Ausgabe 
27.5.1935
 
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Wiegenlied.

"Ion Detlev von Liliencron.

Vor der Türe schläst der Baum, durch den Garten zieht ein Xraum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn, Schlaf, mein Wölfchen, schlaf,

Schlaf, mein Wulff, In später Stund küss' ich deinen roten Mund, Streck dein kleines dickes Bein, Steht noch nicht aus Weg und Stein Schlaf, mein Wölkchen, schlaf,

Schlaf, mein Wulfs. Es kommt die Zett Regen rinnt, es stürmt und schneit. Lebst in atemloser Hast, hättest gerne Schlaf und Rast, Schlaf, me'n Wölkchen, schlaf.

Vor oec xuie scymst der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn, Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.

Ohm pymvertö Scheren.

Von Ruth Schaumann.

Als Ohm Philibert starb, erbte auch ich. Mein Erbteil waren zwei Scheren. Eine aus Meising, ein wenig angeruht und im Kämmerchen des einen Blattes waren Oie schwarzen Köpschen vieler Dochte versammelt; die andere aus blankem Stahl, hell und klar und schars, als habe sie noch keiner gebraucht, und gebraucht, das heißt zum Damitschneiden, hat sie auch niemand vor meiner Zeit.

Dennoch habe ich sie oft aus Onkel Philiberts dünner Seidenslickdecke liegen sehn (er ließ sich die eines Tages färben, das zu Bunte tat seinen Augen wohl weh), ein kleiner sunkelnder Blitz auf der rostroten und Onkel Philiberts Augen waren zwei andere Blitze, aber nur bann, sonst blickte er mild, beinahe traurig. Onkel Philibert war ja gelähmt. All seine Glieder erlahmten ihm, eins nach dem andern, nur die Gedanken und das ganze schöne Männergesicht erlahmten nicht mit. Bis der Tod kam, ihm das srühe weiß gewordene Haar aus den Schläfen zu streichen und die Wehmut von seinen dünnen Lippen. Dann hat die Magd Elsade zum letztenmal mit der Lichtputze geschnubbt, die Kerzen zu Häupten des sanften Toten.

Noch warm von den Sterbekerzen habe ich die Lichtschere bekommen.

Ich putze die Adventlichter damit und die Christbaumkerzen der Kin­der und die Wachsstöcke, die sie Sommerabends in ihre Lampions stellen, wenn sie damit: Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne! singen gehn wollen, durch die stille Straße unserer Vorstadt, an Hecken und Jliederbüschen vorbei.

Eins von den Kindern heißt auch Philibert, wie Ohm, nur ist es wild und nicht weise, und Gott erhalte es in der Lebendigkeit seiner Glieder und noch recht lange im lockigen, rostroten Haar.

Dies rostrote Haar zu stutzen, habe ich erstmals die andere kleine Erbschere hcrvvrgesucht. Sie hat einen langen Schnabel, säst wie ber eines silbernen Storches. Aber burch ben festen, wirren Haarschopf wollte sie doch nicht hindurch, da habe ich Philibert zu Meister Nandlmger hmuber- geschickt, der schor unfern Jungen wie ein Lamm, fonft aber blieb er das Gegenteil eines Lammes, nämlich ein kleiner, ungebärdiger Leu.

Schere, kleine Schere, ich habe dich aufgehoben, denn du klirrtest vor Schreck über Philiberts Kraushaar und fielst mit zu Boden, was fall ich denn mit dir tun? Du mit deinem silbernen Schnöbe ? Warst du ein Vogel, du würdest sicherlich damit singen, aber em Vogel bist du >a nicht. Warum hielt dich Onkel Philibert wohl so wert, auf seiner rostroten Decke, rostrot wie das Haar des kleinen Löwen? Warum vermachte er dich denn mir, nicht einem anderen, nicht mir ein anderes? Du blitztest auf seiner Decke, nahe seiner gelähmten Hand, ihm aber blitzten die 4ugen, als hättet ihr ein Gespräch mitsammen gehabt, irgendein schönes Gespräch.

Was soll ich dir geben zur Speise? Seidene Fäden in feinem Sti-k- werk habe ich nicht, und das Stopfgarn für dicke Bubensocken? dafür bist du zu schade, kleine Schere, zart und blank, blank und leicht, wie für Papier.

Schnipp, da klirrte die Schere srohlockend.

Hieß das wohl: Du hast es erraten?

Nun, ich gab ihr einen Bogen schwarzes Papier, es lag da von un­gefähr. Alles, was da von ungefähr liegt, tft em heimlicher eines freundlichen Engels. Es war just, was Ohm Philiberts Scherch gewollt hatte. Sie klirrte, schnippte, zirpte, zwitscherte, jubilierte wie mele Vögel zusammen. In dem dünnen, schwarzen Papier ging (te fl oftt, wie ein Hase im Klee, eine Ziege in Halmen. Also f$n,ti mir einen Weg zurecht, einen Weg in hundert von Bildern, den Weg zu Ohm Philibert, wie er gewesen ist, ehe die alte SJlagb ®lfabe zum letjtenmal mit ber messingnen Schere für ihn letzte irdische Lichter geschnubbt.

Onkel Philibert hätte so gerne die kleine, blanke Scher« geführt und konnte es doch nicht, mehr mit den erschlafften Fingern und Händen. So sah er fie denn immer nur wehmütig an, immer nur an, er sagte, als er so ganz allein war (warum habe ich dich so selten besucht, Onkel Philibert, verzeih mir, ich bitte hinter dir her: ach vergib!) Kleine Schere, ich will dir eine schöne Geschichte erzählen, behalte fie, bis du in die rechten Finger gerätst, dann berichte sie wieder, Onkel Philiberts kleine Geschichten, die er sann, ohne sie sagen zu können, auf die leise Weise, die er so gerne für die Seifen Dinge gewollt:

Kleine Schere, ich bin jung gewesen, man sollte es gar nicht meinen, wie jung ich armer lahmer Philibert war. Ich habe Leontine in meinem Kahn spazieren gefahren, weit weit den Fluß hinauf, immer gegen den Strom. Wie war sie hübsch, als sie am Steuer sah, zwischen Wellen utjb Weidenzweigen, die tanzten an ihren Schiäsen vorbei, wie war sie so niedlich. Sie bat: laß nun mich rudern, Philibert, dich laß mich fahren. Ich wendete das Schifflein, ich gab ihr die Ruder. Das Wasser trug uns, alle Wellen, die zum Meer gehen, tragen gern uns so leicht. Leontine aber meinte, es sei aus der Kraft ihrer Arme und ihrer Liebe zu mir, daß wir heimwärts schwebten wie ein Segel vor einer Brise.

Kleine Schere, kleine Schere Leontine starb eine einzige Woche danach. Sie haben gesagt, sie hätte sich über den Wellen verkühlt. Sie war so krank, ach so jehr, doch sie lächelte mitten in Schmerzen und sie sang. Alle Wellen tragen leicht und gar gern, kommen sie nahe dem Meere.

Heute nacht, kleine Schere, sagte Onkel Philibert andermals, könnt' ich nicht schlafen. Ich dachte an wiegende Aehren, es hals mir nichts. Ich dachte an Schafe, wie sie sich drängen in eine Hürde zur Nacht. Ich zählte meine Gedankenschase wie ein sorgsamer Hirte. Es half mir auch das nicht, der Schlaf blieb so fern, ich wollte in Ungeduld fragen und klagen: Hüter, ist die Nacht bald hin? Da kam mir, ich wolle an Träume denken, Träume, die andere gehabt, weil ich keinen bekam. Ich dachte an Pharaos Traum und an den Traum Jakobs, den mit den Engeln, so kam ich bis zu Davids gewaltigem Traum: Alle Geschlechter wuchsen empor aus seinem Herzen wie Blumen, grüßten ihm zu aus den Blumen, Männer, Frauen, auch Kinder, und fangen so schön: sieh, die Knospe der Rose im höchsten Wipfel des Stammes, sieh, wie ihr Grund sich erschließt, schon erschloß sich der Kelch und darin thront die Jungsrau mit Gott, ihrem Sohne. Aus der Wurzel Jesse ist diese Rose erblüht, und die Wurzel ist in David beschlossen, nicht nur in seinem Traum, als er schlief auf dem Dach seines Hauses. Amen, fangen die Geschleckter im Gezweig seines Traumes. Amen und Ave. Der Morgenstern stand über den Dächern von meiner Stadt. Mir war die Nacht im Traum der Andern vergangen, ich weiß nicht wie, der Morgenstern blinkte so schön, ick auch sang Amen und Ave. Kleine Schere, vergiß mir nicht diese Geschickte eines schlaflosen Kranken, den Trost der im Träumen der Frommen liegt, besonders in Davids Traum.

Und wieder sagte der Ohm zu der Schere auf der rostroten Decke über seinen unbeweglichen Knien: Ich habe mir ausgedacht, wie es geworden märe, wenn Leontine bei mir geliehen märe. Sicher hätte fie viele, hätte fie schöne Kinder gehabt, unsere Kinder. Sie hätten geheißen Franziskus, Johannes, Sylvester und Dorothee, Andreas und Maria ober auch Michael. Sie hätten mitsammen gespielt, mitsammen gelernt, ich hätte am Abend ihre Scheitel gesegnet, sie wären schon groß. Ich aber bin allein, Leon­tine ist tot Gott mag wissen, was er gewollt. Er setzt zwischen unsere Wünsche das Kreuz wie zwischen das Geweih des Eustachiushirsch das Zeichen der leidenden Liebe, also den Jäger selber zu jagen. Wohin? In sein Herz! Kieme Schere, kleine Schere, vergiß mir nicht St. Eustachii Hirsch.

Gestern, sprach Onkel Philibert, sah ich aus meinem Eckfenster die Gänsemagd gehen mit ihren schneeweißen Vögeln. Ich sah auch den Hir­ten herabziehen vom Hügel, der Hirte heißt Wendelin, ganz wie sein Patron. Die Gänse sind weiß, und die Schafe sind weiß, ich sah ihre Hirten beisammenftehn, sie grüßten sich nicht, sie küßten sich nicht, mit ihren Augen allein taten sie sich all dies gar so seliglich an. Ist bas nicht auch eine schöne Geschichte? Behalte auch sie. Es kommt einmal eine Zeit, da bie Menschen verlernt haben werben, sich mit bem Munb und den Händen große Siebe zu tun, geschweige denn mit den Augen, wie es der Hirt seiner Hirtin getan und die Gänsemagd ihrem Hirten. Wenn ich dann noch fein muß, möchte ich wohl gehn dürfen aus dieser Welt, die !o verarmt ist, in eine andere, mit einem Schritt, gleich wie ein Mann, Den sie den Schlemihl nannten, mit einem Schritt Süden in Norden ver­tauschte, Westen, allroo die Sonne versinkt, um Osten, wo sie erscheint. Nach Osten wollte ich gehen, in den Ausgang der Sonne, die über allen Sonnen erhaben ist in die Liebe des Herrn. Kleine Schere, kleine Schere, ich bin ja gelähmt, aber ben großen, einzigen Schritt in ben Aus­gang ber Sonne werbe ich tun, bu aber berichte von ihm, wenn ich ihn gegangen fein werbe, weil eine Stimme rief: komm, Philibert!"

Kleine Schere, bu hast dies getreulich getan. Onkel Philiberts leise Geschichten, du hast sie erzähtt, auf die leise Art, die den leisen Dingen gebührt. In schwarzem, armem Papier hast du sie berichtet, diese und noch viele andere: stille, süße, tiefe, hohe, singende, klagende, demütige Geschichten von der Welt, wie sie ist, von der Welt, wie sie wünschte zu jein, und von der Welt über der Welt.

Viele Bogen schwarzen Papier hast du zur Speise gebraucht, zur Wanderung, zum Weg, zu sehr vielen Zielen, auch zu einem stillen ge­lähmten Mann, der starb, wie Leontine gestorben ist. Ich werde das dunkle Papier nicht ausgehen lassen, bis auch ich nicht mehr bin. Und die Bilder, die du mir gemacht, werde ich sammeln und zu einem Buch binden lassen und es wird heißen: Die Schere und die Geschichten von Ohm Philibert Holl.