Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 66
Montag, den 26. August
r5'
gilt’"'"
@ic6<*
cht, ausgc in an ta btr. Srünc )e finb mit irtstor uni Wohnh«, ion fälliger iem (liefen’ Wohnftck der Mich trenge non : Sühig!«!
X ' ‘"«I den aus. ’> Teufel Ranke« •IP°rn mit
letulatwns- 3nbuftrif tot fojialen anberswo.
Kosmos i« [er Setrifi tnölbenif
Seine Kraft war in ihm mächtig
Gin händel-Roman von Grnst Alurm
Copyright 1935 by Dcetecbe'Verlage-Hnatalt, Stuttgart und Berlin
11. Fortsetzung.
Heber dem anderen drohte das Schicksal. Er bekam ein verworrenes Operntextbuch, änderte es um, zerbrach sich den Kops nach musikalischen Einfällen. Sie blieben aus. Das Werk enttäuschte, von sieben Theaterabenden brachten fünf einen Verlust ... Heidegger verlor die Ruhe, er mußte Geld opfern und bereute schon, den neuen Versuch mit Händel gewagt zu haben. Dieser saß schweißtriefend über einem Dutzend Opern» texte zugleich. Sowie er die schwulstigen Verse las, wußte er, dies hatte er schon alles, olles vertont, diese ganzen verstiegenen Leidenschaften, diesen unwahren Ernst — er wiederholte sich in jeder Note, die er auf- ietzte ... Es war ein Narrentum, hohl und burlesk —! Als Händel das Wort „burlesk" dachte, durchzuckte es ihn, er glaubte nun den rettenden (Sinfall zu haben. Eine komische Oper! Daß er daran nicht schon früher
e fronen M
Seb-»?
W* tm®* glttei*1 fllt d" lit
fo froh, Zahrgang 1935
Jjaus, j|| mfetf. j(t ■ '«fe Weit,
in Baum! I Inb roieber eieinanbtr, eberijolutj Sappcl, fit M ®ipfc[, voll tlein. vom Son. lde - bei
n Sdjkii® Ufern, b« ber £* ilb fflürtw infen )in (idiM rniorbrüd)f. -se gefei11 b fettfo* t aus, fn
DQS H
blonben
Uepnais. M not ®taB. A 'Pnfenftt, Weierei,
rutschte Händel wieder ein Stück durch das Zimmer, bis zum Eßtisch hin, auf dem vom Morgen her die zwei Labsale seines täglichen Lebens lagen: der kalte Hammelbraten und das Buch der heiligen Schrift. Nicht immer war sich Händel schlüssig darüber, ob er zuerst nach dem Braten greifen sollte ober nach dem Buch. Meist hatte das Fleisch den Vorzug — Gott verzieh es ihm, denn größer war die Innigkeit danach und die Freude an den Gleichnissen des Schöpfers. Ader heute — heute roch feine Nase nichts, schmeckte sein Gaumen nichts im voraus — heute war Sühnetag des Fleisches — Gethsemane — ja, der Schöpfer ließ einen feiner Söhne leiden — auf daß er sich besinne mit seiner Kraft —l
Ein Ruck. Ein hastiges Blättern in dem Buch der Heiligen Schrift. Ein Ringen mit dem Teufel im Gehirn. Und Händel konnte lesen — und Licht war wieder! War wieder da! Ein ordnungsloser Schwall — doch Licht! Er sprang empor und las — wo seine Finger gerade hielten. Da stand, wo seine Finger hielten:
„Er ist auferstanden am dritten Tage —!"
Das stand! Das richtete Händel auch in der Seele wieder auf. Sein kahler Schädel glänzte wie verklärt — nicht Perlen des Schweißes in der Sonne, sondern Licht von innen!
Es war freilich zuviel an diesem Morgen, da der Böse schon soviel Kräfte in ihm aufgewiegelt hatte. Es war zuviel. Händel mußte wieder in die Dunkelheit, diesmal in tiefen Schlaf. Ehe er aber zu Boden fank, tränten feine Augen in dem Buch der Heiligen Schrift noch den Jubel- ruf der Engel, doch nicht das ganze Wart vermochte er aufzunehmen, nur ein filberftrömendes H und viele l—l—l—l—•
6. Kapitel. Halleluja!
Anderen Tages, nachdem der Wahnsinn ihn befallen hatte und er sich auf den Knien vor dem Allmächtigen von ihm befreite, erhob sich Handel aus dem Bette, hell im Geiste, des Tageslichtes und aller Gegenstände mit Gefühl und Freude gewahr, und tat feinen Leib in die schönsten Kleider, die er besaß. Nach dem Allerbesten langte er in den Schrank, zartgestrickte Strümpfe zog er an und seidenweiche Hosen, Schuhe aus glänzendem Leder mit Silberschnallen, ein spitzenübersates Hemd, eine bauschige Weste und den prunkhafiesten Rock aus seinem Besitze, den scharlachroten mit Knöpfen aus emaileingelegtem Gold. Noch stand Händel vor dem Spiegel ohne Perücke, nun tat er sie über, und (eines festlich angetanen Körpers Bild schien das Glas sprengen zu wollen, das es roiebergab. . , . ,
Aber bie Gewalt war innen noch großer als außen. Unb noch gehorsamer bie Welt ber Seele, als bie ber sinnlichen Erfahrung. Sie lag offen in ihrem Reichtum, aber nichts bebrängte ben Mann, ber zu biefer Stunbe nur ins Volle hätte greifen müssen, um Werke schassen ju tonnen, fo leicht klar unb mühelos wie noch nie. Es war bie gegebene Arbeitzeit ein Geschenk bes Augenblicks, in welchem Menschenlaune unb ge- burtsreife Töne zusammentrafen an ben Stufen eines schöpferischen übrones Trotzdem zögerte Händel und schrieb keine einzige Note nieder. Es konnte aber auch fein, daß er vergaß, es zu tun, und glaubte, es getan zu haben. Still und groß stand er, festlich gekleidet, eine ganze Weile in feiner Wohnung unb hörte von innen nach außen e,ne Reihe ber schönsten Musikstücke, einsache unb verschlungene Themen, alle neu unb unter seinen bisherigen Werken noch nicht vorhanben Ob er es verpaßte, sie aufzuzeichnen, ober ob sein Gebächtnis sie behalten mochte, bas war nicht bie Seltsamkeit an biesen Reichtümern. Wie Märchen hörte Händel sein eigenes Innere Harfespiele, Orchestermuftzleren, zuletzt sogar Chorsingen, alles so selbstverstänblich, als wären Instrumente, Musiker unb Sänger in seinem Zimmer versammelt unb als wäre er selbst ber Komponist, auch in voller Sirigententatigteit gewesen Dabei tat er nichts, als breit baftehen und lächeln über das ganze Gesicht. Bon Komponieren unb Dirigieren war keine Rebe.
Er ging mit keinem Ziel vor Augen aus seiner Wohnung. Morgen- spaziergang, dachte er vielleicht ganz, ganz entfernt Aber bie Fest- kleibung? In ber Brookstraße grüßten ihn bie kleinen Leute, bie Kohlen- Händlersfrau und der Flickschuster, mit Verwunderung. In der letzten ■Reit hatten sie ihn oft schleppenden Ganges und sehr nachlässig gekleidet, einmal sogar ohne Perücke, vorbeikommen sehen. Heute war sein Schritt voll Majestät und fein Schädel wie eine Lampe — lichtausstrahlenb unb hoch über ben Menschen! Aber es wäre keine kräftige Stunbe seines Lebens gewesen, wenn er sich nicht bem Alltag berb unb freunblich geneigt hätte. Lange genug besaß er jetzt nicht ben Humor bazu ging sogar m ben letzten Monaten am Fleischerlaben an ber Straßenecke meist achtlos vorbei, unb bas wollte viel heißen. Minbestens einen Blick warf er boch sonst auf bie schaugestellten, rosig blutenden Waren und der Gedanke an ihre Zubereitung vertrieb ihm oft den geschäftlichen oferaer Als aber dieser zu groß wurde unb Sorgen ben Tonkunstler immer' bichter bebrängten, ba half auch ber Anblick bes Schweme- ober Hammelfleisches nichts mehr: bie Stimmung blieb grau. Heute
Machte!
Ein Text fand sich, obwohl Händel nicht ganz einverstanden mit ihm war. Doch er meinte, ihn durch Musik beleben zu können. Ganz in den Anfang des Werkes stellt er nun jene Melodie, die er bas Largo nannte, als er sie fanb .., Er hielt sein Versprechen ein mit ihr, sie kam in eine heitere Oper. Aber biefer „Terxes" war nicht ber Ort für iie. Wunberbar ergriff sie bie Zuhörer, würbe jeboch vergessen, als sich das Publikum mit ber Opernhanblung nicht auskannte unb verärgert ’ das Theater verließ. Hänbel hatte feinen letzten Trumpf als Opernkom- ponift ausgespielt. Ergreifenb war biefer Versuch, in ber Not zu lächeln anb zum Lachen zu bringen, völlig erschüttern!) bas Largo, Zuhörern in die Ohren klingenb, bie an ben großen Künstler nicht mehr glaubten
Unb bie Entscheibung kam. Heibegger konnte ben Verlust tragen, als i die Vorstellungen ber Oper unbesucht blieben, Händel nimmermehr. Cm i König, der zu befehlen gewohnt war, lernte er nun bas Bitten. Er ge- i tanb feinen Sängern, baß er ohne Gelb fei, unb bat sie, Schulbfcheine I oon ihm zu nehmen als Bürgschaft ... Alle erklärten sich bereit bazu, auch bie Straba. Als sie aber statt Bargelb ihrem Mann bas geschriebene Ehrenwort brachte, würbe biefer roütenb, ging mit dem Vertrag feiner ! rfrau zu Gericht unb reichte bie Klage ein gegen Hänbel. Kurze Zeit danach kam an einem Morgen ein Gerichtsschreiben in fern Haus, baß er bei Nichtbezahlung des Selbes an Frau Straba bei Po binnen brei ' Monaten in ben Schulbtnrm käme ... ,
Als Hänbel bies las, versagte sein Verstaub, rote [djon früher emmal, oor bem Schlaganfall, unb stärker jetzt, als bei diesem. Aber bas boie Tier, bas ihn niederhielt, war grausamer heute als je zuvor: es Uetz chm etwas Luft, noch bevor er ganz erschöpft war Eine Dämmerung am nachtfinsteren Geisteshimmel des Komponisten, die feine mach igen Kräfte erzwangen, erlaubte ihm zu denken — zwei, drei Sefunben lang, isst, an (Segenftänbe im Gemach, bie bas Auge traf, an eines ber »ub , I welche feine rafenbe Phantasie über ben hilflos umgesturzten Richtertisch ’ ■eines Willens wälzte — ja. eines biefer wilben B'.lber konnte er fest- tialten unb ihm Maß, Stillftanb gebieten — — aber schon zerstoß ihm dieser Gebanke unb ein anderer kam, der, den das böse Tier wollte als •5 ihm Luft ließ, der furchtbarste aller Menschengedanken: denke ich denn überhaupt — bin ich oder bin ich nicht ?!
In qualvoller Angst wälzte der Riese die Masse seines Körpers von i der Bettstatt, auf der sie lag, herunter auf den Fußboden. Der lärmend Fa" Ciner selbst sauste in den Ohren des uninachteten Mannes. Er | geriet in noch größere Angst und fprgng auf, schleppte M) fW unb her t durch ben Raum, tastete Möbel und Porzellan ab, Erbrach e was in ben I Barenhänden, ließ es fallen unb stürzte weiter, zum Smnett, m J>arfe bin, in bereu Suiten er wie ein Fleischer langte .... Beim ber Töne wurde es ganz schlimm mit ihm. Jetzt suhlte nickst nur e n Mensch, sondern auch der König eines Reiches sich in Not. Nicht allein aus den Poren feines verwüsteten Gesichtes, auch aus denen feiner ziegest roten kglsten Schödeldecke quollen Büche von Schweiß H.audel konn e nicht mehr stehen und sank in bie Knie. Der Teufe m 'hm orbe.tete weiter unb warf bie Seele bes Menschen völlig du.cheiuauber. Aber jetzt, ba er bie Haltung eines Beters einnahm, war es, als erhörte chn jemanb, ber ihm helfen konnte — em bißchen helfen
um«.
dichi-i. i* I nber 6* Ä ns» * 1 erbuft* | mn. | t «15 * |
*,nJ U V


