Ausgabe 
27.5.1935
 
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Sauen in den Vogesen.

Von Generalmajor a. 2). Rudolf Mohr

Von jeher bargen die Vogesen einen großen Reichtum an Schwarzwild. Die Riesendickungen, die nur mit Bracken zu besagen waren und für menschliche Treiber oft ein vollkommen undurchdringliches Hindernis boten, waren für seine Ruhe und Vermehrung geradezu ideal zu nennende Aufenthalts- und Schutzorte. Selbst wenn es gelungen war, in ihnen eine Rotte Sauen zu bestätigen und einzukreifen, was gewöhnlich nur bei Schnee geschehen konnte, so war es direkt ein Kunststück, sie heraus und vor die Schützen zu bringen, denn, wenn es einmal in den Vogesen schneite, so lag derweiße Leithund" auch gleich meterhoch, und dann ließen sich die Sauen gern einschneien, und es fiel ihnen gar nicht ein, ohne sehr dringenden Grund ihren warmen Kessel zu verlassen. Und wenn sie es trotzdem tun mußten, so gab es bei den oft kilometerlangen Fronten und der fast immer sehr dünnen Schützenlinie Lücken genug, wo sie durch­brechen und ihre Schwarte retten konnten. So kam es, daß trotz des großen Schwarzwildbeftandes ich habe selbst z. B. in den Wäldern von Busendorf bei Metz Rotten von über 40 Stück die Schützenlinie unbe- schossen passieren sehen eigentlich nie oder nur sehr selten größere Strecken erzielt wurden. Jedenfalls standen sie nicht im Verhältnis zu der starken Vermehrung der schwarzen Gesellen. Dazu kam, daß infolge des eigenartigen elsaß-lothringischen Jagdgesetzes für die Jagdbesitzer und Pächter der moralische und Geldbeutel-Zwang, den Sauen des Wild­schadens halber nachzustellen, in den großen Waldrevieren fast völlig wegfiel. Denn hier sanden sie bei der reichlichen Eichel- und Buchenmast Nahrung genug und wirkten mehr nützlich als schädlich. Und selbst dort, wo sie angrenzende Dorsfluren heimsuchten und bei ihrer großen Anzahl oft bös verwüsteten, lag für die Jagdbesitzer kein Grund vor, sich die Haare auszuraufen. Denn den Wildschaden bezahlte eine staatliche Kasse, in die alle Gemeinde-Jagdpachtgelder flössen. Außerdem mußte jeder Jagd­pächter einmal 10 v. H. seiner Pachtsumme dorthin abführen und war dann für die ganze übrige Pachtzeit von Wildschadenersatz befreit Am Ende jeden Jahres wurde der verbliebene Rest der gesamten Pachtgelder auf die einzelnen Gemeinden verteilt. Dadurch kam es, daß Gemeinden, die in der Ebene tagen und niemals Schwarzwildschäden aufzuweisen hatten, für andere bluten mußten, was nicht gerade das Interesse für die eigene Jagd erhöhte und den Gemeinderechnern sicher ost schweres Kopf­zerbrechen verursachte. Das alles kam aber den Sauen zugute. So waren Die Vogesen vor dem Kriege und teilweise, wo sie nicht in der Kampfzone lagen, auch während des Krieges, geradezu ein Dorado für Schwarzwild. Das änderte sich, als immer mehr Bestände und Wälder den Granaten zum Opfer fielen. Erst feit dieser Zeit begann die Abwanderung der Sauen nach Osten und erfolgte ihr Auftreten in Gegenden, die man bisher nur dem Namen nach kannte. So auch bei uns.

Ich habe eine sehr große Anzahl von Saujagden in den Vogesen mit- gemacht und regelmäßig bei der Heimkehr das Gefühl gehabt, wieder etwas Neues erlebt und vor allem etwas zugelernt zu haben. Keine Jagd glich der anderen, immer gab es Ueberrafchungen, denen man selbst als alter Jäger oft nicht gewachsen war. Es ist keine Kleinigkeit, wenn man von einem angeschossenen Keiler in höchster Wut angenommen wird! Da fiilft nur Ruhe und größte Kaltblütigkeit. Aber auch die will erst gelernt ein. Es ist ein wahres Wunder, daß z. B. bei den sog. Polizeijagden, die auf Grund von größeren Wildschäden bisher abgehalten wurden und bei denen jeder Schütze willkommen war, nicht öfters Unglücksfälle vor- kamen Denn gewöhnlich bestand eine ganze Anzahl der Teilnehmer aus Jägern, die ohne jede Erfahrung und Kenntnis vom Schwarzwild die Jagd auf solches wie eine lustige Hasenschlacht mitmachten und die Arme zum Himmel reckten, wenn wirklich etwas passierte. Erst vor kurzem brachten die Zeitungen die Nachricht, daß bei einer dieser Jagden ein Teilnehmer van einem angeflickten Keiler bei dem Versuch ihnabzu­fangen" so schwer verletzt worden sei, daß eine Abnahme eines Beins habe erfolgen müssen und der Betreffende bald darauf gestorben sei. Ein Keiler läßt sich eben nicht wie ein Rehbock abfangen, d. h. mit dem Messer abnicken. Wer so handelt, tut dies nur aus Mangel an Erfahrung und Belehrung und hat gewöhnlich nicht die leiseste Ahnung, in welche Gesahr er sich begibt. Erster Grundsatz auf der Saujagd muß sein, nie an eilt erlegtes Stück heranzutreten, bevor das Treiben zu Ende ist und auch dann nur mit Vorsicht und bereitgehaltener Waffe. Häufig genug habe ich es erlebt, daß eine völlig regungslos daliegende Sau plötzlich wieder auf den Läufen stand und dann gewöhnlich den verblüfften Schützen annahm. Und es sind nicht allein die Keiler, die schwere Wun­den schlanen, sondern auch die Bachen, die heftig beißen. Einen Treiber sah ich in den Vogesen, dem eine angeschofsene Bache nicht allein die dicke Ledergamasche durchbissen, sondern auch noch ein großes Stück der Wade herausgerilfen hatte. Gewiß ist es nicht nötig, vor einer Saujagd eine Lebensversicherung einzugehen oder fein Testament zu machen, aber wissen muß man, wie man sich zu verhalten hat und sich nicht durch Unkenntnis und Harmlosigkeit ohne Grund in Gesahr bringen. Deshalb ist es mit großer Freude zu begrüßen, daß durch das neue Reichsjagd­gesetz eine Yoadprüsung im Kreis Gießen findet die erste Jäger­prüfung am 29. Mai statt gefordert worden ist, in der jeder, der Jäger werden und einen Jagdschein besitzen will, beweisen muß, daß er mit der Waffe und allen Jagdgrundsätzen vertraut ist. Damit ist ein Lieblingswunsch aller alten Jäger erfüllt worden, denn nun werden auch ihre Ratschläge und Lehren ganz anders beachtet werden als bis­her, wo sie gewöhnlich nur mit Lächeln und als unnötig in Empfang genommen wurden.

Gerade ein Fall dieser Art mir unauslöschlich in Erinnerung ge­blieben her sich 1910 in der Nähe von Metz zutrug. Wir waren bei tiefem S^nee tu einer Saujaad geloben, wo mehrere starke Rotten ein« gekreist imh bestätigt waren. Unter den zahlreichen Schätzen befand sich auch ein mtmer Offizier einer Nachbargarnifon, der, mit einem Karabiner bewaffnet, seine allererste Jagd mitmachte. Der Jagdleiter, ein Ritt­

meister S., Jäger durch und durch, gab seine Direktiven vor Beginn de, ersten Treibens und warnte dabei noch ganz besonders, nicht leichtsinnig an angeschossene Stücke, besonders Keiler, heranzugehen.Denn", fügte er hinzu,nicht umsonst heißen selbst dreijährige Keiler Hosenflicker." Allgemeines Schmunzeln, denn die meisten von uns wußten Bescheid. Nicht aber die Jugend! Und so kam es zu einem tief beklagenswerten Unglück, das ein hoffnungsvolles Menschenleben vernichtete. Wie fein Verlauf war, ließ sich nur erraten, und zwar aus den Beobachtungen eines etwa hundert Meter entfernt stehenden Nachbarfchützen. Dieser, durch einen Schuß des Leutnants aufgeschreckt, hatte deutlich gesehen, daß der Schütze sofort nach dem Schuß fein Gewehr abgeftellt und in die dicke, dicht mit Schnee behangenen Fichtenwand hineingekrochen war. Nichts Gutes ahnend, beobachtete er weiter, als auf einmal ein durch­dringender schrecklicher Schrei aus der Dickung kam. So schnell wie mög­lich rannte er heran, als plötzlich auf der Schneise, zwanzig Schritt vor ihm, ein starker Keiler erschien, der krank zu fein schien und den seine Kugel umwarf. Auch von der anderen Seite kam der Nachbarfchütze gelaufen, und als sie sich überzeugt hatten, daß der Keiler tatsächlich ver­endet war, folgten sie den röchelnden und stöhnenden Lauten, die aus der Dickung zu hören waren, Und zu ihrem Entsetzen fanden sie den jungen Offizier mit aufgeschlitztem Leib und zerrissenen Gedärmen in den letzten Zügen, kaum fünf Schritt vom Rande liegen. Jede Hilfe war vergebens, der Unglückliche starb ihnen unter den Händen. Und die Er­klärung?! Der Keiler hatte außer der tödlichen Kugel noch einen sog. Krellschuß dicht über dem Rückgrat aufzuweisen. Der junge Leutnant hatte ihn nach diesem Schuß, der erfahrungsgemäß ein beschossenes Stuck stets zusammenbrechen läßt, infolge seiner Regungslosigkeit für verendet gehalten und war in der Begierde, seine erste erlegte Sau zu sehen, kotz aller vorherigen Warnungen in die Dickung hineingekrochen. Der nur betäubte Keiler war bei seinem Herankommen wieder hoch geworden, hatte ihn anscheinend überrannt und dem Hinstürzenden die tödliche Wunde geschlagen. Es war ein tiefer Eindruck, den alle Jagdteilnehmer empfingen, und wohl keiner von ihnen hat die harte Lehre vergessen.

Eine zweite Jagd, aus der man ebenfalls lernen kann, wie man es nicht machen sott, kostete zwar auchMenschenblut", nahm aber einen mehr tragikomischen Verlauf. Wir waren von Forbach aus nach Ober- Homburg bei Beningen gefahren, wo zahlreiche Sauen stecken sollten. Die Jagdgesellschaft war diesmal großer als sonst, so daß die Schützen in engeren Zwischenräumen aufgestellt werden konnten. Das war be­sonders beim ersten Treiben der Fall, einer langgestreckten Hangdickung, die auf der Hohe in Hochwald überging. In diesem der Front des Triebes stand ich als vorletzter Schütze der linken Flanke, den Eck­posten hatte ein Rittmeister M. des Forbacher Trainbataillons inne, und etwa fünfzig Schritt von ihm entfernt stand als erster Schütze der Front ein Major v. W. der elsah-lothringifchen Gendarmerie. Also eine sehr wenig glückliche Aufstellung, denn der Eckposten des Rittmeisters M. hätte besser ausgespart werden können, da er die Nachbarn nur am Schießen hinderte. Major v. W. und ich, die wir schräg gegenüberstanden, hatten uns sofort durch Winken mit dem Taschentuch über unsere Plätze verständigt, das gleiche hatte ich mit dem Rittmeister M. getan, und ich kann nur annehmen, daß Major v. W., ein alter erfahrener Jäger, eben­falls die Verbindung mit diesem ausgenommen hatte. Denn es ist eine der ersten Grundregeln bei allen Treibjagden, genau den Platz der Nachbarn festzustetten, besonders, wenn mit der Kugel ober, wie es damals noch vielfach üblich war, mit Posten geschossen wurde. In bas Treiben hineinzuschießen, war bei unserer Aufstellung eigentlich ganz unmöglich, bas herankommenbe Will, mußte durchgelassen unb konnte erst bann beschossen werben. Jeber, bet nur etwas Ahnung von ber Jagd unb ihren Lehren hatte, mußte sich bas eigentlich ganz von selbst sagen. Das war aber bei bem jungen Jäger, Rittmeister M., nicht der Fall. Denn ganz unvermutet das Treiben war noch nicht einmal ange- biasen fiel bei ihm ein Schuß. Da nun die Sauen oft völlig über­raschend unb kaum hörbar kommen, fuhr ich von meinem Jagbstock in bie Hohe unb äugte angestrengt nach bem beschossenen Wilb. Aber es war nichts zu sehen. Dafür erscholl vom Platze bes Majors v. W. bessen wütende Stimme-Was fällt Ihnen denn ein, auf meinen Stiefel zu schießen? Sind Sie denn ganz verrückt geworden? Au, au! Ich habe ja das ganze Bein voll Schroten." Erschrocken lief ich zu dem Rittmeister M. unb fanb ihn vollkommenverbuttert" mit der Flinte in ber Hanb stehen. Auf meine Frage, auf was er denn geschossen habe, sagte er ganz gebrochen:Ach Gott, ich buchte, es wäre ein Marder." In­zwischen hatte der Major v.W. seinem gerechten Zorn weiteren Ausdruck gegeben unb glich, als wir uns ihm näherten, unb er horte, baß fein Stiefel für einen Marter gehalten worben fei, einem wutschäumenden angeschossenen Keller. Ich konnte es ihm nachfühlen, denn das Blut lief ihm an Hose und Ledergamasche herab, unb letztere war ganz durch­löchert. Er hatte harmlos auf seinem Jagdstock gesessen unb feinen Fuß einmal etwas vorgestellt. Diese Bewegung im Schnee hatte ber Ritt­meister M. gesehen unb für einen Marber angesprochen. Ohne baran zu benfen, baß ja bort sein Nachbarschütze stand, hatte er den Schrotlaus seines Drillings auf das Ziel abgeschossen unb bas Bein unb ben Fuß bes Majors v. W. mit einigen zwanzig Schrotenbeglückt". Zum Glück hatte bie starke Lebergamasche ben Hauptteil bekommen, aber immerhin waren bie Schrotkörner so tief eingebrungen, daß sie später vom Arzt einzeln herausgebohrt werden mußten, was keine reine Freude war unb ein längeres Krankenlager zur Folge hatte. Und das alles war nur ge­schehen, weil der Rittmeister M. es versäumt hatte, sich genau den Stand seines Nebenschützen einzuprägen. Es war noch leidlich abgelaufen, beim Kugel- ober Postenschuß hätte es weit schlimmer werden können. Ich begleitete Major v. W., ber heroisch seine enischieben großen Schmerzen verbiß, bafür aber um so beuilicher feiner Entrüstung über leichtsinnige, unerfahrene Jäger Ausbruck gab, zu feinem Auto, ahnungslos bomals, baß wir später in Gießen langjährige Nachbarn werben "würden. Und bie Moral von ber Geschichll,man schieß' auf frembe Stiefel nicht!"

«eraniwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck unb Verlag: Brühl'fche Univerlitäts-Duch- unb Eteinbruckerei. A. Lunge, Gießen.