Ausgabe 
27.9.1935
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 75

Zreitag. den 27. September

ahrgang 1955

unter tausend jungen Männern, die alle gleich hübsch, tüchtig und gleich angenehm sind, gerade diesen einen Alsred Meimberg ausgesucht?

Jeden andern Menschen, der diese Frage stellte, würde Barbara aus- lochen. Aber Tante Anna ist mit ihrem gesunden Menschenverstand und ihrem harten Witz die Autorität ihrer Kindertage. Ihr versucht sie es zu erklären. Daß sie nach einem schweren Arbeitsleben unter lauter Kranken einen gesunden, einfachen und Hellen Menschen brauchte. Daß sie nach einer Liebesenttäuschung mit einem bedeutenden, aber unüber­sichtlichen Mann diesen zuverlässigen Menschen haben wollte. Sie glaubt außerdem nicht, daß Alfred Meimberg in seiner Art unbedeutend ist. Aber es kommt ihr auch nicht darauf an. Er ist auf alle Fälle ein echter Mann mit allen guten und ganz wenigen schlechten Eigenschaften der Männer.

Er ist reizend", sagt Frau Schreiner,gepflegt, hübsch und exakt. Aber du bist ein außergewöhnliches Mädchen." Barbara schüttelt den Kopf. Sie will nicht außergewöhnlich sein.

Wer gewöhnlich sein will", nickt die geborene Löpel,der ist es nicht. Die alte Exzellenz, der Staatsminister Löpel, setzte sich zu den Bierkutschern. Behauptete, daß er sich nur in der Kutscherkneipe wohl­fühlte. War eben ein ungewöhnlicher Mensch mit der Sehnsucht nach dem Gewöhnlichen, und das ist besser als der gewöhnliche Mensch mit der Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen. Und reich werdet ihr auch nicht sein? Aber das macht wohl nichts. Ihr jungen Leute versteht ja sowieso nichts mit Reichtum anzufangen."

Du rätst mir also entschieden ab", lächelt Barbara.

Nein", sagt Frau Schreiner,ich will dir nur klarmachen, wie das Leben wirklich ist, außerhalb der sausten Luft eurer Krankenzimmer und der rosa Atmosphäre einer Verlobungszeit. Ich will dir die Riesenent­täuschungen ersparen, die jede Frau im Anfang ihrer Ehe hat."

Sie berichtet ausführlich, was sie in den ersten Jahren ihrer Ehe ausgestanden hat. Wenn sie damals gewußt hätte, was sie jetzt weiß ... Nun ja, sie hätte schließlich ihren Otto, den dicken Schreiner, auch ge­heiratet, aber sie hätte nicht Dinge bei ihm gesucht, die unmöglich zu finden waren. Es ist also zum ersten entscheidend, mit welchen Er­wartungen man eine Ehe anfängt. Zum zweiten muß man wissen, wer in der Ehe führen soll. Nach außen natürlich führt der Mann. Immer. Wenigstens, wenn die Frau Takt und Würde hat. Aber in Wirklichkeit muß die Frau oft führen. Das darf der Mann allerdings nie merken. Er bestimmt. Aber was er bestimmt, das bestimmt die Frau. Klar? Nein?"

Barbara schüttelt den Kopf. Sie hat die letzten Aphorismen nicht mehr gehört. Sie denkt über etwas sehr Merkwürdiges nach.

Etwas sehr Merkwürdiges?" fragt die Tante ärgerlich, daß sie ihre gescheiten Aussprüche so unnütz wie Zigarettenrauch in die Sommerlust geblasen hat.Etwas Merkwürdiges? Da bin ich ja gespannt."

Ich habe heute meine erste Liebe getroffen", sagt Barbara und nimmt sich eine der parfümierten Zigaretten. Die Tante wartet, aber Barbara spricht nicht weiter.Du erzähltest vor Jahren davon", nickt die Löpel.Natürlich in Schreinerscher Manier. Ein Kaufmann aus China war's oder so. chattest sogar ein Bild von ihm chager, verkniffen, gescheit und reich ... Das war er doch ?"

Ich war heute mit ihm in einem Cafe , fahrt Barbara fort.

Verabredet?" fragt die Tante streng.Am Tage vor der chochzeit verabredet?" ~ m , ,, .

Barbara schüttelt den Kopf.Nein, zufällig getroffen!

Die Tante schlägt die chände erregt zusammen.Getrofsen ... zufällig getroffen! Allah ist groß, und Berlin ist klein. Kaum zu glauben

chätte ich ihn nicht heute morgen getroffen , sagt Barbara,so hatte er heute nachmittag angerufen. Gekommen wäre er doch/

Nun und ...?" drängt Tante Anna.

" und", sagt Barbara,nichts und. Aus. Schluß. Ich habe ihm gesagt, ich reise fort. Ich reise nicht allein fort. Da ist die Sache doch erlcbicit. 9lfd)t tüQf)t?" ,

Möalick" antwortet Anna Schreiner,wenn er em ehrlicher, ge- wissenhaster, ordentlicher Mensch ist, dann ist es erledigt. Wenn er aber der Mann von damals ist, der sich mit Chinesen und Japanern, mit Mongolen und Russen herumgeschlagen hat, dann ist das nicht so klar.

Es ist trotzdem einfach", meint Barbara,morgen abend sind wir wea Schluß. Und wenn bis dahin irgend etwas passiert ... Du ha t nnickt unmöglich ist es nicht ... Denn wenn etwas unmöglich ist, dann fängt es an ihn zu reizen ... Also dann muß eben Alfred mit ihm füredien. Ganz einfach. Nicht wahr?"

1 Alsred mit ihm sprechen?" fragt Tante Anna leise.Weiß er es denn schon? Nein? Na, Gott sei Dank! Ist es deine Sache oder seine? «nie? Willst du ihn gleich mit deinen nicht fertiggemachtenGeschichten niagen» Das rührt den Mann anfangs, sage ich dir, aber spater erbittert es ibn"1 Bist du ein Mädchen aus Großmutters Zeiten oder eine selb­ständige junge Frau von heute? Um Himmels willen: Laß Alsred aus

Liebesroman

GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE

Von Walther von Hollanöer kopgkight 6g August Acherl <B.m.6.£j., Verlln (2. Fortsetzung.),

Sie sieht doch jetzt auf einmal, daß Alfred Meimberg genau der Rann ist, den sie sich gewünscht hat. Hell und übersichtlich, stark und ein­fach. Körperlich und geistig gut trainiert. Skeptisch und mit Hochachtung icr dem Materiellen. Liebt Geld und Ruhm. Das hat sie gesucht. Das (raucht sie. Es ist also alles in Ordnung und wie hat der Küster -«sagt? wickelt sich von selbst ab. Und jetzt ist es, um's Himmels Villen, 11 Uhr 15. Sie muh zur Bahn, Alfred treffen, jawohl, Alfred (reffen und nebenbei Vaters Schwägerin abholen, Anna Schreiner, ttborene Löpel von Löifelholz, eine famose Frau, wenn man von ihren ricks absieht, von ihrem Adelsstolz, von ihren Kinoideen, die sie aus Opposition zu ihrem Mann pflegt, zu Otto Schreiner, Gera, Besitzer der liadelsabrik Schreiner 8- Co., dem dicken, gescheiten Bruder des Vaters.

Barbara setzt sich in ein Auto. Sie kommt um 11 Uhr 27 am An- i alter Bahnhof an. Alfred? Eigentlich könnte doch Alfred schon da in. Sie geht schnell den ganzen Bahnsteig ab. Alfred? Sie muß ihn predjen, bevor der Zug einläuft. Sie muß ihm die Begegnung mit iauthammer erzählen. Dann erst ist die Sache abgetan und ungefährlich, slußerdem hat sie es sich als Liebesorakel gesetzt. Alfred muß kommen.

11 Uhr 30. Es läutet. Die Gepäckträger kommen. Ganz hinten auf !«n besonnten Schienen tritt eine gewaltige Lokomotive ins Bild, sie fuftet und stampst. Sie steht und holt Atem. Alfred! Alfred..

Alsred kommt in dieser Sekunde unten am Bahnhof an. 11 Uhr 33. Er saust durch die Vorhalle. Links die Treppe hinauf. Hinten in der Sonne setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Er muß vor dem Zuge lei Barbara sein. Er hat es versprochen, er wird es halten. Bahnsteig- lurte! Zwanzig Pfennig? Ein Groschen .. zwe, . die Groschen ivllen wieder aus dem Schlitz. Der Automat hat keine Karten.

Barbara preßt ihre Tasche sest gegen ,hr Herz. Was siegt an einem brätel! Sie ist doch nicht abergläubisch. Wenn Alfred eben nicht kommen Imm, dann wird ihre Ehe trotzdem sehr glücklich und dieSachemll Iauthammer kann sie ihm am Abend erzahlew D.e, großkopf,ge Loko- notive betritt jetzt wirklich den Gewitterbahnhof. Alfred.

Alsred drängt sich durch die Sperre. Der Beamte halt ihn auf. Die Karte, bitte. Wenn der Automat keine Karte hat ... Unten m der Halle gibt es zwei Automaten. Da muß der Herr eben unten m die ^yifretTtoreit, daß er keine Zeit hat, in die Halle zu gehen.

Hier sind zwanzig Pfennig, hier sind fünfzig hazu. Er hinterlegt sie tk Sicherheit. Der Beamte schreit, daß er nach seiner Vorschrift handeln , nutz und daß dort nichts von Hinterlegen drinsteht. Die Lokomotive ! ivckelt schwerfällig durch die Halle. , r, . f

Alfred hab versprochen, vor dem Zuge auf dem Bahnsteig zu sein. Er wird also vor dem Zuge auf dem Bahnsteig seirn Er tritt zehn Schritt zurück, er mißt mit den Augen d'e Hohe des Bahnsteigzaunes. Kenn er hängenbleibt, ist es um den schonen h eil grauen Anz g ge - schehen. Gut das ist dann die Bezahlung für Unpunktsichkelt. Also, »hn Schritt Anlauf, ein Riesenschwung: ein h°ll^°u g°kl^deter Herr, illsred Meimberg, Dr. jur., Rechtsanwalt an den Landgenchten Nowr, bringt über den Zaun. Saust Über den Bahnsteig, 9W Dom tidjtcr der Wartenden und vom Geschrei des °'^igenSchaffners.

Alfred, Alfred!! Barbara hat ihn springen sehen. Sie lauft ihm e t^ legen, und so treffen sie sich gerade 'n dem Augenblick, a s dw °L°ko, ! notive pustend bei den Postboten halt. Sie treffen sch,s ich, als fei Barbara angekommen. Er ist^nochzur recht n Zell da E- !'i alles in Ordnung. Das Orakel lugt nicht. Die Ehe muß gut werden Sie können der Tante Löpel von Loffelholz und der ganzen Hochzeit

I nit Fassung entgegensetzen

4. ,

Tante Anna Schreiner, geborene Löpel von Löffelholz, W mtt tjr« »ichte in der Veranda. Sie trinken nach^ einem schlechten Vorsestesien hnen guten Mokka. Frau Schreiner raucht kleme^parsum.erll S.garet I £n, die sie einer Emaildose entnimmt. Eine Zigaret e °) ^eim- Cante Anna, derFamilienrichter", hat ihr Urte über Alfred Jicmn

Ler9 abgegeben. Jung, angenehm, "ikhk bedeutend ggs -djreiner und nicht reich genug, um das Manko °n Bedeutu a auszu Zeichen. Also eine ausgesprochene Liebesheirat. Weshalb hat -varoar