Glockenblume am Sonntag.
Don Johann Otto Bringezu.
So klein am Weg, so still und schön, Wie läutest du den Tag mir ein! Der schnelle Fuß bleibt zögernd stehn, Das Auge ruht, sich satt zu sehn und sieht die Welt in dir allein.
Die lauten Stunden treiben fern, der rasche Wind dämpst seinen Schritt. Die Glocke schwingt, o süßer Stern, ihr Helles Lied zu Dank dem Herrn und alle Gräser fingen mit.
So bist du klein und doch so groß in deiner blauen Lieblichkeit.
Mein Herz wird aller Enge los und hebt, der dumpfen Mühsal bloß, auf deinem Lied sich wolkenweit.
Eine Frau lernt fliegen.
Don Karl Conrad.
Cs waren schon soviel Vögel wach an diesem Morgen, alle in den Bäumen um den Flugplatz herum, aber als die Mechaniker den Motor vnwarsen, war nichts mehr davon zu hören, nur der Motor sehr hell und hart, und der Himmel klar bis auf ein paar kleine Wolken am Horizont, die gelb waren, aber unten die Erde noch verschattet, und die Grasnarbe feucht vom Tau, auch die hellen Schuhe der jungen Frau, die über dem Flugplatz zur Maschine ging, bald feucht und dunkel. „Sind Sie heute in Form?", sagte Brenbach, der zum Motor hinaufgeklettert war. Er lächelte. Sein Gesicht war voller Falten, aber nur so lange, wie er lächelte, außer den beiden Falten von der Nase zu den Mundwinkeln herunter, die immer blieben. Die junge Frau wollte sagen, daß sie in Form sei, aber er hatte sich schon wieder nach den Mechanikern umgedreht, und sie hörte, daß er mit ihnen über irgend etwas von Zündung sprach. Der Apparat lag hoch aus dem Fahrgestell; man mußte zuerst auf den Gummireifen eines Rades treten und sich dann hinaufziehen und über die Bordwand schwingen, aber es war leicht, in dem Leinenanzug sich zu bewegen, obgleich die junge Frau, sobald sie den weiten gelbgrauen Anzug turg, das Gefühl hatte, gar nichts Besonderes mehr zu fein, und wenn sie sich in ihrer Koje im Spiegel betrachtete, den Sturzhelm auf dem Kopf, muhte sie zugeben, daß sie jetzt nur noch ein fliegendes Wesen an und für sich mar, und alles andere war unwefentlich.
Also stieg sie in ihren Sitz; der Fallschirm diente als Kissen, und sie zog sich die Gurte über die Schultern und hakte sie mit einem andern Gurt ein, den sie um ihren Leib schnallte. In dieser Schulmaschine lagen die beiden Sitze nebeneinander, was den Apparat vorn etwas breit machte: er sah nach einer Ente aus, und es verringerte die Geschwindigkeit, aber man legte keinen Wert daraus, hatte Brenbach einmal gesagt. ,Ich will meine Schüler vorn Kopf bis zu den Füßen neben mir sehen", hatte
er gesagt.
Er gab Bollgas. Die Mechaniker liefen zur Seite. Die junge Frau sah noch einmal nach dem Windsack hinüber, der ruhig an feinem Mast stand, neben der Halle, vertikal und ein bißchen aufgeblasen. Es war nicht viel Wind an diesem Morgen, und er kam gleichmäßig aus einer Richtung.
„Es ist notwendig", sagte Brenbach, und sie beugte sich zu ihm hin, denn der Motor war sehr laut, „daß Sie den Steuerknüppel ganz locker halten und jede Bewegung nachempfinden." Sie hielt den Knüppel lose mit beiden Händen und fühlte, wie Brenbach steuerte. Die beiden Knüppel waren gekoppelt. Erst als die Maschine sich hob, zog Brenbach das Hohen- fteuer ein wenig an. ,
„Sie müf en den Apparat behandeln", sagte er, „rote man Kinder im ersten Schuljahr behandelt; später können Sie strenger sein und Ansprüche stellen."
„Ist das der höchste Grad?"
„Nein. Den höchsten Grad haben Sie erretcht, wenn Sie gar nicht mehr an Steuern denken." . ...
Als die Ueberlandleitung noch etwa hundert Meter vor der Maschine war, fühlte die junge Frau, wie der Lehrer bas Hohensteuer noch etwas onzog, aber nur sehr wenig. Sie dachte, daß sie stärker gezogen Haden würde, wenn sie allein gewesen wäre, und daß sie es roat)rjg)einlig) uv erzogen hätte. Sie hatte immer Angst vor der Ueberlandleitung, wenn der Start in dieser Richtung erfolgte, und wenn der Start in der entgegen- gesetzten Richtung erfolgte, machte sie sich Sorge wegen des Hangars Aber nun kam der Apparat sehr gut über die Leitung hinweg, sie schätzte mindestens fünfzehn Meter Distanz.
„Sann geht alles von selbst", sagte Brenbach.
„Das muß großartig fein!" sagte sie und blickte nach ihm> hm und dann wieder durch den Windschutz aus Zelluloid, der etwas geldlich war und durch den unsichtbaren Propeller am Horizont, über dem ein leichter bläulicher Morgennebel schwebte. ...
„Günther Plüschow hat mit den Füßen gesteuert als er »der Tsingtau flog, weil er die Hände dazu benutzte, eine Karte zu zeichnen. Aber sagte Brenbach und -ließ den Apparat immer noch ftetgen, „mari er« djt den höchsten Grad nur, wenn man die beiden andern Grade gründlich ^Ne'beugte'den Kopf ein wenig zur Seite hinaus und fah, daß setzt die Dächer unten alle schon Sonne hatten, aber die Straßen waren noch dunkel, wie Kohlenstriche, und man konnte von hier oben Ssttfehen, wie auf dem einen Ufer des Flusses nur Häuser waren, sehr Vicht, denn da lag das Zentrum mit den Geschäften und den Büros und auch Miet Häusern an der Peripherie, aber auf der andern Seite des Flusses war
viel Grün, die Straßen hakten Bäume, und hinter den Häusern wäre« Gärten, und darüber längst nicht so viel Dunst. Die junge Frau kam sich sehr losgelöst vor, wie sie das alles so betrachtete, und nur ihr Sitz war etwas Festes; die Hände lagen auf dem leicht beweglichen Steuerknüppel, und die Füße standen auf den Seitenfteuerpedalen, die sich ebenso leicht bewegten. Als sie nach ihrem Lehrer hinblickte, sah sie, daß er das Steuer losgelösten hatte. Er saß ganz ruhig da und sah ihr zu, die Haare vom Wmd durcheinander. Er trug nie einen Sturzhelm, aber er ließ seine Schüler nie ohne Sturzhelm fliegen.
„Fliegen Sie ruhig weiter", sagte er, „es ging ausgezeichnet/'
„Ich habe gestern den ganzen Nachmittag auf dem Dach gesessen und beobachtet, wie Sie trainiert haben. Sie haben wundervolle Loopings gemacht."
„Versuchen wir es mal?"
„Nein, bitte nicht." Und etwas später sagte sie: „Jetzt möchte ich zur Aldegreverstraße 16." Bei der dritten Brücke sah die junge Frau nach dem Kompaß, der in seiner grünen Kapsel in der Mitte des Windschutzes befestigt war, und bog genau im rechten Winkel ab, und unten begannen die Straßen mit viel Grün, und dann sah sie das Haus und den Garten und die Terrasse nach dem Garten zu. Brenbach ließ den Apparat tiefer gehen, kehrte noch einmal um, und flog nun ziemlich tief über das Haus hinweg. Ein junger Mann im weißen Tennisanzug war auf die Terrasse getreten, er winkle, sie ließ das Steuer los, sie dachte: „Er kann Gott fei Dank nur meinen Kopf sehen, nicht den Anzug. Ich bin ein eitles Känguruh." Und sie winkte mit ihrem Taschentuch, und nun winkte auch der junge Mann mit seinem Taschentuch. Sie war sehr aufgeregt und glücklich.
„Vielleicht versuchen wir doch einen Looping", jagte sie.
Sie flogen einen Looping und das Haus mit der Terrasse hob sich und sauste über den Kops der jungen Frau hinweg und lag dann wieder unten
„Es ist notwendig", sagte Brenbach, „daß Sie beim Fliegen nie so etwas empfinden, als ob Sie sich drehen oder auf dem Kopf stehen oder, was noch schlimmer ist, als ob die Erde sich um Sie herumdrehte. Das ist alles nebensächlich; Sie müssen nur daraus achten, wie groß die Entfernung von der Maschine bis zur Erde ist. Sie können sich die größten Dummheiten erlauben, wenn Sie genug Lust unter sich haben. Davon hängt ihr Leben ab." Er ließ den Apparat steigen.
„Bitte, noch einen", jagte sie.
Sie flogen noch einen Looping über dem Haus.
„Es wird ihm ungeheuer imponiert haben", sagte die junge Frau, als sie wieder dem Fluß zuflogen.
„Es war zweifellos ein Erfolg", sagte Brenbach, „wenn Sie so weitermachen, werden wir über die linke Tragfläche abrutschen. Achten Sie auf die Verwindung!"
Sie sah nach dem Pendel, das sehr ruhig hinter seiner dunkeln Scheibe in Del hing, und die Marke war sehr weit rechts neben dem Pendes. Sie zog den Steuerknüppel nach rechts, aber zu weit, und als sie velff suchte,'zu korrigieren, begann die Maschine zu schaukeln. Brenbach bracht# sie zur Ruhe. Die junge Frau war noch immer sehr aufgeregt und dachte an allerlei. „Glauben Sie, daß ich", sagte sie, „jemals landen lerne?"
„Ja", sagte Brenbach, drosselte das Gas ab und setzte zur Landurig an. Sie fühlte, rote der Apparat Neigung nach vorn bekam, und der Motor wurde so still, daß bas Sausen des Windes an den Tragflächen zu hören war, und es war ein ganz gewaltig steiler Gleitflug, direkt auf den Hangar zu. Die junge Frau, den Steuerknüppel locker in den Händen, dachte, daß es Zeit wäre, das Höhensteuer wieder etwas anzuziehen, damit man flacher unten aufkomme, und sie sah nach Brenbach, ob er es noch nicht anziehen wollte. Er saß zurückgelehnt und beobachtete sie, und bann sah sie, daß er bas Steuer losgelassen hatte. Er saß da und lächelte und hatte das Steuer losgelassen.
„Brenbach!" rief sie. Es ist komisch, jemand so anzurufen, der dich! neben einem sitzt, und Brenbach blieb unbewegt und sah seine Schülerin weiter an und lächelte. Die Erde tarn ihr vor tote ein Riesenball, den irgend jemand noch dem Apparat geschleudert hatte und der nun mtf ihn zuflog und schon sehr nahe war, und sie sah den Hangar sich aus« breiten, und die Eisenträger, die dazu da waren, den Apparat und alles darin in Stücke zu schlagen, und die vielen Glasscheiben dazwischen, die alles zerschneiden, was die Eisenträger nicht in Stücke geschlagen hgbesi, und dann war der Apparat nur noch ein paar Meter über der Halle. Brenbach saß ruhig und beobachtete seine junge Schülerin, er lächelt» noch immer, sie dachte, er müsse so etwas von dem Genre eines Mörders und Selbstmörders fein, und in einer halben Sekunde erinnerte sie sich an alles, was sie gelernt hatte, und zog das Höhensteuer an, zuerst sehr langsam, und bann schneller, und die Maschine kam horizontaler und ging in flachem Gleiislug mit etwa sechs Meter Distanz über bas Hallendach weg und sehr schön flach aufs Rollfeld. Man fühlte kaum, wie sie auffr
„Na also", sagte Brenbach, „die Landung konnte gar nicht besser
Das nenne ich Nerven." \
„Das war Erpressung", sagte sie, „halten Sie nichts vom Leben?"
„Doch, aber auch von Menschenkenntnis. Sie gehören zu der Cor« Menschen, die im richtigen Augenblick bas Richtige tun. Man hat allA Recht, sie die Mutigen zu nennen. Solche Menschen haben wir heukß "^Zum ersten Mole trennte sie sich nur schwer von dem weiten Leinktke anzug, um in ihr Privatleben zurückzukehren; aber sie war gleich wieder glücklich, als sie aus dem Tor des Flugplatzes trat und sah, wie der jungs Mann von vorhin aus einem verstaubten alten Zweisitzer heraus- tletterte.
„Na, weißt du", sagte er, „mir so über den Kops zu fliege«! Er kam auf dem Kies heran und sah sehr begeistert aus.
„Oh, es war großartig!" sagte sie.
„Du, wie seh' ich von oben aus?"
Sie sah ihn an.
„Wie immer", sagte sie lächelnd.


