sein Eigentum gewesen."
Das ist richttg, aber so ganz versteht ßars Dorte auch jetzt noch nicht.
„Denk doch einmal, ihr kämt vor den Richter. Meinst du, er würde sagen, daß es Kricks Geld war, um das es zwischen euch geht und du mühtest es ihm nach wie vor zurückgeben? Wird er nicht sagen, dah es den Erben der alten Frau gehört, die Krick so heimtückisch ermordet hat? Sie alte Frau wird doch jemand hinterlassen haben, nicht wahr, dem es in Wahrheit zukommt."
„Hm", sagte ßars nachdenklich, „so meinst du es! Ja, da hast du sicher recht. Aber ich habe ja die Summe nicht mehr, das ist es doch!" wendet er kleinlaut ein.
„Safür ist doch der Hof da, nicht wahr? Su hast das Geld doch mcht vertan, als du den Hof dafür kauftest, siehst du, .unb es eigentlich so für den richtigen Eigentümer am besten aufgehoben!"
Der Gedanke kommt wie eine Erlösung über ßars. Dah er das noch nie so gesehen hat. Eine Freude steht in ihm auf, die ihn beinahe wirbelig macht vor Glück. Und da hat er sich so sinnlos von Krick untertnegen '“^/Denn in Wahrheit gehört dir der Hof ja nicht, Vater. Er hat dir nie gehört, wenn man richtig darüber nachdenkt."
, ’Rein, nein, da bist du ganz im Recht!" stimmt ßars eifrig zu. „Darum wollte ich ja auch Krick schon alles überlassen, er wollte nur nicht."
„Ein Glück, daß es nicht dazu gekommen ist. Nein, du muht dich nach dem umsehen, dem der Hof in Wahrheit gehört, und dem muht du ihn übergeben. Dann wollen wir doch sehen, was Krick bann macht unb ob er nicht aufhören muh, bich zu quälen!"
„Ader bann muß ich boch alles sagen, wie es bamals gewesen ist unb dah Krick der Mörder war, unb ich habe ihm boch mein Wort gegeben, baß ich ihn nicht angeben ober verraten will. "
„Ja, das ist schwierig", gibt Dorte zu. „Nun, vielleicht, daß sich trotzdem ein Weg findet. Wenn es aber nicht zu umgehen ist, wirb es beine Schuld nicht fein. Jedenfalls gibt es jetzt für dich gar keinen anderen Weg, meine ich", fetzte sie hinzu. „Du mußt tun, was recht ist, und dich um sonst nichts kümmern. Sann laß alles nur ruhig gehen, wie es will und muß. Es kommt für dich nur darauf, an, das Unrecht wieder gut zu machen, das du auf dich geladen haft."
(Fortsetzung folgt.)


