Ausgabe 
26.7.1935
 
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in gegen einen

Verantw örtlich: vr. LansTbvrtot. Druck und DerlagiDrühl'lche Univ er iitäts-Buch- und Steindr uckerei, R. Lange, Gieben.

brave Leute."

Hast du einigen geschrieben?" ..

Den meisten Ich habe auch einige Antworten bekommen Mir geht es ja ganz gut. Aber vielen geht es sehr schlecht. Man geht übel um mit meinen Kameraden. Man treibt Schindluder mit ihnen auf dem Balkan. Man läßt die Leute Kautionen erlegen ich selbst habe einige für die Kameraden gezahlt. Man nimmt das Geld gibt ihnen die Stel- luna und wirft fie dann wieder hinaus. Einige haben sich erschoßen, weil sie so nicht weiterleben konnten. Aber sie haben sich lange genug gewehrt. Denk dir, fünfzehn Jahre lang alles versuchen und dann d.e Massen strecken. Einer hat an einen Komg geschrieben: ,3d) erfd)ie6e mich. Zahlen Sie meiner Witwe eine kleine.Pension. Denn ich habe auch für Ihr Land gekämpft. Rußland ist dafür, daß Ihr Staat bestehen kann, gestorben.' Der Adjutant hat gefragt, ob ich nicht mit hinüber nach Mandschuko gehen will. Ich kann nicht. Es ist gegen Rußland.

Die Frau ging durch das Zimmer, sie trug die grellen Plakate für das kleine Kino aufgerollt in der Hand. _

Oh bitte, gib her", fagte Wladimir.Ich will sie aushangen. Er ging mit den Plakaten. Manschen nahm mir gegenüber Platz. Ihr liebes Gesicht war bekümmert. ..

Hat er von seinem Regiment gesprochen?" fragte sie nach einer Weile.

Von seinem alten, schonen Regiment."

Mariechen seufzte:Dann wird er wieder em paar Wochen verstum­men. Das ist immer so. Er schickt Geld. Wir haben selbst nicht viel. Er liest immer wieder die Namen der Kameraden. Er liegt nachts ost wacy und sagt: ,Jch hätte damals nicht einschlasen dürfen.' Er spricht von seinen Kameraden, als müßte ich sie auch kennen. Dann sieht er mdjt mich, und sieht nicht die beiden Kinder. Er ist sehr höflich gegen uns, aber er vermeidet es, mit uns zu sprechen. Er liest Puschkin. Leider kann ich auch nicht russisch." ....

fiat er nie versucht, die Kinder russisch zu lehren? fragte ich.

Nie. Ich und die Kinder, wir sind ganz etwas anderes.« Wenn er nicht mehr an sein Regiment denkt, bann sieht er uns wieder."

Ist er nie mehr geritten? Da in der Nähe wäre doch em Gut. Er könnte doch bitten, einmal reiten zu dürfen."

Er bittet niemanden um etwas." ,,,

Er hat doch viel Zeit. So ein Kino auf dem Lande macht ja mqr viel Arbeit. Was tut er denn?" ,

Er liegt still auf dem Diwan und träumt. Hin und wieder nimmt er sich die Liste seiner Maschinengewehrabteilung vor und liest sie durch. Der Adjutant hat sie ihm geschickt. Nun wartet er noch aus die Listen der andern Schwadronen. Er versucht, sich an die einzelnen Leute zu er­innern. Er will, sagte er einmal, fein ganzes Regiment mit allen Offizie­ren und Ulanen vor sich stehen sehen." __

Wir hörten Hammerschläge von unten. Wladimir nagelte die Kmo- I Pla*°®r rvärtet. Seit zwanzig Jahren fast wartet er. Worauf er wartet, sagt er mir nicht. Aber wahrscheinlich hängt das auch mit seinem Reg>- ' ment zusammen."

t einem galizischen Bauernhause oerborgmunb war vor Uebcrmübung auf dem Dachboden eingefdjtafen und am nächsten Tage von osterrelchi- -"L'lSL .LWf RT6'.m3-k:»nn m.m

einer langen Pause-ich hätte bei meiner Maschinengewehrabteilung bleiben sollen. Ich aber ritt neben meinem greunö bet der dritten Schwadron. Wir waren sehr müde. Man hatte unsere Kavalleriedivision seit Tagen gehetzt. Wir wußten kaum mehr, wo wir waren Wir waren blinde Kundschafter. Immer Wald, immer Sand. Die Pferde erschöpft, die Reiter unausgeschlafen. Ein Teil der Truppe versprengt, ein anderer Teil ohne Hoffnung. Der Divisionär verschwunden. Der Brigadier wollte mit seinem Stab sich retten. Das war nur meine Vermutung gewesen. Der Adjutant hat es mir bestätigt. Es war am Tage der großen Sonnen- finftemis, Ende August 1914. Eigentlich in der Nacht daraus. Wir de tarnen auf dem Nachtmarsch Flankenfeuer. Ich wollte zu meiner Abtei- luna vor. Ein Offizier sott nie bei jemandem andern fern als bei Jemen Seulen. Ich wollte vorreiten. Ich mußte von der gemauerten Ehaussee herunter. Ich kam in einen Obstgarten. Eine Gartentür fand icsi Ich ltu9 ab Da standen einige russische Soldaten. Ich gab ihnen mein Pferd zum

herunter. Ich kam in einen Obstgarten. Erne Gartentür jano mj.

ab. Da standen einige russische Soldaten. Ich gab chnen mein 3" fialten Ich wollte den Weg durch das Dorf suchen. Auf der Straße wäre ich nicht weitergekommen. Ich fand einen Ausgang. Ich Png zu meinem Dserd zurück. Mein Pferd war nicht mehr da. Auch die Sol daten waren fort. Ich war so müde. Die vielen Nächte hatte ich ja nicht geschlafen Ich wollte auf die Chaussee zurück. Aber da oben war auch alles wie wlggedlasen. Kein Mann, kein Pferd. Der Schlaf fiel nur mie Staub in die Augen. Hätte ich mein Pferd noch gehabt, id) wäre nicht eingeschlafen. Welch eine Stute war das! Gar nicht wude! Nicht umzubringen! Aber ein Ulan ohne Pferd wem Lieber, das ist e.ne traurige Sache. Ich rief, ich suchte. Nichts. Dann schlief ich ein.

"Der Adjutant hat es mir geschrieben Alle Namen! Alle Straßen! Aber ich bekomme hier doch keine Spezialkarte. Das Regiment ich gleich darauf weitergegangen. Nach Osten. Ucber die Felder h'" gegen einen Wald Was beisammengeblieben war, blieb beisammen. Der Adjutant nannte mir alle Namen. Die blieben, bis auf jene, die fielen, bis zur Revolution. Dann gingen fie 3u Sßrangel. Dann nach Sonftantmopel, später hierhin und dorthin. Der Mann, mit dem ich in jener Nacht zu­sammen geritten bin, der Rittmeister der dritten er lebt in

Papis. Er hat ein kleines Geschäft. Es geht ihm nicht schlecht.

Wladimir "zog einen zerknitterten Zettel hervor:Die andern? In Bukarest in Prag, in Belgrad, in Sofia, in Berlin, in Wien, in Süd­amerika - ach in der ganzen weiten Welt. Glaub mir, es war ein schönes ein altes Regiment. Und ich werde es dir nie vergessen, was du einmal Gutes über die russischen Unteroffiziere gesagt hast. Das waren

Das Regiment.

Erzählung von Bruno Brehm.

bleibt nichts zurück, feine Sprache ist wie Schmetterllngsstugel. Man> kann sie nicht nachmalen. Dir geht viel verloren sehr viel. Es ist der grotzie Dichter Das hat Dostojewski gewußt, der klein vor Puschkin ist.

Die Frau des Freundes kam und fragte ihn, ob er d.e Plakate mcht hinaushängen wolle, es fei heute Donnerstag, Sonnabend wäre schon Vorstellung. Jetzt, im Frühling, kämen die Leute ohnehm nur spärlich

Mein Freund winkte ungeduldig ab:Nicht jetzt! Nicht jetzt! I Die Frau zuckte die Achsel und senkte das Haupt. Dann ging sie

""^Puschkin ist so zart, leicht wie ein Hauch. Gut, du liebst Gogol am meisten Auch Gogol hat seine Verdienste. Gogol laßt sich übersetzen. Aber Puschkin wird dir verschlossen bleiben. Eme ganze Welt bleibt dir dann verschlossen, eine schöne Welt, die wahre Welt der Dichtung.

Der Sohn meines Freundes kam hastig heremgerannt spreize sich breit vor dein Vater auf, hielt ihm eme Rute und eine Schnur hm und bat ihn in breiter, steirischer Mundart, eine Peitsche zu machen.

Der Vater neigte sein Haupt etwas zur Seite:Später, Bubi, spä­ter. Du siehst, daß ich zu tun habe." Der höfliche Ton m der harten Aussprache des Mannes klang seltsam gegen die verwurzelte Sprache des

Mein Freund strich sich mit der Hand über die Augen: ,£a, bu willst allo Schliefsen und Clausewitz wieder mttnehmen? Du brauchst die Bücher? Schade! Zu Schliessen hätte ich gerne noch einige Karten gehabt. Man muß die Schlachten ganz deutlich vor sich sehe». Jeder Bach ist von Bedeutung. Am besten gefiel mir der Feldzug von 1866 und der Feldzug von 1870/71. * Und dir? ,

Ich schlug den zweiten Band Schliessen auf und las meinem Freunde die edle Rede des Generals bei der Jahrhundertfeier der preu­ßischen Kriegsakademie am 15. Oktober 1910 vor.

Eine schöne, eine stolze Rede", antwortete mein FreundUebrigens ist auch ,1806 in diesem Bande eine gute Arbeit. Aber was ist das alles gegen Clausewitz. Er ist der klügste Mann der je über Soldaten ge­schrieben hat. Es war fast kein Tag, wo ich nicht in fernem Buche ge= lesen habe. Alles ist richtig. Alles gültig für ewige Zeiten Dort ist auch Xenophons Buch über die Reiterei. Aber das ist em Buch gerade noch für Reitlehrer. Das reicht gerade noch bis zum Rittmeister Clausewitz hat aber das geschrieben, was Napoleon getan hat. Deshalb tft Slauje- witz ein so großes Buch. Zwei große Soldaten stehen Pate: Friedrich der Große und Napoleon. Man kann den Krieg nicht ernst genug neh­men. Man muß ihn bis ins Kleinste durchdenken. Denn im Kriege selbst kommt es dann nur noch auf die Tat an. 2)a, ist keine Jelt mehr zu Ueberlegungen. Ach, dieser verdammte Grouchy!"

Ich verstand, was mein Freund damit meinte: er konnte es dem General Grouchy nie verzeihen, daß dieser in der Schlacht bet Waterloo zu spät gekommen war, weil er ins Leere hinaus marschiert war. Wie oft hatte ich schon seine Verwünschung anhören müssen:Dieser ver­dammte Grouchy! An solch einer Dummheit muhte Napoleon zugrunde gehen!" Mein Freund schwieg eine Weile, dann zog er einen Brief heraus:Aus Belgrad. Dort sammeln sich russische Offiziere. Die wollen nach Japan ober nach Mandschuko gehen, um gegen die Sowjets zu kämpfen."

"Ich kann nicht. Siehst du, es geht nicht. Ich hasse die Bolschewiken. Aber in fremden Diensten gegen sie kämpfen, das kann ich nicht. Weder auf Seiten der Polen im Jahre 1921 noch heute auf Seite der Japaner. Und was hast du gesehen von Rußland? Du warst doch nicht weit von Petersburgs"

Ich war in Riga, Reval und Helsingfors gewesen und hatte dort die prunkenden späten russischen Kirchen besucht, die das Zarentum wie Zwingburgen in diesen Städten aufgerichtet hatte. In diesen Kirchen hatte ich die Russen von Ikon zu Ikon schreiten, sich bekreuzigen und die Füße der Heiligen küssen gesehen. Dort, in den fremden Landern am Rande des großen Reiches, hatte sich das noch erhalten, was im In­nern Rußlands zerstört worden war. Diese Kirchen waren der Zeit nach jung, die Ikone waren neu, die Menschen alt; denn in einer Kirche sind hundert Jahre ober fünfzig Jahre eine ganz kurze Spanne Zeit.

Mein Freunb lauschte mit geschlossenen Augen. Sein fremdes, ge­strafftes Tatarengesicht verriet keine Bewegung. Nach einer Weile fragte er:Hast du sie fingen gehört?"Nicht diesmal. Das letztemal in Bel­grad in der russischen Kirche. Und später noch einmal in Sarajevo. Das waren Bälle!" . . ,,

Mein Freund nickt: .Du hättest doch zu Ostern in Riga bleiben sollen! Aber vielleicht sind heute die Ostertage nicht mehr das, was fie früher waren." Dann schwieg er wieder. Und plötzlich sagte er ganz un- oermittelt:In Belgrad ist unser Adjutant. Du weißt ja, wie. Adjutan­ten sind. Halb Soldaten, halb Staatsbeamte. Er hat mir geschrieben."

Hast du von deinen Angehörigen etwas erfahren!" fragte ich.

Mein Freund machte ein abwehrende Handbewegung.Nichts. Gar nichts! Wer kann nach Rußland fchreiben, ohne den andern nicht in Ge­fahr zu bringen! Von ihnen weiß ich gar nichts. Aber von meinem Regi­ment hat mir der Adjutant geschrieben. Vieles, was ich nicht wußte. Vor allem, wie es bei meiner Gefangennahme zugegangen war. Mir war da so manches nicht erklärlich. Ich habe jahrelang darüber nachgedacht. Nun weiß ich es."

Ich mußte lachen; ich hatte mir die Geschichte von Wladimirs Ge­fangennahme ja schon oft und oft erzählen lassen. Er war von seiner Maschinengewehrabteilung abgedrängt worden in der Nacht, hatte sich