jedoch war bas anders! Köstlich und des Stehenbleibens wert schien Handel jedes Schaufenster, wie sehr muhte er da besonders an den Wünschen seines Gaumens, welche im rohen Zustand so unschuldig da­lagen, so lebensnahe, Gefallen finden! Doch der geschlachtete Hammel, den er mit so strahlenden Augen von ollen Seiten beguckte, das Fett des Kammes und die Stärke der Lenden prüfend, wurde ihm heute zu einem Gleichnis, Aus dem Fleischerladen trat eine Kundin und hörte den großen Mann, dessen Aeußeres schon allein die Augen auf sich zog, Worte murmeln. Es waren erstaunliche Worte vor einem toten Schlacht­tier, sie sprachen diesem eine erhabene Bedeutung zu.Lamm Gottes" sagte derselbe Mund, dessen Freude es war, das Fleisch dieses Tieres zu verzehren. Gott vor sich selber Verzeihung erbittend Gott, der Unendliche, verzeihend in seinen Kreaturen ...

Aber weiter ging der Weg des festlich gekleideten Menschen, aus seiner Wohnstraße in das große London. Bald stand er nicht mehr vor kleinen Geschäften, wenn ihn ein Schaufenster fesselte, sondern vor den Läden der City, denen nach dem Geschmack der Engländer zwar kein größerer Prunk anzusehen war, als den Geschäften der geringen Leute, aber doch eine Tonart, die das Teuere verriet, ob es sich um Kleider­stoffe oder um Lebensmittel handelte. Unweit von den Palästen des Adels hatten sich die reichen bürgerlichen Kaufleute eingerichtet. Manch einer trug auf seinem Laoenschild das Wappen eines Herzogs oder gar des Königs, als Zeichen, daß er Hoflieferant sei. Händel besuchte diese Geschäfte, die fremde Kunden nur mißtrauisch bedienten, sonst nie. Sein braver Loddy, der beim Anmessen eines Rockes so liebevoll von gebra­tenen Gänsen und Roastbeess sprach, dieses vor dreißig Jahren zuge­wanderte Kind vom Lande, war ihm lieber als alle vornehmen Schnei­der der Stadt. Heute aber blieb der Komponist vor einem Laden stehen, aus dem die Adeligen ihre dem Mittelstand unerschwinglichen Kleider bestellten. Und Händel trat ein in das Geschäft.

Er wurde von grauen Augen kühl gemustert, ein spitzes Kinn ver­sank in Rüschen, der Herr des Ladens war mißgestimmt. Er winkte dem Verkäufer, und der trat vor zu Händel.

Hosenbänder!" sagte dieser.

Der Ton war wie Befehl, nicht mehr wie Wunsch. Der Kaufmann erschrak. Jedoch er kannte Londons Herzöge unb- Lords. Von ihnen war dieser keiner. Sollte es aber ein Srof aus der Provinz, ein derber, doch guter Kunde fein, den man in der Käuferliste beruhigt führen konnte? Der Geschäftsinhaber bediente plötzlich selbst.

Er mußte viele Hosenbänder zeigen. Sie waren alle meist zu eng. Der Kunde zog sie über seine muskelschweren Waden sie reichten nicht, der Adel hatte dünnere Beine! Und dann die Farben! Der Riesen­kerl nannte alles sahl und sade.

Ich möchte ein Kränzlein an den Knien, ein Feuerkränzlein, lieber Freund, und keinen Trauerflor!"

Er nahm sich viel heraus, er mußte reich an Macht und Gütern sein. Stand seine Kutsche draußen? Nein, er kam zu Fuß ... Wo wohnt Cure Lordschaft, wollte der Kaufmann fragen, als der Kunde gewählt hatte. Doch schon bekam er Bescheid.

Die Ware kommt zu Händel, Brookltrahe 57, drei Uhr mittags. Dort wird bezahlt Gottweiß von roemr

Es war wie Fopperei, doch wagte der Kaufmann nicht zu wider­sprechen. Erst als der Fremde aus dem Laden war, wanderten seine Hosenbänder wieder in die Schachtel, aus der er wählte.

Längst hatte Händel sie vergessen, nachdem er durch die Straßen weiterging. Er trat noch in mehrere Geschäfte, bestellte Notenpapier, Puder für feine Perücke aus Weizenmehl, sagte er scherzend, ich will Samen in meinen Schädel säen! und ein gutes Rasiermesser. Es schien, als wollte er sich noch festlicher zurechtmachen oder mit starkem Humor auf feinem Riesenkörper Posse spielen. Er spaßte heiter, dankbar, unendlich heiter ...

Dann waren's Kinder, deren Spiel ihn bannte. Er blieb stehen vor den Kleinen, die von ihren Wärterinnen oder Müttern jetzt am Vor­mittag aus den grünen Parkplatz inmitten der Stadthäuser geführt worden waren. Ost ging Händel schon auf dem Weg ins Theater über diesen Platz, wenn er von Kindern voll war, und gerne verzögerte er stets seinen Schritt, nur hatte er zum Verweilen niemals Zeit. Heute nun nahm er sie sich. Als er mit mächtiger Gestalt dastand und nicht weiterging, glaubten die Kinder zuerst, ein Riese aus dem Märchen träte zwischen ihr Spiel, und ängstlich guckten sie zu ihren weiblichen Hütern hin. Diese lächelten aber, und auch der große Mann selbst zeigte ein gütiges Gesicht, fo daß man feine Gröhe nicht zu fürchten brauchte. Und das Spiel der Kinder ging weiter.

Der, den es bannte, fah die Bewegungen der Unschuld mit Gottvaters Gefühlen, mit dem süßesten Wohlwollen für das im Kreislauf von Ge­burt zu Tod sich regende menschliche Geschlecht, für das Leben überhaupt. Noch wußten diese Kinder, Geschöpfe am Anbeginn, nichts von der Vollendung, aber auch keiner, der die Vollendung empfand, konnte das Rätsel der Sehnsucht nach neuem Anbeginn lösen. Zum zweitenmal des Tages sah Händel in sich, in allen Sterblichen, Gott, den unendlichen ... Einem der spielenden Kinder, das sich zu dem zuschauenden Komponisten hin verlief, legte dieser die Hand sanft auf den Scheitel. Erschrocken be­freite der Kleine seinen Kopf von der unerwarteten Berührung, drehte sich um und sah bange zu dem Herrn hinauf. Ein unaussprechlicher Blick aus dem Abgrund aller Güte traf das verschüchterte Kind...

In diesem Augenblick kam Händel eine Eingebung großmütiger Siebe, zugleich ein Gefühl für die Torheit feiner Sorgen um den Bestand feiner Oper und um fein Ansehen als Komponist dieser Kunstgattung. Er hatte schon viel Geld gehabt und es immer in den Rachen des kostspieligen Molochs geworfen, aus dem für ihn nur der unzu­verlässige Bestall des Publikums oufgeftiegen war. Und ewige Feind­schaft! Coium bevor der Gatte einer Primadonna ihm die Schmach an-

htn wollte, Ihn In den Schuldturm zu stecken, hatte ja Sufanna CCibbir Händel vor der Oper gewarnt, Arbuthnot tat es schon viel früher - und er ließ sich immer wieder hinreißen, nochmals mitzutun. Aber tnie er jetzt, an diesem Festtage, zurückdachte an die letzten Jahre und M». nate, ärgerten den Komponisten nicht die Mißerfolge, sondern die 23er« säumnstse. Er hatte Geld besessen und es in die Hände der Reichen zi- rücksließen lassen, von denen es kam. Selten dachte er an die Armci,- Und doch empfand er seit je für Hilflose ein reines und kräftiges Mi!- leid. Er packte die Menschen oft hart an und war kein Freund oon- Faulenzern. Auch ihm selber waren an der Wiege keine Reichtünu-r beschert gewesen. Aber er empfand wuchtig mit der Größe irdischer Ur­glücksschicksale und vor allem mit Einsamen und Waisen. Jetzt, wie er von den glücklichen spielenden Kindern ging, dachte er an unglütfliife Kinder, an taube, blinde und elternlose. Und jählings sagte er sich, dch es etwas Erhabeneres fein müsse, anderen zur Freude oder wenigstens ihnen zur Hilfe, als für ein Opernunternehmen zu schaffen---

Und erhabener war die Musik, die in dieser königlichen Herzens i erfenntnis geboren wurde, als Händelsche Musik von früher oder über­haupt als Musik je vorher. Mit ihr trat die Wahrheit in die Kunst uni auf die Erde, die große Wahrheit, daß kein Wesen für sich und seine, Ruhm allein geboren ist, am wenigsten das starke Wesen unter de, Menschen. Ihm ist, von Atlas her, die Bürde der Welt auf die Schlü­tern geladen, und nicht was er vermeidet, sondern was er vollbringt uni überwindet, würzt dem Starken das Leben zur Freude! Und nur ti dieser Freude wird er den Gesang anstimmen können, Vater im uneni- lichen Raum, zu deinem Preis!

Halleluja!

An jenem Hochsommervormittag in der Hauptstadt des englische, Reiches ging, nachdem er seine besten Kleider angetan hatte, der leibes- starke Tondichter, dem einen Tag vorher das Gericht mit dem Schuld­turm drohte, aus seinem Wohnhaus auf die Straße, ging durch mehren Straßen, trat in Geschäfte und machte im Emst ober in spaßhafter Saunt Bestellungen, schritt weiter und erlebte auf einem Platze unter Kinder, die Wandlung vom ichbesesfenen Manne zum Menschen mit großmütiger Liebe. Als er seinen ziellosen Gang fortsetzen wollte, stürzte aus ihn mit Macht ein ungekanntes Gefühl und forderte in gebieterischem Jude«, irgendeine menschlich faßbare Gestalt anzunehmen, und verlangte aus^ drückt zu werden, sei es durch einen Schrei ober burch Nieberschrch Gleich einer körperlichen Geburt, bie nicht aufgehalten werben tann, ging hier die Geburt aus einer Seele mit solcher Gewalt vonstaiten daß dem davon Befallenen keine Zeit blieb, zu überlegen. Er stand uni- weit von einem Wasch- und Plättlaben, als bie Gnabe ihn überwältigt«, griff in die Taschen feines Rockes, unb als er bort roeber Papier noch Federkiel fanb, rannte er in bas brei Stufen unter ber StraßenlM gelegene kleine Geschäft, keuchte ein schmuckes Mäbchen, bas mit den Bügeleisen hantierte, an unb erbat sich, wie einer, ber noch vor dem Sterben sein Testament schreiben muh, ein Blatt Papier unb Schreit» zeug. Von einem Wanbgestell holte es bas Mäbchen zögernb her un) konnte es kaum reichen, so schnell riß es ihr ber Frembe aus der Hand wobei er Tinte über ein frischgeplättetes Spitzenhemb ergoß. Der Schm den wird gutgemacht, konnte der Mann noch sagen, so hielt ihn bas Mäbchen wenigstens nicht für ganz verrückt. Aber wie er sich über ba- Plättbrett beugte unb in Fieberhaft große Punkte unb lange Strich« baneben hinsetzte, würbe ihr boch recht bange zumute. Doch bann richtet-« sich Hänbel unterm Schreiben einmal auf, unb als bas Mäbchen jetzt iir fein Antlitz sah, war es ihr, bie in Einfalt und Frömmigkeit lebte, als lese sie während des Gottesdienstes in der Bibel, und hinter ihr |m Chorgefang, und dieser Mann sänge

Halleluja!"

Wahrhastig ward's geschrieben im Beisein einer Demütigen im geringen Raum auf billigem Papier doch als es baftanb unb bas Mäbchen ins Gesicht bes Mannes fah, ba faßte sie bas Mächtige, da waren auch bie Ausfchreibzettel für Wäsche, welche sie bem Frembea vorhin gegeben hatte, geheiligt, unb Ehre, baß er darauf schrieb, untb nun sein Eigentum. Das Mäbchen räumte auch bas beschmutzte Hemlt aus Hänbels Augen unb trug ben Schaben. Der Komponist nahm fein Papier, er bankte, ging entrückt unb kam nie roieber. Doch einmal roae er ba gewesen, unb was er schrieb im Bügelladen, das blieb...

Es war geboren. Wieder planlos durch die Straßen Loydons fchrei" tend, fühlte Händel ununterbrochen nach dem Schatz in feiner Rocktasche und je fester er das ärmliche Papier umklammerte, desto mehr ent­zündete es ihn bei jedem Schritt von neuem er hatte niemals frühe« diesen Rausch erlebt. Selbst der Einfall seiner schönsten Musiknummern brachte ihn nur für Augenblicke in Verzückung, die sich von der gewöhn­lichen Heftigkeit feines Lebens nicht merkbar unterschied. Heute oben tarn er nicht zur Ruhe, wiewohl fein Schöpfergeist in lichter Klarheit den Ausbau des Motives, das er im Plättgeschäst niederschrieb, fdjon fertig hatte für Menschenstimmen unb Posaunen, für bas ganze Orche­ster es war ihm noch zuwenig bes Jubels, ben er in sich hörte! E« ging unb fanb im Schreiten neue Motive, feierlich und ergeben Themen ber Solisten. Jetzt hielt es ihn nicht länger auf ber Straße-, er lief nach Hause.

Als grüße er feine Mutter ober feine Armut, breitete er bie Arme tun ber Tür unb trat festlichen Schrittes an bas Spinett. Jetzt tarn bis Herrscherruhe über ihn. Er schlug das Notenheft auf unb legte daneben die zerknüllten Zettel aus dem Bügettaden. Darauf fehlten bie ersten Takte, bie jetzt zwischen bie schönen Linien bes Arbeitsheftes, benen ein Notenschlüssel Doranftanb, von ber festen Hanb bes Komponisten hw» gesetzt wurden. Dann aber brauchte Hänbel nur bie Frucht bes gesegneten Tages ins Reine zu schreiben, unb wieder überkam ibn ber Rausch mitt niegefannter Gewalt, als er ben Träger ber Melobie bezeichnete, den Chorus, unb sein einziges Wort:

Halleluja >

(Fortsetzung folgt.)