passen auf Ludwig und auf mich selbst. Darum spüre ich jetzt nichts mehr von dem Zorn und dem Gram wie vor einem Jahr."
Hartl griff unwillkürlich nach ihrer Hand und hielt sie fest. „Ludwig hat mir heute nacht anoertraut, daß er ... daß Sie, Elisabeth ..
„Daß wir ein Kind haben werden —? Aber das ist es nicht allein. Ich weiß, wie sehr er sich darauf freut, und was es für ihn überhaupt bedeutet. Trotzdem... Ach, man kann das nicht so genau ausdrücken. Ist auch nicht nötig. Sie verstehen, wie ich es meine, Otto."
Hartl nickte und sah vor sich hin. Er hielt noch immer ihre Hand. „Ich freue mich mit Ihnen, Elisabeth", sagte er dann, ein wenig zu feierlich. „Und fühle mit Ihnen in allem, auch in dem, was diese andere Frau betrifft. Ich werde Ihnen immer beistehen."
„Das haben Sie vor einem Jahr nicht getan."
„Da war ich über mich selbst noch so wenig im klaren; konnte es also über die anderen, die Nächsten noch viel weniger sein. Was wußte ich da von Ihnen und im Grunde auch von Ludwig? Ich war euer Freund. Was konnte ich tun? Nur schweigen und beiden recht geben."
- „Und heute...?" fragte Elisabeth und zog die Brauen erstaunt hoch in die Stirn.
„Heute gebe ich nur noch Ihnen recht. Heute würde ich Ludwig absolut unrecht geben, wenn er wiederholen sollte, was er vor einem Jahr getan hat."
„Sie würden nicht mehr sein Freund bleiben?"
„Ich würde es versuchen."
„Sie würden es trotzdem bleiben!" rief Elisabeth
„Sprechen wir nicht mehr davon! Ich glaube nicht, daß etwas geschieht, so wenig, wie Sie es glauben. Ich bin stolz, daß Ludwig endlich ganz groß ist!"
„Wenn wir fertig sind mit unserem Frühstück, gehen wir hinüber zum Bahnhof. Dort gibt es die Berliner Zeitungen. Wir kaufen alle, in denen etwas über ihn zu lesen ist. Damit wecken wir ihn dann gegen Abend. — Uebrigens", fügte sie lachend hinzu, „hat Ihnen Billy berichtet, wie sie den großen Saal aufräumte und Franz und Hubert selig schlummernd in ihren Stühlen fand? Jetzt liegen die beiden oben in ihrer eigenen Kammer und werden kaum vor Mitternacht wieder zum Vorschein kommen. Der Transport war gar nicht einfach, auch, als ihr unsere kräftige Wirtin zu Hilfe kam. Aber das lassen Sie sich von ihr selbst erzählen. — Kommen Sie, Otto!"
Sie gingen die kurze Strecke zum Bahnhof in rascher Bewegung. —
Es waren zahlreiche Kritiken erschienen. Elisabeth kaufte alles, und sie lasen sie abwechselnd noch in der Bahnhofshalle.
Obgleich Hartl nach der Begeisterung in dieser Nacht auf eine starke Wirkung vorbereitet war, übertraf doch, was er las, alle feine Erwartungen. Diesmal waren alle Blätter des Lobes voll über Ludwig Thieles grandiose Leistung. Er wurde unter die ersten,Schauspieler der Gegenwart und der Vergangenheit eingereiht, und seine Darstellung des Götz wurde als eine künstlerische Tat allerersten Ranges festgehalten. Nicht eine einzige Stimme der Enttäuschung war darunter, wie sonst so oft am nächsten Tag, selbst nach dem brausendsten Erfolg. Diesmal war wirklich der Durchbruch in breitester Front bis auf den Gipfel gelungen Die gesamte Kritik und die Oeffentlichkeit Berlins salutierten.
Elisabeth wurde rot vor Freude beim Lesen. Sie war an manches Lob rote an manchen Tadel gewöhnt. Obgleich sie heimlich gehofft hatte, daß diesmal das Ziel erreicht fei, — jetzt, wo diese Hoffnung sichtbare Wirklichkeit geworden war, konnte sie es nicht gleich erfassen. Viele Kritiken mußte sie zweimal lesen, bevor ihr der Sinn und die Bedeutung dieser lleberschwenglichkeiten aufgingen. Dann aber war sie nahe daran, den Kopf zu verlieren. Worte fand sie keine. Sie legte plötzlich dem noch lesenden Doktor Hartl beide Hände auf die Schultern und küßte ihn in aller Oeffentlichkeit auf den Mund.
Hartl war derart überrascht, daß er irgend etwas Sinnloses stammelte
Er versuchte zwar auf dem Heimweg — auf dem bei Elisabeth ein endlicher Uebermut durchbrach — diesen Kuß zu vergessen, der bis ins Mark seines Wesens gedrungen war, und es gelang ihm auch, die erste Wirkung ins Unterbewußtsein zu verdrängen, doch eine leise Unruhe blieb in ihm haften, den ganzen Nachmittag über, den er mit Elisabeth allein war, eine Unruhe, die sich erst zu glätten schien, als sie beide gegen Abend in Ludwigs Schlafzimmer traten und ihn weckten.
m.JZ)anJ1 su.hr er mit ihnen ins Deutsche Volkstheater. Neben ihm saß Billy, die ihre kleine Rolle im Götz noch für die nächste Zeit weiter- fpieten wollte.
19.
Am Tag daraus wurde Thiele von dem Agenten Henschke angerufen d» ihn bat, so bald wie möglich in fein Vücko zu kommen. Mehr sagte er telephonisch nicht. Es war kurz nach Mittag. Ludwig, der sich über Henschkes Wortkargheit ärgerte, warf sich in seinen Wagen und jagte in die Stadt. ”
Das Büro des Agenten tag am Potsdamer Platz. Als Thiele eintrat stürzte ihm Henschke, kupferrot vor Aufregung, entgegen.
„Ich habe den Vertrag mit dem Amerikaner! Dort auf dem Schreibtisch liegt er. Es war eine Heidenarbeit, das können Sie mir glauben!"
„Wo ist Grolman?" fragte Thiele verwundert. Er hatte erwartet, den Direktor hier im Büro anzutreffen oder mit Henschke zu ihm ins Hotel weiterzufahren. '
„Er ist abgereist. Kommt erst in ein paar Tagen zurück. Gestern habe ich den ganzen Tag dazu gebraucht, um mit ihm einig zu werden. Er ift Saher als eine alte Lederhose. Heute hat er mir den Vertrag geschickt mit em paar Zeilen. Dort liegen fiel"
■ ^iele setzte sich in den Klubsessel vor dem Schreibtisch und wartete, bis der Agent sich einigermaßen beruhigt hatte.
„Warum haben Sie mich gestern nicht geholt?" fragte er scharf.
„Ich rannte nicht vermuten, daß er mich vor vollendete Tatsachen stellen wurde. Wie ich zu ihm kam, war der Vertrag schon fertig. Ich habe bann mit ihm gehandelt, Stück um Stück, habe sogar mit ihm gegessen — nur, um ihn keine Minute allein zu lassen. Erst um fünf Uhr gab er im entscheidenden Punkt nach."
„Her mit dem Vertrag!" befahl Thiele mißtrauisch. Der Agent reicht, ihm ein doppelt gefaltetes, eng mit Schreibmaschine beschriebenes spapic*'1 Thiele suchte darin nur die zwei Stellen, die von der Rolle und von br- Sage handelten. Alles andere überflog er. Er warf das Papier auriid auf den Schreibtisch und stand brüst auf.
„Das unterschreibe ich nicht!"
„Sind Sie wahnsinnig geworden?"' schrie der Agent.
„Sie hätten mich zu den Verhandlungen zuziehen müssen. Ich haftJ andere Bedingungen erzielt. Ich werde Sie noch erjielen'"
„Reden Sie keine Romane, Thiele!" antwortete Henschke nach eint: kurzen Pause, beherrscht und ruhig. „Ich weiß genau, warum ich gestern nicht kommen liefe, sondern die Sache allein machte. Sie tönner1 gar nicht verhandeln. Gestern schon gar nicht! — Sie hätten nur alles I verdorben, wenn Sie' erfahren hätten, was unterdessen geschehen ist
sehen Sie sich noch einmal mit aller Ruhe an, was ich erreich- habe. Mehr war überhaupt nicht zu machen."
„Sie haben ein schlechtes Gedächtnis, Henschke. Haden Sie mir nicht nach kürzlich etwas von einer runden Summe erzählt, und zwar von hunderttausend Dollar?"
„Allerdings. Aber ich sagte sofort: Vorausgesetzt, dafe ..
„Nichts haben Sie vorausgesetzt. — Was steht nun hier drin?"
Henschke entfaltete den Vertrag und las: „Eine Wochengage von dreitaufend Dollar. Garantiert für eine Mindestdauer von fünf Monaten Also sechzigtausend garantiert. Sie werden aber mindestens sechs Monats drüben sein. Rechnen Sie sich selbst aus ..."
„2ch unterschreibe bas nicht! Sie haben mir erklärt, bafe wir hunderi- tausenb erreichen könnten."
„Wir Haden sie eben nicht erreicht. Mit aller ehrlichen Anstrengung nicht. Das hat nichts mit Ihrer künstlerischen Bewertung zu tun, sondern mit anderen, rein kaufmännischen Umständen, die ich Ihnen qleiib erklären werde..."
„Was sind bas für anbere Umftänbe?" unterbrach Thiele ihn grob , „Ich bin ja babei, sie auseinanberzusetzen. Dann werben Sie hosseni- lich so viel Vernunft haben und mir recht geben!" sagte Henschke beleidig, und verließ wieder seinen Schreibtisch, um mit seinen kurzen, trippelnden Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen. „Cs ist Ihr Vertrag mit Steinten...
„Was soll denn der dabei? Der ist doch zu lösen. Außerdem Haden wir seinerzeit extra jenen Filmparagraphen hineingestellt, den ich schon einmal erwähnt habe."
„Steinten hat sich mit Grolman geeinigt."
„Na also!"
„Ich habe Sie neulich abends gewarnt. Ich roch den Braten, den Steinten auf der Pfanne hatte. Aber es ift ja nichts mit Ihnen zu machen. Sie mußten ja Grolman noch mit hinausnehmen! Warum weiß der Teufel! Nur, damit Steinten alles möglichst beguem an den Mann bringen konnte. Ich konnte bas nicht oerhinbern. Gestern war es zu spät"
„Geben Sie mir keine Rätsel auf! Reben Sie endlich, wie Jdnen her Schnabel gewachsen ist!"
„Ich habe Ihnen schon einmal gejagt, daß Sie nichts von Verhandlungen verstehen. — Was Steinten mit feiner Einmischung bezweckte? Daß er nämlich für Ihre Freigabe eine hübsche Abfindung herausfchtagen wollte, was ihm prompt gelang, nachdem Sie dem Direktor Grolman durch Ihre Naivität zu verstehen gegeben hatten: Macht das gefälligst unter euch aus! — Die beiden haben es ausgemacht, hinter Ihrem Rücken und auf Ihre Kosten. Grolman hat gestern darüber kein Wort mehr verloren."
„Meinetwegen!" tagte Thiele und lachte plötzlich hellauf.
Henschke blieb vor ihm stehen und sah ihn überrascht an. „Was beißt letzt das wieder?"
„Ein tüchtiger Bursche, unser Freund Steinten! Aber ich gönne es ihm Wissen Sie, Henschke: Als er sich so dazwischengedrängt hat, habe ich zuerst geglaubt, er wolle mir tatsächliche Schwierigkeiten machen und hatte alle alte Freundschaft vergessen. Das hätte ich ihm übelgenommen. Daß er aber nur für sich herausgeschlagen hat, was er konnte, ift schließlich fein gutes Recht!"
Henschke schüttelte den Kops. Dann hatte er begriffen. „Sie sind ein sonderbarer Kauz, Thiele. — Uebrigens wäre es unmöglich gewesen. Sie gestern noch kommen zu lassen. Grolman wünschte, mit mir allein abzu- schließen. Vielleicht war das eine kleine Revanche dafür, daß Sie sich neulich fo wenig mit ihm beschäftigt haben."
„Nee, lieber Henschke. Das weiß ich besser. Er mag mich gern leiben unb ich ihn auch. Das haben wir beibe gleich gemerkt. Da war es ihm einfach unangenehm, mit mir persönlich zu hanbeln über ben kleinen Abzug, ben er zu Steinlens Gunsten machen mußte. Dafür finb schließlich Sie ba unb ber richtige Mann. Sie haben's ja auch geschasst. — Geben Sie ben Vertrag noch mal her! Er ist von ihm unterschrieben?"
Henschke blieb hinter seinem Schreibtisch stehen unb reichte ihm ben Vertrag. Thiele las nichts mehr, sondern beugte sich in seinem Sessel oor, ergriff die Feder des Agenten unb setzte seinen Namen neben den bes Direktors — ebenso auf bas Duplikat, bas ber Agent ihm hinschob.
Henschke sah zu wie verklärt.
„Wann kommt Grolman zurück?" fragte Thiele unb ftanb auf.
„In ein paar Tagen. Er wirb mich anrufen."
„Dann werben Sie bie Freunblichkeit haben, mir bas sofort mitzuteilen. Sofort! Verstehen Sie, Henschke? Diesmal werbe ich hingehen. Apropos: Wann bekomme ich bas erste Drehbuch?"
„Er hat schon banach gekabelt. Es wirb Ihnen geschickt, Thiele. Spätestens in vierzehn Tagen wirb es ba sein."
„Gut!" sagte Thiele, steckte bas Duplikat bes Vertrages ein unb setzte ben Hut auf. „Noch etwas, Henschke! Damit ist bie Geschichte also perfekt ... Kann ich barauf Geld haben? Ich brauche allerhand in ber nächsten Zeit, und Steinlen wirb nichts mehr für mich haben, nachdem ich nur noch bie paar Wochen bei ihm bleibe. Ich habe boch richtig gelesen: Am ersten April mufe ich fahren?"
(Fortsetzung folgt.)


