Ausgabe 
27.9.1935
 
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^onnenuniergang.

Don Friedrich Hölderlin.

Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir Von aller deiner Wonne; denn eben ist's, Daß ich gelauscht, wie, goldner Töne Boll, der entzückende Sonnenjüngling

Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt; Es tönten rings die Wälder und Hügel nach, Doch fern ist er zu frommen Völkern, Die noch ihn ehren, hinweggegangen.

Höfische Familienweise im Rokoko.

Von Wilhelm Boeck.

König Friedrich II. von Preußen stand im Felde. Kurz vorher hatte er sich von Rheinsberg, dem Schauplatz frohen Genusses, getrennt und das Schloß seinem achtzehnjährigen Bruder Heinrich geschenkt. Der ältere August Wilhelm, der Thronfolger, war schon zwei Jahre vorher mit Oranienburg bedacht worden, als er sich mit der jüngeren Schwester der Königin Elisabeth Christine verheiratete. Die Prinzessinnen Ulrike und Amalie hatten der schüchternen Fremden das Leben in den neuen Ver­hältnissen schwer gemacht. Nun sollte sie, vom Gatten ungeliebt wie die Schwester, in Oranienburg die Zukunft der Dynastie durch zahlreiche Geburten sichern. Das wollte Friedrich, der ihren Mann aus eben diesen Gründen vom Kriege fernhielt.

Noch immer war die Königin-Mutter Sophie Dorothee, damals 58 Jahre alt, Mittelpunkt der ganzen Familie und ihr guter Geist. Eine kräftige, üppige Matrone von selbstbewußter Haltung, so zeigt sie uns Pesnes Meisterhand; interessiert, lebenslustig und gutmütig fanden sie die Zeitgenossen. Mit dem Besuch von Rheinsberg im April 1745 wollte sie etwas lange Versäumtes nachholen, denn sie war zur Zeit des Kronprinzen Friedrich nie dort gewesen.

Der Abschied war gefühlvoll, als gelte es eine Trennung fürs Leben, zumindest auf Seiten derer, die dableiben mußten. Amalie mit ihren 22 Jahren trocknete die Tränen ihrer Kammerfrau und angeblich auch die ihres kleinen Mopses, der nun tagelang nicht gehätschelt werden würde So begann am 14. Aprildie wunderbare und kaum glaubliche Reise". Außer der Karosse der Königin setzten sich etwa dreißig Wagen bei strahlendem Himmel von Berlin nach Oranienburg in Bewegung. Denn selbstverständlich sollte sich die alte Dame wie zu Hause fühlen.

Prinz August Wilhelm war schon zwei Tage voraus gefahren um sein Schloß in den gehörigen Stand zu setzen. Man war gerade dabei, den ausgedehnten Bau, der vor Jahrzehnten zuletzt bewohnt worden war, zu renovieren und den riesigen, ganz verwilderten Park zu lichten. Der Prinz hatte aber seiner Mutter noch eine festliche Illumination als Ueberraschung zugedacht. Am Tage der Ankunft ritt er ihr entgegen und eskortierte sie kavaliermäßig bis zum Schloßeingang, wo die allgemeinere Begrüßung stattfand.

Man trug die Königin in einer Sänfte die Treppe hinauf zum Haupt- geschoß. Dort waren ihr die Räume zugedacht, die ihr prunkliebender Schwiegervater Friedrich I. einst innehatte. D,e Pracht war inzwischen reichlich verschlissen und das Schlafzimmer eigens für ihren Be uch mit karmoifinfarbenern Damast neu ausgestattet worden. Hier überraschte der aufmerksame Gastgeber die Porzellanfreundm m,t drei Meißner Tassen im neuesten Geschmack. Der Mutter mag in diesen Zimmern etwas weh­mütig gewesen sein; Erinnerung kehrte zuruck an die erste Zett ihrer Ehe, als der alte König sie, die für alles Schone und Angenehme empfäng­liche Kronprinzessin, verwöhnt hatte, wie es ihr spater nicht mehr geschehen war.

Und nun hatte der Prinz aus einem verstaubten Lackkofser den ehe­mals kostbaren Schlafrock Friedrichs L, seme Mutze und Pantoffeln her­vorgekramt, um eine merkwürdige Persönlichkeit aus dem Gefolge da­mit in bealücken' Baron Pöllnitz, den in Berlin als Zeremonien­meister hängengebliebenen Abenteurer, den Friedrich II. kürzlich wieder in Gnaden Angenommen hatte. In seinem Gedächtnis lebten die Tage Eönia Rriebricb I beareislicherweise als das Goldene Zeitalter fort, uns interessiert er hier besonders als Verfasser des französischen Tagebuchs, aus das wir die Schilderung der seltsamen Reise gründen.

Landwirtschaftliche Geräusche unter den Fenstern, das Brüllen der Kühe auf der Weide, Schweinegrunzen und Ganseschnattern weckten die Damen der Königin am andern Morgen zu ungewohnter Stunde, S.e nahmen die Störung von der heiteren Seite wenni wohl auchl eher der ovidkundige Pöllnitz als sie daran dachte, dem majestätischen Oranien­burger Stier eme Europa anzudichten unb nutzten die gewonnene Zeit zu eingehender Toilette. Denn d,e Königin hatte ihnen für heute ein elegantesdeshabillä gestattet. Nach glücklicher Beendigung war e e der Damenslor zunächst der Hausfrau, dann Prinzessin Amalie auf. Diese hatte eben die Behandlung des berühmten Coiffeurs Raujfrnüber- standen und erweckte - in einer Taille aus weißem Mmre und Rock mit silberqestickten Blumen selbstredend den Neid der Muse Euterpe, das heißeste spielte Flöte wie ihr großer Bruder.

Zuletzt holte man die Königin zur Tafel ab, bei der es auf aus­drücklichen Wunsch der alten Dame stets ungezwungen und lustig zu- ginq. Die Reihe der üblichen Gesundheiten begann mit dem irn Augen- blick gewiß weniger sorglosen König. Anschließend versammelte man pch mit Handarbeiten um die Goldstickerei der Königin, und, Pollmtz las aus einem französischen Moderoman vor, ,,La Mouche, ou les aventure de M. Bigand- (Es ehrt den Geschmack August Wilhelms, daß er dies liebliche Produkt im Brief an feinen königlichen Bruder alsziemlich mäßig" bezeichnet.)

Es regnete unb man besichtigte bas Schloß. Dabei fiel Prlnzefstn Amalie unb beschädigte ihre Frisur, bie jedoch ber geschickte Raussln wieber heroorragenb in Orbnung brachte. Konnte sie ahnen, baß sich zu gleicher Zeit schon um ben geliebten Trenck, braußen im Kriege, bie Schicksalsfäden zusammengezogen, kaum zwei Jahre, nadjbem ihr Herz dem jungen Offizier am Hochzeitstag ber Schwester Ulrike begegnet war.

An biesem Tage würbe von 7 bis 10 Uhr getanzt bie Königin suchte berweil Unterhaltung beim Spiel unb bann in ber Porzellan­kammer gespeist. Hier hatte sich auch vieles geänbert: bie Porzellan­sammlung von europäischem Rus, bie in diesem Saal unter Friedrich L aufgestellt war, hatte der Nachfolger gegen 500 Reiter nach Dresden gegeben. Darum versuchte jetzt der Prinz von Preußen, den Raum durch künstliche Beleuchtung nach seinen eigenen Ideen zur Geltung zu bringen.

Bis weit in ben Karfreitagmorgen hinein würbe der Ball ohne die Königin forgesetzt. Schließlich saß man noch übermüdet an einem großen Kaminfeuer zusammen, das man wohl vertragen konnte, und wäre in den Sesseln eingeschlafen, hätte sich nicht doch im letzten Augenblick das Bett als bequemer empfohlen.

Am Freitag fand mittags im Vorzimmer der Königin ein impro­visierter Gottesdienst statt, Es wurde deutsch gesungen, und der Hof­prediger Deschamps predigte. Den fehlenden Kantor ersetzte der fünf­zehnjährige Prinz Ferdinand, dessen falsches Singen die geschultesten Hofdamen zum Lachen und ihn selbst in kindliche Erbitterung brachte.

Trotz der fast allzu häufigen und reichlichen Mahlzeiten meldete sich bei dem ungünstigen Wetter leise die Langeweile an, so daß die Weiter­reise nach Rheinsberg am Samstag als willkommene Abwechslung be­grüßt wurde.

Für die Karosse der Königin war wechselnder Vorspann da; so legte sie die Strecke erstaunlich.schnell, d. h. in nicht vier Stunden zurück. Das Gefolge war schlechter daran. Einige, wie die Gräfin Wartensleben, entschlossen sich zu dem Umweg über Fehrbellin. Der Gatte dieser Dame war im Felde, sie selbst in gesegneten Umständen und ganz von der Sorge um ihre Ernährung erfüllt. Die Möglichkeit, in Fehrbellin ein Diner vorzufinden, gab für sie den Ausschlag. Pöllnitz fuhr mit zwei anderen Damen im Wagen über Lindow unb kehrte beim bärtigen Amt­mann ein. Die von ber Würbe ihrer Person durchdrungene Amtmännin unterhielt bie Gäste von allen ihren kleinen Nöten, von ber Kinder- erziehung bis zu ihren siegreich burchgekämpften Rangstreitigkeiten in ber Kirche, unb entwaffnete burch ihre Gesprächigkeit sogar Pöllnitz, bah er nicht anders als mitNatürlich, Frau Gevatterin!" zu antworten wußte.

Indessen bezog die Königin schon in Rheinsberg ihre Zimmer, dies­mal die ihres Sohnes Friedrich. Seinen Geist spürte sie hier, wohin das Auge siel, und so waren gleich die ersten Stunden des Aufenthaltes dem Betrachten der Knobelsdorfffchen Räume mit ihren geistreichen Deko­rationen, mit ihren galanten Fresken von Pesne, ihren Möbeln unb Kunstschätzen geroibmet. Friedrichs Bibliothek unb seine Silber, bie erst 1747 nach Sanssouci überführt würben, taten es ihr hauptsächlich an. Als schon das Essen serviert war, blieb sie noch einmal bei ben reizen­den Schäferszenen von Lancret stehen.

Bei Tisch halfen Friedrichs Bediente aus. wie ber König überhaupt bie Kosten ihres Aufenthaltes in Rheinsberg trug; benn Prinz Heinrich hatte ja noch keine oollftänbige Hofhaltung. Nachher faß bie Mutter in einem ber runden Turmkabinette mit dem weiten Blick über ben See, unb Frau von Kannenberg, eine Jugenbgespiettn Friebrichs, bie auch am kronprinzlichen Hof in Rheinsberg gelebt hatte, gab ihr Er­klärungen. Bei der Rückkehr ins Schlafzimmer fand sie ihre Hand­arbeit in einem neuen Kasten aus Meißner Porzellan, dem Gastgeschenk ihres Sohnes Heinrich.

Am Ostersonntag hielt wieder Deschamps eine pathetische Predigt, ber Rheinsberger Kantor näselte zur Genugtuung bes Prinzen Ferbinanb, unb Pöllnitz übte bas Amt bes Kirchenältesten und sammelte für die Armen.

Bei besserem Wetter fand am zweiten Feiertag ein Besuch der nahen Zechliner Glashütte statt, die seit 1736 das Monopol für Kristallglas in ber Mark Brandenburg befaß und u. a. auch Schloß Rheinsberg mit Leuchterkronen belieferte. Irn Auftrag ber zuhausegebliebenen Mutter machte Prinzessin Amalie allerlei Einkäufe. Davon erhielt auch Pöllnitz zwei Karaffen mit Golbzierrat unb als Geschenk ber Prinzesin ein Pocälchen".

Mit Erstaunen unb Befriebigung stellte bie Hofgesellschaft fest, daß ihr ber Ausflug einen gefunben Appetit verursacht hatte. Denn in Rheins­berg würben ebenfalls mit Spiel unb Tanz im Theatersaal bie Tage ausgefüllt unb bie Unterhaltung ging um Fragen wie bie, ob eine Frau bie eheliche Treue verletzen bürfe, um ihrem Gatten bas Leben zu retten (was bie Mehrheit ber Damen bejahte).

Ein sozusagen aufregender Vorfall trug sich am vorletzten Tage zu: Der junge Prinz Ferdinand wollte in einiger Entfernung vom Schloß die Tiefe eines Sumpfes feststellen, sank aber ein unb rettete sich mit Hilfe von ein paar Rheinsberger Jungen, bie ihm nachgeschlichen waren, weil sie sich in ihrem Vorrecht, bort Kiebitzeier zu suchen, bebroht fühlten. Auch ber für solche Zwecke nicht berechnete Schuh bes Prinzen würbe noch gefunden, die Helfer von dem kleinen Herrn mit einem Gulden belohnt.

Dieser Tag schloß mit dem unvermeidlichen Besuch derMirokesen". Damit ist der im nahen Mirow selbstwichtig residierende Herzog von Mecklenburg - Sttelih mit seinen Damen gemeint, ein Verkehr, den schon Kronprinz Friedrich hatte pflegen müssen.

Am Mittwoch war man ungewöhnlich zeitig auf den Seinen. Ab zehn Uhr bot der Hof den Anblick eines Heerlagers, so viel Kisten unb Kasten würben verloben; um brei Uhr brach ber Zug auf, nadjbem wäh- renb bes Diners bie Geschenke ber Königin an bie Dienerschaft verteilt worden waren. An diesem Abend konnte in Oranienburg als Beilage zum