Ausgabe 
27.5.1935
 
Einzelbild herunterladen

GietzenerZamilienvliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1955

Montag, den 27. Mai Nummer 41

ut, daß Du da bist

ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR

Copyright 1933 by August Scherl m. b. «5-.- Berlin

(Fortsetzung.)

Der war zur See gekommen, ohne recht zu wissen, wie: hatte in Rostock oder Königsberg seinen Doktor gemacht und wollte nach Hause zu Mut­tern. Am Abend vorher geht er in ein Cafe und sieht da ein Mädel. Wird mit ihm bekannt, und sie erzählt auch von ihrem Onkel, der bei der Hapag ein grohes Tier ist. Der Junge sagt ihr natürlich, daß er auch mal gern zur See fahren wolle, so als Schifssarzt, denn Geld war keines da, weder bei Muttern noch sonst in der Nähe. Am nächsten Tag fährt er nach Haus, nach Stuttgart. Kaum ist er da, kommt schon em Telegramm, er soll sich am Soundsovielten an der Alster melden. Er kommt abends nach Hamburg, tobt die Nacht ein bißchen in Sar.tt Pauli imü ist erst um elf Uhr wieder wach. Um neun Uhr aber war er be­stellt. Jetzt wird es Mittag, bis er von dem großen Tier empfangen wird und der Kasten, für den er eingeteilt war, fchwimmt schon mit Kurs nach der Westküste. Aber er kriegt ihn noch in Rotterdam oder Antwerpen. Von da ab ist er nicht mehr von den Schissen herunterge­kommen. Er fährt heute noch in der Welt herum, hat einen richtigen Bart und weiß Bescheid von Honolulu bis Kapstadt und Sydney Neu­lich hab' ich ihn wieder getroffen. Ich bin damals in Marseille an Land gegangen und hab' mich gedrückt. Von der See hatte ich genug. Die beiden Burschen in ihren öligen Zeltbahnen, und wie wir sie dann ins blaue Mittelmeer hinunterließen ..."

Er verstummte. Die drei Männer lagen schwer in ihren Stühlen. Rur Billy war zweimal lautlos verschwunden und wiedergekommen. Jedes Mal hatte sie zwei Teller voll heißer Erbsensuppe gebracht und auf den kleinen Tisch zwischen den Männern medergesetzt. Mechanisch '°^Hint? den ^Scheiben ^der giügeltür stand die Nacht nicht mehr wie eine schwarze Wand. Die fahle Dämmerung, die langsam über dem See heraufkam, machte sie durchsichtig. nrm

Der Bildhauer Martin beugte sich vor und hob die Harmonika von seinem Schoß. Sie gab einen schwachen, keuchenden Laut von sich, wie C'nDie°Stillek war zerrissen. Ludwig erhob sich und sah den Freunden, einem nach dem anderen, starr ins Gesicht. Dann ging er einen schritt rückwärts und senkte den Kopf.Warum erzähl ich euch das alls? ... Cs hat keinen Sinn ... Ihr versteht das nicht. Es ist meine Schuld ... Gute Nacht!" setzte er plötzlich hinzu und ging mit seinen schweren,

ub wn ©erber In it,r«n

Stühlen einAhlafen. Doktor Hartl wartete noch eine Weile und schaute Dersonnen in die wachsende Helle. Dann nahm Billy s ch s führte ihn in eine Kammer unter dem Dach, wo er^ein Bett fand?

Thiele ftiea wie gezogen von einer dunklen Wacht, die Trepp hinauf und ging den breiten Gang entlang, aber nicht in d^ Achtung nach seinem Zimmer. Hier aus dieser Seite lagen> d,e beiden Gastzimmer, die man Mira und Aenne zur Verfügung gestellt hatte.

Thiele schritt bis vor die eine Tür, senkte wieder den K°pf und lehnte die Stirn an das kühle Holz der Umrahmung So stand er .ange Minuten, als lauschte er auf eine ferne und betörende Musik.

Dann faßte seine linke Hand nach der Klinke und druckte sie hma .

Die Tür war verschlossen. . f ( n[öh[idi er-

.Ä *«

«ine?Wendunq'chh?r°"ein Bild" im "hohen^Scheg^l und schritt darauf

*S? Ä"».b.n,,immer, in

Elisabeth war an seinem Kommen erwacht und sah von ihrem Bett au lein Bild im Spiegel. Leise erhob sie sich, ersch'en m Rahm n der Tur und trat hinter ihn. Er hörte ihr Kommen, drehte ch °ber n,qt u^ Äls sie hinter ihm stand und im Spiegel sein Augesuchtehob er b Ärme bis zur Höhe der Schultern. Sem "wuchtiger Brusttorb dehnte M in einem tiefen Atemzug, und aus seinen Augen $ fdiien Aller das aus den letzten Abgründen seines Wesens zu kommen s Rausch dieser Nacht war von ihm abgefallen.

Und wenn ich zurückkomme von drüben, spiele ich den Wallensteinl" sagte er halblaut, ließ die Arme sinken und drehte sich um.

Sie nickte nur und ergriff seine Hand.

Aus dem trüben, verhangenen Morgen wurde ein strahlender Mittag. Ein Wind hatte sich erhoben und die grauen, tiefstehenden Wolken ver­trieben. Die entlaubten Bäume und Sträucher im Garten bogen sich und seufzten unter seinem Wehen, und die Oberfläche des Sees kräuselte sich zu kleinen, spitzen Wellen. Es war kälter geworden, trotz der Sonne, die am klaren hellblauen Himmel schräg über dem See und dem Garten stand.

In ihrem Gastzimmer erwachte Mira von Alten und erhob sich sofort. Auch bei ihrer Toilette hielt sie sich nicht lange auf. Ihre Kusine Aenne schlief noch im Zimmer nebenan. Mira, fertig angekleidet, ging hinüber und weckte sie. Aenne richtete sich aus und fragte, ein wenig erschrocken:Oh, du bist schon auf ...? Wie spät? Weißt du, wo hier das Bad ist?"

Es ist gleich zwölf Uhr. Wir waren zu lange auf den Beinen heute nacht, und auf das Bad mußt du vorläufig verzichten. Ich denke, wir fahren gleich in die Stadt zurück."

Wie du meinst, Mira!"

Bis du fertig bist, werde ich mich nach einem Frühstück umsehen. Aus bald also!" sagte Mira und verlieh sie. Sie stieg die Treppe hinab und sand die Heine, nach vorn gelegene Gaststube, ohne jemand begegnet zu sein. Ein schläfriger Kellner nahm ihre Bestellung entgegen.

Zugleich mit dem Frühstück erschien auch Aenne, und sie tränten schweigend ihren Kaffee.

Es ist bemerkenswert, daß niemand sich sehen läßt!" sagte Mira nach einer Weile, und zwischen ihren Augen erschien eine senkrechte Falte.

Wahrscheinlich hat es noch sehr lange gedauert heute nacht. Du weißt ja von früher ..."

Können wir fahren?"

Wann du willst, Mira."

Hättest du etwas dagegen, wenn wir in der Stadt die Wohnung wechseln würden?"

Ich...? Nein! Aber warum das, Mira? Unsere Pension ist sehr gut. Das hast du gestern noch festgestellt."

Ich hätte aber Lust, für die nächste Zeit ins Hotel zu ziehen! sagte Mira, während sie aufstand und ihre Handschuhe anzog.

Dann ziehen wir eben ins Hotel!" antwortete Aenne folgsam und erhob sich ebenfalls.

Mira winkte Billy heran.Entschuldigen Sie uns, bitte, bet Frau Thiele! Wir haben dringend in der Stadt zu tun und wollten sie nicht stören." .

Gern!" antwortete Billy mit einem zweideutigen Lächeln, das Mira ärgerte. , , ,

" Mira schaltete mit einem zu heftigen Griff, gab Gas und fuhr davon. Billy blieb stehen und sah ihr nach, bis auf dem Weg, der zum See hinabführte, Doktor Hartl erschien. Er war schon seit einer Stunde auf und hatte nüchtern einen Spaziergang gemacht, um einen leichten Kopf­schmerz zu vertreiben.

Wo stecken Sie denn, Doktor?" rief ihm Billy zu, als er naher hercmgekommen war.Frau Elisabeth wollte mit Ihnen frühstücken und hat mich nach Ihnen geschickt. Ich konnte Sie nirgends finden."

Es war sehr schön am See drunten. Wind und Sonne haben mir gutgetan. Wo ist Frau Elisabeth?"

Kommen Sie heraus, Otto! Ich habe auf Sie gewartet , klang Elisa­beths Stimme. Hartl drehte' sich halb um und sah am Haus hinauf. Auf dem Balkon in der Mitte der Front stand Elisabeth die hinter ihrem Fenster die Abfahrt Miras beobachtet hatte und winkte ihm einen 6n@kicf) darauf saß er ihr gegenüber in dem roeitläufigen, hellen Zim­mer das außer dem gedeckten Frühstückstisch eine vielbändige Bibliothek unb' Thieles riesigen Schreibtisch enthielt. Die Balkontür war wieder geschlossen, und der weiße Kachelofen in der Ecke verbreitete eine behag-

Ach^ichE'bin so frof)!" sagte Elisabeth, während sie ihm anbot: Kaffee, ©er Butter, Schinken und frisches Weißbrot.Ludwig schläft noch. Er hat 'einen wunderbaren Schlaf. Ich kann stundenlang zusehen, wie er schläft Friedlich, wie ein Kind, selbst nach den stärksten Aufregungen. ©au von Alten ist weggesahren. Ich habe ihr durch das Fenster hier Ungesehen Sie ist böse weggesahren. Das war deutlich zu sehen. Und Ludwig schläft. Es war wirklich ein ganz großer Erfolg gestern abend. Jetzt ist er endlich ganz oben."

Ja. Den Eindruck hatten alle, die ich darüber sprach.

,'Sie müssen heute abend hingehen, Otto."

''Natürlich sehe ich ihn heute abend an." , ...

Was Mira betrifft, bin ich jetzt ruhig. Ich weiß, daß das noch nicht zu Ende ist Aber ich fürchte mich nicht mehr davor. Ich muß nur auf-