Ausgabe 
27.12.1935
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1935 Freitag, den 27. Dezember Nummer M

machen. Ich behalte mein Unterkleid an, siehst du, und wenn du mir ein

wenL

>anz >ier.

~:nig Platz machtest?"

Wirklich?" fragt Lars.Sollte das gehen?"

Er ist feit langem nicht mehr so glücklich gewesen. Früher, als Dorfe noch Kind war und sie noch zu vieren in ihrer Kellerwohnung hausten,

Lars der Gerechte

Roman von Wilhelm Scharrelmann

9. Fortsetzung.

Nein, ob es fetzt noch ein wenig später wird oder nicht, ist doch g< gleich für dich? Am besten wäre es, du bliebst überhaupt über Nacht hi Meinst du nicht auch?^'

Zum Teufel, nein, das geht doch wohl nicht gut", antwortet Lars. Du mußt doch zuletzt auch mal zur Ruhe kommen."

D, das Bett ist ja breit genug, wenn wir uns beide ein wenig dünn

hat sie oft neben ihm geschlafen. Aber jetzt? Er weiß doch nicht recht ... Sie ist doch nun so gut wie erwachsen, wenn sie auch erst 17 ist.

Aber Dorfe hat die Birne, die sie vorhin einschalfefe, als sie Lars wie ein krankes Kind fütterte, bereits wieder ausgeknipst, ihr Kleid abgeworfen und schlüpft nun zu ihm hinein.

Gut, daß ich nicht mehr in der Spülkllche bin", flüsterte sie,da wäre ich vielleicht um diese Zeit noch nicht einmal fertig.

Wie spat ist es denn?" fragt Lars.

Es geht auf zwölf."

Ist das möglich? Da muß er ja unverschämt lange geschlafen haben. Es war doch erst fünf Uhr etwa, als er ins Hotel kam.

Er ist, so weit es die Bettstatt nur zuläßt, an die Seife gerückt, aber Dorfes junger Körper ist so schmal, daß sie gar nicht so viel Platz nötig hat, wie er ihr einräumen möchte. Er soll es sich ruhig be­quemer machen, redet sie ihm zu.

Wie lange ist das her, daß ich bei dir geschlafen habe", flüsterte sie und ist glücklich, daß sie die Arme um seinen Hals legen und ihre Wange an die seine schmiegen kann. Sie fühlt es kaum, daß Cars sich seit ein paar Tagen nicht mehr rasiert hat und seine Haut rauh ist wie ein Reibeisen. Aber darin war er früher auch nicht viel sorglicher, und es gehört so zu ihm. Wenn sie still liegt, prickelt es auch nicht allzu sehr.

Es ist wunderbar für beide, so nahe beieinander im Dunkel zu liegen, und jeder spürt die Wärme des andern wie eine sanfte ruhige Welle, die in einem zarten Rieseln durch alle Adern geht. Das bleiche Schneelichf, das durch das Fenster hereindringt, ist so schwach, daß keiner das Gesicht des andern zu erkennen vermag.

Warum erzählst du mir eigentlich nichts von zu Hause?" flüstert Dorfe.Ich fragte dich schon vorhin danach, aber du hast mir nichts rechtes gejagt. Wie ist es eigentlich gekommen, daß ihr diesen Krick ins Haus bekommen habt?"

Aber an Krick hätte sie Lars nicht erinnern sollen.

Wunderlich ist das", setzte Dorfe nachdenklich hinzu.Aber nun er dein Freund ist"

Mein Freund, ja!" lachte Lars böse und verächtlich.

Ich erinnere wenigstens, daß er auch früher schon zu uns kam, als wir hier noch in der Stadt wohnten. Aber das muß lange her sein. Ich glaube, ich war damals noch keine sechs Jahre alt."

Ja, ja", antwortete Lars.Aber nun schlaf auch em, Kmd. Mor- gen früh ist die Nacht herum, und du bist sicher viel müder, als du zugeben willst. Und morgen hast du wieder einen sauren Tag.

O, darum? Ich bin ja so froh, daß ich dich einmal bet nur habe, da will ich doch nicht schlafen." .. .

Aber nun die Wärme des Bettes sie mehr und mehr durchdrmgt, schläft sie doch ein, übermüde, wie sie ist, und Lars hegt allem geblieben da und starrt mit brennenden Augen in das Dunkel der Kammer, und alles ist wieder, wie es immer war, und er tft genau so rat- und hilflos wie vorher. , .... s

Stundenlang liegt er so, und wenn ihn auch dte Unruhe quält, daß er das Stilliegen kaum noch erträgt, vermeidet er doch lebe Be­wegung, um Sorte nicht zu wecken. ,, . . s___

Nein", sagt er -sich im stillen,es ist doch wohl kern anderer Weg da. Alles wäre dann mit einem Schlage vorbet ... ^s Lena be trifft, so wird sie sich mit der Zeit gewiß troffen »nd Dorfe wird heiraten und dann versorgt sein ... Einzig ber kleine Ian zu Haus macht ihm Sorge in der Hilflosigkeit, zu der Lr nerurlei.f ist

Von Dorfe kann es jetzt gleich im Stillen Abschied nehmen Nein, er hätte sie niemals fortgeben sollen aus dem Hause ... Aber sie

hatte damals selber darauf bestanden. Nun, bas mochte so oder so gewesen sein. Aber immer hat Dorfe ihm gefehlt ...

Ein totrom verhaltener Zärtlichkeit floß von ihm zu ihr hinüber. Zugleich machte ihn der Gedanke an den Tod. den er suchen wollte, wunderbar ruhig und gab feinem Gefühl etwas unsagbar Feierliches.

Darüber fiel ihm der Traum wieder ein, Den er in dem kurzen Schlaf der vorigen Nacht gehabt hafte, als er müde und zerschlagen in der Sfrohdieme auf dem Felde übernachtete, aus der er nach kaum zwei Stunden ganz durchfroren wieder herausgekrochen war. Gewiß, Träume tarnen aus dem Magen, und man sollte nichts auf sie geben. Aber dieser Haffe doch einen so merkwürdigen und stillen Glanz in ihm zurückgelassen, daß es schön war, an ihn zurückzudenken.

Er hafte hinter seinem Hause mit der Axt auf einen alten Stumpen losgeschlagen, der beim Abholzen in der Erde geblieben war und sich so zäh und widerspenstig zeigte, daß Lars bei der Arbeit der Schweiß aus allen Poren brach. Als er dann ganz marode mit feinen Axt- Hieben aufgehörf hatte, die Mütze zurückgeschoben und sich zum Aus­ruhen auf den Rand feiner Schubkarre gesetzt hatte, hafte er einen Landstreicher über das Feld kommen sehen, still und beinahe ehr­würdig in seinem Alfer, aber mit einem Gesicht, so hell und freund­lich, daß Lars ihn verwundert befrachtet Haffe.

Nun, Lars Hullmann", hatte ihn der angesprochen,das ist wohl kein ganz leichtes Stück Arbeit, wie?"

Das weiß Gott", hatte Lars geseufzt und sich nicht wenig ge­wundert, daß ihm der Fremde bei seinem Namen nannte.

Ja, Gott weiß viele Dinge", hafte der Alte genickt und eigen­tümlich dazu gelächelt. Aber warum quälst du dich so mit dem alten Kiefernstubben, Lars Hullmann? Denn In Wahrheit sind es ja ganz andere Dinge, die du dir aus dem Wege schaffen möchtest, nicht wahr?" Betroffen hatte Lars geschwiegen. Was wußte der Alte von dem, was er mit sich ins Reine zu bringen hafte? -

nur soviel Geduld hättest, wie mit dem käme dann schon von selbst ins Reine, Gerechtigkeit in der Welt, als du glaubst, gütigen Augen eindringlich angesehen und

Wenn du habet auch alten Stubben hier. Alles siehst du. Denn es ist mehr Lars Hullmann."

Dabei hatte er ihn aus

war dann still feines Weges weitergegangen, über Heidmanns Kamp und weiter den Weg an Lars Roggenstücken entlang, bis er hinter Buhmanns Kiefern verschwand.

Das Merkwürdigste aber war, was für ein Friede in Lars ge­wesen war, als er darüber erwachte, eine tiefe feierliche Stille.

Geduld? Ja, in den Worten lag viel. Aber nun er darüber nach­dachte, wußte er doch nichts rechtes damit anzufangen Was sollte das heißen? Geduld mit sich selber, mit Krick ober mit wem sonst? Und hatte Krick vielleicht mit ihm Geduld? Nein, mit dem Rat war nichts gewonnen, und er ertrug einfach den Druck nicht mehr, der auf ihm lag.

Da zuckte Sorte plötzlich in seinem Arm, wirft sich im Schlafe stöhnend herum und wacht im nächsten Augenblick darüber auf.

Wie?" flüstert sie verwundert, als sie merkt, das Lars ihr leise und behutsam die Decke wieder heraufzieht,schläfst du gar nicht?"

Nein", antwortet Lars leise.Ich hab ja vorhin schon ein gehöriges Ende abgerissen. Auch hab ich ein wenig Durst, wenn ich es sagen soll. Es geht wohl nicht an, daß ich mal aus dem Fenster lange, und mir eine Handvoll Schnee hereinhole?"

Dummpeter!" lacht Dorfe leise, die darüber ganz wach geworden ist. Ich hab doch ein Glas und Wasser auf meinem Nachttisch stehen ... Aber das kommt davon, wenn man eigensinnig ist", setzt sie hinzu, als sie aus dem Bett schlüpft bas Licht anknipst unb ihm zu trinken holt.Dafür hättest bu vorhin was Besseres haben können, wenn bu nur gewollt hättest Hast bu vielleicht bie ganze Zeit über noch nicht wieher geschlafen?"

Ich weiß es jelber nicht recht", antwortete Lars.Ich bin überhaupt ein "roenig burdjeinanber im Kopf, nun bu barnach fragst. Der Teufel maq willen, was bas heißt. Ich hab wohl zuviel zu benten gehabt in ber letzten Zeit, siehst bu, unb bas kann zuletzt ben stärksten Mann Um­werfen. Aber mach bir weiter keine Sorgen barum, hörst bu?" fährt er fort unb streichelt ihre Hänbe. ...

Nein womit quälst bu bich benn nur so? fragte Dorfe leise unb bie Tränen finb ihr nahe.Ich habe ja schon lange gemerkt, baß nicht alles fo mit bir ist, wie es sein sollte. Willst bu mir nicht sagen, was bich bebrvrft? Ich bin hoch beine Sorte. Sag, haß ich beine Sorte bin!

Das weiß Gott", sagte Lars, unb bas Blut strömte ihm so heiß zum Herzen, baß er Mühe hat, sich seine Bewegung nicht merken zu lassen

Ja, was ist benn nur?" fragt Sorte bestürzt, als sie sieht, daß ihm bie Augen feucht geworben finb, unb eine Angst steigt in ihr auf, bie ihr bie Brust zusammenschnürt.

Ich weiß nicht, ich hab' wohl zu lange im Sunkeln gelegen unb nun kann ich bas Licht in ben Augen nicht haben?"

Schweigenb roenbet Sorte sich um unb schaltet bie Birne unter ber